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Matthias „Hellboy“ Schlitte

Der Champ mit dem Wunderarm

Naturtalent

Glückwunsch Matthias Schlitte! Bei der WM in Malaysia hat Deutschlands Armwrestling-Star einen bemerkenswerten vierten Platz geholt. Die unglaubliche Geschichte von Deutschlands Armwrestling-Star „Hellboy“

Eine Turnhalle im schwäbischen Dorf Güglingen, Schauplatz der Deutschen Meisterschaft im Armwrestling. Etwa hundert Menschen, die meisten von ihnen Männer, haben sich versammelt, um herauszufinden, wer der beste Armringer im Land ist. Ein Hüne in Trainingsjacke verteilt Bifis und Tütchen mit Beef Jerky an seine Mannschaftskollegen, einer von ihnen streift sich kauend eine Art schwarzen Strumpf auf den rechten Arm, damit die Muskeln warm bleiben.

Sie plaudern, fachsimpeln, dann richten sie ihre Augen auf die Bühne. Es tritt auf: Matthias Schlitte. Ein drahtiger Kerl, 70 Kilo bei 1,85 Meter Körpergröße, die Trainingshose schlackert um seine dürren Beine. Als er auf seinen Gegner zugeht, sieht er aus wie ein Schuljunge, der gleich gegen einen Hafenarbeiter antreten wird.

Doch dann wendet Schlitte dem Publikum seine andere Seite zu und wuchtet seinen riesigen rechten Arm auf den Tisch wie ein Schmied seinen Vorschlaghammer, greift in die Hand seines Gegenübers, und das Verhältnis kehrt sich schlagartig um: Hinter dem Tisch sieht Schlitte plötzlich aus wie Popeye, und sein Gegner im Vergleich dazu wie Goofy. „Ready - go!“, sagt der Schiedsrichter. Nach einer Sekunde ist der Kampf beendet.

„Der wird bestimmt mal Boxer“

Matthias Schlitte, 28 Jahre alt, 28 Zentimeter Bizepsumfang links, 44 Zentimeter Bizepsumfang rechts, ist ein Ausnahmeathlet. In vielerlei Hinsicht. Wegen eines extrem seltenen Gendefekts ist sein rechter Unterarmknochen 30 Prozent dicker als sein linker. Das förderte den immensen Muskelwuchs. Ein Phänomen, das nur bei einem von 40 Millionen Menschen vorkommt und von Medizinern „partieller Riesenwuchs“ genannt wird. „Der wird bestimmt mal Boxer“, sagte die Hebamme bei Schlittes Geburt. Seine Mutter lächelte gequält. Da lag dieses Baby, links zart, rechts riesig.

„Ich werde oft gefragt, ob es meinen Gegnern gegenüber nicht unfair sei, dass ich diesen körperlichen Vorteil habe. Aber einem Basketballer, der 2,20 Meter groß ist, wird diese Frage ja auch nicht gestellt."

Matthias „Hellboy“ Schlitte

So fing es an. Rund 16 Jahre später brachte Schlittes Mutter ihrem Sohn einen Flyer mit nach Hause, den sie an einer Tankstelle gefunden hatte: Eine Kneipe in der Nähe seines Heimatdorfs Bebertal/Sachsen-Anhalt suchte den stärksten Armdrücker der Region. Schlitte meldete sich für das Turnier an, drückte sämtliche Stiernacken und Gorillas der Umgebung auf den Tisch und wusste fortan, wo seine Berufung lag. Heute ist er mehrfacher Deutscher Meister im Armwrestling und unter dem Kampfnamen „Hellboy“ ein internationaler Star der Szene.

Eine kleine Traube von Menschen bildet sich vor der Bühne, als Schlitte bei der Deutschen Meisterschaft zu seinem letzten Kampf antritt. Handy-Kameras werden gezückt, Pressefotografen versuchen, sich einen Weg nach vorn zu bahnen. Schlitte kämpft um den Einzug ins Finale. Er und sein Kontrahent stehen sich an einem hüfthohen Tisch gegenüber, mit der freien linken Hand halten sie sich an Griffen fest, die an den Tisch montiert sind. Dann gibt der Schiedsrichter den Kampf frei. Schlittes Unterkiefer tritt hervor, seine Halsschlagader scheint auf der Haut zu liegen. Er reißt und stemmt, aber der Arm des Gegners will nicht sinken - und plötzlich bricht der Schiedsrichter den Kampf ab: Er will gesehen haben, dass Schlittes Ellbogen das dafür vorgesehene Polster verlassen hat. Ein Regelverstoß, der als Foul gewertet wird.

Er will sich die nötige Wettkampfhärte holen ...

