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Wir laden schonmal das nächste Girl für Sie!

Benicio Del Toro

... über seinen Film „Sicario“ und Anecken in Hollywood

"Mit Drogengeschichten habe ich eine ganze Karriere bestritten"

Film-Bösewicht Benicio Del Toro über mächtige Kartelle, die schmerzvollste Erfahrung seines Lebens und warum er in Hollywood öfter aneckt

Dunkle Augenringe, verschlafener Blick, Bartstoppeln, die Haare zerrauft und eine rauchige Stimme, die alle Sätze in die Länge zieht: Um jeden anderen Kerl in dieser Verfassung würden wir uns ernsthaft Sorgen machen. Aber an Benicio Del Toro wirkt all das einfach nur lässig. Der 50-Jährige erwähnt zur Begrüßung, dass er an einem heftigen Jetlag laboriere. Unmittelbar vor dem Interview ist er aus den USA zum Filmfestival nach Cannes geflogen, um seinen Thriller zu präsentieren. In „Sicario“ geht es, passend zu seinem Äußeren, um Drogen, Drogenkartelle, Drogenkrieg . . .

Playboy: Sie kennen sich in der Drogenszene ziemlich gut aus, oder?
Del Toro: Wie meinen Sie das?

Playboy: Bezogen auf Ihre Rollen. Immer wieder spielen Sie in Filmen, die mit dem Drogenmilieu zu tun haben, ob im Bond-Streifen „Lizenz zum Töten“, in „Traffic“, für den Sie einen Oscar bekamen, oder jetzt in „Sicario“.
Del Toro: Oh ja, ich hätte da noch eine ganze Latte anderer Beispiele parat. Mit diesen Drogengeschichten habe ich eine ganze Karriere bestritten – als Killer, Polizist, Süchtiger, Kartellboss . . .

Playboy: Das macht Ihnen nichts aus?
Del Toro: Nein, immerhin bin ich Lateinamerikaner, da interessieren mich solche Geschichten. Es ist mir nur wichtig, alle möglichen Facetten zu zeigen, und zwar authentisch, nicht eindimensional, wenn man mal vom Bond-Film absieht. Aber der ist ja auch schon Ewigkeiten her.

Playboy: Wie stark sind Sie dabei real in diese Welt eingetaucht?
Del Toro: Ich hab schon ein paar Dinge gesehen, die ich jetzt nicht alle ausbreiten möchte. Als ich den Fernsehfilm „Drogenkrieg – Das Camarena Komplott“ drehte, habe ich zum Beispiel einen Typen getroffen, der gegen die Bosse aussagte und dann bei einem Mordanschlag schwer verletzt wurde. Er ging dann ins Zeugenschutzprogramm – aber im Rollstuhl.

Playboy: Die Chefs der Kartelle dagegen leben im Luxus, wie wir auch in „Sicario“ sehen. Hätte das einen Reiz für Sie?
Del Toro: Sie vergessen, dass die auch jede Minute getötet werden können. In dieser Welt weißt du nicht, was als Nächstes passiert. Ich würde nie mit so einer dauernden Anspannung leben wollen. Da wirst du paranoid.

Playboy: Das Drogenproblem in Ihrer Heimat scheint in den letzten Jahren ja immer unlösbarer geworden zu sein . . .
Del Toro: Seit der Zeit, zu der ich „Traffic“ drehte, hat sich nicht großartig was verändert. In den USA gibt es volle Gefängnisse und in Mexiko unglaubliche Gewalt. Wenn dieser Krieg so weitergeht, dann wird es noch zu einer regelrechten Invasion Mexikos durch die Vereinigten Staaten kommen. „Sicario“ zeigt das ja auch. Und wer weiß, welches Monster daraus geboren wird. Denn die Drogendealer haben genug Geld, um sich entsprechende Waffen zuzulegen. Die könnten sagen: Ich baue jetzt eine Bombe und lasse die drüben hochgehen. Dann macht es boom und als Nächstes bam-bam-bam. Das wird kein Ende nehmen. Das erinnert mich ein wenig an die Ardennen-Offensive Ende des Zweiten Weltkriegs, als die Nazis noch mal alles auf eine Karte setzten. Genauso radikal könnte es im Drogenkonflikt zugehen.

