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Auf eigene Faust

Wie ein Deutscher in den Kampf gegen den IS zog

Der Freiwillige

Ein Deutscher zieht in den Krieg gegen den IS – auf eigene Faust und ohne Kampfausbildung. Er will den Gräueltaten des Islamischen Staats nicht länger tatenlos zusehen. Dafür kehrt Christian Haller seiner Freundin, seiner Familie, seinem Arbeitsplatz den Rücken und verschwindet nach Syrien. Ein Treffen mit einem Gewissenskrieger.

Falls jemand außer mir diese Zeilen lesen wird, bin ich leider tot. Oder dieses Notizbuch ging mir verloren. Im Falle meines Todes möchte ich, dass jeder, der mir nahesteht, wie meine Familie, engste Freunde und vor allem meine Freundin, dieses Buch liest (. . .). Bitte verzeiht mir, wenn ich euch Kummer und Sorgen bereitet habe. Aber dies war mein Weg, meine Reise. Niemand konnte ihn tatsächlich mit mir gehen. Ich danke euch für alles. Ich bin nun bei meinem Papa und passe auf euch auf. (. . .)

(Syrien-Tagebuch von Christian Haller, erster Eintrag)

     

Am Morgen des 3. November 2014, ein Montag, liegt Christian Haller in seinem Bett und wartet darauf, dass die Haustür hinter seiner Freundin Marie ins Schloss fällt. Dann zieht er es durch. Er steigt auf den Dachboden des Hauses in einem kleinen Dorf in der Eifel, öffnet einen Koffer und holt den gepackten Rucksack heraus, den er darin versteckt hat. Drei Winterjacken und drei Jeans stopft er noch dazu, seinen Reisepass, sein Flugticket, 500 Dollar in bar. Gegen Mittag geht der ICE nach München.

In einem Hotelzimmer schreibt er dort einen Abschiedsbrief an Marie: Er müsse weg, er könne nicht sagen, wohin, sie solle bitte nicht zur Polizei gehen – er liebe sie. Am nächsten Morgen nimmt er die S-Bahn zum Flughafen. Warum er in den Irak reise, fragt die Beamtin an der Passkontrolle. „Das Land ansehen.“ Die Frau hinter der Plexiglasscheibe sieht ihn eine Weile an, als glaube sie ihm kein Wort. Dann wünscht sie ihm einen guten Flug. Zwei Stunden später sitzt Christian Haller, der zu diesem Zeitpunkt 29 Jahre alt ist, der noch nie zuvor Europa verlassen und noch nie eine echte Waffe in der Hand gehabt hat, an Bord einer Boeing 737, Flugziel Sulaimaniya im Nordirak, und zieht in den Krieg gegen den Islamischen Staat.

"Falls jemand außer mir diese Zeilen lesen wird, bin ich leider tot."

Mehr als 700 Deutsche sollen sich seit 2012 dem IS angeschlossen haben. Ex-Rapper, die zu Schlächtern wurden, übergewichtige Kleinkriminelle, die als Kanonenfutter endeten, man kennt die Geschichten. Was weniger bekannt ist: Immer wieder reisen Deutsche nach Syrien, um nicht für, sondern gegen den IS zu kämpfen. Niemand weiß genau, wie viele es sind, ein paar Dutzend vielleicht, lauten Schätzungen. Ihre Geschichten kennt kaum jemand. Die werden meist nur bekannt, wenn sie tödlich enden. Im November 2014 stirbt Ivana Hoffmann, 19 Jahre alt, glühende Kommunistin, in Kobane, Nordsyrien. Im Februar 2015 erwischt es den 21-jährigen Kevin Joachim. Christian Haller wird seine Reise überleben. Und ein Buch darüber schreiben. „Sie nannten mich ’Held’“, heißt es. Aber eine Heldengeschichte, das sagt er selbst, ist seine Story nicht.

Seine Kampfausbildung dauert genau einen Tag lang

15 Tage ist das Touristenvisum gültig, das sie Haller nach seiner Landung im irakischen Sulaimaniya in den Pass stempeln - er wird es um sieben Monate überziehen. Wenige Wochen vor seiner Abreise hat er per Facebook die „Lions of Rojava“ kontaktiert, eine Organisation, die ausländische Freiwillige nach Syrien schleust, um auf Seiten der kurdischen Miliz YPG gegen den IS zu kämpfen. Kurz darauf meldete sich eine deutschsprachige Kontaktperson der Lions und nannte ihm die Voraussetzungen: Er brauche warme Unterwäsche, einen gültigen Reisepass und ein Flugticket in den Irak. Das war’s.