Es ist bereits Schlittes zweites Foul in diesem Halbfinale. Damit ist das Duell für ihn verloren. Er diskutiert kurz mit dem Schiedsrichter, dann winkt er ab und verlässt die Bühne. Zehn Minuten später hat er sich schon wieder beruhigt. „Für mich war das kein Foul, aber im Armwrestling geht es so schnell, da ist es manchmal schwer, so etwas zu entscheiden.“ Allzu enttäuscht scheint er nicht zu sein. Für ihn war die Deutsche Meisterschaft ohnehin vor allem ein Härtetest. Statt in der 70-Kilo-Klasse, in die er eigentlich gehört, ist er in der höheren Gewichtsklasse bis 80 Kilo angetreten. Er will sich die nötige Wettkampfhärte holen für sein großes Ziel in diesem Jahr: Bei der Weltmeisterschaft, die vom 26. September bis 4. Oktober in Kuala Lumpur (Malaysia) stattfindet, will er es aufs Podest schaffen.

Armwrestling ist ein junger Sport in Deutschland. Er verdankt seine Existenz hierzulande vor allem einem Mann: Sylvester Stallone. Weil der Film „Over the Top“ - in dem der Hollywood-Star einen Trucker spielt, der Weltmeister im Armdrücken wird - zu großen Teilen während der Armwrestling-Weltmeisterschaft in Las Vegas gedreht wurde, versuchten die Filmproduzenten gemeinsam mit dem Amerikanischen Armwrestling-Verband, ein besonders spektakuläres Teilnehmerfeld zusammenzustellen, und veranstalteten in mehreren Ländern Qualifikationsturniere. Eines davon fand 1985 in München statt. Das war die Geburtsstunde des organisierten Armwrestlings hierzulande. Heute gibt es etwa 200 aktive Athleten in Deutschland und seit 2008 sogar eine Armwrestling-Bundesliga. Das dominante Team dieser Liga ist der VfL Wolfsburg. Der bekannteste Kämpfer dieses Teams: Matthias Schlitte. Er ist siebenfacher Deutscher Meister, hat 14 internationale Turniere gewonnen und bei der WM 2013 Silber geholt.

Bei dem Arm: klar. Oder?

„Ach was, Kraft macht bei diesem Sport höchstens 30 Prozent aus“, sagt Schlitte, während er im Kraftraum des Trainingszentrums des VfL Wolfsburg eine 30-Kilo-Hantel auf und ab bewegt. Jetzt, in den letzten Wochen vor der WM, ist er zweimal pro Woche hier, an den übrigen Tagen trainiert zu Hause. „Ich werde oft gefragt, ob es meinen Gegnern gegenüber nicht unfair sei, dass ich diesen körperlichen Vorteil habe. Aber einem Basketballer, der 2,20 Meter groß ist, wird diese Frage ja auch nicht gestellt.

Technik, Geschwindigkeit und Erfahrung

Und entscheidend sind beim Armwrestling sowieso vor allem Technik, Geschwindigkeit und Erfahrung.“ Nachdem er mit dem Hanteltraining fertig ist, hängt er sich an eine Stange und macht Klimmzüge, zehn Stück. Einarmig. Dann geht er an einen der Kampftische und probiert mit Vereinskollegen verschiedene Griffe und Drehungen aus. Es sind viele Details, die beim Armwrestling entscheidend sind: die Positionierung des Körpers vor dem Tisch (ein Fuß vor, Bauch nah am Tisch), die Stellung des Arms (so nah am Oberkörper wie möglich), vor allem aber die Platzierung der Finger beim Griff in die Hand des Gegners.

Bei Wettkämpfen kommt es oft vor, dass die Kontrahenten vor dem Startsignal immer wieder den Griff lösen und neu justieren. Beide versuchen, die Hand optimal zu positionieren und sich so einen Vorteil zu verschaffen. Schlittes Spezialität ist die sogenannte Top-Roll-Technik. Dabei platziert er seine Finger beim Ineinandergreifen so, dass er den Griff des Gegners im Kampf ein wenig öffnen, die eigene Hand nach oben bewegen und sich dann die größere Hebelwirkung zunutze machen kann.

Der Mann, der Schlitte Tricks wie diesen beigebracht hat, heißt Olaf Köppen. Der 51-Jährige ist Vorsitzender des Deutschen Armwrestling-Verbands, Nationalcoach und Trainer der Armringer des VfL Wolfsburg. Wenn man ihn auf Schlitte anspricht, beginnt er zu schwärmen: „Matti hat eine unglaubliche Disziplin und Leistungsbereitschaft“, sagt Köppen. „Aber er hat nicht nur einen starken Arm, sondern auch ein großes Herz. Für unsere Sportart könnte es keinen besseren Botschafter geben.“

Botschafter für das Armwrestling

Ein Botschafter für das Armwrestling ist Schlitte, der Personalwirtschaft studiert hat und als Abteilungsleiter im öffentlichen Dienst für das Justizministerium Sachsen-Anhalt arbeitet, in der Tat. Und zwar weltweit. Seine sportlichen Erfolge, vor allem aber sein auffälliges Aussehen und seine ungewöhnliche Geschichte haben ihn zu einem Helden unter Anhängern aus vielen Nationen gemacht. In seiner elfjährigen Armwrestling-Karriere hat er unter dem Kampfnamen „Hellboy“ - nach der gleichnamigen Comicfigur mit dem Riesenarm - in 30 verschiedenen Ländern gekämpft. Regelmäßig steht er bei internationalen Turnieren und Schaukämpfen am Wettkampftisch und fast genauso regelmäßig vor TV-Kameras.

