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Wir laden schonmal das nächste Girl für Sie!

Der Club der Gnadenlosen

Vollkontakt in Rüstungen

Mittelalter-Fightclub

Sie schlagen sich mit Schwertern, Äxten und Knüppeln, bis der Letzte fällt: Medieval Combat, eine mittelalterliche Extremdisziplin, gilt als der härteste Kampfsport der Welt. Unser Reporter stürzte sich bei der Weltmeisterschaft in Polen ins Getümmel.

Krachend rast die Axt in sein Visier. Patrick Kuznia rauscht das Blut in den Ohren. Durch seine Helmschlitze sieht er nur noch Farbschemen. Gelb sind die Freunde, Rot-Blau die Feinde. Der 24-Jährige steht auf einem Schlachtfeld vor der Marienburg im Norden Polens, und um ihn herum metzeln amerikanische Ritter seine deutschen Kameraden nieder. Mit Äxten und Hellebarden.

Er wankt. Das Publikum johlt. Aus den Stadionlautsprechern dröhnt „Eye Of The Tiger“. Patrick Kuznia hört es gedämpft wie von fern. Er ringt um sein Bewusstsein – und um den Viertelfinal-Erfolg in der Weltmeisterschaft beim sogenannten Medieval Combat, dem gerüsteten Vollkontaktkampf mit mittelalterlichen Waffen. Eine Disziplin, in der es so brutal zugeht wie in keiner zweiten.

Die altertümlichen Ritterkämpfe, vor knapp zehn Jahren in Russland wiederbelebt, sind eine junge Extremsportart, die sich zurzeit rasend verbreitet. Vor sechs Jahren gründeten Kampfsportler den ersten globalen Verband sowie drei erste Vereine in Deutschland. Und in Polen füllen an den WM-Tagen im Frühjahr 2015 bereits mehr als 30 000 Zuschauer die Ränge – mehr als bei WM-Boxkämpfen im New Yorker Madison Square Garden. 

MEDIVAL COMBAT KOMPAKT

ORGANISATION: Es gibt zwei Weltverbände,
die IMCF und die HMBIA, jeweils mit eigenen
Weltmeisterschaften.
VEREINE: In Deutschland trainieren die Sportler
in Gemeinschaften und Vereinen in Köln,
München, Münster, Münzenberg, Eberswalde,
Hamburg und Xanten.
AUSRÜSTUNG: Eine Rüstung kostet Minimum
1500 Euro, ein Schwert gibt’s ab 200 Euro,
eine Axt ab 100 Euro.
WELTMEISTER 2015: Polen holte
insgesamt sechsmal Gold. Einziges deutsches
Gold holte Denise Brinkmann aus Bremen
in der Schwert-Schild-Kategorie der Frauen.

In Osteuropa ist der Mittelalterkampf längst ein Volkssport. 500 Mittelalter-Fighter aus 26 Nationen dreschen in den WM-Duellen Mann gegen Mann mit Schwert und Schild, Langschwert und 3,5 Kilo schweren Hellebarden aufeinander ein. Aber auch in Teamkämpfen, fünf gegen fünf, zehn gegen zehn oder 16 gegen 16, versuchen die Männer, in einem Tennisplatzgroßen Geviert ihre Gegner zu Boden zu bringen. Wer fällt, ist raus. Und bisweilen krankenhausreif. Gefällt von Zweihandäxten, Hellebarden,Knaufschlägen, Tritten, Tacklings und Fußfegern, zur Not einfach niedergeboxt oder -gerungen.

100 Kilo Kampfgewicht

„In einer guten Rüstung spürst du das kaum“, sagt Kuznia am Tag vor der Viertelfinal-Schlacht und lächelt versonnen. Ein strahlender Maimorgen. Der 1,86-Meter-Mann, lange Haare, Vollbart, hat seine 100 Kilo Kampfgewicht auf einen Heuballen vor der Weltkulturerbe-Kulisse der Marienburg gefläzt und geht die Kämpfe des Vortags durch. Im Fünf-gegen-fünf haben sie die Finnen, Schotten und Spanier besiegt, unterlagen den Briten, aber die Gruppenphase ist überstanden.