Ein Kämpfer der Rebellen in Daraa, Süd-Syrien

Am Flughafen in Sulaimaniya wird Haller von einigen Männern in Empfang genommen und dann innerhalb weniger Tage nach Syrien verbracht, per Taxi, per Jeep, schließlich per Schlauchboot über den Tigris. Er landet zunächst in einem Auffanglager für Neuankömmlinge, einige Tage später bekommt er eine Kalaschnikow ausgehändigt, erhält seine Kampfausbildung - sie dauert genau einen Tag lang - und gerät schon kurz darauf in sein erstes Gefecht. Er schiebt Wache auf einem Verteidigungsposten an der Frontlinie, die das von den syrischen Kurden kontrollierte Gebiet von dem des IS trennt, als Leuchtraketen plötzlich die Nacht erhellen. Haller hört Maschinengewehrsalven, Explosionen von Raketen, er duckt sich in seinen Schützengraben, positioniert seine AK-47 und schießt in Richtung IS. Erst zaghaft, dann mutiger, er sieht den Feind nicht, er feuert einfach in die Dunkelheit. Zwei Wochen zuvor saß Christian Haller daheim auf seiner Couch in Deutschland und sah Bilder vom Krieg in Syrien in den Nachrichten. Jetzt liegt er in einem Schützengraben und schießt auf einen Feind, den er nicht sieht. In einem Land, das er nicht kennt. In einem Krieg, der nicht seiner ist. Warum zur Hölle tut man sich so etwas freiwillig an?

"Ich habe, das gebe ich gerne zu, auch das Abenteuer gesucht."

Christian Haller

Ein gutes Jahr später gibt Haller, rasierter Kopf, muskulöse Arme, ernster Blick, in einem Cafe in einer deutschen Großstadt eine erstaunlich klare und offene Antwort auf diese Frage: „Ich wollte selbst etwas gegen diese Barbaren vom IS tun. Ich wollte meinem Leben einen tieferen Sinn geben. Und ich habe, das gebe ich gerne zu, auch das Abenteuer gesucht.“ Dann erzählt er davon, wie die Entscheidung, nach Syrien zu gehen, in ihm reifte. Wie er auf der Couch saß, die Berichte über die Gräueltaten des IS sah und sie nicht vergessen konnte. Wie kann die Welt dabei zusehen? Wie kannst du dabei zusehen? Diese Fragen wühlten in ihm und verbanden sich mit einer weiteren, die er sich schon lange stellte: Willst du dein Leben wirklich so weiterleben? Er steckte in einem Job, den er hasste. In einer Beziehung, die ihn nicht mehr glücklich machte. In einem Leben, das ihn erstickte. Und dann stieß er im Internet auf etwas, das ausgesehen haben muss, als könnte es die Antwort auf seine Fragen sein: die Website der „Lions of Rojava“.

Mehrere hundert Kämpfer aus aller Welt, so schätzt Haller, sind bislang nach Syrien gereist, um auf Seiten der Kurden gegen den IS zu kämpfen, den sie hier „Daesh“ nennen (ein Akronym, das wie das arabische „Dahes“, „der Zwietracht Säende“, klingt). Einige kehren schon nach wenigen Wochen wieder nach Hause zurück. Die meisten bleiben für ein paar Monate. Wenige halten länger durch. Viele Selbstdarsteller seien unter den Ausländern, erzählt Haller - Männer, die den Helden spielen wollen und in Panik geraten, sobald es gefährlich wird -, aber auch erfahrene Ex-Soldaten und junge Idealisten, die vor allem von der politischen Idee angelockt wurden, für die Rojava steht: Seit ihrer Autonomieerklärung 2012 versuchen die Kurden, in dem Gebiet eine Art basisdemokratische Gesellschaft aufzubauen, in der alle dieselben Rechte haben – Kurden und Nicht-Kurden, Muslime und Christen, Männer und Frauen. Weshalb Letztere, organisiert in der Fraueneinheit YPJ, genauso in den Krieg ziehen wie die Männer. Ein sozialistisches Utopia, das Linke aus aller Welt anlockt, unter ihnen die getöteten Deutschen Ivana Hoffmann und Kevin Joachim.

