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Keine Angst, der will nur Kanzler werden

Serdar Somuncu als Spitzenkandidat für "Die Partei"

Keine Angst, der will nur Kanzler werden

Der Kabarettist Serdar Somuncu ist einer, der laut ausspricht, was ihn bewegt. Und das nicht erst, seit er für „Die Partei“ als Spitzenkandidat zur Bundestagswahl antritt.

Reizbar, aufbrausend, polternd – so kennt man den 49-Jährigen von Fernsehauftritten. „Eklige Faschisten, verpisst und verkotzt!“, keift einem bereits auf dem Weg zum Interview ein alter Mann auf der Bahnhofstreppe entgegen. Haltestelle Ehrenfeld. Man macht sich hier in Köln, Heimat der Lauten, Lustigen und Streitlustigen, schwer auf was gefasst.

Aber dann, fünf Minuten später, sitzt einem beim Interview ein irritierend höflicher Serdar Somuncu gegenüber. Mit sanften Augen, gedämpfter Stimme, abwartendem Lächeln. Ist das etwa der neue Politik-Somuncu? Ein ehemaliger "Hassprediger", der sich neuerdings lasziv im "plattesten, populistischsten und primitivsten Spot" des Wahlkampfs räkelt, zwischen Brüsten und wackelnden Ärschen:

Ernst oder Satire? Bei Serdar Somuncu scheinen da die Grenzen zu verwischen.

Playboy: Herr Somuncu, bei der Bundestagswahl im September treten Sie als Kanzlerkandidat für „Die Partei“ an. Ist das Kunst, oder geht es Ihnen da tatsächlich um Politik?

Serdar Somuncu: Das überschneidet sich ja im Moment in vielen Bereichen der Gesellschaft. Auch in der Politik selbst nimmt Satire einen immer größeren Teil ein. Wenn man liest, was Donald Trump twittert, wenn man hört, wie Marine Le Pen spricht, wie sich Frauke Petry, Beatrix von Storch oder Norbert Hofer in Österreich gerieren, das ist ja schon knapp an der Grenze zur Karikatur. Und wir gehen einfach den Weg aus einer anderen Richtung, aus der Satire in die Politik. Ich finde, wir bereichern damit die Politik.

Inwiefern?

Dadurch, dass wir bestimmte Konventionen nicht einhalten, dass wir mit Ironie ganz anders umgehen und nicht auf Erfolg ausgerichtet sind. Zumindest nicht in dem Sinne, wie Parteien das machen, die ihre Slogans je nach Stimmung verändern. Wenn ich heute lese, was manche politische Partei fordert, ist das das Gegenteil von dem, was sie noch letztes Jahr gesagt hat. Wie schnell Debatten in der Öffentlichkeit und im politischen Diskurs ihre Dynamik verändern, finde ich erschreckend.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Die Diskussion um Flüchtlinge, in der es vor anderthalb Jahren einen großen Schub an Zustimmung für Merkels Refugees-welcome-Haltung gab. Da war es en vogue, für Flüchtlinge zu sein und jeden, der das hinterfragt hat, als Ausländerfeind abzustempeln. Dann kam die Silvesternacht in Köln, und es kippte komplett ins Gegenteil. Plötzlich standen Flüchtlinge unter Generalverdacht, waren potenzielle Vergewaltiger. Politiker, die diese Stimmungen abfangen wollen, legen selten Wert darauf, ob sie dabei glaubwürdig bleiben. Jetzt steht das linksversiffte Gutmenschentum den Wutbürgern gegenüber, beide Seiten gehen sehr unversöhnlich miteinander um, und das Ringen um einen Kompromiss gerät außer Acht. Als Satirepartei kann man da einen kleinen Farbtupfer dazugeben, indem man politische Aussagen persifliert und ad absurdum führt.

Ihr Hauptanliegen ist es also zu entlarven?

Ich habe kein Hauptanliegen. Mein Hauptanliegen im Moment ist es, ein guter Tennisspieler zu sein.

Sie haben gerade das Buch „Matchpointe“ geschrieben, in dem es um die Parallelen zwischen Tennis und Theater geht. Wie sind Sie darauf gekommen?

