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Boxkämpfe mit blanken Fäusten

Die harte Halbwelt der Bareknuckle-Fighter

Mit bloßen Händen

Boxkämpfe mit blanken Fäusten gibt es nur in britischen Gangsterfilmen? Dachten wir auch. Dann schickten wir unseren Reporter nach England, und er tauchte ein in die harte Halbwelt der Bareknuckle-
Fighter

Das Biest

Kapitel 1

Die Welt der Bareknuckle-Boxer, der Männer, die ihre Kämpfe mit blanken Fäusten austragen, ist ein schummriger Ort. Durchzogen vom Dunst aus Schweiß und Bier, umweht vom Ruch des Illegalen, regiert von harten Kerlen, undurchsichtigen Typen, gewieften Geschäftsmännern und deren Fehden, Freundschaften und Absprachen. Aber diese bislang so lichtscheue Szene ist dabei, sich zu öffnen. Einige ihrer Größen wollen es so. Und wer versucht, die Gründe dafür zu erfahren und ihre Welt auszuleuchten, beginnt seine Reise am besten mit einem Besuch bei dem Mann, den sie „Das Biest“ nennen. 

Holmfirth, ein idyllisches englisches Dorf, etwa 40 Kilometer östlich von Manchester. Am Bach neben der Kirche füttern Kinder die Enten, ein Poster wirbt für das anstehende Folk-Music-Festival. Kein Ort, an dem man einen Mann namens „Biest“ vermuten würde. Aber zum Treffpunkt steht er pünktlich in der Tür seines Stammpubs „Postcard Inn“. Zerfurchte Stirn, zugeschwollene Augenhöhlen, knollige Nase. Sein Händedruck: eine raue Pranke, die sanft zugreift. „Ich mag keine festen Handschläge“, sagt er, „das schmerzt, zu viele schlecht verheilte Brüche. Was willst du trinken?“

Für einen Mann, der sich einen Namen damit gemacht hat, einigen von Englands härtesten Männern in mal mehr, mal weniger legalen Kämpfen mit bloßen Fäusten Kiefer, Nasen und Rippen zu brechen, wirkt er überraschend mild. Sein echter Name: Dave Radford. Er ist 46 Jahre alt, arbeitet auf dem Bau und lebt in einem Wohnwagen auf dem örtlichen Campingplatz. „56 Pfund pro Woche inklusive Strom“, sagt er und lächelt zufrieden, während er sich auf eine Couch fallen lässt. 

Ein paar Meter von ihm entfernt hängt über dem Kamin ein Foto: Es zeigt ihn Arm in Arm mit einem bärtigen Hünen, beide blutüberströmt, die Gesichter zerschlagen, doch in den Augen Stolz
und Erschöpfung. „Das sind James
McCrory und ich nach unserem zweiten Fight“, sagt Dave. Ein Kampf, der die beiden zu Legenden der Bareknuckle-Welt machte.

Dave stammt aus Hemsworth, einer Kleinstadt, eine halbe Autostunde entfernt. Kein schöner Ort. Geschlossene Minen, arbeitslose Männer, Samstagabende, deren Highlight die Schlägerei vor dem Pub ist. Mit 16 fing er an, Männer, die ihm oder seiner Familie Probleme machten, mit den Fäusten zu „disziplinieren“, wie er es nennt. Später wurde er Boxer, 28 Profi-Kämpfe, darunter 1997 ein Fight gegen den mehrfachen Weltmeister Roberto Durán. Er verlor ihn, aber viele sagten Dave eine respektable Karriere voraus – bis der Unfall geschah: Bei der Arbeit in einem Schacht fiel ein tonnenschweres Metallgestell auf ihn herab und brach ihm Schulterbein, Kiefer, zwei Rippen und sechs Wirbel. Weil der Boxverband ihm danach wegen der schweren Verletzungen keine Lizenz mehr geben wollte, bedeutete der Unfall das Ende seiner Ring-Laufbahn – und den Beginn seiner Bareknuckle-Karriere. „Ich konnte nicht einfach aufhören zu kämpfen, für mich ist das wie eine Sucht.“ Er zog die Handschuhe aus und ging  in den Untergrund.

