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Wir laden schonmal das nächste Girl für Sie!

Ronald Schill

Ein Besuch bei "Richter Gnadenlos" im Ghetto von Rio

Ronaldo, der Gnadenlose

Als Hamburger Richter und Innensenator bekämpfte er das Drogenmilieu mit legendärer Härte. Heute lebt Ronald Barnabas Schill in einem Ghetto in Rio unter Kriminellen. Ein Mann, viele Rätsel - wir schickten ihm unseren Ermittler

Eine Knarre hat er nicht dabei. Früher trug er häufig eine Glock unterm Sakko, weil Leibwächter bei seinen nächtlichen Eroberungsausflügen gestört hätten. Aber seit er kein Minister mehr ist, muss er auf
Schusswaffen verzichten. Stattdessen hält er jetzt eine Dose Pfefferspray in der Hosentasche bereit. „Damit überwältige ich den Räuber und schalte ihn anschließend mit seiner eigenen Waffe aus. Das ist immer noch das Beste“, sagt er, und man weiß in diesem Moment nicht, wer einem mehr Angst macht: das brasilianische Drogenkartell rund herum oder Ronald Schill, der mit seinen 1,93 Metern Körpergröße jeden Kriminellen hier weit überragt. Willkommen in der berüchtigten Favela Pavªo-Pavªozinho in Rio, Schills Wahlheimat.

"Richter Gnadenlos"

Gut möglich, dass Ronald Schill ganz anders wäre, wenn ihn damals in Hamburg, als er zehn Jahre alt war, nicht ein paar ältere Kinder auf dem Schulweg erpresst hätten. Haben sie aber, und seither empfindet der 56-Jährige kein Mitleid mehr mit Übeltätern. „Richter Gnadenlos“ taufte die Presse ihn, als er in den 90er-Jahren Hamburger Amtsrichter war.

Eine Autokratzerin zum Beispiel verurteilte er zu zweieinhalb Jahren Haft. Er zeigte Härte, und die Hanseaten applaudierten, weil sie in ihm den Brecher einer Kriminalitätswelle sahen, die damals in die Stadt zu schwappen drohte. Im Jahr 2000 gründete er die „Partei Rechtsstaatlicher Offensive“, und im Jahr darauf wählten sie ihn zum Zweiten Bürgermeister und Innensenator. Er rüstete die Polizei auf, wollte Bettler aus der Innenstadt vertreiben und nicht therapierbare Sexualstraftäter nur kastriert freilassen. Dass er dem damaligen Ersten Bürgermeister Ole von Beust gedroht haben soll, dessen angebliche homosexuelle Affäre mit dem Justizsenator publik zu machen, gilt als Todesstoß für seine politische Karriere. 2004 wanderte Schill über Kuba nach Brasilien aus. Und lebt jetzt in dieser Favela in Rio - was die Frage aufwirft: Wie kann jemand erst voller Eifer den einen Verbrechenssumpf trockenlegen wollen, um sich dann mitten in einem viel größeren Sumpf zu suhlen?

Unser Besuch soll Aufklärung bringen. Treffpunkt mit Schill: ein Restaurant in der Innenstadt. Von dort spazieren wir bis zum Fuß der Favela Pavªo-Pavªozinho, die zwei Berge bedeckt, nur eine Querstraße
entfernt vom weltberühmten Strandabschnitt der Copacabana. Witzig, dass uns gleich der erste Straßenjunge, dem wir hier gemeinsam begegnen, Kokain anbietet. Hatte man Schill nicht schon früher oft unterstellt zu koksen? Dies sei nur zweimal und erst nach seiner Politikkarriere geschehen, stellt Schill gleich klar. Einmal auf einer Party, was heimlich gefilmt wurde, und ein weiteres Mal, als ein Favela-Boss ihm
das weiße Pulver anbot. „Der leiseste Verdacht, dass ich ein Polizeispitzel sei, wäre mein Todesurteil gewesen“, sagt Schill. Eigentlich hält er auch gar nichts von Kokain, weil: „Das Zeug zerstört deine Manneskraft.“

Ein Schill als Statussymbol

Kleine Verschnaufpause. 39 Grad, die Sonne brennt auf der Haut, und 570 Stufen führen hinauf zu seinem Haus. Schill, nackter Oberkörper, hat das Shirt über die Schulter geworfen und trägt Sandalen zur kurzen Hose. Er blickt den Hang hinauf in seine Armensiedlung: Betonbauten in Rot und Grau, mit Graffiti beschmiert, stehen dicht an dicht. Dazwischen hängen wirr verknäulte Stromleitungen, und zwei Männer machen sich an einem Mast zu schaffen. „Die zapfen alle illegal die Leitungen an“, erläutert Schill im Ton eines TUI-Reiseführers. „Und hier rechts sehen Sie einen Spitzel, der für das Drogenkartell mit seinem Walkie-Talkie Schmiere steht, ob die Polizei anrückt.“ Aah, ooh, denkt man sich und staunt ein bisschen wie beim Anblick der Cheops-Pyramide, weil es so was daheim eben nicht zu sehen gibt.

