Direkt zum Inhalt
Wir laden schonmal das nächste Girl für Sie!

„Papa, warum musst du so oft ins Gefängnis?“

Zum 90. Geburtstag: Martin Luther King im Classic-Interview

Martin Luther King – Ein Interview für die Ewigkeit

Martin Luther King Jr. setzte sich wie kaum ein anderer gegen Unterdrückung und Rassismus ein. Er kämpfte für die soziale und wirtschaftliche Gleichberechtigung, gegen Armut, für Jobs und bessere wirtschaftliche Bedingungen für Schwarze. Er war gegen den Vietnamkrieg, gegen Militarismus und Kapitalismus. Er predigte Gewaltlosigkeit und erinnerte sein Land, die Vereinigten Staaten, immer wieder daran, dass es dieses Versprechen nicht einhielt. Dafür wurde ihm 1964 der Friedensnobelpreis verliehen. Im Jahr 1965, drei Jahre bevor er in Memphis erschossen wurde, gab der Nobelpreisträger und Baptistenpastor dem Playboy ein Interview. Es sollte das längste werden, das er der Öffentlichkeit jemals gewährte.

Am 5. Dezember 1955 rief ein unbekannter junger Baptistenpastor namens Martin Luther King einen stadtweiten Negro-Boykott (Anmerkung des Übersetzers: Negro ist die übliche Bezeichnung für Schwarze der 1960er Jahre und wird in der Übersetzung beibehalten) des segregierten Bussystems aus, was die weißen Bürger Montgomerys gleichermaßen verärgerte wie amüsierte. Zu ihrer Bestürzung war der Boykott jedoch nahezu erfolgreich. Er dauerte 381 Tage und trieb die Buslinie fast in den Ruin.

Als Kings Zuhause während der Revolten zerstört wurde, waren Tausende seiner wütenden Anhänger bereit zu randalieren. Doch King überzeugte sie, ihre Wut in Gewaltlosigkeit umzulenken und wurde so weltweit als Vorreiter von Gandhis Philosophie des passiven Widerstandes bekannt. Binnen eines Jahres hatte der oberste Gerichtshof die durch die Jim Crow entstandene Sitzplatztrennung als verfassungswidrig erklärt und King fand sich im Alter von 27 an der Spitze einer Negro-Revolution gegen rassistische Ungerechtigkeit wieder.

Gewaltlose Massenproteste

Als er nach Atlanta umgezogen war, gründete er die Southern Christian Leadership Konferenz. Eine Vereinigung von kirchlich assoziierten Bürgerrechtsorganisationen, die die Aktivisten-Gruppen wie CORE und SNCC in einer breiten Kampagne von Sitzstreiks und freedom rides durch den Süden begleiteten. Unzufrieden mit der langsamen Entwicklung der Protestbewegung beschloss King, 1963 eine Krisensituation zu erschaffen, die „das Elend der Negros dramatisieren und das nationale Bewusstsein verändern sollte“.

Mit großem Erfolg: Seine gewaltlosen Massenproteste im ultra-segregationistischen Birmingham führten zur Inhaftierung von 3300 Negros, King selbst mit eingeschlossen. Millionen von Menschen waren empört über die Titelbilder der Zeitungen, die Negro-Demonstranten zeigten, die mit Polizeischlagstöcken, Polizeihunden und Wasserwerfen des Polizeichefs Bull Connor malträtiert wurden.

Martin Luther King in Alabama.

In den darauffolgenden Monaten brachen Massen-Sitzstreiks und Demonstrationen in 800 Städten der Südstaaten aus. Präsident Kennedy legte einen Entwurf für die Bürgerrechtsgetze vor, der darauf abzielte, das Wahlrecht, gleiche Einstellungsbedingungen und die Aufhebung der Rassentrennung im öffentlichen Raum umzusetzen.

Der heute wohlbekannte Marsch auf Washington, an dem 200.000 Menschen teilnahmen, wurde von Kings eloquenten Worten auf den Stufen des Lincoln Memorials eingeleitet. Am Ende des „langen, heißen Sommers“ hatten die amerikanischen Negros mehr erreicht als in all den Jahren seit 1865 und Martin Luther King war zu ihrem anerkannten Anführer und respektiertesten Sprecher geworden.

Workaholic

Diesen Status verdiente er sich durch harte Arbeit: Während seiner Bürgerrechtskampagne wurde er 14 Mal inhaftiert, einmal in die Brust gestochen, sein Haus wurde dreimal schwer beschädigt und seine Tagespost bestand aus einer steten Flut von Todesdrohungen und Obszönitäten. Unbeirrt davon arbeitet er 20 Stunden täglich, reist 325.000 Meilen, um im ganzen Land 450 Vorträge pro Jahr für die Angelegenheiten der Negros zu halten.

In seinem S.C.L.C.-Büro in Atlanta wird er von Anrufen, Gesprächspartnern und Korrespondenzen überflutet. Trotzdem findet er irgendwie die Zeit, in der Gemeinde der städtischen Ebenezer Baptistenkirche, der er und sein Vater als Pastoren vorstehen, zu predigen, die Kranken zu besuchen und den Armen zu helfen.

Martin Luther King mit seiner Frau Coretta Scott King während eines Bürgerrechts-Marsches.

Er war so beschäftigt, dass, als wir ihn letzten Sommer um ein Interview baten, zwei Monate vergingen, bevor es ihm möglich war, unsere Anfrage für ein Treffen anzunehmen. Wir hielten uns an den Termin, allerdings verbrachten wir eine Woche in Atlanta damit auf einen Moment zu warten, in dem es für mehr als eine Entschuldigung und einen kurzen Händedruck reichte. Als wir für einen zweiten Besuch zurückkehrten, war King etwas weniger unter Druck und konnte eine Reihe halbstündiger Gespräche zwischen die anderen Aufgaben seiner zermürbenden Woche schieben. 

Abendessen vor dem Interview

Trotz Herzlichkeit und eloquenter Offenheit, war sein Tonfall stets von sachlicher Distanz geprägt. Und seine Stimmung war, abgesehen von einem ironischen Lächeln, das ein oder zweimal aufflackerte, bitterernst. Diese Ernsthaftigkeit gipfelte an unserem ersten Tag in Atlanta, als ihm seine vier Kinder an einem der seltenen Familienabende liebevoll darauf hinwiesen, dass er „nicht oft genug zuhause sei.“ Nach dem Essen stiegen wir in das Interview mit diesem persönlichen Thema ein.

Playboy: Sind Ihre Kinder alt genug, um sich darüber im Klaren zu sein, was auf dem Spiel steht und welche Rolle Sie in der Bürgerrechtsbewegung spielen?

King: Ja, das sind sie vor allem meine älteste Tochter Yolanda. Ich erinnere mich daran, als ich vor zwei Jahren nach Hause gekommen bin, nachdem ich meine Zeit im Gefängnis von Albany, Georgia abgesessen hatte und sie mich fragte: „Papa, warum musst du so oft ins Gefängnis?“ Ich sagte ihr, dass ich mich für bessere Bedingungen für Farbige, und daher für alle Menschen engagierte.

Ich erklärte ihr, weil die Dinge so sind, wie sie sind, müsse jemand dazu Stellung nehme. Dass es notwendig sei, dass jemand dafür ins Gefängnis geht, da viele Behörden aus den Südstaaten darauf sinnen, die Barrieren aufrecht zu erhalten, die seit jeher errichtet wurden, um schwarze Menschen auszuschließen. Ich versuchte ihr verständlich zu machen, dass jemand das tun musste, um die Welt zu verbessern für alle Kinder. Sie war zu diesem Zeitpunkt erst sechs Jahre alt. Aber sie war sich der Rassentrennung bewusst, durch eine Erfahrung, die wir selbst zusammen gemacht hatten.

Playboy: Würde es Ihnen etwas ausmachen, uns davon zu erzählen?

King: Ganz und gar nicht. Meine Familie fuhr oft mit mir zum Flughafen in Atlanta. Auf unserem Weg dorthin fuhren wir jedes Mal an Funtown vorbei, eine Art Mini-Disneyland mit Fahrgeschäften und all diesen Sachen. Natürlich sagte Yolanda: „Ich möchte ins Funtown gehen“. Und ich wich einer konkreten Antwort jedes Mal aus. Ich wusste wirklich nicht, wie ich ihr erklären sollte, dass sie dort nicht hingehen konnte. Eines Tages kam sie die Treppen nach unten gelaufen und rief, dass eine Fernsehwerbung die Menschen dazu aufforderte, ins Funtown zu kommen.

Da setzten meine Frau und ich uns hin, mit ihr zwischen uns, und erklärten es ihr. Ich habe mir einiges Ansehen als Redner erworben, aber beim Versuch, meiner sechsjährigen Tochter zu erklären, warum die öffentliche Einladung im Fernsehen nicht jemanden wie ihr galt, hatte es mir die Sprache verschlagen und ich stammelte vor mich hin. Eine der schmerzhaftesten Erfahrungen, die ich je gemacht hatte, war, ihre Tränen zu sehen, als ich ihr sagte, dass Funtown für farbige Menschen geschlossen sei.

In diesem Moment nahm ich das erste Mal wahr, dass sich eine dunkle Wolke der Minderwertigkeit über ihr geistiges Antlitz gelegt hatte, und dass ihre Persönlichkeit von einem ersten unbewussten Groll gegenüber weißen Menschen geprägt wurde. Es war das erste Mal, dass ihr Vorurteile aufgrund von Hautfarbe erklärt wurden. Aber es war von größter Wichtigkeit für mich, dass sie nicht verbittert aufwuchs. Glücklicherweise erfuhr ich später, dass die Rassentrennung in Funtown nach und nach aufgehoben wurde und ich ging mit Yolanda dorthin. Einige weiße Leute sprachen mich dort an: „Sind Sie nicht Dr. King und ist das nicht Ihre Tochter?“ Ich nickte und Yolanda konnte sie sagen hören, wie froh sie seien uns hier zu sehen.

Playboy: Als jemand, der in einem gut situierten, sozial isolierten Umfeld eines Mittelklasse-Zuhauses aufwuchs: Können Sie sich erinnern, wann sie selbst zum ersten Mal spürbar und persönlich mit rassistischen Vorurteilen konfrontiert wurden?

King: Sehr deutlich. Als ich 14 war, reiste ich mit Mrs. Bradley, einer lieben Lehrerin von mir, die mittlerweile verstorben ist, von Atlanta nach Dublin, Georgia. Ich nahm dort an einem Rhetorik-Wettbewerb teil, der von den Negro Elks gesponsert wurde. Es wurde zu einem unvergesslichen Tag, da es mir gelang, den Wettbewerb zu gewinnen. Das Thema meines Vortrags war ironischerweise, wie ich mich erinnere: „der Negro und die Verfassung“.

Jedenfalls fuhren Mrs. Bradley und ich mit dem Bus nach Atlanta zurück. In einem kleinen Ort auf dem Weg stiegen ein paar Weiße in den Bus und der weiße Fahrer befahl uns aufzustehen und den Weißen unsere Sitze zu überlassen. Wir standen seiner Ansicht nach nicht schnell genug auf und er begann uns zu beschimpfen und uns „schwarze Hurensöhne“ zu nennen.

Ich wollte sitzenbleiben, aber Mrs. Bradley appellierte an mich aufzustehen, indem sie mich darauf hinwies, dass wir das Gesetz zu befolgen hätten. Und wir mussten die restlichen 90 Meilen nach Atlanta im Mittelgang stehen. Ich bin in meinem Leben noch nie so wütend gewesen.

Playboy: War es nicht ein ähnlicher Zwischenfall in einem Bus, der Sie zu Ihrer derzeitigen Rolle als Anführer der Bürgerrechtsbewegung verhalf?

King: Ja, das war es. In Montgomery, Alabama, im Jahr 1955. E.D. Nixon, ein Schlafwagenportier, den man lange in Verbindung mit der NAACP gebracht hatte, rief mich spät in der Nacht an, um mir zu erzählen, dass Frau Rosa Parks um halb acht am Vorabend festgenommen worden war, als der Busfahrer sie dazu anhielt, ihren Sitzplatz aufzugeben und sie dies verweigerte, weil ihre Füße weh taten. Nixon hatte Frau Parks bereits durch eine Kaution aus dem Gefängnis geholt.

Er sagte: „Es ist Zeit, dass das ein Ende hat. Wir sollten die Busse boykottieren.“ Ich stimmte zu und sagte: „Jetzt.“ In der nächsten Nacht beriefen wir ein Treffen von Anführern von Negro-Gemeinschaften ein, um das Thema zu diskutieren. Am Samstag und Sonntag appellierten wir mit Flugblättern und von der Kanzel an die Negro-Gemeinschaft, die Busse am Montag zu boykottieren.

Wir dachten an einen eintägigen Boykott und rechneten mit einer sechzigprozentigen Erfolgsquote. Doch der Boykott wurde zu einem unweigerlichen, 99-prozentigen Erfolg. Wir waren so positiv überrascht und beeindruckt, dass wir weitermachten. Für die nächsten 381 Tage war der Boykott der Busse von Montgomery zu 99,9 Prozent erfolgreich.

Playboy: Waren Sie sich sicher, dass Sie gewinnen würden?

King: Es gab einen dunklen Moment, in dem wir daran zweifelten. Wir kämpften darum, den Boykott zum Erfolg zu machen, als die Gemeinde von Montgomery eine einstweilige Verfügung vor Gericht erwirkte, dass wir unsere Fahrgemeinschaften beenden sollten. Ich wusste nicht, was ich zu unseren Leuten sagen sollte. Sie hatten uns den Rücken gestärkt und wir hatten sie im Stich gelassen. Es war ein trostloser Moment.

Ich sah, wir alle sahen, dass das Gericht sich gegen uns wandte. Ich erinnere mich, dass ich einer Gruppe von Leuten mit denen ich eng zusammenarbeitete sagte, dass sie in der Negro-Gemeinschaft folgende Botschaft verbreiten sollten: „Wir müssen den Glauben haben, dass es irgendwie klappen wird, dass Gott uns einen Weg ebnen wird, auch wenn es scheinen mag, als gäbe es keinen.“

Ich erinnere mich, das war irgendwann am Nachmittag, als Rex Thomas von der Associated Press angerast kam und mir von den neusten Nachrichten berichtete, nämlich, dass der Oberste Gerichtshof die Rassentrennung in den Bussen von Montgomery für unrechtmäßig befunden hatte. Es war buchstäblich die dunkelste Stunde vor dem Morgengrauen.

Playboy: Sie und Ihre Anhänger wurden dafür kritisiert, dass Sie, nachdem Sie wegen der Beteiligung an dem Boykott ins Gefängnis gekommen waren, die Kaution zahlten und das Gefängnis verließen. Haben Sie rückblickend das Gefühl, das Richtige getan zu haben?

King: Nein, ich denke es war ein Irrtum, ein taktischer Fehler, den ich gemacht habe, dass ich das Gefängnis verlassen habe und die Kaution zahlte, nachdem ich mit 125 anderen, vor allem Fahrern unserer Fahrgemeinschaften, eines von zweifelhafter Verfassungsmäßigkeit bestehenden Gesetzes angeklagt wurde, einer „Anti-Boykott Anordnung“.

Playboy: Glauben Sie, dass Sie sich einige ähnliche Fehler zu Schulden haben kommen lassen, was Ihr Urteilsvermögen betrifft?

King: Ja, das denke ich in Albany, Georgia, im Jahre 1962. Wenn ich das nochmal machen müsste, würde ich die Führung der Negro-Gemeinschaften anders gestalten. Der Fehler war, dass man nicht allgemein gegen die Rassentrennung hätte kämpfen sollen, sondern gegen einen einzigen und eindeutigen Aspekt davon. Unser Protest war so vage, dass wir nichts erreicht haben, und die Leute wurden bedrückt und verzweifelt zurückgelassen. Es wäre viel besser gewesen, sich auf die Integration in den Bussen oder bei den Essensausgaben zu konzentrieren.