Der Schauplatz seines ersten Bare-knuckle-Fights: eine mit Kuhfladen übersäte Wiese neben einer Farm. Etwa ein Dutzend Männer sahen zu, als er einen stiernackigen, fleischigen Kerl namens „Leicester Bulldog“ in einem kurzen Kampf ausknockte. Gerade mal 500 Pfund, etwa 700 Euro, bekam er für den Sieg. Doch Dave hatte Blut geleckt. Es folgten weitere Siege, er machte sich einen Namen in der Szene. Und dann, im Januar 2013, stand ihm in einer schäbigen Hinterhofbar in Leicester zum ersten Mal dieser zottelige Typ aus Newcastle gegenüber: James McCrory, den sie „Gypsy Boy“ (Zigeunerjunge) nennen. 

Dave holt sein Handy heraus und zeigt ein verwackeltes Video: James McCrory steht in einem Pub und singt ein irisches Volkslied. „Das war hier im ‚Postcard‘. Er hat mich letztes Jahr ein paar Tage besucht. Ich liebe den Kerl. Aber Mann, haben wir uns schon Schmerzen zugefügt!“

Nachdem Dave das erste Duell verloren hatte – er musste aufgeben, weil seine Augen so zuschwollen, dass er blind in James’ Fäuste rannte –, wurde die Revanche zu einem Kampf, den viele für einen der besten Bareknuckle-Fights überhaupt halten: eine erbarmungslose etwa zehnminütige Keilerei, die damit endete, dass Dave die Welt um sich herum nur noch wie durch einen Schleier wahrnahm – und beschloss, den Abend überleben zu wollen. Das Resultat: zwei gebrochene Hände und eine Augenhöhlenfraktur bei Dave, eine gebrochene Nase und ein angeknackstes Jochbein bei James.

„Wir haben uns danach geschworen, nie mehr gegeneinander anzutreten“, sagt Dave. „Es sei denn, jemand zahlt 10.000 Pfund für den Kampf, was eine absolute Fantasiesumme ist.“ Etwa 14.000 Euro also, ein Wahnsinn, niemand würde das zahlen. Doch dann, vor wenigen Monaten, kam der Anruf eines Promoters. „Tja, und jetzt sitze ich hier und trinke seit einer Woche nur noch dieses Zeug.“ Dave deutet auf das Glas Wasser vor ihm. Der Kampf „Das Biest“ versus „Gypsy Boy,“ Teil drei, das große Finale – er findet übermorgen statt.

Der Promoter 

Kapitel 2

"10.000 Pfund? Ja, stimmt, aber schreib das nicht rein. Obwohl . . . schreib’s doch rein, dann wissen alle wo’s langgeht.“ Der Mann, der das sagt, heißt Joe Brown, ist 42 Jahre alt, hat ein schmales, markantes Gesicht und war von Beruf Buchhalter, bevor er ins Bareknuckle-Geschäft einstieg. Brown ist Promoter, er organisiert Kämpfe. Und damit ist er in jüngerer Zeit ziemlich erfolgreich. Seit Jahren wächst die britische Bareknuckle-Szene kontinuierlich. Immer mehr Promotions, winzige Boxställe, sprießen aus dem sumpfigen Boden der Bareknuckle-Welt. Die wohl bekannteste unter ihnen heißt „Bbad“, sie gehört Brown, und er hat Großes mit ihr vor: Brown will Bareknuckle-
Boxen zu einem Mainstream-Sport machen.

Boxen ohne Handschuhe, das war in England, dem Heimatland des modernen Boxsports, bis Ende des 19. Jahrhunderts der Normalfall. Als jedoch 1892 mit der Einführung der bis heute gültigen Queensberry-Regeln das Tragen von Boxhandschuhen zur Pflicht wurde, verschwand das Bareknuckle-Boxen in den Untergrund. In Scheunen, Hinterhöfen, abseits der Rummelplätze: Dort fanden die Kämpfe weiterhin statt. Unter den britischen „Gypsies“ haben sie eine lange Tradition, es geht um Geld, Wetten, Ehre. Manche Clans tragen seit Generationen andauernde Familienfehden auf diese Weise aus. Aber auch in der britischen Unterwelt wurden Bare-knuckle-Kämpfe arrangiert, und wenn man beispielsweise der Autobiografie der Szene-Legende Lenny McLean glauben  darf, endeten diese bisweilen tödlich. Bis heute finden unlizenzierte Kämpfe statt, und bis heute sind sie illegal: Wer seinen Gegner verletzt, muss rechtlich mit denselben Konsequenzen rechnen wie jemand, der bei einer Pub-Prügelei zugeschlagen hat. Da macht die Polizei keinen Unterschied. Am besten, sie erfährt gar nicht erst davon. Also wird oft im Geheimen gekämpft vor einer Hand voll Eingeweihter.  