Kurz darauf schlendert uns ein junger Kerl mit Pistole in der Hand entgegen und wenig später noch ein zweiter. Der zweite dreht sich um und richtet seine Waffe auf etwas zwischen den Häusern, findet aber offenbar sein Ziel nicht, dann laufen beide eilig an uns vorbei. Ronald Schill grüßt: „Tudo bem?“ (Wie geht’s?) Sie grüßen zahm zurück: „Tudo bem“, alles gut. Und ein Kioskverkäufer ruft gut gelaunt: „Ronaldo!“ Er weiß
offenbar ebenfalls wenig über „Ronaldos“ Vergangenheit. „Es wäre nicht gesund für mich, wenn die Drogenkartelle wüssten, dass ich zu den verhassten Richtern gehöre“, sagt Schill. Die Leute hier fragten aber
auch nicht nach, wer er sei. Sie seien einfach stolz, dass ein Gringo bei ihnen wohne. Das erhöhe das Ansehen der Favela. Ein Schill als Statussymbol also - auch witzig.

15 Minuten brauchen wir bis zu seinem Haus. Der Nachbar ist ein ehemaliger Auftragsmörder, der zwölf Jahre im Gefängnis saß, weil er 30 Menschen umgebracht hat. „Auf den ersten Blick ein sympathischer
Zeitgenosse, wir begegnen uns freundlich“, sagt Schill, der zu berichten weiß: Etwa 500 Euro koste es hier, wenn man jemanden loswerden wolle. Hätte er denn moralische Bedenken, mit einem solchen Kerl ein Bier

"Ich kann nicht viel anfangen mit moralischen Menschen."

Ronald Schill

zu trinken? „Ich würde nicht unbedingt ein Bier mit ihm trinken. Aber wenn ich mit einem Freund irgendwo stehe und er käme dazu, würde ich auch nicht weggehen“, sagt Schill und fügt hinzu: „Ich kann nicht viel anfangen mit moralischen Menschen. Das ist so spießerhaft. Ich weiß, dass mich viele Spießer gewählt haben, aber selbst bin ich nie ein Spießer gewesen.“

Der nicht spießige Hausherr bietet Zitronenlimonade an und führt durch sein Domizil: drei Zimmer, etwa 60 Quadratmeter mit Balkon und Dachterrasse. Hier lebt er von seiner Richterpension, steht um elf Uhr auf, macht seine Gymnastikübungen und liest die Zeitungen, bevor er runter zur Copacabana spaziert und Freunde trifft. Manchmal verdient er sich mit TV-Auftritten was dazu wie letztes Jahr bei „Promi Big Brother“ oder der „TV Total Pokernacht“, wo er 15.000 Euro gewann. „Damit habe ich den Kaufpreis für das Haus reingeholt“, sagt er und freut sich grinsend. Ach so? Die Prominenten spenden ihre Gewinne gar nicht? „Ich wäre doch niemals hingeflogen, wenn ich das hätte spenden müssen. Ich hätte mir schon in den Arsch gebissen, wenn ich leer ausgegangen wäre.“

Interessiert ihn, was in Deutschland passiert?

In seiner Schlafkammer hängen ein Spiegel neben dem Bett und ein Flachbildfernseher davor. Schill fläzt sich auf die rote Matratze und liest Bild Online. Eine Lehrerin wurde in den USA angeklagt, weil sie einen Schüler verführt haben soll. Schill findet so was albern. Davon habe er als 13-Jähriger schließlich geträumt. „Wenn ich noch Senator wäre, würde die Frau von mir das Bundesverdienstkreuz am Bande bekommen. Etwas Besseres kann einem Mann doch gar nicht passieren!“ Er scrollt weiter über andere Artikel. Interessiert ihn noch, was in Deutschland passiert?

„Deutschland liegt mir nicht am Herzen, aber es interessiert mich noch. Ich weiß auch, wenn in Hamburg gewählt wird und dass diverse Schillianer für die AfD antreten. Denen gebe ich meinen Segen.“

Der Pegida auch?

