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Wir laden schonmal das nächste Girl für Sie!

Peter Lustig ist tot

Uns verriet er, was auf seinem Grabstein stehen soll

"Meine letzten Worte? Hm, ich glaube, ich würde die Schnauze halten"

Peter Lustig sprach mit uns 2008 über das Mysterium Frau, seine Dialoge mit Geheimrat Goethe — und den einzig sinnigen Satz auf seinem Grabstein. Nun ist der Welterklärer im Alter von 78 Jahren gestorben

Neblige Weiten, Windräder, Reetdächer: Wer den Helden seiner Kindheit treffen will, muss weit in den Norden Deutschlands reisen. Hier, bei Husum, lebt Peter Lustig. Der Mann, der „Löwenzahn“ machte. Der erste TV-Superstar für alle, die heute zwischen 20 und 40 Jahre alt sind. Über die bekannteste Glatze des deutschen Kinderfernsehens hat Lustig eine Wollmütze gestülpt. Er ist tatsächlich genau so, wie er immer war. Er empfängt uns mit Latzhose und Schraubenzieher in der Brusttasche. Nur der Bauwagen und Nachbar Paschulke fehlen.

Playboy: Herr Lustig, wie erklärt uns „Löwenzahn“ die Liebe?
Lustig: Hui. Die Liebe ist etwas Positives, etwas Mitfühlendes. Jedenfalls ist sie nicht selektiv. Man kann eine innige Beziehung zu allem um sich herum haben. Nicht nur zum anderen Geschlecht, sondern auch zu einem Mikrofon, zu einer Tabaksdose — zu allem. Es gibt mehrere Milliarden Frauen auf der Welt, darunter ist bestimmt die eine oder andere, die ich genauso lieben würde wie meine Frau. Aber die habe ich ja nie getroffen. Nicht, dass ich deshalb traurig bin.

Playboy: Und wie erklärt uns „Löwenzahn“ die Frau?
Lustig: Das ist leicht. Denn ein Mann kann eine Frau nicht erklären. Das ist ein so unverständliches Wesen. Ich kann Ihnen die komplizierteste Maschine erklären oder eine mathematische Gleichung besonderen Grades, aber keine Frau.

Playboy: Nicht einmal ein bisschen?
Lustig: Nein. Gott sei Dank, denn sonst wäre es ja langweilig. Man kann die Frauen nicht verstehen. Ich hoffe ja, dass wir Männer für Frauen genauso unverständlich sind, aber ich habe den Eindruck, dass das nicht so ist.

Playboy: Haben die Frauen Verständnis für Ihre oft unkonventionelle Kleidung?
Lustig: Ach, ich habe ja meine erste Frau mit zwei verschiedenen Socken kennen gelernt. Sie hat mich dann dazu gebracht, zwei gleiche anzuziehen. Ich habe überhaupt viel durch Frauen gelernt. Diese erste Frau hat mir auch beigebracht, regelmäßig eine Zeitung zu lesen. Impulse, die uns die Frauen geben, sind immer die stärksten.

Playboy: Hatten Sie jemals richtig Liebeskummer?
Lustig: Natürlich. Ich bin mal mit dem Auto quer durch den Grunewald hin und her gefahren, die ganze Nacht. Immer mit dem Gedanken: Fährst du nun gegen den Baum oder nicht? So etwas zu überstehen, das gibt Hornhaut auf der Seele.

Playboy: Wie haben Sie die Frau fürs Leben gefunden?
Lustig: Gab's nicht. Das Leben ändert sich doch ständig. Und darum habe ich in meinen drei verschiedenen Phasen des Lebens drei verschiedene Frauen gehabt. Aber noch mal werde ich nicht wechseln. Ich hoffe, meine Frau auch nicht.

"Auf meinem Grabstein soll stehen: ‚Jetzt weiß er alles‘ "

Peter Lustig

Playboy: Von den Frauen mal abgesehen, scheinen Sie auf fast alles eine Antwort zu haben. Woher wissen Sie so viel?
Lustig: Die Leute denken immer: „Frag den Lustig, der weiß alles.“ Kein Stück weiß der Lustig! Oder jedenfalls nur das, was er mal in seiner Sendung gebracht hat.