„Bareknuckle hat ein riesiges Zuschauerpotenzial“, sagt Promoter Brown. „Wenn Tyson früher angriff, riss es dich kurz vom Stuhl, oder? Beim Bareknuckle hast du nur das! Jede Sekunde Vollgas. Das lieben die Leute, glaub mir. Aber damit sie es sehen können, müssen wir es legal machen.“ Vor einem Jahr hat Brown begonnen, legale Bareknuckle-Kampfabende zu organisieren, mit Box-
ringen, klaren Regeln, Ringrichtern, Sanitätern, eingeweihter Polizei. Jetzt steht sein bislang größter Event an. Er hat ein Luxushotel in Nottingham gebucht: blanke Fäuste unter Kronleuchtern, das Untergrund-Spektakel als Hochglanz-Event. Rund
500 Tickets will er verkaufen, für 70 Euro das Stück, eine Live-Übertragung ins Internet für Pay-per-View-Kunden ist geplant, und der Polizeichef von Nottingham hat sich als VIP-Gast angekündigt. 

Es ist ein großes und riskantes Vorhaben, das Brown da angeht. Deshalb griff er vor einigen Monaten zum Hörer und sicherte sich einen Kampf, der Zuschauer anlockt und ein Spektakel verspricht: das finale Duell zwischen Dave und James. Ein guter Plan, eine kluge Investition. Bleibt nur eine Frage: Taucht James McCrory auch wirklich auf? Und wenn ja: in welchem Zustand?

Gypsy Boy

Kapitel 3

 Es gibt diese Geschichte über James „Gypsy Boy“ McCrory, die sein Genie und seinen Wahnsinn auf den Punkt bringt: Im März 2014 wartete eine aufgeheizte Meute von etwa 300 Männern in einem Haus in Süd-London darauf, dass James gegen einen speziell eingeflogenen Amerikaner kämpfte. Es sollte der erste, wenn auch inoffizielle, transatlantische Titelfight im Bareknuckle-Boxen seit 150 Jahren werden. Ein historischer Abend. Aber James – tauchte einfach nicht auf. Niemand wusste, wo er steckte. Gerüchte, er habe gekniffen, machten die Runde. Doch dann, mit über zwei Stunden Verspätung, stand er plötzlich in der Tür: ein betrunkener bärtiger Koloss im Newcastle-United-Trikot. Als der Kampf schließlich begann, kassierte 

James schlimme Prügel, fiel aus dem mit Heuballen abgegrenzten Ring, ging später zu Boden – und schlug den Amerikaner plötzlich mit einem linken Haken K. o. 

James McCrory in den Tagen vor seinem Kampf gegen Dave aufspüren zu wollen ist, als hänge man in einer endlosen Telefonwarteschleife: Dauernd verspricht einem jemand, bald mit der gewünschten Person sprechen zu können, aber weiter kommt man einfach nicht. Dann gibt es plötzlich einen Treffpunkt: eine menschenleere Kreuzung im Niemandsland, sechs Kilometer außerhalb von Bradford. Ein paar kleine graue Häuser stehen dort, eine mit Spinnweben überzogene rote Telefonzelle und grasende Schafe. Irgendwann fährt ein blaues SUV vor, die Beifahrertür geht auf, ein großer, wuchtiger Kerl steigt aus, spuckt auf den Boden und grinst: James.

Fünf Minuten später sitzen wir in einem mit Klamotten übersäten Zimmer in einem der Häuser an der Kreuzung. Gemeinsam mit zwei Freunden – einer von ihnen hat den Körperbau Mike Tysons – wohnt James hier. „Aber erst seit einigen Wochen“, sagt er, „ich wollte aus Newcastle weg, zu viele Probleme da oben.“ Was für Probleme? „Verschiedenes. Ich kann ein gefährlicher Mann sein. Und ich kann ein gefährlicher Mann für mich selbst sein. Ich muss auf mich aufpassen. Die Ruhe hier tut mir gut.“