Gegen die Spanier hat er vier schwere Axttreffer am Hinterkopf eingesteckt. Kuznia findet das aber nicht bedenklich. Im Gegenteil. Er liebt die Härte. „Ich gebe ja nicht 3000 Euro für eine Rüstung aus, um sie dann nicht zu benutzen“, sagt er. Geschichte zum Anfühlen.

Darf auch mal wehtun. Fast alles ist in diesem Sport erlaubt. Die Klingen der Waffen dürfen nur mindestens zwei Millimeter stark sein, und Stiche sowie Kanten sind verboten. Streithämmer und „Mordäxte“, die nicht ohne Grund so heißen, ebenfalls. Doch wenn mal eine Rüstung nicht perfekt sitzt, können auch die regelkonformen Waffen Knochen brechen und Adern durchtrennen. Ein archaisches, testosterongetriebenes Männerding – wenngleich es bereits auch Frauenkategorien gibt.

So oder so ertappt man sich als Zuschauer oft dabei, dass einem minutenlang der Mund offen steht. Es ist einfach nicht zu fassen, wie die das aushalten. Das muss doch härter gehen, echter, dachte sich Kuznia schon als Jugendlicher, wenn er auf Mittelaltermärkten Schaukämpfe beobachtete. Bereits seit seiner Kindheit in Markt Indersdorf bei Dachau interessiert er sich fürs mittelalterliche Kriegertum, Spezialgebiet Wikinger, weil seine Mutter aus Schweden stammt.

Als er zehn ist, nimmt sein Großvater ihn mit zum Ritterturnier nach Kaltenberg. Dort sieht er zum ersten Mal Männer in Rüstung und weiß: Das will ich auch! Die Kämpfe, spektakulär, aber einstudiert, enttäuschen ihn allerdings mehr und mehr. Er sucht nach Gleichgesinnten und wird 2012 Mitglied des „Sword Gym München“, einem der größten deutschen Vereine für Medieval Combat, und beginnt für sein großes Ziel zu trainieren: die Weltmeisterschaft. 

Gegenseitig die Rübe einhauen

Jetzt ist er hier, zwischen Hunderten anderer Mittelalterfans und Kampfsportler, „um uns gegenseitig die Rübe einzuhauen und danach als Freunde einen zu trinken“. Wir wechseln vom Heuballen-Lager auf die Tribüne. Erste Reihe. Gerade metzelt Amerika gegen Polen. 32 stahlgepanzerte Kerle dreschen aufeinander ein, als gäbe es kein Morgen.

Doch fast alle gehen sie wie Kuznia, der im normalen Leben Automaten-Casinos verpachtet, gewöhnlichen Berufen nach und betreiben den Sport als Hobby. Nur die wenigsten wirken auch abseits des Schlachtfelds, als seien sie tatsächlich 600 Jahre zu spät geboren. Als würden sie sich mit einer Axt in der Hand und Blut im Gesicht erst richtig wohlfühlen.

Andre Sinou zum Beispiel ist so eine Ausnahme, der Team-Captain der Amerikaner, der sich nach geschlagener Runde neben uns hockt. 49 Jahre alt und ein Kämpfer wie aus dem Hollywood- Drehbuch: 1,90 Meter, 120 Kilo Muskeln, Bürstenschnitt, tadellose Rasur, fester Blick. Seine Männer nennen ihn Captain America. Im wahren Leben ist er US-Marine, war im „Desert Storm“ in Kuwait und 2003 an der „Operation Iraqi Freedom“ beteiligt.

"Ich habe bei diesen Fights wirklich viele Knochen gebrochen. Zum Glück nicht meine eigenen"

Andre Sinou (links im Bild)

Wenn man ihn fragt, ob das Gemetzel hier überhaupt Abwechslung für ihn sei, klingt seine Antwort wie eine Rede an die Nation: „Ich bin ein Marine. Ich liebe es, Frauen und Männer in die Schlacht zu führen. Es ist das, was ich am besten kann.“

Ein sehr ernst gemeintes Hobby? Na ja, er bringe auf dem Kampfplatz niemanden um, und außerdem gebe es hier im Gegensatz zum echten Krieg Regeln, sagt Sinou. „Es ist ein sicherer Ort.“ Aber auch ein Ort, an dem man alles rauslassen könne, meint einer seiner Teamkollegen, der sich dazugesellt: „So viel Gewalt wie möglich in so kurzer Zeit wie möglich.“ – „Stimmt schon“, gibt Sinou zu und lacht, „ich habe bei diesen Fights über die Jahre wirklich viele Knochen gebrochen. Zum Glück nicht meine eigenen.“