Ein Sieg dieser Art hätte eine symbolische Wirkung gehabt, hätte den Anstoß zur Unterstützung gegeben und die Moral angekurbelt. Aber ich denke nicht, dass unsere Arbeit in Albany letztlich scheiterte. Die Negros gingen aufrecht: “You can't ride a man's back unless it's bent”. (Wörtlich: "Du kannst den Rücken eines Menschen nicht reiten, wenn er nicht gekrümmt ist")

Darüber hinaus meldeten sich viele Negros zur Wahl an, die nie zuvor gewählt hatten. Und aufgrund der erweiterten Negro-Wählerschaft in den Gouverneurswahlen in Georgia in denen ein moderater Kandidat gegen einen fanatischen Anhänger der Rassentrennung ins Rennen geschickt wurde wählte Georgia seinen ersten Kandidaten, der versprach, das Gesetz zu respektieren und unparteiisch zu vollstrecken. Und was wir von unseren Fehlern in Albany lernten, half uns, in späteren Kampagnen in anderen Städten effektiver zu agieren. Wir haben unsere Bestrebungen seitdem nicht mehr in einem allgemeinen Angriff auf die Rassentrennung zerstreut, sondern uns auf spezifische, symbolische Ziele konzentriert.

Playboy: Können Sie sich an andere Fehler erinnern, die Sie während der Zeit als Anführer der Bewegung gemacht haben?

King: Der größte Fehler, den ich gemacht habe, war zu glauben, dass nur weil unser Anliegen gerecht war  wir sicher sein konnten, dass die weißen Pfarrer aus dem Süden uns mit Hilfe zur Seite stehen würden, sobald ihr christliches Bewusstsein gefordert werden würde. Ich dachte, dass die weißen Geistlichen unser Anliegen in die weißen Machtstrukturen übernehmen würden.

Am Ende war ich natürlich zur einer anderen Einsicht gelangt und desillusioniert. Als sich unsere Bewegung ausbreitete, als direkte Beschwerden an die weißen Pfarrer gerichtet wurden, falteten die meisten ihre Hände. Und manche positionierten sich sogar gegen uns.

Playboy: Der Grund, den sie für ihre unterlassene Hilfe angaben, war, dass es nicht der eigentlichen Rolle der Kirche entsprach, sich in „säkulare Angelegenheiten zu mischen“. Widersprechen Sie dieser Sichtweise?

King: Aber ausdrücklich. Der Grundgedanke der Paulus-Briefe ist, dass Christen sich darüber freuen sollten, als würdig erachtet zu werden, für das zu leiden, woran sie glauben. Das Ziel eines sozialen Evangeliums ist in meinen Augen ein ehrliches Zeugnis eines christlichen Lebens. Das ist die Bedeutung einer wirklichen ekklesia  der inneren geistigen Kirche. Einst veränderte die Kirche die Gesellschaft. Sie war damals das Thermostat der Gesellschaft. Aber heute kommt es mir vor, als wären zu viele Teile der Kirche nur mehr ein Thermometer, welches eher die verbreitete Meinung misst, als sie zu formen.

Playboy: Sprechen Sie von der Kirche im Allgemeinen oder von der weißen Kirche im Speziellen?

King: Von der weißen Kirche. Es tut mir leid, das so sagen zu müssen. Ihre Führung hat mich überaus enttäuscht. Ich muss aber auch sagen, dass es ein paar herausragende Ausnahmen gibt. Als jemand, dessen christliche Wurzeln über drei Generationen von Geistlichen zurückgehen mein Vater, mein Großvater und mein Urgroßvater werde ich der Kirche so lange wie ich lebe, treu bleiben. Aber die Laxheit der weißen Kirche im Allgemeinen hat mich dazu veranlasst, Tränen der Liebe zu weinen. Es gibt keine tiefe Enttäuschung ohne tiefe Liebe. Ein ums andere Mal musste ich mich auf meinen Reisen, wenn ich die äußere Schönheit der weißen Kirchen sah, fragen: Welche Menschen beten hier? Wer ist ihr Gott? Ist ihr Gott der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, und ist ihr Retter der Retter, der am Kreuz in Golgatha hing? Wo waren ihre Stimmen, als eine schwarze Rasse das Kreuz des Protestes gegen die Ungerechtigkeit von Menschen gegenüber anderen Menschen auf sich nahm? Wo waren ihre Stimmen, als von weißen Menschen, die in eben diesen Kirchen saßen, zu Verachtung und Hass aufgerufen wurde?

Während die Negros gegen die massive Ungerechtigkeit ankämpften, brachten die meisten weißen Kirchenmänner scheinheilige und bigotte Belanglosigkeiten hervor. Wie Sie sagen, behaupten sie, dass soziale Fragen nicht die Angelegenheit des christlichen Evangeliums seien. Besser noch, weiße Kirchgänger, die darauf bestehen, dass sie Christen sind, betreiben die Segregation im Gotteshaus genauso rigide wie im Kino. Zu vieles in der weißen Kirche ist feige und unwirksam, und anderes verteidigt lautstark seine Bigotterie und seine Vorurteile. In vielen Gemeinden wird dem Geist des Status quo durch die Kirche beigepflichtet.

Meine persönliche Ernüchterung begann, als ich in die Führungsposition des Busprotestes in Montgomery gestoßen wurde. Ich vertraute darauf, dass die weißen Pfarrer, Priester und Rabbiner des Südens starke Verbündete in unserem gerechten Anliegen darstellen würden. Aber manche wurden zu offenen Widersachern, andere duckten sich vor dem Thema und wieder andere versteckten sich hinter Schweigen. Mein Optimismus, dass die weiße Kirche uns helfen würde, war zerbrochen. Seitdem gab es zu viele Momente, die meine Hoffnung für die weiße Kirche zerschmetterten. Es gibt viele Zeichen dafür, dass der Kirche das Urteil Gottes wie nie zuvor bevorsteht. Wenn der frühe Opfergeist nicht wieder aufgenommen wird, befürchte ich, dass die heutige christliche Kirche ihre Authentizität verliert, dass Millionen ihre Loyalität entziehen. Wir werden die christliche Kirche als sozialen Verein ohne aktuellen Sinn und Effektivität ablehnen, als Form ohne Inhalt, als Salz ohne Geschmack. Dennoch, die wahre Tragödie ist nicht Martin Luther Kings Desillusionierung über die Kirche denn ich halte das als Seelsorger des Evangeliums mit einer lebenslangen Verpflichtung durch seine geistige Gnade aus. Die Tragödie ist, dass ich auf meinen Reisen junge Leute aller Rassen treffe, deren Desillusionierung über die Kirche sich in totalen Ekel gesäuert hat.

Playboy: Denken Sie, dass die Negro-Kirche in ihren Bemühungen um das Anliegen dichter an die „Ziele des sozialen Evangeliums“ herangekommen ist?

King: Ich muss sagen, dass, als meine Christian Leadership Konferenz ihre Arbeit in Birmingham begann, wir auf zahlreiche Reaktionen aus der Negro-Kirche stießen, die überwunden werden mussten. Es gab unter den anderen Negro-Führern Negro-Geistliche, die das Gefühl hatten, dass sie da in etwas hineingezogen wurden, bei dem sie nicht geholfen hatten, es zu organisieren. Das ist fast immer das Problem. Die Einheit der Negro-Gemeinschaften war die erste Voraussetzung, wenn wir unsere Ziele verwirklichen wollten. Ich sprach mit vielen Gruppen, darunter eine Gruppe von 200 Geistlichen. Mein Anliegen an sie war, dass ein Geistlicher nicht die Glorie des Himmels predigen konnten, während er die sozialen Bedingungen in ihrer eigenen Gemeinschaft ignoriert, die den Menschen die Hölle auf Erden verursachten. Ich hob hervor, dass gerade der Negro-Geistliche die Freiheit und Unabhängigkeit hatte, um eine starke und stabile Führung zu gewährleisten und ich fragte, wie die Negros jemals die Freiheit ohne die Führung, Unterstützung und Inspiration der Geistlichen gewinnen würden. Diese Geistlichen sicherten uns letztendlich ihre Unterstützung für unsere Bewegung zu. Infolge dessen ist die Negro-Kirche heute im Großen und Ganzen ein wunderbares Beispiel in der Geschichte des Christentums. Niemals zuvor waren die christlichen Kirchen, in der Geschichte des Christentums, in einem christlichen Land, die Leidtragenden von solch nackter Brutalität und Gewalt, wie wir es heutzutage in Amerika beobachten können. Seit den Tagen der Christen in den Katakomben hat sich das Gotteshaus, hier als Symbol, nicht mehr solchen Attacken auseinandersetzen müssen, wie die Negro-Kirchen.

Ich werde die Trauer und Bitterkeit nie vergessen, die ich an diesem schrecklichen Septembermorgen fühlte, als eine Bombe das Leben dieser vier kleinen unschuldigen Mädchen auslöschte, die in ihrer Sonntagsschule in der 16th Street Baptisten-Kirche in Birmingham saßen. Ich denke daran, wie eine Frau schrie, während sie durch knirschendes gebrochenes Glas lief: „Mein Gott, wir sind nicht einmal in der Kirche sicher!“ Ich denke daran, wie diese Explosion das Gesicht von Jesus Christus von einen Buntglasfenster wegblies. Es war ein Sinnbild dafür, wie die Sünde und das Böse das Leben von Christus auslöschten. Ich erinnere mich daran, wie ich dachte, ob es das alles wert sei, wenn die Menschen so bestialisch sind. Gab es eine Hoffnung? Gab es einen Ausweg?

Playboy: Denken Sie noch immer so?

King: Nein, die Zeit heilte die Wunden und ich hielt mich mit der Inspiration eines anderen Moments aufrecht, den ich niemals vergessen werde: Als ich mit meinen eigenen Augen über 3000 junge Negro Jungs und Mädchen sah, die Birminghams 16th Street Baptisten-Kirche völlig unbewaffnet verließen, um zu einem Gebetstreffen zu marschieren. Sie waren dazu bereit, den Polizeihunden, den Schlagstöcken und den Wasserwerfern von Bull Connor nichts als die Kraft ihres Körpers und ihrer Seele entgegenzustellen. Als sie Bull Connors bellenden Befehl zurück zu weichen verweigerten, wirbelte er herum und schrie seinen Leuten zu, dass sie die Wasserwerfer in Betrieb nehmen sollten. Es war einer der fantastischen Momente in der Birmingham-Geschichte, dass diese Negros, viele von ihnen auf ihren Knien, Connors Männern, mit ihren Wasserwerfern in den Händen, unerschrocken und reglos gegenüber saßen. Dann standen die Negros langsam auf und gingen vorwärts, und Connors Männer fielen zurück als wären sie hypnotisiert. Die Negros marschierten an ihnen vorbei, um ihr Gebetstreffen abzuhalten. Ich sah dort, und ich fühlte dort zum ersten Mal den Stolz und die Macht von Gewaltlosigkeit.

Einen anderen Moment, den ich niemals vergessen werde, war eines Samstags Nacht, als mich mein Bruder spät in Atlanta von Birmingham die Stadt, die manche „Bombingham“ nennen aus anrief, als ich Birmingham gerade verlassen hatte. Er erzählte mir, dass eine Bombe sein Haus zertrümmert hatte, und dass eine andere Bombe, die so positioniert war, dass sie ihre maximale Kraft auf das Motel-Zimmer, in dem ich gewohnt hatte, ausüben würde, einige andere Menschen verletzt hatte. Mein Bruder beschrieb den Terror in den Straßen, als die Negros, die wütend über die Bomben waren, Weiße angriffen. Dann, im Hintergrund, hörte ich wunderschönen Gesang: „We shall overcome“. Meine Augen füllten sich mit Tränen, dass meine Rasse in so einem tragischen Moment seine Hoffnung und seinen Glauben singen konnte.

Playboy: We shall Overcome wurde das inoffizielle Lied und der Slogan der Bürgerrechtsbewegung. Halten Sie solche inspirierenden Hymnen für wichtig für die Moral?

King: In gewissem Sinne sind Lieder die Seele einer Bewegung. Denken Sie an Praise the Lord and Pass the Ammunition im Zweiten Weltkrieg und an Over There und Tipperary im Ersten Weltkrieg, und an Battle Hymn of the republic sowie John Brown's Body während des Bürgerkriegs.

Eine Anthologie von Negro-Liedern würde traurige Lieder, Freudengesänge, Kampfeshymnen und andere Hymnen beinhalten. Seit der Sklaverei singt der Negro während seines Kampfes in Amerika. Steal away und Go Down, Moses waren die Lieder des Glaubens und der Inspiration, die auf den Plantagen gesungen wurden. Aus den gleichen Gründen sangen die Sklaven. Heutzutage singen die Negros Freiheitslieder, weil wir in Gefangenschaft leben. Wir besingen unsere Bestimmung „wir werden es überwinden, die Schwarzen und die Weißen zusammen, wir werden es eines Tages überwinden.“ Ich muss auch die Parodie erwähnen, die die Negros während unserer Kampagne in Albany sangen. Sie gefiel mir sehr. Sie geht so: „I'm comin', I'm comin'/ And my head ain't bendin' low/I'm walkin' tall, I'm talkin' strong/ I'm America's New Black Joe.“

Playboy: Die Kritiker in Ihrer Negro-Gemeinschaft verweisen oft abfällig auf Sie als „De Lawd“ und „Booker T. King.“ Was ist Ihre Reaktion auf diese Art „Onkel-Tom-Label“?

King: Ich höre diese Namen manchmal, aber meine Reaktion ist niemals emotional. Ich glaube nicht, dass man Teil des öffentlichen Lebens sein kann, ohne Schimpfnamen zu erhalten. Wie Lincoln dazu sagte: „Wenn ich jede Form der Kritik beantworten würde, hätte ich keine Zeit mehr für irgendetwas anderes.“ In Bezug auf beide Namen, die Sie sagten: Ich habe immer versucht, zu sein, was ich militant gewaltlos nenne. Ich glaube nicht, dass mich jemand ernsthaft anklagen könnte, dass ich mich nicht hingebungsvoll um die Zersetzung der Segregation kümmerte.

Playboy: Was meinen Sie mit „militant gewaltlos“?

King: Ich will damit sagen, dass ein starker Mann sowohl militant als auch moderat sein muss. Er muss ein Realist sowie ein Idealist sein. Wenn ich mir das Vertrauen verdienen möchte, das mir manche aus meiner Rasse entgegenbringen, muss ich all das sein. Das ist es, warum Gewaltlosigkeit eine mächtige und eine gerechte Waffe darstellt. Wenn Sie einem Mann, der Sie lange Zeit grausam missbraucht hat, gegenübertreten und sagen: Schlagen Sie mich, wenn Sie so möchten. Ich verdiene es nicht, aber ich werde es akzeptieren. Sodass die Welt weiß, dass ich recht habe und Sie falsch liegen.“ Dann nutzen Sie eine mächtige und gerechte Waffe. Dieser Mensch, Ihr Unterdrücker, ist automatisch moralisch besiegt und wenn er irgendein Bewusstsein hat, schämt er sich. Wo immer diese Waffe in einer Art genutzt wird, die das von Schmerzen geplagte Bewusstsein einer Gemeinschaft oder Nation aufwühlt, wird der Druck der öffentlichen Meinung ein Verbündeter in Ihrer gerechten Sache werden.