Peshmerga-Kämpfer im Hinterland Syriens

Haller aber ist nicht aus ideologischen Gründen gekommen. Er will in Syrien nicht für etwas kämpfen, sondern gegen etwas: den IS. Das Problem ist nur: Die Kurden lassen ihn nicht. „Sie setzen Ausländer nie bei Angriffen ein“, sagt Haller, „nur zum Wacheschieben, für den Personenschutz oder Ähnliches. Sie betrachten die ausländischen Kämpfer als Gäste, die sie besonders beschützen müssen.“

Nach zwei Monaten will er Syrien wieder verlassen – doch dann kommt alles ganz anders

Einige Wochen lang schiebt Haller Wache an dem Frontwall, an dem er in sein erstes Gefecht geraten ist, dann wird er in eine Militärbasis der YPG und später in ein kleines Dorf abseits der Front verfrachtet. Wochenlang geschieht: nichts. Statt zu kämpfen, sitzt er mit anderen Ausländern auf einer verlassenen Olivenfarm fest und guckt „Arabien sucht den Superstar“. Und statt zu helfen, braucht er bald selbst Hilfe. Nach tagelangem Durchfall und Erbrechen landet er völlig de-hydriert für zwei Tage im Krankenhaus. Ende Dezember, zwei Monate nach seiner Ankunft in Syrien, sitzt Haller in einer YPG-Basis und weiß nicht mehr, was er dort eigentlich tut. Es ist sein 30. Geburtstag. Die Kurden haben ihm den Kampfnamen Agit gegeben, was so viel bedeutet wie Held, aber er ist weit davon entfernt, in Syrien Heldenhaftes zu vollbringen. Zudem hat am Tag zuvor seine Freundin Marie, mit der er in den vergangenen Wochen sporadisch per Mail kommunizierte und die völlig außer sich ist vor Angst, die Beziehung beendet. Haller ist verzweifelt, müde. Und er fällt einen Entschluss: Er will nach Deutschland zurück. In die Heimat. Sofort. Er steht auf und beginnt seinen Rucksack zu packen. Doch dann kommt alles ganz anders.

"Wenn es zum Feindkontakt kommt, ist nichts so wie man es sich vorstellt."

Hallers Heimat ist nicht die Großstadt, sondern ein kleiner Ort im Westerwald, wo er aufgewachsen ist. Ein Scheidungskind, schwierige Jugend. Als sein Vater stirbt, verliert er früh den Halt, macht Blödsinn, trinkt, spielt mit seinen Kumpels Jackass-Stunts nach. Er habe schon immer große Abenteuerlust gehabt, sagt er, und einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.

Als junger Mann geht er einmal dazwischen, als ein paar Kerle einen Kneipengast attackieren – er bezahlt dafür mit einem Jochbeinbruch. Haller macht das Fachabitur, beginnt zwei Studiengänge, bricht sie ab. Zur Bundeswehr geht er nicht. Weil er, wie er erklärt, zwar bereit sei, für Werte einzutreten, aber nicht zu sterben für ein Konstrukt, wie es ein Staat ist. Irgendwann lernt er Marie kennen, zieht bei ihr ein, wird ruhiger. Er träumt von einem Job als Diplomat, von der großen weiten Welt. Doch die Welt, in der er lebt, wird immer enger. Er nimmt einen Job in einer Paintball-Anlage an, geht kaum mehr aus. Sein Leben kreist nur noch um Arbeit, Beziehung, Wohnzimmer-Couch. Als er nach seiner Ankunft in Syrien den ersten Tagebucheintrag verfasst, wählt er dafür die Überschrift: „Mein Ausbruch“.

"Wenn es zum Feindkontakt kommt, ist nichts so wie man es sich vorstelt."

Christian Haller

8. Januar, Nordostsyrien. „Daesh!“, schreit jemand plötzlich in die Nacht, Sekunden später schlagen die ersten Kalaschnikow-Kugeln in den Sandsäcken ein, hinter denen sich Haller verschanzt hat. Wieder sieht er fast nichts, feuert einfach in Richtung der Mündungsfeuer der Islamisten. Wenige Tage zuvor, an seinem Geburtstag, als Haller mit gepacktem Rucksack gerade die YPG-Basis verlassen will, hat er erfahren, dass er einer neuen Einheit zugeteilt worden ist.

Jetzt liegt er an einem Checkpoint in der Wüste und kämpft um sein Leben, während das feindliche Mündungsfeuer immer näher kommt. „Wenn es zum Feindkontakt kommt, ist nichts so, wie man es sich vorstellt“, wird er später schreiben. „Es fühlt sich so an, als würde man auf Autopilot schalten. Als würde irgendetwas in uns die Kontrolle über den Körper übernehmen. Der Verstand schaltet sich ab, man denkt nicht mehr, man handelt.“ Etwa eine Stunde dauert das Gefecht - es kommt ihm vor, als wären es nur wenige Minuten gewesen.