Schulterklopfen, Händeschütteln

Die beiden Amerikaner entschuldigen sich und gehen zu einer Gruppe Polen. Schulterklopfen, Händeschütteln: Sie gratulieren ihren Gegnern zum Sieg. Eine überraschend sportliche Geste, nachdem Sinou beim Schwertkampf keine fünf Minuten zuvor seinen polnischen Kontrahenten plötzlich am Kopf gepackt und in den Staub gezwungen hat.

Hat so etwas noch mit historisch getreuem Ritterkampf zu tun? „Aber klar“, versichert einer weiter hinten auf der Tribüne. „Schwertkämpfe im Mittelalter waren nicht das, was wir heute aus Hollywood kennen. Es ging darum, den anderen zu Boden zu bringen und ihn dann mit irgendwas kleinem Scharfem abzustechen.“ 

Der Tribünen-Experte ist Adam Nawrot, ein Mixed-Martial-Arts-Trainer und der Vizepräsident des Weltverbands International Medieval Combat Federation (IMCF), der die WM ausrichtet. 2009 hat er den Sport nach Deutschland geholt und Vereine in Münster, Eberswalde sowie auch Kuznias Club in München aufgebaut. Für ihn ist der Mittelalterkampf sogar härter als das moderne Gladiatorentum der Mixed-Martial-Arts-Jungs.

„Es würde nicht reichen, da zwei MMA-Kämpfer auf den Platz zu stellen und zu denken, das wird schon. Das hier ist ein Team- Kampfsport, du wirst von mehreren angegriffen und musst im Helm den ganzen Kopf drehen, wenn du zur Seite schauen willst.“ Mit Ritterkostüm-Folklore hat das Ganze tatsächlich nichts zu tun. Zwei-, dreimal pro Woche gehen Gladiatoren wie Kuznia ins Fitness-Studio, laufen im Sand, üben sich in den verschiedenen Kampfkünsten und Waffentechniken.

Und um sich an den Sauerstoffmangel unterm Helm zu gewöhnen, tragen sie auf dem Laufband Gegendruckmasken fürs Höhentraining. „Du denkst so lange, du seiest fit, bis du zum ersten Mal diese 30 Kilo schwere Rüstung anlegst“, sagt Kuznia einen Monat vor der WM in einer Grundschulturnhalle im Münchner Süden. Es riecht nach Kautschuk und alten Turnschuhen. Sie trainieren, nicht umzufallen.


Kuznia steht wie festbetoniert

Kuznia lehnt mit dem Rücken an einer Wand, Füße auseinander, tiefer Stand. Ein Teamkollege soll ihn niederringen, zerrt an seinem Kopf, zieht an seinen Beinen. Vergeblich. Kuznia steht wie festbetoniert. Muss er auch. Wenn im Kampf drei Gegner auf ihn einstürmen, sind das etwa 400 Kilogramm in vollem Lauf, denen er sich entgegenstemmt.

Falls er sie trotz des Helms rechtzeitig kommen sieht. Heute muss er sie kommen sehen. Im deutschen Feldlager am Fuß der Marienburg wird es ernst: Der Tag des Viertelfinales im Fünf-gegen-fünf ist die letzte Chance der Deutschen auf eine Medaille in den Gruppenkämpfen. Letztes Jahr holten sie Bronze. Die USA wurden Weltmeister. Gleich wird Sinous Elitetruppe aus US-Marines, Veteranen und Footballspielern ihr Gegner sein.

Kuzniak und die anderen Deutschen – Juristen, Elektrotechniker, Büroangestellte – legen ihre Rüstungen an. 20 Minuten dauert die Prozedur. Auf ihren gelben Waffenröcken prangt ein Bundesadler aus dem 14. Jahrhundert. Auf dem Gürtel eines Teamkameraden, wilde Mähne, Typ Braveheart, prangt die Aufschrift „The Beast“.