Eine weitere große Stärke der gewaltlosen Waffe ist ihre eigenartige Macht, die Individuen zu verändern und zu wandeln, die sich ihrer Prinzipien unterwerfen. Es gibt ihnen ein Motiv, das größer ist als sie selbst. Sobald der Negro den Mut fasst, frei zu sein, wird er Hunden und Pistolen und Schlagstöcken und Wasserwerfern vollkommen angstfrei gegenübertreten. Und der weiße Mann mit den Hunden und Pistolen und Schlagstöcken und Wasserwerfern sieht, dass der Negro, den er immer „Junge“ nannte, ein Mann geworden ist.

Wir dürfen nicht vergessen, dass, obwohl die Aktion gewaltlosen Widerstands ihren Ursprung nicht in Amerika hat, sie doch hier ganz natürlich ein Zuhause gefunden hat, wo sie sich als Tradition des Widerstands gegen Ungerechtigkeit bewährt hat. Diese großartige Waffe, die wir zuerst in Montgomery während des Busboykotts ausprobierten, ist im Süden während des letzten Jahrzehnts weiterentwickelt worden, bis sie heute zum wichtigsten Instrument für Freiheit im größten Kreuzzug der Massen, den es in Amerika seit dem Unabhängigkeitskrieg gegeben hat, geworden ist. Die Wirksamkeit dieser Waffe, die Fähigkeit besitzt, den Kampf für Gerechtigkeit eines unterdrückten Volkes vor den Augen der Welt zu dramatisieren, zeigt sich in der Tatsache, dass sich von den Top Ten Nachrichten der 1963er Jahre nach der Ermordung von Präsident Kennedy und den Ereignissen, die im direkten Zusammenhang dazu stehen, neun mit einem oder dem anderen Aspekt der Negro-Kämpfe beschäftigten.

Playboy: Einige dieser Nachrichten beschäftigten sich mit Ihren eigenen gewaltlosen Aktionen gegen die Segregation in verschiedenen Südstaatenstädten, in denen Sie und ihre Anhänger als „Volksverhetzer“ und „fremde Anstifter“ verschrien wurden. Haben Sie das Gefühl, diese Label verdient zu haben?

King: Wo auch immer die ersten Christen auftauchten und die christliche Botschaft der Liebe verbreiteten, wurden sie von den bestehenden Machtstrukturen als „Unruhestifter“ und „fremde Anstifter“ angeklagt. Aber die kleine Gruppe von Christen fuhr damit fort, Liebe zu predigen und zu leben, in der Überzeugung, dass sie „eine Kolonie des Himmels“ auf dieser Erde sei, deren Auftrag es nicht war, den Menschen zu gehorchen, sondern Gott. Wenn jene von uns, die gewaltlose Aktionen anwenden, von unseren weißen Brüdern als „Volksverhetzer“ und „fremde Anstifter“ abgelehnt werden, wenn sie unsere gewaltlosen Bemühungen und Ziele nicht unterstützen wollen, können wir sicher sein, dass der Sommer von 1965 nicht weniger lang und heiß werden wird als der von 1964. Unsere weißen Brüder müssen dazu gebracht werden, dass sie verstehen, dass Gewaltlosigkeit eine Waffe der Liebe ist. Sie ist ein Schwert, das heilt. Unsere Strategie der Gewaltlosigkeit hat nicht die Erzeugung von Spannung zum Ziel, sondern das Ans-Licht-Bringen von bestehenden Spannungen. Wir haben uns vorgenommen, eine Krisensituation heraufzubeschwören, die die Tür zu Verhandlungen öffnet. Ich habe keine Angst vor den Worten „Krise“ und „Spannung“. Ich lehne Gewalt zutiefst ab, aber konstruktive Krisen und Spannung sind für das Wachstum notwendig. Nur im Tod besteht eine Abwesenheit von Spannung. Um Ungerechtigkeiten zu heilen, muss man diese ins Licht des menschlichen Bewusstseins rücken und sie der öffentlichen Meinung aussetzen, welche Spannung auch immer diese Freisetzung erzeugt. Ungerechtigkeiten an Negros müssen in alle Öffentlichkeit gebracht werden, wo man ihnen nicht ausweichen kann.

Playboy: Ist dies das Hauptziel Ihrer Southern Christian Leadership Konferenz?

King: Wir haben fünf Ziele: Erstens wollen wir das gewaltlose Massenprinzip dazu verwenden, um die Hindernisse der Segregation und Diskriminierung offenzulegen und zu beseitigen; zweitens wollen wir die kreative Philosophie und Techniken der Gewaltlosigkeit mithilfe von lokalen und überregionalen Workshops verbreiten; drittens wollen wir das Recht auf uneingeschränkte Wahlmöglichkeit für jeden Bürger sichern; viertens wollen wir volle Bürgerrechte und die gesamte Einbindung des Negros ins amerikanische Leben; und fünftens wollen wir die kulturelle Zurückgebliebenheit mithilfe unseres Bürgerrechtstrainingsprogramms reduzieren.

Playboy: Wie wählt S.C.L.C. die Städte aus, in denen gewaltlose Kampagnen und Demonstrationen stattfinden sollen?

King: Der Arbeitsbereich der S.C.L.C. ist der gesamte Süden, wo wir mit Organisationen in mindestens 85 Städten in Kontakt stehen. Unsere großen Kampagnen wurden nur in den Städten vorgenommen, in denen die assoziierten Organisationen um unsere Hilfe gebeten haben, und nur, wenn wir das Gefühl haben, dass untragbare Verhältnisse in dieser Gemeinde mit unserer Hilfe verbessert werden können. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: In Birmingham ist eine unserer assoziierten Organisationen die Alabama Christian Movement for Human Rights, welche von Referend Fred Shauttlesworth, einem höchst energetischen und unbezähmbaren Mann, geführt wurde. Er war es, der sich daran machte, dem Rassismus in Birmingham ein Ende zu setzen, indem er die terroristische Herrschaft von Bull Connor in Frage stellte. Die S.C.L.C. schaute bewundernd zu, wie sich die kleine von Shuttlesworth angeführte Organisation durch die Gerichte Birminghams und durch die Boykotte kämpfte. Shuttlesworth kam einige Male ins Gefängnis, sein Zuhause und seine Kirche wurden bombardiert, und dennoch ließ er sich nicht unterkriegen. Sein Widerstand gegen den Rassismus in Birmingham inspirierte und ermutigte Negros überall in den Südstaaten. Damals, auf einem Vorstandstreffen der S.C.L.C. in Chattanooga kam es zu den ersten Diskussionen, die später dazu führten, dass wir uns der Shauttlesworths Organisation bei einer groß angelegten Direktaktion anschlossen, die darauf abzielte, Birminghams Segregation anzugreifen.

Playboy: Einer der Höhepunkte war Ihr gefeierter „letter from a Birmingham jail“ den Sie während eines Gefängnisaufenthaltes wegen zivilen Ungehorsams geschrieben hatten eine eloquente Antwort an acht protestantische, katholische und jüdische Geistliche, die Ihre Aktivitäten in Birmingham kritisiert hatten. Glauben Sie, dass die nachfolgenden Ereignisse Ihre Haltung, die sich im Brief ausdrückt, rechtfertigen?

King: Ich würde sagen: Ja! Zwei oder drei wichtige und konstruktive Dinge sind passiert, welche man zumindest teilweise mit dem Brief in Verbindung bringen kann. Nun sind fast eine Millionen Kopien des Briefes in den Kirchen der Hauptkonfessionen in großen Umlauf geraten. Es half, ein größeres internationales Augenmerk darauf zu richten, was in Birmingham passierte. Und ich bin sicher, dass der Marsch auf Washington ohne Birmingham nicht ausgerufen worden wäre - was nach meinem Erachten einer der kreativsten Schritte des Negro-Kampfes war. Der Marsch auf Washington erreichte und rüttelte das Bewusstsein von Millionen wach. Er verschaffte dem amerikanischen Negro eine neue nationale und internationale Rolle. Die Weltpresse erzählte die Geschichte, als sich nahezu eine viertel Millionen Amerikaner, weiße und schwarze, in Herrlichkeit versammelten, als Bestätigung der Entschlossenheit des Negros, die Freiheit in dieser Generation zu erreichen. Es war auch das Bild von Birmingham, welches in großem Ausmaße dazu half, den Bürgerrechtsgesetzentwurf 1963 entstehen zu lassen. Zuvor hatte Präsident Kennedy beschlossen, ihn nicht in diesem Jahr vorzuschlagen, da er glaubte, dass dieser den Süden aufbringen würde, so dass es zu einem Flaschenhals kommen könnte. Aber Birmingham und die darauffolgenden Entwicklungen veranlassten ihn, seine gesetzgebenden Prioritäten neu festzulegen.

Eine dieser entscheidenden Entwicklungen war unsere letzte große Kampagne vor dem Inkraftsetzen der amerikanischen Bürgerrechtsgesetze in St. Augustine, Florida. Wir erhielten einen Hilferuf von Dr. Robert Hayling, dem Führer der St. Augustine Bewegung. St. Augustine, Amerikas älteste Stadt und einer der segregiertesten Städte in Amerika, war in fester Hand des Ku-Klux-Klan und der John Birch Gesellschaft. Es geschahen derartige Dinge, dass Klanmitglieder vier Negros entführten und sie mit Knüppeln, Schlagringen, Axtgriffen und Pistolenkolben bewusstlos schlugen. Dr. Haylings Zuhause wurde mit Schrotkugeln befeuert, drei Negro-Wohnungen wurden bombardiert und es gab Schießereien in verschiedenen Negro Nachtclubs. Ein Auto eines Negros ging in Flammen auf, weil sein Kind eines der Negro Kinder war, die eine weiße Schule besuchen durften. Und die Häuser zweier anderer Negro Kinder, die die weiße Schule besuchten, hatte man nieder gebrannt. Viele Negros wurden von ihren Berufen gefeuert, in denen einige seit 20 Jahren gearbeitet hatten, weil sie in irgendeiner Weise mit den Demonstrationen in Verbindung standen. Die Polizei hatte Negros geschlagen und eingesperrt weil sie streikten, marschierten und Freiheitslieder sangen. Viele Negros saßen 90 Tage im Gefängnis, da sie gegen Segregation demonstrierten und vier Jugendliche verbrachten 6 Monate wegen Streiken im Gefängnis. Dann, am 7. Februar des letzten Jahres, wurde Dr. Haylings Haus zum zweiten Mal beschossen. Dabei entkamen seine schwangere Frau und seine beiden Kinder nur knapp dem Tod; der Hund der Familie wurde getötet, während er hinter der Wohnzimmertür stand. S.C.L.C. entschied daraufhin im letzten Jahr, an St. Augustines „400-Jahr-Gala der ältesten Stadt Amerikas“ teilzunehmen, indem sie sie in ein Schlachtfeld gewaltlosen Widerstandes verwandelte. Genau das haben wir getan.

Playboy: Aber ist es nicht wahr, Dr. King, dass es während dieser und anderer „gewaltloser Demonstrationen“ zu Gewalt kam, deren Auswirkungen manchmal Hunderte Opfer auf beiden Seiten waren?

King: Ja, teilweise ist das richtig. Aber was oft übersehen wird, ist, wie wenige Menschen im Verhältnis zu den Beteiligten Opfer wurden. Sogar eine Armee im Feld, die gegen keine Feinde zu kämpfen hat, fordert Opfer, sogar Tote. Wenige Weiße wurden während der Demonstration zum Opfer, ausschließlich, weil unsere Lehren über Gewaltlosigkeit unsere Anhänger dazu bringen, nicht zu kämpfen, sogar wenn sie angegriffen werden. Wenige Negros werden Opfer, aus zweierlei Gründen: Ihre weißen Unterdrücker wissen, dass die Welt ihnen zuschaut und das erste Mal stehen ihnen Negros gegenüber, die keine Angst zeigen.

Playboy: Es geschah kurz nach Ihrer St. Augustine-Kampagne im letzten Sommer, wie Sie erwähnten, dass der Amerikanische Bürgerrechtsgesetzentwurf durchging, der viele der Ungerechtigkeiten, gegen die Sie demonstrierten, für gesetzeswidrig erklärte. Im Süden wurde es, wie vorherzusehen war, schnell als verfassungswidrig und als zu große Konzession gegenüber den Forderungen der Negros abgeschmettert. Was denken Sie darüber?

King: Ich finde nicht, dass das Amerikanische Bürgerrechtsgesetz in einigen Bereichen weit genug gegangen ist. Zuerst braucht es einen ausführlicheren Paragraph zum Thema Wahlen. Es wird nie zu einer wahren Demokratie kommen, wenn nicht alle Einschränkungen beseitigt sind. Wir müssen restriktive Lese- und Schreibtests abschaffen. Ich habe zu viele Fälle von angeborener Intelligenz gesehen, um die Aussagekraft dieser Tests als Kriterium für das Wahlrecht zu akzeptieren. Unsere Nation braucht eine allgemeine Methode der Wählerregistrierung ein Mensch eine Wahl, im wahrsten Sinne des Wortes.

Zweitens gibt es die drängende und mahnende Notwendigkeit, dem Justizminister das Recht zu geben, föderale Verfahren auf jedem Gebiet, auf dem Bürgerrechte verletzt werden, einleiten zu können. Drittens brauchen wir ein gutes und gut umgesetztes gerechtes Wohnungsprogramm, wie es viele Staaten schon haben. Präsident Kennedy hat dem derzeitigen Wohnungsgesetz auf den Weg bereitet, aber es geht noch nicht weit genug.

Viertens brauchen wir eine Verlängerung der F.E.P.C., um mit den Armutsproblemen effektiver umzugehen. Nicht nur Millionen von Negros befinden sich in den Fängen der Armut, sondern auch Millionen von Weißen. Und fünftens müssen entscheidende und wirkungsvolle Maßnahmen sofort auf Bundesebene angegangen werden, um der schlimmer werdenden Terrorherrschaft im Süden - die, wie jeder weiß, vom Staat und lokalen gesetzgebenden Strukturen unterstützt und erhalten wird ein Ende zu bereiten. Es ist so weit gekommen, dass jeder im Süden einen Negro umbringen kann und damit durchkommt, wenn er es durch ein Geschworenengericht schafft. Es gibt kaum eine Chance auf eine Verurteilung durch weiße Geschworene in den Südstaaten. Es muss angeregt werden, dass die Bundesregierung im Fall von rassistischem Mord die Verhandlung führt.

Playboy: Ihre Unzufriedenheit mit dem Amerikanischen Bürgerrechtsgesetz spiegelt die Enttäuschung der meisten anderen Negro-Sprecher. Neuesten Umfragen zufolge jedoch lehnen viele Weiße diese Haltung ab. Sie nennen den Negro „undankbar“ und „unrealistisch“, weil er noch mehr fordert.

King: Das ist eine Litanei an jeden von uns in diesem Tätigkeitsfeld. „Was will der Negro noch?“ „Was ist nötig, damit diese Demonstrationen ein Ende finden?“ Gut, ich möchte mit einer anderen rhetorischen Frage antworten: Warum ist es für Weiße so schwer zu verstehen, dass der Negro es satt hat und leid ist, sich die Rechte und Privilegien zögerlich zu erarbeiten, die alle anderen durch Geburt oder Einwanderung nach Amerika erhalten? Ich höre nie auf, mich über die erstaunliche Annahme des Großteils der weißen Gesellschaft zu wundern, die glaubt, dass sie das Recht habe, mit dem Negro über dessen Freiheit zu verhandeln. Dieses fortwährende arrogante Austeilen von kleinen Stücken des Bürgerrechts hat nach und nach eine Wut im Negro heraufbeschworen. Dennoch sinnt er nicht auf Rache, oder auf Herrschaft, oder auf Vorteil, oder auf die Versklavung, oder sogar die Heirat mit der Schwester derer, die ihn verletzt haben. Was der Negro will und er wird nicht aufhören, bevor er es bekommt ist die absolute und uneingeschränkte Freiheit und Gleichheit, hier in diesem Land seiner Geburt und nicht in Afrika oder irgendeinem anderen Fantasiestaat. Der Negro wird nicht länger weniger akzeptieren als sein angemessenes Recht und Erbe. Er verfolgt nur das, von dem er weiß, dass auf ehrbare Weise sein ist.