Am nächsten Morgen beobachtet er, wie die Kurden Leichen von IS-Kämpfern einsammeln, die in der Nacht getötet wurden. Sie nehmen ihnen Waffen und Munition ab und laden sie auf Lkws. Es ist das erste Mal, dass Haller einige Kämpfer des IS tatsächlich sieht. Steife Körper in blutigen Uniformen, bärtige Gesichter – junge Gesichter.

Ein Nachschub-Tunnel der Terrororganisation "Islamischer Staat" in Syrien

Hat er in Syrien getötet? Haller blickt von seiner heißen Schokolade auf. „Das möchte ich nicht beantworten. Für mich gehört, was in Syrien geschehen ist, nach Syrien.“ Albträume hat er keine. Keine Flashbacks oder Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung. Er habe nicht zu kämpfen mit dem, was er in Syrien erlebt hat. Er sagt aber auch: „Niemand bleibt unschuldig in einem Krieg.“

Die neue Einheit, der Haller zugewiesen wird, ist eine Art Leibgarde eines Generalkommandeurs, dessen Aufgabe es ist, sich um die arabischen Einwohner der Dörfer zu kümmern, die die Kurden beim Kampf gegen den IS erobern. Eine heikle Aufgabe. Einerseits muss der Kommandeur das Vertrauen und die Loyalität der Dorfbewohner gewinnen, andererseits mögliche IS-Informanten ausfindig machen. In den folgenden Monaten fährt Haller mit seiner Einheit von Dorf zu Dorf und lernt die grässlichen Konsequenzen kennen, die der Krieg für die Zivilbevölkerung hat. Er fährt in Dörfer, in denen es keine Wasserversorgung mehr gibt, er sieht Kinder, die in einem Gebäude unterrichtet werden, in dem es nicht mal mehr eine Eingangstür gibt, weil sie zu Feuerholz gemacht worden ist. Und er denkt an Deutschland, an die Menschen, die gegen Flüchtlinge demonstrieren: Wenn die auch nur ein einziges dieser Dörfer sähen, sagt er sich, wüssten sie, warum die Menschen fliehen.

"Niemand bleibt unschuldig in einem Krieg"

Christian Haller

Zu Hallers Aufgaben gehört nun auch, vermeintliche IS-Spitzel in den Dörfern zu finden und festzunehmen. „Sie wurden gefesselt, geschlagen, das war teilweise schon sehr erniedrigend“, sagt er. „Ich selbst habe niemanden geschlagen, aber – ja, ich hätte dazwischen gehen können. Das habe ich nicht getan.“ Was mit den Festgenommenen geschah? „Ich weiß es nicht. Eine Spezialeinheit holte sie ab und brachte sie weg.“ Niemand bleibt unschuldig.

Die folgenden Monate erlebt Haller als eine einzige Abfolge von Einsätzen. Mal geht es mit dem Generalkommandeur in ein Dorf, mal muss er mit seiner Einheit an der Front aushelfen. Wachdienste, Patrouillen, Gefechte. Die Zeit, als er untätig herumsaß, scheint ewig her zu sein.

Soldat der SDF in Syrien. Die Stellungen des IS sind nur 150 Meter entfernt.

Dann, es ist Anfang Mai, soll seine Einheit nach einem Gefecht wieder einmal dabei helfen, die Leichen getöteter IS-Kämpfer aufzusammeln. Weil sie wissen, dass einige Islamisten Sprengstoffgürtel tragen, um im Fall der Fälle noch so viele Gegner wie möglich mit in den Tod zu reißen, gehen sie extrem vorsichtig vor – und dennoch explodiert plötzlich eine Sprengstoffkapsel, die einer der IS-Kämpfer bei sich getragen hat. Überall Blut, Schreie, ein Mann liegt mit zerfetztem Gesicht und abgerissener Hand auf dem Boden, er ist tot, viele weitere sind verletzt. Wenig später beschließt Haller zum zweiten Mal, Syrien zu verlassen.

"Das Problem war, dass ich nicht wusste, was mich in Deutschland erwartet, wenn ich zurückkehre."

Christian Haller

„Das Problem war, dass ich nicht wusste, was mich in Deutschland erwartet, wenn ich zurückkehre“, sagt er. „Also schrieb ich eine E-Mail an das LKA Rheinland-Pfalz.“ Haller weiß zu diesem Zeitpunkt, dass deutsche Beamte in seinem Umfeld Nachforschungen über ihn angestellt haben. Wo ist er hin? Warum ist er dort hin? Hat er sich dem IS angeschlossen? Als die Antwort vom LKA kommt, ist er erleichtert: Es sei kein Verfahren gegen ihn anhängig, heißt es darin.