Ich habe mich schon lange gefragt, warum man genau dann, wenn es um etwas geht, Dinge falsch macht. Und ob ich mein Wissen, das ich als Schauspieler habe, auf das Tennistraining übertragen kann.

Klingt, als wäre Ihnen das mit dem Tennis ziemlich ernst.

Ich mache das sehr ambitioniert, nicht nur so hobbymäßig, damit ich mich ein bisschen bewegt habe. Ich möchte wirklich was erreichen.

Was denn?

Ich bin Lizenzspieler und habe einen Ranglistenplatz. Das ist noch ein sechsstelliger, aber jeder Rang, um den ich mich verbessere, ist eine Wohltat.

Das neue Buch "Matchpointe" des leidenschaftlichen Tennisspielers Serdar Somuncu

Beeinflusst umgekehrt der Sport auch Ihre Bühnenauftritte?

Das hat tatsächlich Wechselwirkungen, aber ich stehe ja im Moment nicht auf der Bühne, seit Dezember bin ich Frührentner.

Da haben Sie das Aus Ihrer Kunstfigur „der Hassias“ verkündet – sollte das Ihr genereller Bühnenabschied sein?

Das ist dauerhaft gemeint, was die Soloauftritte und das Kabarett angeht, bin ich von der Bühne weg.

Weshalb?

Allein auf der Bühne zu stehen und vor anderen Witze zu machen passt nicht mehr zu mir. Außerdem identifiziere ich mich nicht mehr mit dem ganzen Geschehen drumherum. Ich habe mich in dieser Comedy-Branche sowieso immer fremd gefühlt. Mittlerweile geht es eigentlich nur darum, Quote zu machen, seelenlose Produkte zu verkaufen und irgendwelche Superlative zu erreichen. 80.000 Menschen im Olympiastadion bei Mario Barth? Ich finde das nicht passend, dass so viele Leute in einer Comedy-Veranstaltung sitzen.

Was ist daran für Sie falsch?

Das überträgt sich einfach nicht. Schon wenn ich vor 5000 Leuten spiele, verliere ich das Gefühl für denjenigen, der 500 Meter von mir entfernt sitzt und mich nur auf der Leinwand sieht. Man will doch ein Erlebnis haben, bei dem beide Seiten sich noch spüren können. Deshalb brauche ich auch kein Brimborium, keine Dekoration, kein Bühnenbild, keine große Lichtshow. Das alles finde ich nicht wichtig, wenn man einen Inhalt transportiert.

Und was ist mit den Leuten, die weiterhin diese Art von Kabarett sehen wollen, wie Sie sie machen? Da gibt es doch bestimmt einen Markt.

Ist mir scheißegal, ich denke nicht in solchen Kategorien. Hätte ich mir vorgenommen, mit etwas Geld zu verdienen, wäre ich wahrscheinlich heute Sozialhilfeempfänger. Das Verdienen kam bei mir immer nachträglich hinterher, weil meine Idee sich durchgesetzt hat. Deshalb ist es für mich viel wichtiger, kreativ zu bleiben.

Um noch mal auf Ihre politischen Ambitionen zu sprechen zu kommen: Was, wenn Sie durch Ihre Kanzlerkandidatur Menschen davon abhalten, sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen, was sie wählen sollen?

Rhetorische Frage! Die setzen sich ja ernsthaft mit mir auseinander, wenn sie mich wählen.

Aber vielleicht wählen manche Leute Sie einfach deshalb, weil sie Sie mal im Fernsehen gesehen haben und lustig fanden.

Das ist nicht ausgeschlossen, da kann ich nichts dafür, und das möchte ich auch nicht verhindern. Aber wo fängt denn Politik an, und wo hört sie auf? Politik ist immer Auseinandersetzung zwischen Menschen. Die Sprachfarbe und den Ton, den man dabei haben soll, schreibt nicht die Politik selbst vor. Wenn das den Wählern gefällt, wie ich meine Ansichten formuliere, dann ist es Politik. Es gibt keine Demarkationslinie, ab der man behaupten darf, es sei Politik oder keine.

Credit: Frank Lübke, PR

Angenommen, Sie gewinnen in Ihrem Wahlbezirk in Berlin ein Direktmandat – würden Sie Ihr bisheriges Leben dann tatsächlich gegen einen Abgeordnetenalltag eintauschen?