Er weiß, dass er recht hat.

Aber jeder Negro-Führer seit der Jahrhundertwende hat das auf die eine oder andere Weise gesagt. Es liegt daran, dass wir solange und so bewusst von der dominanten weißen Gesellschaft ignoriert wurden, dass die Situation das Ausmaß einer Krise erreicht hat. Sogar noch heute blicken wenige Weiße der Tatsache ins Auge, dass die tatsächliche Zukunft und das Schicksal dieses Landes mit der Antwort verknüpft sind, die dem Negro gegeben wird. Und diese Antwort muss bald kommen.

Playboy: Wenige stellen die Richtigkeit des Kampfes zur Beseitigung von rassistischer Ungleichheit in Frage, aber viele Weißen sind der Meinung, dass der Negro geduldiger sein solle, und dass nur die Zeit vielleicht Generationen die tiefschürfenden Veränderungen, die er von althergebrachten Haltungen und Sitten fordert, hervorbringt. Glauben Sie, dass das stimmt?

King: Nein, das glaube ich nicht. Ich denke, die Zeit ist immer reif, das richtige zu tun. Wenn es um Fortschritt für den Negro in Amerika geht, besteht ein tragisches Missverständnis von Zeit auf Seiten der Weißen. Sie scheinen dem komischen und irrationalen Glauben anzuhängen, dass irgendetwas durch das bloße Vergehen von Zeit alle Wunden heilen wird. In Wahrheit ist die Zeit selbst neutral. Ich glaube, dass die Zeit mehr und mehr von böswilligen Menschen zerstörerisch verwendet wird, als dass sie von gutwilligen Menschen konstruktiv verwendet wird.

Wenn ich einen Fahrplan für den Prozess der Gleichstellung der Menschenrechte wählen müsste, so wäre es die Absichtserklärung „der natürlichen Geschwindigkeit“, welche in der historischen Entscheidung des Obersten Gerichtshofes von 1954 festgelegt wurde. Diese Entscheidung des Obersten Gerichtshofes ist auf totalen Widerstand gestoßen und auf die lange Bank geschoben worden. Zehn Jahre später ist fast überall im Süden weniger als ein Prozent der Negro Kinder in die Schulen integriert und in einigen Teilen im tiefsten Süden sind es nicht mal eine Zehntel eines Prozentes.

Ungefähr 23 Prozent der arbeitsfähigen Negro Jugend, um ein weiteres Beispiel zu nennen, sind derzeit arbeitslos. Obwohl viele es lieber nicht machen würden, müssen wir der Wahrheit ins Gesicht blicken, dass Fortschritt für den Negro den die Weißen „Moderaten“ als Beispiel für sukzessiven Wandel anführen weitgehend unbedeutend ausfällt, besonders für den Großteil der Negro-Bevölkerung. Die kleinen Fortschritte, die erreicht wurden und das schließt die Bürgerrechtsgesetze ein beziehen sich vor allem auf dem Negro der Mittelschicht. Für die Massen, insbesondere die in den Ghettos des Nordens, ist die Situation dieselbe geblieben. Und für manche hat sie sich noch verschlechtert.

Playboy: Es scheint, als können man viel auf lokaler, staatlicher und Bundesebene tun, um diese Ungleichheiten zu beheben. Haben Sie in Ihrem persönlichen Kontakt die Regierungsvertreter im Norden, wenn auch nicht im Süden als grundsätzlich wohlwollend, verständnisvoll und offen für Reformbemühungen erlebt?

King: Im Gegenteil. Ich war bestürzt darüber, bis zu welchem Ausmaß die abgrundtiefe Ignoranz bezüglich der ganzen Frage von Rassengerechtigkeit und -ungerechtigkeit fortzubestehen schien, auf staatlicher, städtischer und sogar Bundesebene. Insbesondere habe ich erfahren, dass diese Männer ernsthaft und auf gefährliche Weise die explosive Stimmung des Negros und die Schwere der Krise unterschätzen. Sogar unter jenen, die ich sowohl als wohlwollend als auch als intellektuell engagiert wahrnahm, herrscht ein bedauernswertes Ausmaß an Unverständnis. Aber dieses Versäumnis der Weißen, die Tiefe und Dimension des Problems der Negros zu verstehen, trifft bei weitem nicht nur auf Regierungsvertreter zu.

Abgesehen von Gotteslästerern und Reformverweigerern scheint es eine Krankheit sogar unter solchen Weißen zu sein, die sich gerne als „aufgeklärt“ bezeichnen. Ich beziehe mich vor allem auf diese, die immer raten: „Wartet“ und auf diese, die sagen, dass sie zwar unsere Ziele für gut heißen aber unsere Methoden der direkten Aktion zum Erreichen dieser Ziele nicht stillschweigend dulden können. Ich wundere mich über jene, die es wagen, die glauben, dass sie das bevormundende Recht haben, den Fahrplan für die freie Entwicklung eines anderen Menschen zu haben. In den letzten Jahren muss ich sagen, dass ich schwer von solchen „moderaten“ Weißen enttäuscht wurde. Ich bin oft geneigt dazu, zu denken, dass diese einen größeren Stolperstein auf dem Weg des Negro-Fortschritts darstellen als die White Citizens Counciler oder die Mitglieder des Ku-Klux Clan.

Playboy: Stehen diese beiden segregationistischen Bewegungen in Verbindung mit Anschlägen gegen Ihr Leben?

King: Es ist schwer, die Hintermänner dieser Todesdrohungen ausfindig zu machen. Ich erlebe selten einen Tag ohne eine Drohung. Manche erreichen mich anonym telefonisch in meinem Büro; andere werden natürlich nicht unterschrieben mit der Post geschickt. Drew Pearson berichtete vor nicht allzu langer Zeit von einer Gruppe unbekannter Herkunft, die nicht nur danach trachtete, mich sondern auch den Obersten Richter Warren und Präsident Johnson umzubringen. Und vor Kurzem, als ich gerade dabei war, Mississippi zu besuchen, erhielt ich einige sehr dringliche Anrufe von Negro-Führern in Mobile, die von einer sehr verlässlichen Quelle erfahren hatten, dass so etwas wie eine Guerilla-Bande, die von einem pensionierten Major aus der Lucyville, Mississippi, angeführt wird, plante, mich während des Besuchs umzubringen. Man legt mir dringend nahe, den Besuch abzubrechen, aber als ich darüber nachgedacht hatte, entschied ich, dass es für mich keine Alternative gab.

Playboy: Warum?

King: Weil ich einen Auftrag zu erledigen habe. Wenn ich ständig Angst vor dem Tod hätte, dann würde ich nicht funktionieren. Wenn dein Leben nach einer Weile dauerhaft in Gefahr ist, erreicht man einen Punkt, an dem man die Möglichkeit philosophisch akzeptiert. Ich muss der Tatsache ins Auge blicken, genauso wie alle anderen, die Führungspositionen inne haben, dass Amerika heute eine zutiefst kranke Nation ist, und dass mir sehr wohl jeder Zeit etwas zustoßen könnte. Ich denke, dass obwohl mein Beweggrund besonders richtig, besonders moralisch ist, wäre dies auf eine bestimmte Weise zuträglich, sollte ich mein Leben verlieren.

Playboy: Diese Aussage bezeugt die totale Hingabe zur Bürgerrechtsbewegung, für die man Sie so weitläufig bewundert aber für die man Sie auch als „Extremist“ verurteilt, wie es ein segregationistischer Sprecher wie Alabamas Gouverneuer Wallace macht. Stimmen Sie dieser Identifikation zu?

King: Als ich es zum ersten Mal hörte, störte es mich. Aber als ich an die wahre Bedeutung des Wortes dachte, entschied ich, dass ich mich vielleicht selbst als Extremist sehen wollte im Lichte des Geistes, der Jesus zu einem Extremisten der Liebe machte. Wenn es sich so anhört, als würde ich mich mit dem Retter vergleichen, lassen Sie mich Sie daran erinnern, dass alle, die sich mit dem Anspruch schmücken, Christen zu sein, sich mit Jesus vergleichen sollten. Daher betrachte ich mich selbst als Extremisten für die Verbrüderung der Menschen, die Paulus so edel beschrieben hat. „ Es gibt weder Jude noch Grieche, es gibt weder den Unfreien noch den Freien, es gibt weder männlich noch weiblich: Denn wir alle sind eins in Jesus Christus.“ Liebe ist die einzige Kraft auf der Welt, die in extremer Form gegeben und entgegen genommen werden kann, ohne irgendwelche Qualifikationen, ohne dass dabei der Gebende oder der Nehmende zu Schaden kommt.

Playboy: Vielleicht. Aber diese Art von Extremismus, für die man Sie kritisiert hat, hat nichts mit Liebe zu tun, sondern mit Ihrer Befürwortung eines bewussten Ungehorsams von Gesetzen, die Sie als „ungerecht“ betrachten. Glauben Sie, dass Sie das Recht haben über Gesetze zu richten und sich ihnen zu widersetzen auf gewaltlose oder andere Art und Weise?

King: Ja moralisch gesehen, wenn auch nicht legal. Es gibt zwei Arten von Gesetzen: göttliche und menschliche. Ein vom Menschen gemachtes Gesetz, das mit dem moralischen Gesetz oder dem Gesetz Gottes übereinstimmt, ist ein gerechtes Gesetz. Aber ein vom Menschen gemachtes Gesetz, das nicht im Einklang mit dem moralischen Gesetz steht, ist ein ungerechtes Gesetz. Und ein ungerechtes Gesetz ist, wie der heilige Augustinus sagt, überhaupt kein Gesetz. Daher ist ein Gesetz, das ungerecht ist, moralisch nichtig und leer und man muss es bekämpfen, bis es auch rechtlich nichtig und leer ist. Wir sollten nicht vergessen, dass in Erinnerung an die sechs Millionen, die starben alles, was Adolf Hitler in Deutschland tat, „rechtmäßig“, und alles, was die Freiheitskämpfer in Ungarn taten, „unrechtmäßig“ war. Trotz allem bin ich sicher, dass ich meinen jüdischen Brüdern geholfen und sie getröstet hätte, wenn ich in Deutschland unter Hitlers Herrschaft gelebt hätte, so wie es einige christliche Geistliche und Priester oft auf Kosten ihres Lebens getan haben. Und wenn ich nun in einem kommunistischen Land lebte, wo die Prinzipien, die dem christlichen Glauben teuer sind, unterdrückt werden, wüsste ich, dass ich öffentlich dazu aufriefe, sich den antireligiösen Gesetzen dieses Landes zu widersetzen wiederum, wie es heute einige christliche Geistliche und Priester hinter dem Eisernen Vorhang tun. Genau hier in Amerika gibt es heutzutage weiße Geistliche, Priester und Rabbiner, die Blut bei der Unterstützung unseres Kampfes gegen ein Netz aus menschlicher Ungerechtigkeit vergossen haben, das besonders von unmoralischen und Menschen gemachten Gesetzen gesponnen wird.

Playboy: Meinen Sie die Rassentrennungsgesetze?

King: Um genau zu sein, gerichtliche Verfügungen. Obwohl die Rechte des ersten Zusatzes zur amerikanischen Verfassung es garantieren, dass jeder Bürger oder jede Gruppe von Bürgern friedlich zusammenkommen darf, hat der Süden die Möglichkeit der gerichtlichen Verfügungen ergriffen, um unsere Direct Action Bürgerrechtsdemonstration zu verhindern. Wenn man dabei ist, eine gewaltlose Demonstration vorzubereiten, ordnet die Stadt einfach eine gerichtliche Verfügung an, um diese abzubrechen und zu unterbinden. Südstaatliche Gerichte sind dafür bekannt, solche Fälle „auszusitzen“. Es ist durchaus vorstellbar, dass es zu einer zwei- bis dreijährigen Verzögerung kommen kann. Zunächst haben wir das als eine sehr effektive Form der Ausflucht uns gegenüber erlebt. Wir erlebten es zum ersten Mal in Montgomery, als unsere Fahrgemeinschaft während des Busboykotts per gerichtlicher Verfügung als unrechtmäßig erklärt wurde. Eine Verfügung zerstörte auch eine Protestbewegung in Taladega, Alabama. Eine andere Verfügung erklärte die älteste Bürgerrechtsorganisation, die N.A.A.C.P., im gesamten Staate Alabama für illegal. Eine weitere Verfügung brachte die Bemühungen unserer Organisation in Albany, Georgia zu Fall. In Birmingham war uns daraufhin klar, dass wir uns zur Wehr setzen mussten und der richterlichen Verfügung gegen Demonstrationen zu Wider handelten, obwohl wir die Konsequenzen kannten und darauf vorbereitet waren, mit diesen umzugehen sonst würden ungerechte Gesetze unsere Bewegung zerstören.

Wir machten diesen Schritt nicht übereilt oder hastig. Wir machten uns viele Gedanken über die Sache und beteten, bevor wir entschieden, dass wir das Richtige taten. Und als wir unsere Entscheidung trafen, informierte ich die Presse über unser Vorgehen. Dabei machte ich deutlich, dass wir keine Anarchisten waren, die zu Gesetzlosigkeit aufriefen, sondern dass wir den Missbrauch des juristischen Verfahrens, der darauf abzielt, die Ungerechtigkeit und Rassentrennung zu erhalten, nach bestem Gewissen nicht mittragen konnten. Als unser Vorgehen bekannt wurde, lähmte es unsere segregationistischen Gegner. Wir merkten, dass unsere Entscheidung moralisch sowie taktisch richtig war da sie sich an Gottes Gesetz genauso wie an den Geist unseres gewaltlosen direct action Programms hielten.

Playboy: Wenn es moralisch richtig für Bürgerrechtler ist, Rassentrennungsgesetze, die sie für ungerecht halten, zu brechen, warum ist es falsch, wenn Segregationisten sich gegen die Durchsetzung von Integrationsgesetzen, die sie für unrecht halten, wehren?

King: Weil Segregation, das wissen sogar die Segregationisten in ihrem Herzen, moralisch falsch und sündhaft ist. Wenn es nicht so wäre, dann würde der weiße Süden auch nicht von einem tiefen Schuldgefühl verfolgt werden, dafür, was er dem Negro angetan hat Schuld dafür, dass man ihn bevormundet, ihn degradiert hat, ihn brutal behandelt hat, ihn entpersonalisiert hat, ihn verdinglicht hat; Schuld dafür, dass der Süden sich selbst belogen hat. Das ist die Quelle der Schizophrenie, unter der der Süden leiden wird bis er sich seiner Gewissenskrise stellt.

Playboy: Droht diese Krise?

King: Sie muss nicht dieses oder nächstes Jahr kommen, aber sie ist im Süden auf jeden Fall akuter als im Norden. Wenn der Süden ehrlich mit sich selbst ist, kann er den Norden im Sinne der Verbesserung der Rassenverständigung hinter sich lassen.

Playboy: Warum?

King: Nun, die Weißen im Norden, die wenig wirklichen Kontakt mit dem Negro hatten, sind einem abstrakten Prinzip der herzlichen Rassenverständigung verpflichtet. Der Norden hat im theoretischen Sinne schon lange bedacht, dass er die Verbrüderung und die Gleichheit der Menschen befürwortet, aber die Wahrheit ist, dass tiefe Vorurteile und Formen von Diskriminierung versteckt und auf subtile Art und Weise und verdeckt im Verborgenen existieren. Die Vorurteile des Südens und Diskriminierung auf der anderen Seite hat man gegen den Negro in deutlicher, offener, offensichtlicher und schriller Form angewandt was es erleichtert hat, das Problem anzugehen. Der Weiße aus dem Süden hat den Vorteil, dass er weit mehr realen Kontakt mit den Negros hat als der Weiße im Norden. Ein großes Problem ist, dass der Kontakt bevormundend, und dass er durch den Mythos der rassischen Überlegenheit vergiftet war.