Anders, als es sein Kampfname vermuten lässt, ist James, 32, kein Gypsy. Er wuchs in Newcastle auf, Sozialwohnungssiedlung, schwere Jugend. „Wenn ich die Schule geschwänzt habe und mein Vater das rausfand, wurde er immer so sauer, dass er eine Flasche Whiskey aufmachte – er trank ziemlich viele davon.“ Mit zehn begann James zu boxen, wenig später nahm sein Vater ihn zum ersten Mal mit auf den Bau. Ob er zurzeit einen Job habe? „Ich treibe ein bisschen Schulden ein, ansonsten dies und das.“   

James steht auf und geht in die Küche. Als er mit einem Stück Pizza in der Hand zurückkommt, erkundigt er sich nach Dave. „Er ist ein Top-Kerl, ein echter Freund. Aber unser zweiter Fight hat mich bestimmt fünf Jahre meiner Karriere gekostet.“ Und dann erzählt er, weshalb er den Kampf gegen den Amerikaner im März 2014 fast verpasst hätte: „Ich hatte Dave in Holmfirth besucht, vier Tage im Pub, ich hatte sicher 150 Guinness. Irgendwann meinte ein Typ: Kämpfst du nicht heute gegen diesen Amerikaner? Und ich: Das ist doch erst morgen, oder? Verdammt . . .!“

Auf seinen aktuell anstehenden Kampf ist er besser vorbereitet. Wie Dave hat er wochenlang im Gym trainiert, dazu ein-, zweimal die Woche gesparrt. „Aber eigentlich ist mir fast egal, wer gewinnt. Die Kohle teilen wir uns eh, das haben Dave und ich abgemacht. Ein Teil von mir wünscht sich fast, dass Dave gewinnt – aber der andere sagt: Ich werde nicht verlieren.“

Das Fest

Kapitel 4

Das „Colwick Hall Hotel“ in der Nähe von Nottingham, 200 Jahre alt, parkähnliche Grünanlagen, ein Hochzeits-paradies für Betuchte, bietet an diesem Nachmittag einen bizarren Kontrast zu seinen Gästen. Tätowierte Kerle in T-Shirts unterhalten sich vor dem Springbrunnen, glatzköpfige Muskelpakete in Anzügen trinken in stuckverzierten Salons ihr Bier. Dazwischen: einige aufwendig zurechtgemachte Frauen, die man nicht allzu lang ansehen sollte, weil sie garantiert zu jemandem gehören, mit dem man keinen Ärger haben will.

Am frühen Abend beginnen in einem großen weißen Festzelt im Garten die ersten, nach Gewichtsklassen zusammengestellten Kämpfe. Sie finden in der Mitte des Zeltes in einem Boxring statt. Wie von der Leine gelassene Hunde gehen die Männer aufeinander los. Atemlose Schlägereien, bei denen immer wieder das schwer verkraftbare, krachend-knacksende Geräusch zu hören ist, das entsteht, wenn eine blanke Faust in ein Gesicht einschlägt. Die Runden dauern drei Minuten. Geht ein Kämpfer zu Boden, wird bis 20 gezählt. Ist er zu schwer verletzt, wird abgebrochen. Kaum ein Kampf dauert länger als zehn Minuten, einer ist bereits nach wenigen Sekunden vorbei: frontaler Nasentreffer, K. o. D Xenon er Ringrichter ist ein Hüne mit schwarzen Handschuhen, den jeder im Raum kennt, jedoch nicht wegen seines Geschicks als Referee: Der Mann heißt Shaun Smith und ist Englands berüchtigtster Schuldeneintreiber.

Zwischen den Kämpfen übernimmt eine andere Unterwelt-Größe das Kommando: Dave Courtney, ein glatzköpfiger Ex-Gangster aus London, der als lebendes Vorbild für den von Vinnie Jones verkörperten Geldeintreiber im Guy-Ritchie-Film „Bube, Dame, König, Gras“ gilt. Immer wieder greift er zum Mik-rofon und unterhält die Gäste: „Das letzte Mal, dass ich so viele Verbrechervisagen auf einem Haufen gesehen habe, war im Knast in Bermondsey!“ Riesengelächter. Es sieht tatsächlich aus, als wäre Englands halbe Unterwelt anwesend. Aber die Stimmung ist friedlich. Keine Streitereien, keine Provokationen. In einer Halle voller Dynamit – wer würde da auch anfangen zu zündeln?