Seit er im September 2009 in seiner E-Mail-Inbox plötzlich eine Einladung zu einer Fernsehshow in Japan hatte und wenige Wochen später vor 22 Millionen TV-Zuschauern in einer Art japanischem „Wetten, dass . . ?“ auftrat, ging die Geschichte vom Armdrücker mit dem Riesenarm um die Welt. Im südkoreanischen Fernsehen trat er in einer Samstagabendshow gegen Koreas besten Armwrestler an. In der US-Sendung „Stan Lee’s Superhumans“ riss er einem Armwrestling-Roboter namens Charlie bei einem Duell versehentlich den Arm aus.

Und in Australien wurde er zum Star einer Werbekampagne eines Elektrogeräteherstellers. In dem witzigen Spot mit dem Slogan „Unexpected Power“ („Unerwartete Kraft“) erzählt Schlitte von den Alltagsproblemen eines jungen Mannes, der über Superkräfte im rechten Arm verfügt: Beim Ausschalten des Weckers zertrümmert er versehentlich das Gerät, beim Schnitzelschneiden geht der Teller zu Bruch, und beim Training im Ruderboot paddelt er immer nur im Kreis. Wenn Schlitte heute in Australien ist, bitten ihn wildfremde Menschen um Selfies, in den USA wird er von Fans auf der Straße erkannt, in Japan und Südkorea ist er ein Star. Aber sobald er nach Deutschland zurückkehrt ist er wieder einfach nur: der Matti.

„Ich mag harte Musik“

Bebertal, ein 1600-Einwohner-Dorf in Sachsen-Anhalt, Gasthaus, Friseur, Kirche. Hier ist Schlitte aufgewachsen, hier wohnt er noch heute im Haus seiner Eltern. Im Keller hat er sich einen Trainingsraum eingerichtet. Auf einer kleinen Musikanlage prangt ein AC/DC-Schriftzug, Motörhead-Sänger Lemmy Kilmister blickt grimmig von einem Poster an der Wand. „Ich mag harte Musik“, sagt Schlitte, „auf Wettkämpfe stimme ich mich immer mit Rammstein ein.“ Auch bei der WM wird er vor den Kämpfen wieder die Kopfhörer aufsetzen und sich mit dem Song „Mein Land“ in Wettkampfstimmung bringen.

Doch bevor er in Malaysia gegen die besten Armringer der Welt antritt - von denen die meisten aus Osteuropa kommen -, stehen noch Schweiß treibende Stunden an. „Hier unten mache ich vor allem Krafttraining“, sagt er, „derzeit etwa zwei Stunden am Tag.“ Sein Lieblingsinstrument zur Selbstfolter: der selbstgebaute Seilzug. An der Decke hat er eine Umlenkrolle für ein Stahlseil befestigt, am einen Ende des Seils ist ein Griff angebracht, am anderen Ende hängt ein Mineralwasserkasten, den er mit Gewichten bestückt. „Einmal sitze ich auf dem Sofa und schaue Bundesliga, als es einen gewaltigen Schlag im Keller tut“, erzählt Schlittes Vater. “50 Kilo waren das. Matti hatte das Stahlseil zum Reißen gebracht.“

Ernstlich verletzt hat sich Hellboy bei seinem Sport bislang nur einmal. Im Dezember 2009 zog er sich einen Handwurzelknochenbruch zu, der ihm zwei Jahre lang Probleme machte. „Ich dachte sogar ans Karriereende“, sagt er, „nach einer längeren Pause und einer speziellen Physiotherapie hat sich die Hand aber zum Glück wieder verbessert, ich hatte schon fast nicht mehr daran geglaubt.“

Vermarktungszentrale der Figur Hellboy

Schlittes Keller ist nicht nur sein Trainingszentrum, sondern auch die Vermarktungszentrale der Figur Hellboy. Seine knapp 3000 Facebook-Freunde versorgt er regelmäßig mit Fotos und Kurzinfos - ob vom Underground-Armwrestling in Buenos Aires, vom Auftritt im Frühstücksfernsehen oder von Turnierteilnahmen in Kroatien, Belgien, Spanien. Trotz seiner internationalen Popularität und einiger Sponsorenverträge: Leben kann Schlitte vom Armwrestling nicht. Im Gegenteil, er zahlt drauf. Um seinen Sport zu finanzieren, braucht er einen niedrigen fünfstelligen Betrag im Jahr.

Als er im Juli bei einem Turnier in Polen in gleich zwei Gewichtsklassen gewann, erhielt er als Preis: einen Pokal und zwei Bohrmaschinen. Auch bei der WM in Malaysia gibt es kein Preisgeld zu gewinnen. Startgeld und Reisekosten muss er selbst bezahlen. Aber Schlitte ist das egal. „Malaysia, Antarktis oder Mond, ich würde überall hinfahren. Hauptsache, ich kann gegen die besten der Welt antreten, bleibe gesund und kann noch lange meinen Sport machen.“ Scheint, als wäre er einfach dafür geboren.

Autor: Friedemann Kahl
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