Playboy: Viele Weiße aus dem Süden befürworten die „Forschermeinungen“ einiger Anthropologen aus den Südstaaten, die schwören, dass die Überlegenheit der weißen Rasse und die Negro-Unterlegenheit biologische Fakten seien.

King: Sie werden sich daran erinnern, dass während des Aufstiegs von Nazi-Deutschland eine Reihe von Büchern von respektierten deutschen Wissenschaftlern erschien, die die Theorie der Herrenrasse stützte. Dieser zutiefst ignorante Trugschluss ist von den Sozialwissenschaftler und der Mediziner so gründlich widerlegt worden, dass jeder Mensch, der weiterhin daran glaubt, sich in absolut fehlgeleiteter und schwindender Gesellschaft befindet. Die amerikanische Anthropological Association hat die Resolution einstimmig verabschiedet, die alle Aussagen ablehnt, dass Negros biologisch in ihren angeborenen mentalen Fähigkeiten oder irgendeiner anderen Art und Weise unterlegen seien. Das kollektive Gewicht und die Autorität von Wissenschaftlern von Weltrang wurde in einem Unescobericht über Rassen aufgenommen, der die Theorie einer angeborenen Überlegenheit irgendeiner ethnischen Gruppe deutlich ablehnt. Was das Negro-Blut betrifft, erkennen die Mediziner die gleichen vier Blutgruppen wie in allen anderen Rassen.

Wenn der Weiße aus dem Süden schließlich diese einfache Tatsache akzeptiert, was er irgendwann muss, werden schöne Ergebnisse folgen, denn bis dahin werden wir einen weiten Weg zurück gelegt haben, auf dem wir seine Herr-und-Diener-Perspektive durch die Perspektive Mensch-zu-Mensch ersetzt haben. Der Weiße aus dem Süden, der den nicht-mythologisierten Negro entdeckt, zeigt all die Leidenschaft des Konvertierten, der den schwarzen Menschen als einen unter anderen Menschen zum ersten Mal wahrnimmt. Der Süden muss dramatische Veränderungen vornehmen, wenn er wirtschaftlich überleben möchte und diese müssen den Negro mit einschließen. Menschen aus dem Süden, die einen guten Willen zeigen, und diese stellen die große Mehrheit dar, haben die Aufgabe, offen und ehrlich zu sein, und nicht auf die schrillen Rufe der wenigen unvernünftigen Wahnsinnigen am äußeren Rand zu hören. Ich denke und bete dafür, dass sie das tun.

Playboy: Wen zählen Sie zu den „unvernünftigen Wahnsinnigen“?

King: Ich rechne die dazu, die Rassismus predigen und die Gewalt ausüben; und jene, die in verschiedenen Städten, in denen wir versucht haben, friedlich zu demonstrieren, versucht haben, die Negros in die Gewalt zu treiben als Entschuldigung für ihre gewalttätigen Vergeltungsakte. In Birmingham zum Beispiel reagierten die Segregationisten an dem Tag, als auf der Welt berichtet wurde, dass ein „Friedensabkommen“ zwischen den moderaten Weißen und den Negros unterzeichnet wurde, mit Wut und Racheschwüren gegen die weißen Geschäftsmänner, die sie „betrogen“ hatten, weil sie mit Negros verhandelten. Samstagnacht wurde sofort außerhalb Birminghams ein Ku Klux Klan Treffen abgehalten und in der gleichen Nacht, wie ich bereits vorher erwähnt hatte, detonierte eine Bombe im Haus meines Bruders, dem Reverend A.D. King, und eine weitere wurde in dem Motelzimmer angebracht, das ich zuvor bewohnt hatte, wo sie jeden getötet oder ernsthaft verletzt hätte. Beide Bombenattentate waren zeitlich so positioniert, dass Birminghams Bars gerade am Samstag um Mitternacht geschlossen hatten, als sich die Straßen mit tausenden Negros füllten, die nicht in Gewaltlosigkeit ausgebildet waren und die getrunken hatten. Genauso wie es der Bombenleger geplant hatte, brachen Kämpfe aus. Polizisten wurden von Negros mit Steinen beworfen, Autos wurden umgeworfen und es kam zu Bränden.

Playboy: War kein S.C.L.C. Mitarbeiter beteiligt?

King: Wenn sie es gewesen wären, dann wäre es nicht zu Aufständen gekommen, weil wir daran glauben, dass nur gerechte Mittel zum Erreichen eines gerechten Ziels eingesetzt werden dürfen. Wir glauben daran, dass nachhaltige Fortschritte nur gemacht werden können und diese wurden gemacht wenn wir das tun, was wir predigen: Eine Strategie des gewaltlosen friedlichen Widerstandes. An den Aufständen im Norden wie im Süden haben sich Mobs beteiligt, nicht die disziplinierten gewaltlosen direct action Demonstranten, mit denen ich mich identifiziere. Wir unterstützen keine Gesetzlosigkeit, kein Plündern und keine Gewalt, die von Rassisten und Rücksichtslosen, egal welcher Hautfarbe, ausgeübt wird.

Ich muss jedoch sagen, dass derartige Aufstände eine wenigstens teilweise positive Wirkung haben: Sie fokussieren auf dramatische Weise die nationale Aufmerksamkeit auf die Unzufriedenheit des Negro. Leider liefern sie der weißen Mehrheit eine Entschuldigung, eine Provokation, um vom Grund für die Ausschreitungen wegzusehen. Der Grund dafür ist die Armut und Verelendung und die Erniedrigung des Negro, die besonders in den Slums und Ghettos herrschen, wo die Ausschreitungen auftreten. Stattdessen sprechen sie von Plünderern und dem Zusammenbruch von Recht und Ordnung. Es wurde nie verbreitet, dass einige von den Plünderern Weiße waren, die auch durch ihre eigene Armut dazu motiviert wurden. Bei einem Aufstand in einer nördlichen Stadt waren neben den Negros und den Puertoricanern, die eingesperrt wurden, auch 158 Weiße darunter Mütter, die Essen, Kinderschuhe und andere Lebensnotwendigkeiten stahlen. Die armen Weißen und Schwarzen kämpften zusammen gegen das Establishment.

Playboy: Wen meinen Sie, wenn Sie vom „Establishment“ sprechen?

King: Ich meine damit die weiße Führungsschicht, die ich wie jeder andere für die Ausschreitungen verantwortlich mache, weil sie die Bedingungen, die sie hervorgerufen haben, nicht verändert haben. Die tiefe Frustration, die grenzenlose Verzweiflung des Negros heutzutage ist das Ergebnis des Lebens in den Slums, chronischer Armut, schrecklich unangemessener Bildung und Schulen unter dem Standard. Der Negro ist gefangen in einem langen einsamen Korridor ohne Ausgangsschild, gefangen in einem sozioökonomischen Teufelskreis. Und er ist wie keine andere Minderheit in Amerika ausgegrenzt, durch das Böse des unterdrückenden und einschränkenden Vorurteils, das sich ausschließlich in seiner Hautfarbe begründet. Ein rechtschaffener Mensch hat keine Alternative, außer sich einem solch bösen System zu widersetzen. Wenn er nicht den Mut hat, sich gewaltlos zu widersetzen, dann läuft er Gefahr, sich in einer gewalttätigen emotionalen Explosion zu entladen. So sehr ich Gewalt auch verabscheue, so gibt es ein Übel, das schlechter ist als Gewalt und das ist Feigheit. Es ist immer noch der Grundstein meines Glaubens, dass soziale Gerechtigkeit erreicht werden kann und dass die Demokratie Fortschritte macht, aber nur wenn man stark an gewaltlosen Aktionen und Widerstand auf dem Weg zur sozialen Gerechtigkeit festhält. Aber Amerika wird durch der Dauerbedrohung von Gewalt, den Ausschreitungen und sinnlosen Verbrechen die Stirn geboten, solange die Negros zu Hunderttausenden in die übelriechenden Ghettos voller Ratten weggepackt werden, solange die Negros inmitten einer florierenden Gesellschaft in die Armut eingekeilt bleiben; solange die Negros sich wie Verbannte im eigenen Land fühlen; solange die Negros fortwährend verunmenschlicht werden, solange die Negros ihre Freiheit auf die lange Bank geschoben und verringert sehen durch einen Gegenwind von Alibipolitik und kleinen Belohnungen der weißen Machtstrukturen. Keine Nation kann unter einem größeren Unglück leiden, als dass sie Millionen ihrer Bürger das Gefühl gibt, keine Rechte in ihrer eigenen Gesellschaft zu haben.

Verstehen Sie, ich möchte nur die Gründe für die Gewalt und die Dauerbedrohung der Gewalt erklären. Ich möchte noch mal sagen, dass ich unter keinen Umständen Ausbrüche von Plünderungen und Gesetzlosigkeit dulde. Ich denke, dass jeder verantwortliche Negro-Anführer mit vollem Elan darauf hinweisen muss, dass jeder, der sich einen Anschlag verübt oder sich ihm anschließt, unmoralisch und unpraktisch reagiert dass der Gebrauch von unmoralischen Mitteln niemals das moralische Ende einer Rassengerechtigkeit erreichen wird.

Playboy: Wen halten Sie für die Negro-Anführer mit der größten Verantwortung?

King: Nun, ich würde sagen, dass Roy Wilkins immer wieder bewiesen hat, dass er ein sehr redegewandter Sprecher für die Rechte der Negros ist. Er ist äußerst begabt und hingebungsvoll in der Verwaltung und Organisation mit persönlichen Ressourcen, die im Kampf sehr hilfreich waren. Ein anderer besonderer Mann ist Whitney Young Jr. von der National Urban League, ein äußerst fähiger Sozialwissenschaftler. Er hat eine bedeutende Balance zwischen Militanz und Mäßigung entwickelt. James Farmer von CORE ist ein anderer mutiger, hingebungsvoller und bedachter Bürgerrechts-Sprecher. Ich war immer davon beeindruckt, wie er die Frische in seiner Wahrnehmung der Bedeutung der Suche nach Freiheit bewahren konnte. Und John Lewis vom SNCC versinnbildlicht die Militanz, den Mut und die Kreativität, die unsere Jugend in den Kampf um die Bürgerrechte eingegliedert hat. Aber ich denke, dass der beste Anführer, den die Negros hervorgebracht haben, A. Philip Randolph ist, der Präsident der Schlafwagenportiers, dessen vollkommene Integrität, tiefe Hingabe und staatsmännisches Format ein Beispiel für uns alle gesetzt hat.

Playboy: Viele Weiße glauben, dass die Ausschreitungen vom letzten Sommer auftraten, weil die Führung nicht mehr von den Personen, die Sie genannt haben, repräsentiert wird.

King: Die Ausschreitungen, die wir hatten, sind winzig im Vergleich dazu, was passiert wäre ohne ihre wirkungsvolle und unaufdringliche Führung. Ich bin davon überzeugt, dass die Straßen von vielen amerikanischen Gemeinden, im Norden wie im Süden, von Blut überflutet wären, wenn die gewaltlose Philosophie nicht auf den Plan getreten wäre und sich bei den Negros ausgebreitet hätte. Hunderte von Städten würden unzählige Tote beider Rassen zu beklagen haben, hätte es nicht den gewaltlosen Einfluss gegeben, der den politischen Chirurgen die Zeit und die Möglichkeit gab, mutig und sicher ein paar Aspekte der gewalttätigen Gefahr herauszuschneiden, der sich die Nation in den Jahren 1963 und 1964 gegenübersah. Die ganze Welt sah, was in Gemeinden wie Harlem, Brooklyn, Rochester, Philadelphia, Newark, St. Petersburg und Birmingham geschah, wo die Notoperation entweder verpfuscht oder gar nicht durchgeführt wurde.

Playboy: Dennoch: Spiegelt die Tatsache, dass Ausschreitungen überhaupt aufgetreten sind nicht wieder, dass viele Negros den Idealen von Gewaltlosigkeit keine Beachtung mehr schenken?

King: Auf keinen Fall, nicht die Mehrheit. Aber es stimmt, dass manche Negros zustimmen würden, dass die Taktik der Gewaltlosigkeit keine konkreten Siege erzeugt. Unsere Erfahrung hat uns gezeigt, dass Gewaltlosigkeit am besten in einem Klima der Gerechtigkeit gedeiht. Gewalt steigt bis zu dem Grad an, zu dem Ungerechtigkeit vorherrscht. Je mehr Ungerechtigkeit es in einer bestehenden Gemeinschaft gibt, desto mehr Gewalt oder potentielle Gewalt schwelt in dieser Gemeinschaft. Ich kann Ihnen ein deutliches Beispiel geben: Wie Sie vermutlich wahrgenommen haben, gab es im Süden weniger Ausschreitungen. Der Grund dafür ist, dass der Negro im Süden einige sichtbare konkrete Siege im Bürgerrecht verordnen kann. Letztes Jahr noch wurde die Polizei gerufen, wenn er sich an eine öffentliche Essensausgabe saß. Wenn er sich dieses Jahr dazu entscheidet, sich an eine Ausgabe zu setzen, wird er bedient. Es gab mehr Ausschreitungen im Norden, weil der Kollege in Harlem, um eines der nördlichen Ghettos zu nennen, keine Siege verorten kann. Er bleibt eingeschränkt, so wie er es immer gewesen ist, durch vage und unbestimmbare ökonomische und soziale Verelendung. Bis die davon betroffenen Machtstrukturen damit beginnen, sich damit auf kreative Art und Weise auseinandersetzen, wird diese grundlegende Ungleichheit weiterbestehen und es wird schwierig sein, die Gewalt auszumerzen. Je länger unsere Leute keinen oder nur stockenden Fortschritt sehen, umso einfacher werden sie den Hasspredigten und der Demagogie den Vortritt lassen.

Playboy: Die Schriften der John-Birch-Gesellschaft bezichtigen Sie solcher Predigten. Sie stempeln Sie als „aktiven Vertreter der kommunistischen Verschwörung“ ab.

King: Wie Sie wissen, haben sie versucht viele Leute mit Kommunismus in Verbindung zu bringen, das schließt den Obersten Richter des Obersten Gerichtshofes und einen ehemaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten mit ein. Ich befinde mich also in guter Gesellschaft. Die John-Birch-Gesellschaft lebt von Lug und Trug, von der Verbreitung von Halbwahrheiten und Lügen. Es wäre einfach, sie als verrückte Extremisten zurückzuweisen, was sie im Großen und Ganzen sind. Aber es hat sich herausgestellt, dass manche Priester und Geistliche unter ihnen sind. Sie sind eine sehr gefährliche Gruppierung und sie können sogar noch gefährlicher werden, wenn die Öffentlichkeit diese unamerikanische patriotische Verkleidung, unter der sie sich verstecken, nicht zurückweist.

Playboy: Gab es eine Grundlage für die Gerüchte, die in manchen Vierteln immer noch kursieren, dass die Ausschreitungen des letzten Sommers von kommunistischen Anstiftern angefacht und angewiesen wurden?

