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Redet mit den Rechten

Wer schweigt, bestätigt die Hetze. Eine Streitschrift

Redet mit den Rechten

Gegen die zunehmende Fremdenfeindlichkeit in Deutschland hilft nur eines: Verbaler Vollkontakt. Wer schweigt, bestätigt die Hetzer, sagt unser Autor Till Reiners. Eine Streitschrift.

Ob Sie mit Rechtspopulisten und ihren Anhängern reden sollten? Sie persönlich? Auf jeden Fall! Sie lesen gerade einen Artikel auf playboy.de und schauen sich nicht nur die Fotos an. Sie sind die richtige Person, um Menschen zu irritieren, die es sich gern einfach machen. Bezogen auf die Politik, sind das vor allem: Fremdenfeinde, Nazis, die Neuen Rechten und ihre Anhänger.

Leider lehnen viele Gegner dieser Rechten den Dialog ab. „Mit denen darf man nicht reden“, heißt es oft. Das ist so pauschal wie unsinnig. Warum sollte das Gespräch schaden? Glauben die Diskussionsverweigerer, dass die rechten Argumente so brillant sind, dass man die Seite wechselt?

Das Gegenteil ist der Fall: Wer mit den Menschen am – mittlerweile ziemlich breiten – rechten Rand der Gesellschaft redet, macht es ihnen dort unbequem. Weil ihre plakative Rhetorik der Ausgrenzung darauf angelegt ist, Andersdenkende, -aussehende und -redende zu diffamieren.

Lügenpresse! Ausländer! Gutmenschen! Demokraten! Sie wollen nicht diskutieren und Lösungen suchen. Sie wollen das Ressentiment. Und wer den Dialog mit ihnen ablehnt, statt ihn einzufordern, gibt diesen Rechten Recht.

Wer die Diskussion sucht, taugt nicht zum Feindbild

Die offene Diskussion zu suchen zeigt hingegen: Ich habe keine Angst vor euch. Und: Wir grenzen euch nicht aus. Ihr gehört dazu und könnt euch nicht beleidigt in die Ecke stellen. Das heißt: Wir streiten uns und sagen es euch, wenn wir finden, dass ihr Unsinn redet.

Wer mit Rechtspopulisten streitet, macht es ihnen schwer, weil er nicht zulässt, dass sie sich nur noch mit Leuten umgeben, die die gleiche Meinung haben wie sie. Und weil man als Gesprächspartner nicht zum Feindbild taugt.

Das Feindbild „Demokrat“ wird aus der Rechtsaußen-Perspektive nur dann richtig groß, wenn die Menschen dort nichts mehr mit Demokraten zu tun haben. Die Projektion des Feindbilds muss man sich vorstellen wie bei Beamer und Leinwand: Je weiter weg der Beamer steht, desto größer das Bild.

Lernen Sie, die Rechten zu verstehen!

Welchen Vorteil aber zieht der liberal gesinnte Mensch daraus, mit Rechten zu reden? Er lernt zu verstehen, warum sie sich vom Rechtspopulismus angezogen fühlen. Und wie man dagegenhält.

Für die Recherche zu meinem Buch „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ habe ich Rechtspopulisten, besorgte Bürger und Neue Rechte getroffen. Meine Leitfrage war: „Wovor habt ihr Angst?“

Natürlich habe ich nicht alle Rechten und Extremen kennengelernt, aber genug, um drei Typen ausfindig zu machen. Damit Sie wissen, wer und was in so einer Diskussion auf Sie zukommt, stelle ich Ihnen die Typen vor:

Typ 1: Der Entschleuniger

Er ist klassischerweise ein frustrierter ehemaliger CDU-Wähler, der sich wünscht, dass nach Atomausstieg, Bankenrettung und Frauenwahlrecht die Welt endlich mal Pause macht und sich wieder um ihn dreht.

Exemplarisch dafür steht die Erklärung, die ein AfD-Politiker mir gab: „Seit ich in der AfD bin, sagen mir Freunde und Bekannte, ich hätte mich verändert. Aber nicht ich habe mich verändert, sondern die Welt um mich herum.“

Gespräche mit dem Entschleuniger sind eine Zeitreise. Bisweilen eine nette Plauderei. Der entscheidende Stimmungskiller ist die Frage: Warum grenzen Sie sich nicht eindeutig von den Rechtsradikalen ab?