Mann fürs Schwere

Im 007-Abenteuer „Lizenz zum Töten“ (1989) war der gebürtige Puerto Ricaner Benicio Del Toro als Schurke zu sehen und in „Fear and Loathing in Las Vegas“ (1998) als feister Anwalt Dr. Gonzo, bevor er für seine Nebenrolle in Steven Soderberghs Episodendrama „Traffic – Macht des Kartells“ (2000) einen Oscar gewann. Später verkörperte der 50-Jährige Männer wie Che Guevara und Pablo Escobar. 2011 wurden Del Toro und Kimberly Stewart (ihr Vater: Altrocker Rod Stewart) Eltern einer Tochter.

Playboy: Was wäre eine Lösung?
Del Toro: Wenn wir neue Taktiken austesten. Das geschieht ja auch schon mit der Legalisierung von Marihuana. Damit lässt sich die Gewalt in der Drogenszene eindämmen. Und genau das muss das Ziel sein. Es ist schmerzvoll anzuschauen, was in Mexiko geschieht. Dabei ist es eines der unglaublichsten Länder der Welt.

Playboy: Wie sieht es denn mit Drogen in Hollywood aus?
Del Toro: Die Branche ist viel sauberer geworden. Und ich selbst gehe nicht mehr so häufig aus wie früher (lacht). Wobei, wenn ich recht nachdenke – vielleicht werde ich heute mal um die Häuser ziehen.

Playboy: Warum sind Sie inzwischen so brav geworden?
Del Toro: Weil ich mehr zu tun habe als je zuvor. Ich habe meine privaten Verpflichtungen mit meiner kleinen Tochter, ich habe mehr Projekte denn je, die ich anschieben möchte. Und wie bei jedem hat auch mein Tag nur 24 Stunden. Wenn es nach mir ginge, dann wären es 48.

Playboy: Für manche Künstler dienen Drogen zur Kreativitätssteigerung . . .
Del Toro: Ich sage nur: Wenn ich einen gesunden Lebensstil gegen große Kunst tauschen müsste, dann würde ich den gesunden Lebensstil wählen.

Playboy: Fehlt es Ihnen an Ehrgeiz?
Del Toro: Das habe ich nicht gesagt. Mit jedem Film mache ich mir neuen Druck, mit jeder Rolle versuche ich, mich neu zu erfinden. Dieser Drang ist mein großer Motivator. Und nur so habe ich die ganze Zeit durchgehalten. Denn das Leben eines Schauspielers ist von Zurückweisung geprägt. Jetzt schauen Sie mich an und hören mir zu, als hätte ich etwas zu sagen. Aber als ich anfing, hieß es bloß „Nein, nein, nein“: „Sie sind zu lateinamerikanisch“, „zu wenig lateinamerikanisch“, „zu groß“, „zu klein“ – und so weiter.

Playboy: Wie hält man das durch?
Del Toro: Mit der Liebe zur Schauspielerei. Die hält mich geistig gesund. Wenn du die hast, dann bist du zu allem bereit. Ob du Filme drehst oder nur als Pantomime in „Sea World“ auftrittst. Du kannst nicht einfach sagen: Ich versuch’s mal. Manche Leute finden ihr Glück schnell, manche später, manche nie. Aber wenn du dich mit diesem Job identifizierst und deine Freude daran hast, dann sollte dir das alles egal sein.

"Ich bin ein Kreis und passe eben nicht ins Quadrat"

Benico Del Toro

Playboy: Aber jetzt ist es mit den unangenehmen Erfahrungen in Hollywood vorbei?
Del Toro: Das würde ich so nicht sagen. Vor einigen Jahren hatte ich die Hauptrolle in dem großen Studiofilm „Wolfman“. Da gab es viele Leute, die Entscheidungen trafen, und ich habe versucht, da auch ein Wörtchen mitzureden. Aber man hat mich einfach nicht in diesen Kreis hineingelassen, obwohl ich ganz laut an die Tür geklopft habe. Grundsätzlich mag ich es nicht, wenn mich ein Regisseur in sein Konzept hineinzupressen versucht. Ich bin sozusagen ein Kreis, und ich passe eben nicht ins Quadrat. Man darf mich antreiben, damit ich das Beste aus mir heraushole, aber man soll mir keine Befehle erteilen. Wobei ich sagen muss, dass ich keine wirklich schmerzvolle Erfahrung machen musste.