King: Ich bin die Leute leid, die sagen, diese Bewegung wäre von Kommunisten infiltriert gewesen. Es gibt so viele Kommunisten in dieser Freiheitsbewegung wie Eskimos in Florida. Das FBI gab in seinem Bericht an den Präsidenten, der nach einer Sonderkommission, die er angefordert hatte, fertiggestellt wurde, die beste Antwort auf dieses Gerücht. Er stellte fest, dass die Ausschreitungen nicht von solchen Gruppen hervorgerufen oder angeführt wurden, obwohl sie versuchten, aus den Ausschreitungen ihren Nutzen zu ziehen und sie in die Länge zu ziehen. Alle Negro-Anführer, auch ich, waren sehr glücklich über die Veröffentlichung dieser Befunde, weil wir uns über dieses öffentliche Getuschel Sorgen machten. Wir wussten, dass es äußerst schädlich für den Negro-Kampf ausgehen könnte, wenn die Ausschreitungen von Kommunisten oder anderen Extremistengruppierungen katalysiert oder manipuliert worden wären. Es hätte den Samen des Zweifels in der Öffentlichkeit säen können, dass die Negro-Revolution eine waschechte Revolution sei, die aus dem gleichen Schoß geboren wurde, der auch all die massiven sozialen Umbrüche hervorbringt der Schoß der nicht akzeptierbaren Bedingungen und der nicht aushaltbaren Situationen.

Playboy: Ist sie dazu berufen, eine gewalttätige Revolution zu sein?

King: Um Gottes Willen, nein. Aber weiße Amerikaner müssen die grundlegenden Motive verstehen lernen, die den Negro-Demonstrationen unterliegen. Jede Menge unterdrückter Ärger und verborgene Frustration schwelen im Negro und er muss beides freisetzen. Es ist keine Drohung, sondern ein historischer Fakt, dass unterdrückte Menschen, die ihre unterdrückten Gefühle nicht gewaltlos freigeben können, diese gewalttätig freigegeben werden. So lasst den Negro marschieren. Lasst ihn Pilgerfahrten ins Rathaus machen. Lasst ihn auf freedom rides gehen. Und darüber hinaus, bemüht euch zu verstehen, warum er das tun muss. Denn wenn sich ihre Frustration und Verzweiflung immer weiter anhäufen, werden Millionen von Negros Trost und Sicherheit in schwarzen nationalen Ideologien suchen. Und das würde zwangsläufig zu einem beängstigenden rassistischen Albtraum führen.

Playboy: Am bekanntesten und unter den Weißen am gefürchtetsten unter diesen militant rassistischen Negro-Sekten sind die Black Muslims. Wie schätzen Sie ihre Macht und ihren Einfluss auf die Negro-Massen ein?

King: Mal abgesehen von ein paar Ghettos in den Metropolen habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich wenige Negros für diese Organisation interessieren. Noch Wenigere schließen sich ihrer pessimistischen Doktrin an. Die Black Muslims sind eine quasi-religiöse, sozialpolitische Bewegung, die vor allem die Negros rekurrierten, die ehemals Christen gewesen sind. Das erste Mal hatte der Negro die Wahlmöglichkeit einer anderen Religion als dem Christentum. Was die Anziehung tatsächlich darstellte, war eine Anklage an die christlichen Fehler, die Grundsätze des Christentums zu erfüllen. Denn es gibt weder einen Punkt im Christentum, noch in der Bibel, der Rassentrennung rechtfertigen würde. Aber als der wahre Kampfgeist während des Jahres 1963 geweckt wurde, ließ die Anziehungskraft der Muslime nach.

Playboy: Einer der grundlegenden Prinzipien des schwarzen Nationalismus war der Versuch, eine Verbundenheit zwischen dem amerikanischen Negro und seinem afrikanischen „Bruder“ zu erzeugen  eine Art Identität zwischen der Entstehung Schwarzafrikas und dem Kampf der Negros für Freiheit in Amerika entstehen zu lassen. Glauben Sie, dass das eine konkrete Bemühung ist?

King: Ja, das glaube ich in vielerlei Hinsicht. Da gibt es eine deutliche, signifikante und unumgängliche Übereinstimmungen. Der Negro in ganz Amerika, der fernsieht, sieht schwarze Staatsmänner, die in den vereinten Nationen über entscheidende Weltthemen abstimmen, während er weiß, dass er selbst in vielen amerikanischen Städten seine Stimme nicht abgeben darf. Der Negro hört von schwarzen Königen und Potentaten, die von Palästen aus regieren, während er im städtischen Slum immer noch isoliert bleibt. Es ist ganz logisch, dass die Negros auf diese extreme Ironie reagieren. Bewusst oder unbewusst, der amerikanische Negro wurde vom schwarzen Zeitgeist mitgerissen. Er kann sich zutiefst mit den afrikanischen Brüdern, mit seinen braunen und gelben Brüdern aus Asien, Südamerika und der Karibik identifizieren. Zusammen mit ihnen bewegt er sich in einer Art wachsenden Dringlichkeit auf das gelobte Land der Rassengerechtigkeit zu.

Playboy: Denken Sie, dass sich die Afrikanischen Nationen im Gegenzug aktiver in die Angelegenheiten der amerikanischen Negros einmischen sollten?

King: Das tue ich tatsächlich. Die Welt ist nun in Bezug auf geographische Nähe und wechselseitige Probleme so klein geworden, dass kein Land untätig dastehen und der Notlage anderer zusehen solle. Ich denke, dass die Afrikaner den Einfluss ihrer Regierungen zu jedem möglichen Anlass nutzen sollten, um klar zu machen, dass der Kampf ihrer Brüder in den USA der Teil eines weltweiten Kampfes ist.

Kurz gesagt, Ungerechtigkeit, egal wo, ist eine Bedrohung für die Gerechtigkeit überall, sodass wir gemeinsam in ein Gewand der Wechselwirkungen gewickelt sind. Was in Johannesburg passiert ist, hat Auswirkungen auf Birmingham, wenn auch indirekt. Wir sind Nachkommen der Afrikaner. Afrika ist unser Erbe. Wir sollten niemals danach streben, diesen Gleichstand aufzuheben, noch sollten das die Afrikaner.

Playboy: Einer der redegewandtesten Meister der schwarzen Afroamerikanischen Brüderschaft war Malcolm X, der frühere Black Muslim Anführer, welcher vor Kurzem seine rassistische Vergangenheit aufgab und zum orthodoxen Mohammedanismus konvertierte. Was denken Sie über ihn und seine Karriere?

King: Ich habe Malcolm X einmal in Washington getroffen, aber die Umstände ließen es nicht zu, dass ich länger als eine Minute mit ihm sprach. Er ist, wie Sie sagten, sehr sprachgewandt, aber ich widerspreche vehement vielen seiner politischen und philosophischen Ansichtsweisen wenigstens insofern, als dass ich seine Standpunkte verstehe. Ich möchte nicht selbstgerecht oder absolutistisch klingen, oder so, als würde ich denken, ich kenne die einzige Wahrheit, den einzigen Weg. Vielleicht hat er tatsächlich einige Antworten. Ich weiß nicht, wie er jetzt darüber denkt, aber ich weiß, dass ich mir oft gewünscht hätte, dass er weniger über Gewalt sprechen würde, weil Gewalt unser Problem nicht lösen wird. Und in seiner Litanei, die Verzweiflung des Negros auszudrücken, ohne irgendwelche positiven oder kreativen Alternativen anzubieten, hat Malcolm in meinen Augen sich und unserem Volk einen schlechten Dienst erwiesen. Feurige, demagogische Reden in den Ghettos, wie Malcolm sie gemacht hat, die die Negros dazu anhielten, sich selbst zu bewaffnen, sich auf sich auf eine Gewaltverpflichtung vorzubereiten, kann nichts als Trauer bringen.

Playboy: Für sie oder für die Weißen?

King: Für jeden, aber vor allem für die Weißen. Sogar die Extremistenführer, die Revolution predigen, sind durchwegs ungewillt, das herbeizuführen, was unwillkürlich in einer blutigen, chaotischen totalen Niederlage enden würde. Denn in einer gewalttätigen Revolution wären wir völlig unterlegen. Und wenn das alles zu Ende wäre, stünde der Negro denselben unveränderten Umständen gegenüber, demselben Elend und derselben Mängel der einzige Unterschied wäre, dass seine Verbitterung noch stärker wäre, seine Ernüchertung noch erbärmlicher. So hat der amerikanische Negro, in rein praktischer und moralischer Hinsicht, keine vernünftige Alternative zur Gewaltlosigkeit.

Playboy: Sie weisen Gewalt kategorisch als taktische Methode für eine soziale Veränderung zurück. Kann man nicht dennoch argumentieren, dass Gewalt historisch gesehen massive und manchmal auch konstruktive Veränderungen in manchen Ländern hervorgerufen hat?

King: Ich wäre der erste, der sagen würde, dass manche historischen Siege durch Gewalt gewonnen wurden; die amerikanische Revolution ist sicherlich eine der ersten. Aber die Negro-Revolution strebt Integration an, nicht Unabhängigkeit. Diese Kämpfe für die Unabhängigkeit haben den Zweck, die Unterdrücker hinauszujagen. Aber hier in Amerika müssen wir zusammen leben. Wir müssen einen Weg finden, wie wir uns aussöhnen, um zusammen in einer Gemeinschaft zu leben, eine Gruppe mit der anderen. Der Kampf der Negros in Amerika muss mit harten Bandagen geführt werden, aber mit Bandagen, die streng im Rahmen unserer demokratischen Gesellschaft liegen. Das bedeutet große Gruppen beider Rassen zu erreichen, diese zu erziehen und zu bewegen, um das Bewusstsein der Nation aufzuwühlen.

Playboy: Wie schlagen Sie vor, sollte man das anstellen?

King: Bevor wir irgendeinen Fortschritt machen, müssen wir einen Rückschlag vermeiden indem wir alles in unserer Macht stehende tun, um rassistische Ungerechtigkeit zu vermeiden. Dazu gibt es drei unverzügliche Schritte, die ich empfehlen würde: Erstens ist es zwingend notwendig, dass gute Menschen aus ganz Amerika, gerade die in einflussreichen und mächtigen Positionen, die ökologischen Gründe für die aufkeimenden Ausschreitungen ernsthaft analysieren und einschätzen. Alle vornehmlich industriellen Gegenden und Ghettos sollten ernsthafte Diskussion zwischen den Rassen einrichten, die sich mit den Problemen der Gemeinde und Möglichkeiten sie zu lösen beschäftigen. Anstatt ambulanter Dienste sollten die städtischen Anführer vorbeugende Medizin zur Verfügung stellen. Zweitens sollten diese Gemeinden großen Aufwand betreiben und Arbeit sowie Trainings für arbeitslose Jugendliche zur Verfügung zu stellen, wie zum Beispiel das Job-Training Programm des HARYOU-ACTs aus New York City. Drittens sollten alle betroffenen Städte vorrangige Bemühungen haben, unmittelbare und qualitativ hochwertige Bildung für die Negro-Jugend bereitzustellen - anstatt dass sie Studien für die nächsten fünf Jahre anberaumen. Jungen und Mädchen müssen fähig sein, wahrzunehmen, dass sie etwas zählen, dass sich jemand um sie kümmert. Sie müssen fähig sein, Hoffnung zu empfinden. Und auf lange Zeit gesehen, müssen die Ghettos eliminiert werden, denn dies sind die Bedingungen, die die Ausschreitungen entkeimen. Es ist sowohl sozial als auch moralisch selbstmordgefährdend immer nur alles zu beklagen, während man es nicht schafft, die wahren Gründe anzugehen. Letzten Endes können Gesetz und Ordnung nur aufrecht erhalten werden, wenn Recht und Würde allen gewährt wird.

Playboy: Neben den anderen Bürgerrechts-Anführern haben Sie oft ein massives Programm ökonomischer Hilfe vorgeschlagen, welches von der Bundesregierung finanziert werden soll. Allein eines der Programme, das Sie auch genannt haben das HARYOU-ACT Programm, welches Jobs für jugendliche Negros zur Verfügung stellen sollte - würde 141.000.00 Dollar binnen der nächsten zehn Jahre kosten, und das nur für Harlem. Ein nationales Programm, wie Sie es vorschlagen, würde zweifellos bis in die Milliarden kosten.

King: Circa 50 Milliarden wären es tatsächlich was weniger ist als unsere jährlichen Ausgaben für die Verteidigung. Ich glaube, dass durch diese Ausgaben innerhalb von zehn Jahren eine grundlegende und dramatische Transformation der Bedingungen für das Leben von Negros in den USA erreicht werden könnte. Ich bin darüber hinaus sehr positiv gestimmt, dass die Kosten mehr als gerechtfertigt sein werden  durch die Früchte, die die Nation ernten wird, durch den spektakulären Rückgang von Schulabgängern, Familienauflösungen, Kriminalitätsraten, Unrechtmäßigkeiten, zunehmende Fürsorgekosten, Ausschreitungen und anderem sozialen Übel.

Playboy: Denken Sie, es ist realistisch, dass die Regierungen für etwas anderes als die Verteidigung eine so große Menge an Zahlungsmitteln zur Verfügung stellen würde?

King: Sicherlich tue ich das. Dieses Land hat die Ressourcen jedes Problem zu lösen, sobald das Problem als nationale Strategie akzeptiert wird. Ein Beispiel ist die Hilfe für die Appalachias, welche im angepriesenen Krieg der Bundesregierung gegen die Armut zur Strategie erhoben wurde. Eine Milliarde wurde zu deren Entlastung angeboten ohne die kleinste Delle in das Verteidigungsbudget zu machen. Ein anderes Beispiel ist die Tatsache, dass Amerika nach dem Zweiten Weltkrieg als dazu veranschlagt wurde, die riesigste Kriegsmaschinerie, die die Welt je gekannt hatte, zu errichten und zu etablieren, sich auch anheischig gemacht hatte, durch den Marshall-Plan und andere Maßnahmen, die finanzielle Entlastung und Rehabilitierung von Millionen von Europäern. Wenn Amerika es sich leisten kann, für seine Alliierten und Ex-Feinde zu bürgen, dann kann es sich sicherlich auch leisten - und hat auch eine viel größere Verpflichtung, wie ich es sehe ebenfalls genauso Gutes für seine eigenen nicht weniger bedürftigen Landsleute zu tun.

Playboy: Finden Sie, dass es fair ist um ein milliardenschweres Programm für eine Sonderbehandlung von Negros oder jegliche andere Minderheitsgruppe zu bitten?

King: Ja, das denke ich. Kann ein fair denkender Mitbürger leugnen, dass der Negro beraubt wurde? Wenige Menschen denken daran, dass der Negro zwei Jahrhunderte lang versklavt wurde, und aller Löhne beraubt wurde ein Reichtum, das als Erbe über Generationen angesammelt worden wäre. Der gesamte heutige Reichtum Amerikas könnte seine Negros nicht adäquat entschädigen für seine Jahrhunderte der Ausbeutung und Erniedrigung. Es ist eine wirtschaftliche Tatsache, dass ein Programm, wie ich es vorschlage, viel weniger kostete als irgendeine Kalkulation der zwei Jahrhunderte lange nicht bezahlten Löhne sowie der anderen angehäuften Interessen. Wie dem auch sei, ich sehe nicht vor, dass diese finanziellen Hilfen nur für die Negros gelten solle, sondern allen Benachteiligten jeder Rasse zugutekommen sollte.

Im Rahmen des Gewohnheitsrechts haben wir viele Präzedenzfälle für Ersatzleistungsprogramme, die als Ausgleichszahlungen betrachtet werden, erlebt. Amerikanische Indianer werden immer noch für ihr Land mit der Ausgleichsmethode bezahlt. Sind nicht zwei Jahrhunderte voller Arbeit, die geholfen hat, das Land aufzubauen, so real wie Rohstoff? Viele andere zutreffende Ausgleichszahlungen sind griffbereit: unsere Kinderarbeitsgesetze, soziale Sicherheit, Arbeitslosengeld, Arbeitspotenzial- und Umschulungsprogramme. Und Sie werden Sich daran erinnern, dass Amerika eine Politik der speziellen Behandlung der Kriegsveteranen nach dem Krieg einführte ein Programm, das viel mehr kostete, als es eine Politik zur bevorzugten Behandlung der Wiedereingliederung von benachteiligten Negros heute kosten würde. Die naheliegende Analogie ist das G.I. Bill of Rights (Gesetz zur Wiedereingliederung der amerikanischen Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg). Die Eingliederung der Negros in Amerika würde ungefähr dieselbe Bandbreite erfordern - was keine übermäßige Belastung für unsere Wirtschaft darstellen würde. So wie es für den zurückgekehrten Soldaten der Fall war, so könnte solch ein Gesetz die Benachteiligten und Verarmten dazu befähigen, Häuser ohne Bargeld zu kaufen, mit niedrigeren und einfacheren Rückzahlungskonditionen. Sie könnten Bankdarlehen aushandeln, um Unternehmen zu gründen. Sie könnten, wie auch die Ex-G-I.s, spezielle Punkte erhalten, die sie im Wettkampf um die Berufe des öffentlichen Dienstes oben anstellten.