Es ist ein rechtlicher Graubereich, in den sich Haller mit seiner Reise nach Syrien begeben hat. Fest steht: Die YPG ist der militärische Arm der syrischen Kurden-Partei PYD, die wiederum als Zweig der in Deutschland als Terrororganisation eingestuften PKK gilt. Anders als die PKK ist die YPG in Deutschland allerdings nicht verboten. Zudem gilt die YPG als wichtigster Verbündeter des Westens im Kampf gegen den IS. Wie mit Rückkehrern umgegangen wird, die sich ihr angeschlossen haben, müsse je nach Einzelfall bewertet werden, heißt es seitens der deutschen Justiz. Der Stand im Einzelfall Haller: Seit seiner Rückkehr sei er „weder von der Polizei noch vom Verfassungsschutz kontaktiert worden“.

Anfang Juni 2015, sieben Monate nach seiner Ankunft in Syrien, teilt Haller seinem Kommandeur mit, dass er nach Hause zurückkehren werde. Er hat genug vom Elend der Zivilisten, von den Toten an der Front, vom permanenten Alarmzustand der vergangenen Monate. Er denkt auch an die schönen Momente zurück, an die Kameradschaft, an den gemeinsamen Tee am Lagerfeuer nach einer eisigen Nacht auf einem Wachposten - und an das befriedigende Gefühl, etwas Gutes, etwas Richtiges getan zu haben. Aber er glaubt einfach nicht mehr daran, in diesem Krieg irgendetwas ändern zu können. Er ist desillusioniert und unendlich müde.

Syrische Rebellen auf dem Weg nach Al-Saan, August 2017

Wenige Tage später überquert Haller wieder in einem Schlauchboot den Tigris. Diesmal in die andere Richtung. Weil er sein Visum um sieben Monate überzogen hat, bezahlt er in einem Amt in Erbil, Irak, 400 Dollar Strafe - die Kurden haben ihm zum Abschied extra etwas Geld dafür gegeben – und wird mit einem zweijährigen Einreiseverbot belegt. Tags darauf steigt er in ein Flugzeug nach München. Christian Hallers Reise in den Krieg ist vorbei.

Seit seiner Rückkehr denkt er manchmal darüber nach, wieder nach Syrien zu gehen

Hat sie etwas gebracht? Der Welt, den Kurden, ihm? Haller überlegt. „Eigentlich“, sagt er, „haben die Kurden auch ohne uns Ausländer genug Leute unter Waffen. Aber als Kollektiv haben wir bestimmt etwas bewirkt. Wir haben den Kurden gezeigt: Ihr seid nicht allein. Wir haben die Welt auf den Kampf der Kurden aufmerksam gemacht. Und, wer weiß, vielleicht haben wir auch ein paar Menschenleben gerettet.“

Wie es in seinem Leben jetzt weitergeht, weiß Haller hingegen nicht. In sein altes wollte er nach seiner Heimkehr aus Syrien nicht zurück. Er ist in eine neue Stadt gezogen, Kontakt zu seiner Ex-Freundin hat er kaum noch, auch zu Teilen seiner Familie nicht mehr. Er wohnt in einer WG, sucht einen Job, schreibt Bewerbungen. Was er gern tun möchte? „Es ist seltsam“, sagt Haller, „einerseits habe ich dort unten ein wenig den Glauben an die Menschheit verloren, andererseits ist mir klar geworden, dass vor allem eines mein Leben bestimmen wird: Menschen zu helfen.“ Die Geschehnisse in Syrien verfolgt er noch immer täglich. „Manchmal“, sagt er, „denke ich auch darüber nach, wieder runterzugehen zur YPG, mir hat das Leben dort ja auch gefallen, Abenteuer, Kameradschaft, und jetzt kämpfen die Kurden da unten, während ich hier rumsitze . . . Aber ich frage mich natürlich auch: ’Was, wenn es diesmal nicht gut ausgeht?’“

Am 22. Februar 2016 ist in Rojava wieder ein deutscher Freiwilliger beim Kampf gegen den IS getötet worden. Günter Hellstern, ein ehemaliger Bundeswehrsoldat und Fremdenlegionär. Er wurde 55 Jahre alt.

Autor: Alexander Neumann-Delbarre
Abenteuer Irland
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