Für 15.000 Euro Diäten plus Extras kann ich mir alles vorstellen. Ich abonniere dann auch den Playboy. Nein, im Ernst, das wäre ja eine Lüge, wenn ich das nicht in Kauf nehmen würde. Wenn ich eine Kanzlerschaft anstrebe, muss ich mir das vorher überlegt haben, sonst wäre es wirklich eine Gag-Kandidatur. Ich fände es unheimlich spannend, vier Jahre im Bundestag zu sitzen und selbst Politik zu machen.

Aber ab diesem Moment würde es dann um konkrete Inhalte gehen – gibt es die?

Die gibt es, nur richten wir uns mit unseren Inhalten nicht nach dem Geschmack der Leute, wir versuchen, einen eigenen Geschmack zu haben. Bei uns gibt es keine Räson. Wenn wir das Gefühl haben, wir müssen etwas sagen, tun wir das auch und werden dafür nicht von der Partei ausgeschlossen.

Sie haben sich lange mit Rhetorik auseinandergesetzt, von welchem deutschen Politiker können Sie diesbezüglich noch lernen?

In der deutschen Politik von niemandem. Das liegt nicht daran, dass ich mich selbst so toll finde, sondern dass die meisten Politiker sehr befangen zu sein scheinen. Die sitzen in Fernsehsendungen, haben ein vorgefertigtes Muster an Antworten, und alles, was davon abweicht, macht ihnen eine so große Angst, dass sie es vermeiden.

Sie sind häufig zu Gast in politischen Talkshows, auch in Ihre eigene Sendung laden Sie regelmäßig Politiker ein. Gibt es denn welche, die Sie positiv überrascht haben?

Meistens Politiker von Parteien, die ich überhaupt nicht toll finde. Edmund Stoiber oder Andreas Scheuer von der CSU zum Beispiel. Aber das ist eine gute Erkenntnis und erweitert den Horizont. Jemanden wie Edmund Stoiber sympathisch finden zu können ist ja auch eine Leistung, auf die man stolz sein kann.

Somuncu war in den letzten Jahren häufig Gast von Oliver Welkes "heute-show". 2015 startete er bei ntv eine eigene Sendung

Mit wem lief es dagegen nicht so gut?

Viele Grüne sind sehr spießig, unheimlich witzresistent. Simone Peter, die Parteivorsitzende der Grünen, wollte aus meiner Sendung raus, weil sie nicht verstanden hat, dass die darauf angelegt ist, Standards zu dekonstruieren. Und einer fällt mir ein, mit dem ich Schwierigkeiten hatte, weil der so dreist war, dass ich dachte: „Boah, entweder haue ich dem jetzt eine aufs Maul, oder ich ...“ Da war ich wirklich am Limit meiner Geduld.

Wen meinen Sie?

Roger Köppel von der Schweizer SVP. Der ist einfach so unempfindlich, dass er durchredet. Aber er redet Schwachsinn, populistischen Schwachsinn. Der weiß ganz genau, mit welchen Aussagen er die Leute vor dem Bildschirm erreicht und gleichzeitig die Leute auf dem Podium reizt.

Sie meinen, das macht er bewusst?

Ich glaube, das macht er sehr bewusst, ich erlebe die Leute ja auch hinter der Kamera. Und da ist er ein sehr sympathischer Mensch, sehr höflich, man kann wunderbar mit ihm reden. Aber sobald die Kamera an ist, schießt er aus allen Löchern. Bei Bernd Lucke ist es ähnlich, der wirkt hinter der Kamera ganz schüchtern, sagt kaum was. Dann geht die Kamera an, und er schießt ein Zeug raus, dass man mit offenem Mund danebensitzt und sich fragt, ob das der gleiche Typ ist. Das ist eine andere Herausforderung, als wenn ich da jemanden sitzen habe wie Elmar Brok aus dem Europaparlament: 130 Kilo, schläft die Hälfte der Zeit und redet Dinge, die man vorher 100.000-mal hätte nachlesen können. Eine interessante Frage wäre jetzt, welche Talkshow-Moderatoren ich eigentlich gut finde.

Welche Talkshow-Moderatoren finden Sie eigentlich gut?