„Die Amis werden versuchen, uns in den Nahkampf zu locken und schnell zu eliminieren“, sagt Kuznia. „Wir werden sie in ein schnelles Laufspiel verwickeln und den Nahkampf meiden. Dafür sind die Amis zu stark. Nur an den Oberschenkeln haben sie eine Schwachstelle. Wir werden so lange dort reinhacken, bis sie die Deckung fallen lassen oder einknicken.“ 

Die Tribünenzuschauer schreien: „Niemiec! Niemiec!“ („Deutschland!“), als Kuznias Team die Arena betritt. Auf dem Boden liegt noch der Kopf einer Hellebarde. Jemand muss im letzten Kampf so fest zugeschlagen haben, dass der massive Holzschaft zerbrach und die schwere Metallklinge durch die Luft zischte wie ein tödliches Frisbee. Doch Kuznias Aufmerksamkeit gilt einem anderen Problem: den „Striking Eagles“, dem US-Team aus Profi-Fightern um Andre Sinou. Kuznia selbst ist noch draußen auf der Auswechsel-Position. Der Schiedsrichter eröffnet den Kampf. „Fight!“

„The Beast“ schwingt seine Kriegssense

Sofort verteilen sich die Amerikaner an der Längsseite des Feldes und bleiben dann passiv, um den Gegner kommen zu lassen. Die Deutschen stehen dicht beieinander und wippen nervös auf den Füßen. Sinou hält sich im Hintergrund, doch plötzlich, auf ein unsichtbares Kommando hin, umkreisen seine Männer die Gegner. „The Beast“ hält sie, seine Kriegssense schwingend – ein Furcht erregendes Instrument mit gebogener Klinge – auf Abstand, dann stürmt er so auf Sinou zu.

Der versucht wegzulaufen, aber ein zweiter Deutscher drückt ihn in eine Ecke. Und nun hacken die beiden auf Captain America ein, als wollten sie Granit aus einem Fels brechen. Doch der Captain bleibt stehen, und seine Männer nutzen ihre Überzahl auf dem Feld. Zu viert fallen sie über die restlichen drei Deutschen her. Eisenfäuste donnern gegen Helme, Stahlschultern bohren sich in Brustpanzer. Und Kuznia muss vom Rand aus zusehen, wie seine Freunde fallen. 

Nach 30 Sekunden ist alles vorbei, und Deutschland wechselt drei Männer aus. Kuznia kommt rein. US-Anführer Sinou geht raus. Die Visiere klappen wieder runter. Runde zwei. „Fight!“ Jetzt halten sich die Amerikaner nicht mehr zurück. Gleich drei Männer stürzen sich auf „The Beast“, rammen ihn mit Axtschlägen zu Boden. Einer nimmt Kuznias Kopf mit Hilfe der Streitkeule in die Klemme und versucht, ihn von den Füßen zu reißen.

Ein Deutscher, der Kuznia zu Hilfe eilt, wird rücklings umgestoßen. Doch der Klammergriff um Kuznias Helm lockert sich für eine Sekunde. Er befreit sich, wirbelt herum, will gerade selbst die Keule zum Angriff heben, da – Wumm! – landet eine Axt in seinem Visier. Patrick Kuznia rauscht das Blut in den Ohren. Er taumelt – und fällt. Als Letzter. Das Aus im Viertelfinale. 

Die Kämpfer stehen auf und umarmen einander. Nur einer bleibt liegen. „The Beast“ rührt sich nicht mehr. Sanitäter eilen herbei, nehmen ihm den Helm ab. Er ist bei Bewusstsein. Aber sein linkes Bein versagt den Dienst. Er wird ins Krankenhaus gebracht, Knöchelbruch – die schwerste Verletzung dieser WM. „Ich bin nicht enttäuscht, ich werde jetzt einfach noch mehr trainieren. Und im nächsten Jahr komme ich wieder. Dann schlagen wir die“, sagt Kuznia, als er dem verletzten Kollegen Stunden später aus einem Taxi hilft.

„The Beast“ trägt jetzt Gips, hat aber keine Krücken. „Wollten sie mir nicht geben“, brummt er, „die denken wohl, dass ich damit abhaue.“ Stattdessen stützt er sich auf zwei abgebrochene Hellebardenstangen. Und man weiß: Auch er wird wiederkommen.

Video: Die besten Medieval-Combat-Szenen

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Autor: Tim Geyer, Redakteur
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