Playboy: Haben Sie mal Ihren IQ messen lassen?
Lustig: Niemals! Da hätte ich Bammel vor. Am Ende bleibt eine Zahl übrig, die sagt, ob ich doof bin oder nicht.

Playboy: Für ganze Generationen waren Sie ein Vorbild. War das je eine Belastung für Sie?
Lustig: Ja. Denn ich gehe gerne mal bei Rot über die Ampel — wenn kein Auto kommt. Ich würde auch gerne mal in der Nase bohren, aber das geht nicht, weil alle dann sagen: Der Lustig bohrt sich in der Nase.

Playboy: Wer waren Ihre Vorbilder?
Lustig: Begnadete Bastler wie Leonardo da Vinci. Und Pooh, der Bär.

Playboy: Pooh, der Bär?
Lustig: Haben Sie das Buch gelesen?

Playboy: Mit zwölf Jahren vielleicht.
Lustig: An Ihrer Stelle würde ich es noch mal lesen. Dann weiß man mehr. Denn Pooh ist ein Taoist. Der ist ein ziemlich erleuchtetes Vieh. Im Grunde sollte man dahin kommen zu sagen: Ich will sein wie dieser Bär. Der lebt mit seinen Freunden, Esel und Ferkel, im Wald, und Ferkel ist immer ängstlich und Esel immer mürrisch. Aber Pooh, der ist einfach. Das ist buddhistisch. Taoistisch. In diese Richtung muss man denken. Er sagt selbst von sich: „Ich bin ein Bär von einfachem Verstand.“ Ich bemühe mich, so etwas auch von mir sagen zu können.

Playboy: War das Ende von „Löwenzahn“ ein Schritt in diese Richtung, hin zum buddhistischen Bären?
Lustig: Es ist schön, dass ich morgens nicht mehr um acht dahin tapern muss. Andererseits fehlte mir anfangs der Druck. Nun geht's wieder, aber nachdem ich aufgehört hatte, kam dieses Gefühl: Braucht man mich nicht mehr? Es ruft ja keiner an. Aber ich konnte niemandem die Schuld geben, ich hatte ja von mir aus aufgehört. Die waren alle ziemlich bedröppelt, als ich sagte: „Ich kann körperlich nicht mehr.“

Playboy: Wie lange haben Sie sich mit dem Gedanken ans Aufhören beschäftigt?
Lustig: Vielleicht einen Monat.

Playboy: Nur einen Monat, um etwas zu beenden, das Sie 25 Jahre lang gemacht haben?
Lustig: Ja. Vielleicht habe ich es vorher auch weggeschoben, mich hingeschleppt und gesagt: „Es muss gehen.“ Wobei es ja eh ein Wunder war, dass ich nach meinen Operationen wieder drehen konnte. Selbst als ich mit meiner Krebserkrankung in der Klinik lag, habe ich mich immer wieder rausgeschlichen, um ein paar Folgen zu drehen. Das war Ende der achtziger Jahre. Das hat mich am Leben gehalten.

Playboy: „Löwenzahn“ hat Sie also auch ein bisschen gesund gemacht?
Lustig: Ganz bestimmt. Ich konnte planen und meine Texte schreiben, mich ablenken. Wenn ich einen normalen Job gehabt hätte — ich weiß nicht, ob ich das überlebt hätte.

Playboy: Sie haben im September 2007 das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen. Wo bewahren Sie es auf?
Lustig: In meiner Schreibtischschublade. Was soll man sonst damit anfangen?

Playboy: Es tragen.
Lustig: Nein. Ich habe dazu keine Gelegenheit. Das Kreuz darf man sich ja nur im richtigen Outfit umhängen und zu einem gegebenen Anlass.

Playboy: Besitzen Sie einen Smoking?
Lustig: Nein. Einen Konfirmandenanzug habe ich noch, nur keine Anlässe, ihn zu tragen. Und wenn ich einen hätte, würde ich nicht hingehen, wenn ich mich so verkleiden müsste.

Playboy: Was war Ihr erster Gedanke, als Sie von der Ehrung erfuhren?
Lustig: Ich habe mich erst gewundert, dann gefreut: „Ist doch hübsch, dass der Herr Köhler findet, dass ich das haben soll.“ Er kannte mich sogar. Ein sehr netter Mensch, sehr sympathisch.