Während Celebrity-Gangster Courtney etwas später im Garten steht und den legendären zweiten Kampf zwischen Dave und James mit einem Ballett vergleicht – „Das war ‚Der Nussknacker‘ des Bareknuckle-Boxens“– , hetzt Promoter Brown über das Gelände: Die Live-Übertragung ins Internet ist kurz ausgefallen, einer muss sich um den Polizeichef kümmern, und zudem ist ein bekannter Mixed-Martial-Arts-Kämpfer aus Kanada zu Gast, der bald für Bbad seinen ersten Bareknuckle-Kampf bestreiten will. Aber Brown ist zufrieden. Der Abend ist ausverkauft, die Stimmung prächtig, das Finale kann beginnen.

Knock-out

Kapitel 5 

Als Dave und James in den Ring steigen, scheint es für einen Moment, als wäre das Bareknuckle-Boxen wieder dort angekommen, von wo es im 19. Jahrhundert vertrieben wurde: in einem brechend vollen Jahrmarktzelt, dunkel, stickig, das Publikum aufgeheizt, die Stimmung geladen. Wie zwei Preisboxer stehen sie im gedämpften Licht des Kronleuchters: James in seinem Newcastle-Trikot und mit bandagierten Händen, Dave in einem schwarzen Muskelshirt, die Hände blank. Bandagen trägt er nicht, aus Prinzip, Bareknuckle ist Bareknuckle.

Die beiden Männer klatschen in der Mitte des Rings ab, dann geht es los. Kein Abtasten, kein Taktieren. Dave deckt James ein ums andere Mal mit Schlägen ein, während der sich schützend die Arme vors Gesicht hält. Mitte der ersten Runde liegt James plötzlich auf dem Boden, er ist augerutscht. Dave hilft ihm auf. Abklatschen. Weiter. Dave dominiert die ersten beiden Runden, es sieht gut aus für ihn, aber er weiß, dass er vorsichtig sein muss: Hält er die Faust nicht fest genug zusammen, läuft er Gefahr, sich beim Schlagen die Hand zu brechen. Trifft er versehentlich mit Wucht James’ Ellenbogen, zertrümmert er sich die Knöchel, als hätte er gegen eine Betonwand geschlagen.

Mit Beginn der dritten Runde übernimmt James das Zepter. Er wirkt nun schneller, aggressiver. Die Schläge, die er kassiert hat, scheinen ihm nichts ausgemacht zu haben. Erst als Dave eine massive Rechte landet, wirkt James zum ersten Mal angeschlagen. Blutflecken zeichnen sich nun auf seinem schwarz-weißen Trikot ab. Doch er fängt sich schnell. Mit aufgerissenem Mund klopft er sich auf die Brust: Komm her! Gib mir mehr!

Der Gongschlag zur vierten und vorletzten Runde ertönt. Daves Augen sind zugeschwollen, er hat eine offene Wunde am Kopf. James hat einen Cut unter dem linken Auge, die Blutflecken auf seinem Trikot werden immer größer. Beide Männer wanken nun, warten ab – da landet James plötzlich einen linken Haken und setzt sofort nach. Dave versucht, sich zu wehren, schlägt ins Leere und läuft in eine brutale Linke von James, die die Haut über seinem rechten Auge aufplatzen lässt. Als Dave auf die Knie sinkt, rinnt Blut von seinem Auge auf den Ringboden. Der Schiedsrichter beugt sich zu ihm runter und blickt ihm ins Gesicht. Dann winkt er mit den Armen: Aus, vorbei, technischer K. o. – der „Gypsy Boy“ hat „Das Beast“ besiegt.

Während James wenig später jubelnd durch den Ring springt, umringt von einer Traube von Männern, sitzt Dave in seiner Ecke und hält die  Hände zitternd vor sich. Sie sind beide gebrochen. Schon seit Runde zwei, wie man später erfährt. Dave sieht völlig zerstört aus. Er ist 46, sein Gedächtnis macht ihm seit Jahren Probleme, seine Hände sind kaputt, sein Körper ist geschunden. Wäre man ein enger Freund, würde man sagen: Dave, du bist ein großer Kämpfer, eine Legende, aber ist es nicht vielleicht Zeit aufzuhören? 

Dann kommt James herüber. Die beiden umarmen sich lange. Schließlich greift der „Gypsy Boy“ zum Mikrofon. „Dave“, sagt er und atmet schwer, „mein größter Respekt, danke für alles, was du für diesen Sport getan hast – aber ich möchte dir bitte nie, nie mehr in einem verdammten Ring begegnen.“    

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