Unter bestimmten Umständen von körperlicher Behinderung könnte man eine medizinische Behandlung und dauerhafte finanzielle Zuschüsse ermöglichen. Und mit all diesen Gesetze könnte man ein positives soziales Klima schaffen, um eine bevorzugte Anstellung der Benachteiligten zu unterstützen, wie es vor so vielen Jahren bei den Veteranen der Fall war. Was erwähnt werden muss, ist, dass während dieser Jahre keine nennenswerte Verstimmung bezüglich der bevorzugten Behandlung gegenüber dieser speziellen Gruppe wahrgenommen werden konnte. Amerika gleichte lediglich die Zeit aus, die die Veteran in der Schule oder in der Arbeit verpasst hatten.

Playboy: Wenn ein bundesweites Programm zur bevorzugten Einstellung von Negros verabschiedet würde, was würden Sie dann vorschlagen, um den Groll der Weißen zu lindern, die bereits denken, dass ihre Jobs durch den Zustrom von Negros aufgrund der Aufhebung der Rassentrennung gefährdet sind?

King: Wir müssen ein bundesweites Programm von öffentlichen Arbeitsstellen, Umschulungen und Jobs für alle entwickeln, sodass niemand, ob Weißer oder Schwarzer, einen Grund haben muss, sich bedroht zu fühlen. Zurzeit verschwinden jede Woche Tausende von Jobs aufgrund der vermehrten Automatisierung und anderen effizienten Produktionsmechanismen. Schwarze und Weiße, wir werden alle darunter leiden, wenn nicht bald etwas Großartiges und Einfallsreiches unternommen wird. Die arbeitslosen und bitterarmen weißen Menschen müssen dazu gebracht werden, zu realisieren, dass sie mit dem Negro im selben Boot sitzen. Zusammen könnten sie mächtigen Druck auf die Regierung ausüben, um Arbeit für alle zu bekommen. Zusammen könnten sie ein großartiges Bündnis schließen. Zusammen könnten sie alle Menschen für das allseits Gute verbinden.

Playboy: Wenn den Negros, wie Sie vorschlagen, auch im Wohnungswesen eine bevorzugte Behandlung gewährt würde, wie würden Sie das laute Signal zerstreuen, mit dem viele weiße Hausbesitzer, die Angst vor der Abwertung ihres Besitzes haben, die Ankunft von Negros in ehemals rein weißen Nachbarschaften begrüßen?

King: Wir müssen den Mythos und die Halbwahrheiten aus unserer Gesellschaft tilgen, die solche haltlosen Ängste wie diese hervorrufen. Erst einmal gibt es keine entsprechende Wahrheit, dass die Negros Eigentum abwerteten. Es ist Tatsache, dass viele Negros so lange aus den Wohnvierteln ferngehalten werden, dass wenn einem von uns tatsächlich eine Haus verkauft wird, es bereits abgewertet ist. Zweitens müssen wir die negative und schädliche Atmosphäre verbannen, die durch die habgierigen und charakterlosen Makler geschaffen wurde, die sich im Blockbusting (Unredliche Kniffe von Immobilienmaklern, um privaten Hauseigentümern ihren Grundbesitz weit unter Wert abzukaufen) betätigen. Wenn wir in Amerika ernsthafte Bestrebungen haben, Diskriminierung im Wohnungswesen abzuschaffen und zur gleichen Zeit ein gemeinscahftliches Hilfsprogramm der Regierung entwickelten, um die Wohnungsverteilung für Negros zu verbessern, glaube ich, dass viele Weiße überrascht sein würden, wie viele Negros lieber unter sich wohnen würden, genauso wie es Polen und Juden oder andere ethnische Gruppen machen.

Playboy: Die B'nai B'rith, eine bekannte jüdische soziale Organisation, die im Auftrag der Juden viele der Aktivitäten übernimmt, die Sie der Regierung antragen, sie für die Negros zu verrichten, wird großzügig von jüdischen Wohltätigkeitsvereinen oder durch private Spenden finanziert. Auf der anderen Seite sind alle Negro-Bürgerrechtsgruppen, auch Ihre eigene, immerzu in finanzieller Bedrängnis und müssen stark auf die weiße Nächstenliebe vertrauen, um zahlungsfähig zu bleiben. Warum erfahren sie so wenig Unterstützung von den Negros?

King: Wir müssen der Tatsache ins Auge schauen und damit leben, dass der Negro niemals einen Sinn für die Buchhaltung entwickelt hat. Die Sklaverei war so entzweiend und brutal, so einheitszersetzend gestaltet, dass wir niemals ein Gefühl der Einigkeit entwickelten wie im Judentum. Wenn man mit der individuellen familiären Einheit beginnt, sind die Juden tief in eine große Familie verstrickt. Beim Negro hingegen teilte die Sklaverei Familienmitglieder vom Rest der Familie und das Schema der Uneinigkeit, das wir heutzutage unter den Negros sehen, rührt genau von dieser grausamen historischen Tatsache her. Es ist auch eine grausame Tatsache, dass der Negro, generell gesprochen, keinen verantwortlichen Sinn für finanzielle Werte entwickelt hat. Die besten Volkswirtschaftler sagen, dass dein Auto nicht mehr als die Hälfte deines Jahreseinkommens kosten soll. Aber es gibt viele Negros, die 7000 Dollar im Jahr verdienen und 5000 Dollar im Jahr für ihr Auto ausgeben. Man sagt, ein Haus solle nicht mehr als doppelt so viel wie das Jahreseinkommen kosten. Negros, die, sagen wir, 8000 Dollar im Jahr verdienen, leben in Häusern, die 30.000 Dollar kosten. Den Negros, die ungefähr 14 Prozent der amerikanischen Bevölkerung darstellen, sagt man nach, dass sie 40 Prozent des in die USA importierten schottischen Whiskeys zu sich nehmen. Und dass sie 72.000.000 Dollar in den Juwelierläden ausgeben. Wenn wir also fragen, ob sie für die Bürgerrechte spenden wollen, oder für den United Negro College Fund, versuchen die meisten Negros so um die Runden zu kommen.

Playboy: Die großflächigen Plünderungen, die letzten Sommer während der Ausschreitungen stattfanden, scheinen Ihren Punkt zu bestätigen. Sind Sie einverstanden mit denen, die glauben, dass diese Plünderungen viele waren gegen Läden jüdischer Besitzer gerichtet eine anti-semitische Motivation hatten?

King: Nein, ich denke nicht, dass die Ausschreitungen in irgendeiner Weise als Ausdruck von Antisemitismus betrachtet werden können. Es stimmt, es tat mir besonders weh zu erfahren, dass ein großer Anteil der geplünderten Läden unseren jüdischen Freunden gehörte, aber ich denke nicht, dass Antisemitismus daran beteiligt war. Eine hohe Anzahl der Verkäufer, die die Negro-Gemeinden bedienen, sind nun mal Juden. Wie kann es Antisemitismus unter Negros geben, wenn unsere jüdischen Freunde ihr Engagement für die Prinzipien der Toleranz und Brüderschaft nicht nur in Form von beträchtlichen Beiträgen zeigten, sondern oftmals auch durch ein großartiges persönliches Opfer? Können wir jemals unsere Wertschätzung für jene Rabbiner ausdrücken, die während unseres letzten Protests gegen Segregation ein moralisches Zeugnis in St. Augustine, dieser unglücklichen Stadt, abgaben? Muss ich irgendjemanden daran erinnern, unter welch schrecklichen Schlägen der Rabbiner Arthur Lelyveld von Cleveland gelitten hat, als er sich den Bürgerrechts-Arbeitern in Hattiesburg, Mississippi, angeschlossen hatte? Und wer kann jemals die Opfer zweier jüdischer Leben vergessen, Andrew Goodman und Michael Schwerner, in den Sümpfen von Mississippi? Es wäre unmöglich, den Beitrag zu erfassen, den die Juden für den Freiheitskampf der Negros geleistet haben er war so riesig.

Playboy: Auffällig dagegen ist, dass laut einer Umfrage, die von Ebony veröffentlicht wurde, nur einer von zehn Negros jemals körperlich an einer Form des sozialen Protests teilgenommen hat. Warum?

King: Es sind nicht immer bloße Zahlen, die den Maßstab für öffentliche Unterstützung anlegen. Ich sehe es so, dass jeder Negro, der sich beteiligt, für das Mitgefühl und den moralischen Rückhalt von tausenden Anderen steht. Wir dürfen niemals vergessen, wie ein Foto, das die Polizeimänner in Birmingham auf einer am Boden liegenden Frau kniend zeigte, die meisten Negros zutiefst emotional berührte, egal wer sie waren. In jeder Stadt, in der die S.C.L.C. half, radikale soziale Veränderungen zu erreichen, lag das nicht nur an der Qualität des persönlichen Einsatzes und der Disziplin ihrer Mitglieder, sondern auch an der moralischen Unterstützung vieler Negros, die nie eine aktive Rolle gespielt hatten. Ich denke, es ist beachtlich, dass während allen unseren Kämpfen in den Städten, die normalen Kriminalitätsraten von Negros fast gegen null gingen.

Aber es ist wahr und unbestreitbar, dass viele Negros weder für die Freiheit kämpfen werden, noch werden sie eifrig genug sein, sie anzunehmen, wenn sie kommt. Und es gibt Millionen von Negros, die nie etwas anderes gekannt haben als Unterdrückung, die keinen Stolz und keinen Respekt vor sich selbst haben, sodass sie sich mit der Segregation abgefunden haben. Andere bequeme und selbstgefällige Negros betrachten sich selbst als über dem Kampf der Massen stehend. Wieder andere versuchen, einen Gewinn aus der Segregation zu schlagen.

Playboy: Viele Weiße aus dem Süden haben Sie beschuldigt, unter jenen zu sein, die das Rassenproblem für Ihren privaten Gewinn ausschöpfen. Im Süden ist der Glaube tatsächlich weit verbreitet, dass Sie ein gewaltiges persönliches Vermögen im Verlauf Ihrer Bürgerrechts-Aktivitäten angehäuft haben.

King: Ich soll reich sein? Das ist eine absolut trügerische und irrtümliche Annahme, dass ich mich oft frage, wo das begonnen hat. Nunmehr im sechsten Jahr, in dem ich der Präsident des S.C.L.C. bin, habe ich die nachdrückliche Empfehlung des Vorstands zurückgewiesen, doch einen Lohn zu akzeptieren, der über den einen Dollar hinaus geht, welcher mich berechtigt, an unserem Mitarbeiterversicherungsplan teilzunehmen. Ich habe auch das Angebot unseres Vorstands von Geldgeschenken als Maßnahme und Ausdruck der Wertschätzung zurückgewiesen. Der Lohn von meiner Kirche ist mein einziger Verdienst, 4000$ im Jahr, plus 2000$ im Jahr, dafür, was gemeinhin als „pastorale Sorge“ bekannt ist. Um insgesamt einen Betrag von 10.000$ im Jahr zu verdienen, behalte ich etwa 4000$ bis 5000$ im Jahr von meinen Honoraren der verschiedenen Redeengagements, die ich erhalte. Ungefähr 90 Prozent meiner Reden sind für den S.C.L.C. und erwirtschaften ungefähr 200.000$ im Jahr in unsere Schatzkammer. Dazu bekomme ich ein relativ beträchtliches aber schwankendes Einkommen in Form von Tantiemen für meine Schriftstücke. Aber auch das gebe ich meiner Kirche, oder meiner Alma Mater, dem Morchouse College hier in Atlanta.

Ich glaube so fest, wie ich irgendetwas glaube, dass der Freiheitskampf, an dem sich S.C.L.C. beteiligt keiner ist, der irgendeinen Beteiligten mit individuellem Reichtum und Gewinn belohnen sollte. Ich glaube, ich würde mich im Grab umdrehen, wenn ich sterben würde und 200.000 oder 300.000$ hinterließe. Aber viele Leute glauben einfach nicht, dass das die Art ist, wie ich darüber denke. Wenn ich irgendwelche Schwächen haben sollte, liegen Sie nicht darin, Reichtum zu begehren. Meine Frau weiß das sehr wohl. Sie findet, dass ich es übertreibe. Aber die Leute vom Finanzamt halten weiter Kurs auf mich. Sie sind sich sicher, dass sie eines Tages ein Vermögen unter einer Matratze finden. Um Ihnen ein Beispiel meines angeblichen Reichtums zu geben: Erst letzte Woche kam ich von einer Reise zurück und fand heraus, dass ein Fernsehprogramm vermeldet hatte, dass ich ein teures Haus in einer rein weißen Nachbarschaft hier in Atlanta gekauft hatte. Das war mir selbst neu!

Playboy: Ihr Zeitplan von Redeaufträgen und Bürgerrechtsverpflichtungen im ganzen Land ist laut der Berichte sehr voll oftmals arbeiten Sie 20 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche. Wie viel Zeit bleiben Ihnen übrig, um sie zuhause zu verbringen?

King: Tatsächlich sehr wenig. Ich habe durchschnittlich nicht mehr als zwei Tage die Woche hier zuhause in Atlanta über das letzte Jahr verteilt verbracht, oder eigentlich bereits seit Birmingham. Ich bin zwei oder drei Wochen am Stück unterwegs, vor allem um in Gemeinden im Süden zu arbeiten. Wo ich auch bin: Ich versuche, an so vielen Sonntagen wie möglich auf der Kanzel zu stehen. Aber jeden Tag, an dem ich zuhause bin, verlasse ich das Büro für das Abendessen und versuche ein paar Stunden mit den Kindern zu verbringen, bevor ich für ein bisschen Nachtarbeit in mein Büro zurückkehre. Und wenn ich an Dienstagen nicht unterwegs bin, gehe ich nicht in mein Büro. Ich bewahre ihn mir als meinen Ruhetag des Lesens und der Stille und der Meditation und einen ganzen Abend mit Frau King und den Kindern.

Playboy: Wenn Sie eine Woche am Stück ohne jegliche Verpflichtung oder dergleichen hätten, wie würden Sie diese verbringen?

King: Es ist schwierig mir so etwas vorzustellen, aber wenn ich den Luxus einer ganzen Woche hätte, würde ich sie lesend und meditierend verbringen, würde mich spirituell und intellektuell auffrischen. Ich verspüre eine tiefe Sehnsucht nach den Zeiten, in denen ich mich dieser Art widmen konnte. Inmitten des Kampfes, inmitten der Frustration, inmitten der endlosen Arbeit überlege ich, dass ich immer nur gebe und nie eine Pause mache, um aufzunehmen. Ich verspüre das dringende Bedürfnis, wenigstens für eine Stunde davon zu mich zurückzuziehen und aufzutanken. Ich brauche mehr Zeit durchzudenken, was getan wurde, eine Auszeit von der Bewegung zu nehmen, über die Bedeutung der Bewegung nachzudenken.

Playboy: Wenn sie auf einer sprichwörtlichen einsamen Insel ausgesetzt wären und nur ein Buch mit sich haben könnten, mal abgesehen von der Bibel: Welches würde es sein?