Playboy: Worüber haben Sie mit ihm gesprochen?
Lustig: Ich habe gesagt: „Herr Köhler, ich würde ja gerne sehen, dass Sie Kanzler würden. Nun machen Sie mal.“ Da hat er nur gelacht und sagte: „Um Gottes willen, nein.“

Playboy: Sie unterscheiben Autogrammkarten auch mal mit „Saddam Lustig“ ...
Lustig: ... (lacht) Ich mache das nur für das ZDF, damit sich die Redakteure nicht langweilen. Dann müssen die den ganzen Stapel Autogrammkarten, den sie von mir unterschrieben bekommen haben, ganz genau durchsehen, ob sich nicht so ein „Fehldruck“ eingeschlichen hat.

Playboy: Was haben Sie denen denn noch so reingemischt?
Lustig: Och, weiß der Teufel. Alles. Von Rasputin bis Stalin bis Lumumba.

Playboy: Sie unterhalten sich im Geiste angeblich auch mit Goethe. Wie sieht so ein Dialog aus?
Lustig: Goethe hilft mir sehr, wenn ich überlege, wie ich etwas erklären soll. Wenn ich Auto fahre und mir langweilig ist, stelle ich mir vor, dass Goethe neben mir sitzt. Dann sitzt er da, der Geheimrat, und fragt die unmöglichsten Sachen. „Da kommt aus einem kleinen Kästchen Musik heraus und, überhaupt, die Kutsche fährt ohne Pferde! Wie geht das? Erkläre er es mir!“ Das war meine Übung während der ganzen Zeit von „Löwenzahn“.

Playboy: Latzhose, Bauwagen, basteln. Man denkt: „Der Peter Lustig ist ein ganz aktiver Grüner.“ Aber stimmt das auch?
Lustig: Das sind Klischees, weil „Löwenzahn“ ein wenig ökologisch ausgerichtet war und die Leute dachten: „Hm, das ist ein Müsli.“ Blödsinn. Einmal saß ich im Lokal, habe ein Steak bestellt, da kam es vom Nebentisch: „Herr Lustig! Das hätte ich nicht von Ihnen gedacht.“

Playboy: Was tun Sie dann für den Umweltschutz?
Lustig: Ich verwende Sparlampen und fahre einen Smart. Wenn das nichts ist.

Playboy: Nachdem Sie sich mit so vielen Erfindungen beschäftigt haben, welche ist die wichtigste der Menschheitsgeschichte?
Lustig: Na, das Rad. Das Fernsehen auf jeden Fall nicht. Ich sehe nicht viel fern.

Playboy: Auch die neuen „Löwenzahn“-Folgen gucken Sie nicht?
Lustig: Nein. Sonst kriege ich noch Heimweh nach meinem Bauwagen.

Playboy: Wir lesen in den Zeitungen immer häufiger von verwahrlosten, sogar von verhungerten Kindern. Brauchen wir eine Art Eltern-Führerschein?
Lustig: Ja, das wäre toll. Dafür plädiere ich schon seit Längerem. Ein Auto darf man nur fahren, wenn man eine Prüfung gemacht hat. Ein Kind verderben darf jeder.

Playboy: Was sagt der Umgang mit Kindern über unsere Gesellschaft aus?
Lustig: Dass sie zerbröselt. Denn wenn die Alten wegsterben, was haben wir denn dann? Die Produkte dieser ungenügenden Erziehung. Da wird kein Wissen mehr weitergegeben, keine Ethik, keine Moral. Und da hilft es auch nicht, an Familien Kindergeld zu zahlen, die sich davon dann einen neuen DVD-Player kaufen. Die Kinder brauchen eine andere Politik, bessere Schulen, bessere Bildungsmöglichkeiten. Früher hatte man eine dufte Großfamilie, da war ein Rahmen da. Heutzutage ist der Rahmen flöten gegangen.

Playboy: Macht Sie das wütend?
Lustig: Nein. Trauer und Resignation trifft es besser. Denn was soll aus einem Staat werden, in dem die Menschen in ihrem Privatleben nicht mehr funktionieren? Darum bin ich froh, dass ich in ein paar Jahren nicht mehr da bin.