Typ 2: Der Hüpfbürger

Hüpfbürger springen auf der Hüpfburg der Abgehängten. Ein Klassiker der Küchenpsychologie: Wenn es jemandem schlecht geht, sucht er sich jemanden, dem es noch schlechter geht. Das ist das Hüpfburg-Prinzip: Je doller man nach unten tritt, desto höher kommt man – allerdings immer nur kurz, deswegen muss man neu nach unten treten.

Zwischen den Zeilen hört man heraus, wie schlecht es den Hüpfbürgern tatsächlich geht und wie sehr sie das anfällig für Neid und Missgunst macht. Mein Lieblingserlebnis ist das Gespräch mit einer Frau, die ursprünglich aus Polen stammt, vor zehn Jahren nach Deutschland gekommen ist, zeitweise obdachlos war, dann Deutsch gelernt hat und Arzthelferin wurde, mittlerweile aber wieder arbeitslos ist.

Sie beschwert sich, dass Flüchtlinge mehr Unterstützung bekämen als sie. Ich wende ein, dass sie ja selbst geflüchtet sei. Sie antwortet: „Nein, das war etwas ganz anderes.“ Mit Hüpfbürgern zu reden ist eine Qual. Weil der Hass ihnen hilft, ihr eigenes Elend zu ertragen, lieben sie ihn und verbeißen sich darin wie ein Hund in seinen Knochen.

Das Gespräch ist ein Erfolg, wenn man es schafft, über ihre tiefer liegenden persönlichen Probleme zu sprechen.

Typ 3: Der Rassist

Was halten Sie von folgenden Sätzen: 1. Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen. 2. Wenn Arbeitsplätze knapp werden, sollte man die Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken. 3. Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet.

Wenn Sie allen drei Aussagen zustimmen, sind Sie fremdenfeindlich. Das sind laut einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung in Deutschland mittlerweile 20 Prozent der Bevölkerung. Und hier liegt die Herausforderung. Rassismus ist gesellschaftsfähig geworden.

Bei Pegida-Märschen und bei der AfD habe ich es erlebt. Niemand ruft mehr dumpf: „Ausländer raus!“ Die Parolen sind heute raffinierter. Es geht zum Beispiel gegen den Islam, weil man fortschrittlicher sei als „die da“.

Rechte missverstehen die Meinungsfreiheit

Das Ziel dieser Leute ist es, Ressentiments zu schüren und sich selbst als Retter darzustellen. Doch wie diese Rettung aussehen soll? Das weiß niemand. Und genau hier kann man ansetzen.

Ich habe einen Landtagsabgeordneten der AfD gefragt, was er denn gegen die von ihm kritisierten Parallelgesellschaften und für die Integration von Ausländern tun wolle. Daraufhin hat er mich verblüfft angeguckt und nach einer Weile gesagt: „Das müssen Sie die anderen Parteien fragen.“

Egal, mit welchem Typus der Rechten man spricht – eines haben viele von ihnen gemein: Sie missverstehen Meinungsfreiheit. Meinungsfreiheit bedeutet für sie: Man darf öffentlich hetzen, gegen wen man will.

Vielleicht hilft ja ein simpler Vergleich, um Meinung von Hass zu unterscheiden: Auf manchen Autobahnstrecken darf man so schnell fahren, wie man möchte. Aber niemand nimmt deswegen an, dass für diese Abschnitte die Straßenverkehrsordnung nicht gilt. Ich darf nicht mit 250 km/h meinen Vordermann rammen. Das Limit ist unbegrenzt, solange ich niemandem schade. Wer hetzt, will anderen schaden.

Von den Veganern lernen

Man kann in Gesprächen mit solchen Rechten vielleicht niemanden bekehren. Oder wann haben Sie zuletzt aufgrund eines einzigen Gesprächs gesagt: „Jetzt ändere ich mein Weltbild.“? Trotzdem ist es wichtig, seine Haltung zu zeigen. Und wer dafür ein Vorbild braucht, kann sich zum Beispiel bei den Veganern umschauen.

Ja, richtig gelesen! Woran nämlich erkennt man einen Veganer? Er sagt es einem! So klar und deutlich wie der Rechtspopulist und seine Anhänger behaupten, sie seien das Volk. Woran aber erkennt man einen Demokraten? Keine Ahnung, die sagen ja nichts! Das sollten wir ändern. Damit die 20 Prozent Fremdenfeinde in Deutschland merken: Nein, ihr seid nicht das Volk.

Autor: Till Reiners
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