"Die Lage der Nation ist ernst, aber nicht hoffnungslos."

Ronald Schill

„Sicher, da sind auch Schillianer dabei.“

Und was sagt er zur Lage der Nation?

„Ernst, aber nicht hoffnungslos“, urteilt Schill und schimpft dann ein wenig über Altkanzler Gerhard Schröder und Joschka Fischer, weil sie damals Griechenland in den Euro aufgenommen haben. „Das hat mindestens 500 Milliarden gekostet und Hass gesät zwischen Ländern, die sich nahestanden.“

Themenwechsel. Der Mann, der als Kind Seeräubergeschichten liebte, möchte jetzt lieber spannende Geschichten aus dem eigenen Leben erzählen, statt über Politik zu reden. Nur in seinem ersten Jahr hier in
der Favela sei eigentlich gar nichts passiert, sagt er. „Das war fast langweilig, so ein bisschen Abenteuer hatte ich mir ja schon erhofft.“ Erst in einer Oktobernacht 2013, er sah gerade fern, stillten zwei Traficantes, wie die Mitglieder des Drogenkartells genannt werden, die Sehnsucht des einstigen Verbrechensbekämpfers nach Action. „Da höre ich plötzlich, wie ganz in der Nähe Schüsse abgefeuert werden und jemand infernalisch schreit.“ Die Typen waren bei einer Schießerei mit der Polizei verletzt worden und feuerten aus Wut in die Stadt hinunter. Schränken ihn denn solche Gefahren im Alltag nicht ein? Schill winkt ab. Manchmal stoße er mit Einkaufstüten in der Hand auf eine schwerbewaffnete Polizeipatrouille, sagt er. „Dann überhole ich nicht so gern, um nicht zwischen die Fronten zu geraten.“ Nachvollziehbar. „Aber 90 Prozent hier in der Favela sind ganz normale Menschen.“

Ein Held im eigenen Film

In Deutschland kratzten sich viele ganz normale Menschen am Hinterkopf, als der Ex-Richter ein Haus in Rio neben Leuten bezog, wie er sie früher weggesperrt hatte. Vermutlich waren es dieselben normalen Menschen, denen bereits die Härte seiner legendären Urteile die Sprache verschlagen hatte. Vielleicht - man kann sich dieses Gedankens nach einigen Stunden mit Schill kaum erwehren - ist dieser Ronald Schill ja
einfach selber nicht „normal“. Nicht „spießig“, wie er es nennen würde. Und offenbar gibt es dafür einen simplen Grund: seine Abenteuerlust, den Erlebnishunger, der ihn heute genauso wie einst im Richter-Job recht abenteuerlich agieren lässt. Ein Held im eigenen Film. Moralisch unbeteiligt. Ein Mann auf Menschen-Safari.

Tatsächlich sagt er irgendwann, dass es ihm heute, da er nicht mehr in der Verantwortung stehe, vor allem wichtig sei, „dass die Menschen unterhaltsam sind“. Als er nach Rio gekommen sei, erinnert er sich zum
Beispiel, „da luden mich immer wieder Deutsche auf einen Drink ein. Und spätestens nach 30 Minuten offenbarten sie mir, dass sie schon mal im Knast saßen und wissen wollten, wie das mit ihrer Verjährung aussieht und wann sie wieder nach Deutschland zurückkönnten. Das waren alles nette Zeitgenossen. Ich habe nie zu den Leuten gehört, die die Nase rümpfen, nur weil jemand mal im Knast saß. Und die hatten natürlich pralle Geschichten zu erzählen.“ So hat er auch gehört, dass im Gefängnis von Rio 18 Menschen in einer Zelle auf zehn Quadratmetern hocken, und in der Mitte sei ein Loch für die Notdurft. Die Stärksten
sitzen am weitesten entfernt, die Schwächsten hängen quasi darüber. Und wenn einer mal muss, sind die vorne angeschissen. Shit happens. Wo also würde er sitzen?

„Natürlich ganz hinten“, sagt Schill.

Natürlich.

Jetzt muss er lachen.

Wir gehen hinaus auf die Terrasse. Zu unseren Füßen die Stadt, vor uns der Atlantik. In Rio stimme für ihn das Gesamtpaket, sagt Schill: die Landschaft, das Essen, die Frauen, die seien so schön unkompliziert - und es passiert, was häufig passiert, wenn man sich mit ihm unterhält, er spricht über die Frauen, die sein „Lebenselixier“ seien. „In Deutschland haben sie keine One-Night-Stands, weil sie sich danach schlecht

"Hier sind die Frauen noch stolz, wenn Männer ihnen auf den Hintern gucken."