Playboy: Waren Sie denn immer ein guter Vater?
Lustig: Soweit ich eben konnte. In der Zeit, als mein Sohn in einem erziehbaren Alter war, lag ich mehr oder weniger dauernd im Krankenhaus. Ich konnte mich gar nicht so um ihn kümmern, aber ich habe jetzt eine sehr gute Beziehung zu ihm.

Playboy: Haben Sie ihm jemals eine Ohrfeige gegeben?
Lustig: Nie, nicht mal im Affekt. Ich war schon mal sauer auf ihn. Aber mit Gewalt irgendwas durchsetzen, das hat mir nie gelegen.

Playboy: Gibt es Situationen, in denen Sie Gewalt befürworten würden?
Lustig: Ich bin kein Pazifist. Wenn ich angegriffen werde, würde ich mich verteidigen. Auch mit Waffengewalt. Denn ich finde mich einigermaßen wertvoll, und ich möchte am Leben bleiben.

Playboy: Sie haben kürzlich Ihren 70. Geburtstag gefeiert. Hatten Sie Angst, Sie könnten ihn nicht mehr erleben?
Lustig: Sehr oft sogar. Das war ja schon Ende der Achtzigerjahre, als auch die Ärzte keinen Pfifferling mehr auf mich gegeben haben. Und mein alter Professor wundert sich immer, dass ich noch lebe. Ich besuche ihn jedes Jahr. Der hat mich damals ein paar Mal operiert in Berlin und mir gesagt: „Herr Lustig, das wird nichts mehr.“ Ich hatte schon ziemlich abgeschlossen. Und er auch. Da haben wir gewettet. Ich sagte: „Wetten, das wird doch.“ Um eine gute Flasche Rotwein.

Playboy: Haben Sie die Flasche denn auch bekommen?
Lustig: Nein, aber ich schenke ihm jedes Jahr eine Flasche. Er hat nun mal genial geschnippelt. Es war eine ganz besondere Operation, ich hatte nur noch eine halbe Lunge, ein Loch in der Luftröhre und in der Speiseröhre.

Playboy: Glauben Sie an Gott?
Lustig: Glauben liegt mir nicht. Ich glaube, dass die Sonne morgen wieder aufgeht. Aber glauben an eine Macht, die uns führt, ist nicht mein Ding. Aber ich will deshalb nicht sagen, dass ich ein Atheist bin. Also, wenn mich einer fragt, sage ich immer: „Ich bin ein Taoist. Ich bin Pooh.“

Playboy: Haben Sie Angst vor dem Tod?
Lustig: Eher vor dem Sterben, nicht vor dem Tod. Der gehört doch mit dazu, wie die Geburt. Nur die Art des Todes, das kann auch schiefgehen. Aber da denke ich jetzt nicht daran. Wir werden ja sehen.

Playboy: Rauchen Sie noch?
Lustig: Nein.

Playboy: Aber damals, nach der Operation, rauchten Sie wieder.
Lustig: Ja.

Playboy: Ziemlich unvernünftig ...
Lustig: ... hat der Professor auch gemeint. Aber ich habe mir immer gesagt: „Zweimal kriegt man doch nicht Lungenkrebs.“ Eines Tages hat es mir dann einfach nicht mehr geschmeckt.

Playboy: Was wären Ihre letzten Worte?
Lustig: Ach Gottchen, ich bin ja noch nicht tot. Hm, ich glaube, ich würde die Schnauze halten.

Playboy: Das ganze Leben lang geredet und dann die Schnauze halten?
Lustig: Ja, soll ich in dem Moment, wo ich mich verabschiede von der Welt, noch irgendwo rumreden? Da bin ich kein Moderator mehr. Ich hätte auch keine Message weiterzugeben. Bloß weil ich auf dem Sterbebett liege, ist die nicht mehr wert.

Playboy: Was soll denn auf Ihrem Grabstein stehen?
Lustig: „Wer liegt da?“ Nein. „Jetzt erklärt er endlich mal nicht mehr“, „Jetzt ist er endlich still“. Oder: „Jetzt weiß er alles“. Ja, das ist es! Das ist gut.

Playboy: Jetzt weiß er alles — bis auf das mit den Frauen ...
Lustig: Vielleicht weiß er das dann ja auch.

Autor: Detlef Dreßlein
Autor: Tim Gutke
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