Playboy: Was war denn Ihre schmerzvollste Erfahrung an sich?
Del Toro: Als meine Mutter starb. Damals war ich neun.

Playboy: Wie wurden Sie damit fertig?
Del Toro: So etwas lässt sich nicht mit zwei Sätzen beantworten.

Playboy: Dann nehmen Sie sich mehr.
Del Toro: Eigentlich müsste ich ein Buch darüber schreiben. Eines Tages werde ich das vielleicht auch tun. Aber gut, ich erzähle es Ihnen: Da versammelt sich die Familie, die dir zu helfen versucht. Ich hatte zum Beispiel meinen Vater und meinen Bruder. Außerdem meine Patentante, die einen sehr großen Einfluss auf mein Leben hatte. Das alles hilft dir, dieses Trauma zu bewältigen.

Playboy: Sie sind also darüber hinweg?
Del Toro: Ich habe mal einen japanischen Regisseur getroffen, der im Alter von sechs oder sieben Jahren seine Mutter verloren hatte. Zum Zeitpunkt unserer Begegnung war er 98, und mehr als 20 Jahre vorher hatte er einen Film gedreht, um den Tod seiner Mutter zu verarbeiten. Ich fragte ihn: „Hat es geholfen, diese Geschichte zu erzählen? Hat es aufgehört wehzutun?“ Er sagte: „Nein, das wird es nie.“ Und das kann ich nur bestätigen: Das ist ein nicht enden wollender Schmerz.

Playboy: Was sind die positiven Einflüsse in Ihrem Leben?
Del Toro: Bruce Springsteen. Der ist einer meiner Götter. Zum ersten Mal habe ich ihn in den 80ern auf der „Born in the USA“-Tour gesehen – im Spectrum-Stadion in Philadelphia. Meine Freunde und ich mussten die Tickets auf dem Schwarzmarkt kaufen, aber danach war ich wie erlöst. Ich bin ihm sogar zweimal in Los Angeles begegnet und habe mit ihm gesprochen.

Playboy: Was für jemanden wie Sie keine Schwierigkeit sein dürfte.
Del Toro: Das war noch, bevor ich Schauspieler war. Reiner Zufall. Vielleicht hätte ich ein Selfie machen sollen. Wenn’s das nur damals schon gegeben hätte. Aber ich würde ihm gern wieder mal hallo sagen. So muss ich mich eben jetzt an seine Platten halten. Momentan höre ich viel „The River“ – Songs wie „Point Blank“ oder „The Ties That Bind“ verlieren nie ihre Gültigkeit. Ich mag auch seine neuesten Alben. „Magic“ ist großartig. Was für ein Songschreiber und Autor! Manches von ihm ist wie Literatur.

Playboy: Aber Sie können ja nicht die ganze Zeit Springsteen hören, um Energie zu tanken. Was ist mit Ihrer vierjährigen Tochter?
Del Toro: Der habe ich auch sehr viel zu verdanken. Durch sie behalte ich Tuchfühlung mit der Realität. Ich sehe sie nicht als Verlängerung von mir, sondern als ein völlig unabhängiges Individuum. Und als Vater habe ich nur eine Aufgabe: ihr die Möglichkeiten zu schaffen, dass sie sich frei entfalten kann. Das Gleiche übrigens, was ich von meinen Regisseuren erwarte.

Playboy: Bis der Tag kommt, an dem sie ihren ersten Freund anschleppt . . .
Del Toro: Dann werde ich eifersüchtig sein. Das können Sie sich ja denken! Andererseits bin ich Schauspieler. Und das bedeutet: Ich weiß, wie andere Menschen fühlen. Und ich werde garantiert nicht versuchen, meine Tochter nach meinen Vorstellungen zu formen.

Autor: Rüdiger Sturm
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