Ronald Schill

fühlen würden“, sagt Schill, kommt dabei mit seinem Gesicht nahe heran und kneift die Augen zusammen, bis die Nase Falten wirft, um die Absurdität dieser Aussage zu verdeutlichen. „So was passiert in Brasilien nie, nie!“ Hier seien die Frauen noch stolz, wenn Männer ihnen auf den Hintern guckten, sagt er und lobt ihren Kleidungsgeschmack, der dazu diene, den Männern zu gefallen. „Ich habe kein Verständnis dafür, dass eine Frau im geschmacklosen Hosenanzug rumläuft, um beruflich erfolgreich zu sein, dazu noch ein orangefarbenes Sakko wie unsere Kanzlerin, in dem man aussieht wie die Gefangenen von Guantanamo.“ Wenn man dagegenhält, dass auch Frauen lieber mit Leistung als mit Ausschnitt im Job überzeugen wollen und man ja auch keine Frau will, die einen wegen des Geldes liebt, kontert Schill: „Also, wenn mich eine Frau wegen meines Schwanzes liebt und mich ansonsten für einen Scheißkerl hält, kann ich damit leben.“

Ob er auch ins Bordell geht? „Das habe ich nicht nötig. Aber manchmal erzählen sie mir nach dem Sex von ihrer kranken Mutter. Dann gebe ich ihnen ein bisschen Geld. Das ist meine Form der Entwicklungshilfe“, sagt
der Mann, der, wenn er das Medizinstudium nicht geschmissen hätte, gern Gynäkologe geworden wäre. Aber halt, stopp! „So oberflächlich bin ich dann doch nicht“, sagt er und bittet darum, seinen alternativen
Berufswunsch nicht so plump in den Artikel zu drücken. Daher hier seine ausführliche Erklärung: „Es gibt zum Beispiel ganz viele Frauen, die chronisch an Infektionen im Genitalbereich leiden. Ich hätte meinen wissenschaftlichen Ehrgeiz in die Heilung gesetzt. Oder Frauen, die noch nie einen Orgasmus hatten. Ich hätte ihnen eine Anleitung gegeben, wie sie einen bekommen können. Das wäre für mich eine Herausforderung gewesen. Und um es so auszudrücken: Wenn sich mir dann eine Frau aus Dankbarkeit hingegeben hätte, hätte ich vielleicht nicht nein gesagt.“

Der Preis für die Bewunderung

Eine Kakerlake krabbelt zwischen unseren Stuhlbeinen durch. Der Gastgeber holt eine Dose Insektenspray und besprüht das Tier. Ronald Schill hat offenbar für jeden Feind die richtige Dose. Wir gucken zu, wie die Kakerlake panisch versucht, über die Balkonmauer zu fliehen und immer wieder auf den Rücken fällt. Und dann will Schill noch etwas zeigen: den Erschießungsplatz des Kartells, einen alten Bolzplatz, nur fünf Minuten von seinem Haus entfernt.

„Wer innerhalb der Gemeinschaft klaut, wird hier am nächsten Tag erschossen“, sagt Schill, als er wenig später auf eine von Einschüssen durchsiebte Wand deutet. „Das hat dazu geführt, dass man hier überall bei offenem Fenster schlafen kann.“ Er befingert die Kugellöcher. „Und ich habe noch ein Highlight“, eröffnet er zwinkernd wie ein Metzger dem Sterne-Koch, nachdem ein paar Kobe-Steaks reingekommen sind. „Eine
frische Leiche...“ Wir klettern durch dichtes Gestrüpp hinauf zur Spitze des Berges. Vor uns: ein spektakuläres Panorama. Aber eine Leiche sieht man nicht. „Müssen wohl die Geier gefressen haben“, sagt Schill und klingt einen Moment lang wirklich enttäuscht darüber, dass er keine weitere Sensation liefern konnte.

Doch dann setzen wir uns an den Rand der Klippe. Und die Aussicht ist wirklich grandios an diesem höchsten Punkt seines Stadtviertels, wo alle zu ihm aufschauen. Wo sie ihn nicht abstempeln oder seine Leistungen
anzweifeln wie daheim in Deutschland sein grandioses Minus von 15,5 Prozent in der Hamburger Kriminalitätsstatistik. Auch wenn der Preis für die Bewunderung ist, dass sie ihn hier in Rio niemals richtig kennenlernen werden. Oder nur seinen Schwanz.

Autor: Maximilian Reich
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