King: Das ist hart. Ich muss darüber nachdenken. Ein Buch nicht die Bibel. Nun, ich denke, ich würde Platons Republik wählen. Ich finde, es bringt mehr Einsichten über die Geschichte zusammen als jedes andere Buch. Es bleibt in dieser Arbeit keine kreative Idee übrig, die nicht in irgendeiner Form diskutiert wird. Welcher Bereich der Theologie und der Philosophie einen interessiert – und ich interessiere mich für beides irgendwo in diesem Buch werden Sie die Sache erforscht finden.

Playboy: Wenn Sie jemanden irgendeinen statt Ihnen auf eine einsame Insel schicken könnten, wer wäre das?

King: Das ist wieder eine schwierige Frage. Lassen Sie mich überlegen. Ich denke, ich hätte nichts dagegen Herrn Goldwater auf eine einsame Insel entsandt zu sehen. Ich hoffe, sie würden ihn füttern und das alles. Natürlich. Ich bin gewaltlos, wie Sie wissen. Politisch gesehen ist er jedoch schon auf einer einsamen Insel, so mag es unnötig sein, ihn dort hinzuschicken.

Playboy: Wir gehen davon aus, dass Sie von seiner Niederlage im Präsidentschaftsrennen nicht allzu bekümmert waren?

King: Bis zu dieser Niederlage war Goldwater der gefährlichste Mann in Amerika. Er sprach sanft und nett aber er half und unterstützte die bösartigsten Rassisten und die extremsten Rechten in Amerika. Er verlieh Sichtweisen, die weit von demokratischen Prozessen entfernt waren, Ansehen. Hätte er gewonnen, hätte er uns einen fantastischen Gang herunter gelassen, der Amerika, wie wir wissen, total zerstört hätte.

Playboy: Bis zu seinem Rücktritt von dem Rennen, das auf Goldwaters Nominierung folgte, war Alabamas Gouverneur Wallace ein weiterer Kandidat für die Präsidentschaft. Welche Meinung haben Sie zu seiner Qualifikation für das Amt?

King: Gouverneur Wallace ist ein Demagoge mit einem großen D. Er symbolisierte in diesem Land viele der Sünden, die es in Hitlers Deutschland gegeben hat. Er ist ein Kaufmann des Rassismus, der mit dem Hass in der Gestalt von Staatsrechten hausieren geht. Er will die Zeit für seine eigene persönliche Vergrößerung zurück stellen, und er wird buchstäblich alles tun, um das zu schaffen. Er präsentiert den Missbrauch, die Korruption und die Zerstörung von Führung. Ich bin mir nicht sicher, ob er all das Gift, was er predigt, auch glaubt, aber er ist verschlagen genug, die anderen davon zu überzeugen, dass er es tut. Anstatt, dass er Menschen zu neuen Höhepunkten der Vernünftigkeit führt, verstärkt er die Missverständnisse, vertieft Argwohn und Vorurteile. Er ist wahrscheinlich der gefährlichste Rassist in Amerika heutzutage.

Playboy: Eines der kontroversesten Themen des letzten Jahres, neben den Bürgerrechten, waren die Schulgebete, welche vom Obersten Gerichtshof als unrechtmäßig erklärt wurden. Unter anderen prangerte Gouverneur Wallace diese Entscheidung an. Was denken Sie darüber?

King: Ich stimme dem zu. Ich denke, dass das richtig war. Im Gegensatz zu dem, was alle sagten, sollte es weder das Gebet noch den Glauben an Gott für ungesetzlich erklären. In einer pluralistischen Gesellschaft wie unserer, wer kann da sagen, welches Gebet gesprochen werden soll, und von wem? Legal, verfassungsrechtlich oder anders, der Staat hat dazu kein Recht. Ich stehe stark im Widerspruch zu den Bestrebungen, die gemacht wurden, um die Entscheidung nichtig zu machen. Ich denke, sie waren durch nicht viel mehr als den Wunsch motiviert, den obersten Gerichtshof zu beschämen. Als ich Bruder Wallace in Washington sah, um bei den Anhörungen des Kongress gegen die Entscheidung auszusagen, hat es meine Überzeugung, dass die Entscheidung richtig war, nur gestärkt.

Playboy: Gouverneur Wallace hat durchblicken lassen, dass sich Präsident Johnson dadurch, dass er sich erst zum Vorreiter für die Bürgerrechte machte, als er Vize-Präsident wurde, der „Unglaubwürdigkeit“ schuldig gemacht zu haben scheint.

King: Was Präsident Johnson nun über die Bürgerrechte gedacht oder nicht gedacht hat, oder wie er gewählt hat während seiner Zeit im Kongress, ist zu diesem Zeitpunkt weniger relevant, als das, was er während seiner Zeit als Präsident der Vereinigten Staaten sagte und getan hat. Wenn es nach mir geht, hat er bis dato einen guten Job gemacht. Er ist ein überaus eifriger Politiker und er hat Weisheit und Engagement demonstriert, indem, wie er das Problem offen angegangen ist. Er wird nicht müde die Nation daran zu erinnern, um welche moralischen Fragen es geht. Ich habe den Eindruck, dass er ein starker Präsident im Sinne der Bürgerrechte bleiben wird.

Playboy: Gegen Ende des Jahres 1963 schrieben Sie: „Wenn ich dem Jahr 1964 entgegen blicke, ist eine Tatsache unmissverständlich klar: Die Forderung des Negro nach uneingeschränkter Emanzipation wird lauter und nicht leiser werden.“ Wie die Ausschreitungen im letzten zeigten, waren diese Worte auf unglückliche Weise prophetisch. Rechnen Sie mit weiteren Gewaltakten im kommenden Jahr?

King: Wenn der Negro auf seinem Weg nicht aufgehalten wird, glaube ich, dass man weniger Gewalt vorhersagen kann. Ich sage nicht, dass es gar keine Demonstrationen geben wird. Es wird sie mit Sicherheit geben, denn der amerikanische Negro hat bei den Bürgerrechten keine Fortschritte ohne spannungsreiche, rechtliche und außerparlamentarische Druckmittel gemacht. Wenn die Verfassung heute gleich und unvoreingenommen auf alle amerikanischen Bürger, in jedem Teil des Landes, in jedem Gerichtssaal und jedem Gesetzestext angewendet würde, dann bestünde nicht die Notwendigkeit für irgendeine Bürgergruppe außerparlamentarischen Druck auszuüben.

Unsere Aufgabe ist bisher nicht einfach gewesen und wird es auch in Zukunft nicht sein. Denn die Privilegierten haben historisch betrachtet nicht freiwillig vor, ihre Privilegien aufzugeben. Wie Reinhold Nibuhr schrieb, können Individuen moralisch aufgeklärt werden und freiwillig ihre unrechte Einstellung verändern, Gruppen aber tendieren dazu, sich unmoralischer und kompromissloser als Individuen zu gebärden. Unser gewaltloses Direct Action Programm, das sich als stark und effektiv in mehr als tausend amerikanischen Städten erwiesen hat, wo es bereits zu Feuertaufen kam, wird fortfahren, örtliche Ungerechtigkeiten gegen den Negro zu dramatisieren und dagegen zu demonstrieren bis die letzten derer, die diese Ungerechtigkeiten erwirkt haben, verhandeln müssen. Bis der Negro endlich den Schutz der Verfassung erwirbt, den man ihm vorenthalten hat. Bis die Gesellschaft nach so langer Zeit von einer glorreichen und unheilbaren Farbenblindheit ergriffen wird.

Playboy: Im Angesicht der wohlverdienten Anerkennung Ihrer Entschlossenheit und Ihrer Führung, um diese Ziele zu erreichen, wurden Sie im Oktober letzten Jahres als jüngster Mensch überhaupt mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Wie haben Sie auf diese Nachricht reagiert?

King: Es erzeugte tatsächlich ein Gefühl der Bescheidenheit in mir. Aber ich möchte glauben, dass die Auszeichnung keine persönliche ist, sondern eine, die sich an die gesamte Freiheitsbewegung und die Ehrbaren beider Rassen richtet, die mich auf dem Weg zu den Bürgerrechten begleiten, und die den amerikanischen Traum Realität werden lassen. Ich denke, dass diese international anerkannte Auszeichnung noch mehr Aufmerksamkeit auf unseren Kampf lenken wird, dass sie noch größere Sympathie und Verständnis für unsere Sachen wecken wird, bei Menschen in der ganzen Welt. Ich möchte glauben, dass die Auszeichnung symbolisch den Edelmut, die Tapferkeit und die beeindruckende Disziplin des amerikanischen Negro bezeugt. Denn diese Auszeichnung hat er sich wirklich verdient. Obwohl es zu Ausschreitungen kam, wäre das Blutvergießen, das wir ohne die Methode der Gewaltlosigkeit erlebt hätten, zutiefst verängstigend gewesen. Ich weiß, dass viele Weiße glauben, dass die Bürgerrechtsbewegung außer Kontrolle gerät. Das mag ihnen Sicherheit geben. Es mag ihre Augen dafür öffnen, dass es sich im Grunde um einen methodischen Kampf handelt. Es mag ihnen die Bedeutung unseres Kampfes näherbringen. Es mag ihnen zeigen, dass ein großartiger Kampf für die menschliche Freiheit im Rahmen einer demokratischen Gesellschaft stattfinden kann.

Playboy: Glauben Sie, dass dieses Ziel noch solange Sie leben, erreicht werden wird?

King: Ich gebe zu, dass ich nicht glaube, dass dieser Tag in naher Zukunft kommt. Die Auffassung von Überlegenheit ist ein großer Teil der weißen Gesellschaft, dass es viele Jahre dauern wird, bis Hautfarbe kein wertender Faktor mehr ist. Aber es ist sicherlich meine Hoffnung und mein Traum. Es ist auf jeden Fall das Fundament meines Glaubens, dass wir in Zukunft irgendwann eine gänzlich vereinte Gesellschaft schaffen. Ich glaube, dass wir uns vor dem Jahrhundertwechsel, wenn wir weiter in die Richtung schauen, ein großes Stückchen auf eine solche Gesellschaft zubewegt haben.

Playboy: Wollen Sie den Rest Ihres Leben der Negro-Angelegenheit widmen?

King: Wenn es sein muss, ja. Aber ich träume von dem Tag, an dem die Anforderungen, die momentan an mich gestellt werden, stark zurückgehen. Ich würde sagen, dass ich jedoch in den nächsten fünf Jahren nicht auf Entspannung hoffen kann weder im Süden noch im Norden. Danach hoffe ich, dass die Dinge ein wenig zur Ruhe kommen.

Playboy: Wenn sie das sollten, was haben Sie dann vor?

King: Nun, auf der einen Seite träumte ich davon, einige Jahre als Pastor zu arbeiten. Und danach träumte ich davon, an der Universität Theologie zu lehren. Aber das gab ich alles auf, als ich mich dem Kampf für Bürgerrechte voll widmete. Vielleicht in ungefähr fünf Jahren, wenn die Anforderungen an mich gesunken sind, werde ich die Möglichkeit haben, um diesen Traum wahr werden zu lassen.

Playboy: Währenddessen sind Sie nun der überall anerkannte Anführer der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und Hauptsprecher der 20.000.000 Negros der Nation. Gibt es Momente, in denen Sie in voller Ehrfurcht vor dieser Bürde an Verantwortung stehen und sich den Anforderungen nicht gewachsen fühlen?

King: Man kann sich nicht in meiner Rolle befinden, wo einige von mir erwarten, sie anzuführen und zu leiten, ohne dauerhaft an die unglaubliche Verantwortung erinnert zu werden. Ich lebe in einer tiefen Sorge: Treffe ich die richtigen Entscheidungen? Manchmal bin ich unsicher und muss um Rat fragen. Ich erinnere mich an einen Morgen im Gefängnis von Birmingham, in Einzelhaft, als es nicht mal meinen Anwälten erlaubt war, mich zu besuchen und ich mich in einem verzweifelten Albtraum befand. Die wirkliche Zukunft unserer Bewegung hing in der Luft. Die gesamte Zukunft unserer Bewegung war abhängig von der Entwicklung schlechter Ereignisse, über die ich dort keine Kontrolle hatte, hier, völlig isoliert in einem stockdunklen Folterkeller. Das war ungefähr 10 Tage, nachdem unsere Demonstrationen in Birmingham begonnen hatten. Mehr als 400 unserer Anhänger sind ins Gefängnis gekommen. Einige hatte man frei gekauft, aber wir hatten unser ganzes Geld für Kautionen aufgebraucht und ungefähr 300 waren noch im Gefängnis. Und ich fühlte mich persönlich dafür verantwortlich. Zu diesem Zeitpunkt rief Präsident Kennedy meine Frau Coretta an. Danach verbesserten sich meine Gefängnisbedingungen und am darauffolgenden Sonntagnachmittag es war Ostersonntag  erhielten zwei S.C.L.C.-Anwälte die Erlaubnis mich zu besuchen. Am nächsten Tag erreichte mich die Nachricht aus New York, dass Harry Belafonte 50.000$ gesammelt hatte, die unverzüglich für Kautionen zur Verfügung standen, und dass er sammeln würde, sollte mehr nötig sein. Ich kann nicht ausdrücken, was ich fühlte, aber ich wusste in diesem Moment, dass Gott mich nie verlassen hatte, dass Er immer bei mir war, dort, in der Einzelhaft.

Ich unterzog mich der Selbstreinigung und endloser Selbstkritik. Ich frage und kehre ständig in mich, um so sicher zu sein, wie ich nur kann, dass ich die wahre Aufgabe meiner Arbeit vollbringe, dass ich meinen Zweck verfolge, dass ich an Idealen festhalte, dass ich meine Leute in die Richtung führe. Aber egal, welche Zweifel ich hege, wie schwer auch immer die Last ist, fühle ich, dass ich die Aufgabe akzeptieren muss, um zu helfen, dass diese Nation und diese Welt zu einem besseren Ort für alle Menschen, Schwarze und Weiße, wird.

Ich werde niemals den Moment in Birmingham vergessen, als ein weißer Polizist eine kleines Negro-Mädchen im Alter von 7 oder 8 Jahren anpöbelte, das mit seiner Mutter bei der Demonstration war. „Was willst du?“ fragte der Polizist böse und das kleine Mädchen schaute ihm direkt in die Augen und antwortete: „Freiheit.“ Sie konnte es nicht mal aussprechen. Aber sie wusste, dass es schön war! Oft, wenn ich mich in ausweglosen Situationen befand, habe ich an die Kleine gedacht und das hat mir Kraft gegeben.

Eine ähnliche Situationen ist mir vor nicht allzu langer Zeit passiert, als ich in acht Gemeinden des Staates Mississippi auf Tour war. Und ich habe seitdem eine klare Vorstellung von den Mittellosen und Ungebildeten, und von ihren Gesichtsausdrücken, die eine tiefe und tapfere Entschlossenheit widerspiegelten, die Vergangenheit abzustreifen und freie Menschen zu werden. Ich heiße die Möglichkeit willkommen, ein Teil dieses Schauspiels zu sein, denn es handelt sich um ein Schauspiel, das das Schicksal Amerikas entscheiden wird. Wenn dieses Problem nicht gelöst wird, ist Amerika auf dem Weg zu seiner eigenen Selbstzerstörung. Aber wenn es gelöst wird, dann befindet sich Amerika auf dem Königsweg zur Verwirklichung der Träume der Gründerväter, die da schrieben: „Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich ...“

Interview: Alex Haley

 

 

Autor: Playboy Redaktion, Playboy Deutschland
Die Geschichte von Chris Hondros - Trailer
Newsletter

Jede Woche neu:
die spannendsten Themen,
die schönsten Frauen

Jede Woche neu: die spannendsten Themen, die schönsten Frauen

The was an error. Please try again later.