Anne Will ist da uneinholbar weit vorn. Sie und Frank Plasberg sind die Einzigen, die anwesend sind. Wenn Anne Will einen in der Show anguckt, weiß man, sie sieht einen auch und hört, was man sagt. Das finde ich sehr faszinierend. Plasberg ist fordernder, aber ähnlich schnell und exakt wie Will. Das ist schön, wenn man in so einer Show sitzt, dass man jemanden hat, der das wirklich steuert, der wehrhaft ist und nicht untergeht.

Obwohl Sie selbst viel in der Öffentlichkeit stehen, gibt es auf Ihrer Facebook-Seite immer nur einen Post zu sehen, alle anderen Beiträge löschen Sie. Warum?

Ich will einfach keine Plattform bieten für Leute, die Dünnschiss erzählen. Und leider ist das zu 90 Prozent so. Facebook ist eine Oberfläche für sehr viel Mist geworden. Die Leute, die sich da tummeln, lassen so viel unkontrollierte Reaktion raus, dass es entweder wehtut, das zu lesen, oder nichts bringt.

Sie sind jemand, der viel austeilt – können Sie auch gut einstecken?

Muss ich das denn? Ich kann es bestimmt, aber ich werde nicht. Erstens, weil ich mich nicht daran messen lassen will, und zweitens, weil es nicht stimmt, dass ich gut austeile. Es gibt niemanden, den ich ernsthaft gemeint verachte. Ich bin auf der Bühne eigentlich nie persönlich. Deswegen stecke ich gern ein, wenn es auf einer argumentativen, nachvollziehbaren Ebene ist. Aber wenn jemand einfach versucht, mich zu kränken, bin ich empfindlich, dann wehre ich mich auch.

Credit: Frank Lübke, PR

Auf Ihrer Homepage präsentieren Sie eine eindrucksvolle Palette an Beschimpfungen, die Sie erreicht haben. Wie viele solcher Hass-Zuschriften bekommen Sie pro Tag?

Es gibt ja unterschiedliche Quellen. Bei Briefen ist die Quote am geringsten, weil sie zu viel Aufwand bedeuten und Hass immer im Affekt zu entstehen scheint. Online gibt es bestimmte Uhrzeiten, zu denen der Hass stärker ist. Nachts saufen offensichtlich unheimlich viele Leute oder kiffen oder sind sonst irgendwie im Rausch. Wenn ich um ein Uhr ein harmloses Bild poste, sind 70 Prozent der Kommentare negativ. Wenn man Hinweise auf Fernsehsendungen postet, gibt es immer etwas auszusetzen. Ist es RTL, bin ich eine Hure von RTL geworden, ist es das ZDF, bin ich eine Hure der öffentlich-rechtlichen Sender geworden. Ist es überhaupt Fernsehen, bin ich ein Opfer der Systempresse geworden. Ist es Zeitung, mache ich gemeinsame Sache mit Verlag XY. Das ist so müßig, so anstrengend.

Bevor Sie Kabarettist wurden, haben Sie eine Zeit lang auf der Straße gelebt. Was war das Wichtigste, das Sie in dieser Zeit gelernt haben?

Ach, ich will das gar nicht überhöhen. Ich habe das irgendwann mal erwähnt, weil es Teil meiner Biografie ist, aber das war nicht der zentrale Aspekt meiner Selbstfindung. Viele Menschen verbringen ihr halbes oder ganzes Leben auf der Straße, mich mit denen zu vergleichen wäre vermessen. Wenn ich etwas gelernt habe, dann ist es, mit relativ wenig klarzukommen.

Mit wie wenig?

Ich kann meinen Lebensstandard so weit runterschrauben, dass ich Ravioli aus der Dose esse. Das Glück besteht manchmal in den einfachen Dingen. Allein die Gabe, zu jeder Zeit sagen zu können, was man denkt, wissen viele Leute gar nicht mehr zu schätzen, und gehen sehr unverantwortlich damit um. Facebook demonstriert das letztendlich. Viele Menschen sehen das Internet nicht mehr als produktive Informationsquelle, sondern sie nutzen es destruktiv. Sie verrohen eher, als dass es sie bereichert. Das spricht dafür, dass Freiheit ein Wert ist, den man heute nur schwer zu schätzen weiß.

Autor: Mareike Opitz
Die heißeste Politikerin Deutschlands
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