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Die Brutstätte

Ein Besuch in Zinédine Zidanes gefährlicher Heimat

Von Fußballstars und Gangsterbossen

Drogen, Kalaschnikows, Bandenkriege: La Castellane ist die wohl verrufenste Vorstadtsiedlung Frankreichs – und der Ort, an dem Zinédine Zidane gelernt hat, sich durchzusetzen. Besuch in einer Banlieu, auf deren Bolzplatz sich das Leben entscheidet

Die Festung hat zehn Zugänge. Vor jedem stehen Wachen. Und wer an ihnen vorbeiwill, muss die richtige Antwort auf eine einfache Frage geben: Willst du was kaufen? 

Die Festung, das ist die Cité de la Castellane, eine Wohnsiedlung im Norden Marseilles, so groß wie drei Fußballfelder, so berüchtigt wie kein zweites Viertel in Frankreich. Die Wachposten sind Jungs, Teenager mit Kapuzen auf dem Kopf, Handys in der Hand und Paranoia in den Augen. Und die einzig zulässige Antwort auf die Frage, ob du kaufen willst, lautet: „Ja.“ 

Wer die richtige Antwort gibt, wird hineingelassen und von zuvorkommenden jungen Männern mit Plastikschüsseln voller Marihuana begrüßt. Beim Kauf gibt’s manchmal noch Blättchen oder ein Feuerzeug gratis dazu. Kundenpflege. 

Wer die richtige Antwort nicht geben kann, weil er zum Beispiel Journalist ist, muss draußen bleiben. Wenn er Glück hat, bekommt er nur ein „Verpiss dich!“ zu hören. Wenn er Pech hat, durchschlagen Eisbrocken aus den oberen Stockwerken die Windschutzscheibe seines Autos. Rein kommt er jedenfalls nicht. Außer er kennt jemanden, der ihm einen guten Tipp gibt: Komm frühmorgens, da ist der Markt noch nicht eröffnet. 

Es ist 8.30 Uhr, als wir von der Stadtautobahn abfahren, an einem Kreisverkehr abbiegen und auf die Wohnblöcke von La Castellane zurollen. Rechteckige, sandfarbene Blöcke, sieben, acht Stockwerke hoch, angeordnet wie ein Befestigungsring, der nur an vereinzelten Stellen Zugang zum Inneren der Siedlung erlaubt.

Wir fahren an einem der Blöcke entlang, vorbei an vergitterten Erdgeschossfenstern, bis wir vor einem schmalen Gebäudedurchgang stehen. Davor: ein grüner Plastikstuhl – der noch unbesetzte Posten eines Wachmanns. Unser Citroën schiebt sich durch die enge Zufahrt. Zentimeterarbeit. Dann sind wir drin. La Castellane. Drogenhochburg, Kriminalitätskapitale, erste Heimat von Zinédine Zidane. 

Die französischen Banlieus sind so etwas wie der Brutkasten des französischen Fußballs. Mittelfeld-Star Paul Pogba, Sturm-Hoffnung Anthony Martial, Bayern-Talent Kingsley Coman, Real-Torjäger Karim Benzema: Sie alle kommen aus jenen Vorortsiedlungen von Paris oder Lyon, in denen die Arbeitslosenquote noch höher ist als die Geschosszahlen der Wohntürme und die Zukunftsperspektive noch trostloser als der betongraue Blick aus dem Fenster.

Davon, was die Banlieue zum Ausgangspunkt so vieler großer Fußballkarrieren macht, aber auch so vieler zerstörter Leben, handelt diese Geschichte. Und davon, wie wenig beide Wege manchmal voneinander trennt. Es ist die Geschichte von drei Männern, die in La Castellane, der wohl berüchtigtsten Banlieue Frankreichs, aufgewachsen sind. Ihre Wege berührten sich und verliefen doch ganz unterschiedlich.

Der eine ist Zinédine Zidane, im Viertel einst besser bekannt als „Yazid“. Ihn muss man nicht erklären. Der andere ist Nordine Achouri, Spitzname „Nono“, ein verurteilter Drogenboss. Und der dritte: Mehdi Nagui, Spitzname „Moskito“, ein junger Mann, der beides kennt, die Drogen- und die Fußballwelt, und dessen Zukunft sich gerade entscheidet.

La Castellane wirkt wie ausgestorben, als wir – der Fotograf, der Reporter, eine Übersetzerin und Youssef Ben Moussa, ein Sozialarbeiter, der sich in dem Viertel auskennt – aus dem Auto steigen. Die hölzernen Läden von den meisten Fenstern sind geschlossen. Errichtet wurde die aus einem Dutzend „Tetris“-artig angeordneter Wohnblöcke bestehende Siedlung in den 1960er-Jahren. Baustil: Brutalismus.

Rund 7000 Menschen leben hier, aber zu sehen ist zunächst kein einziger. Erst als wir die Place Tartane betreten, den zentralen Platz des Beton-Ungetüms, hören wir erste Stimmen. Ein paar Kinder warten mit Fußballklamotten und Sporttaschen offenbar darauf, zu einem Spiel gefahren zu werden. Worauf die drei Männer warten, die vor der Ladenpassage am Rand des Platzes stehen – die Metallrollos der Geschäfte sind heruntergelassen, einige schon seit Jahren –, ist schwer zu sagen. Jedenfalls nicht auf uns.

Youssef, der Sozialarbeiter, spricht sie an. Mehr, weil er ihre misstrauischen Blicke bemerkt, als weil er sich interessante Informationen erhofft. „Salam alaikum, wir sind hier für eine Reportage über Zinédine Zidane . . .“ – „Jeder weiß doch schon alles über Zidane“, antwortet einer. „Ich hab nichts zu sagen“, ein anderer. Dann wenden sie Youssef die Rücken zu und blicken wieder auf die Place Tartane. Jene betonierte Fläche, 80 Meter lang, 20 Meter breit, auf der Zinédine Zidane das Fußballspielen lernte. 

Zidanes Bruder war noch talentierter als er – aber nicht so diszipliniert

Gegenüber der Ladenzeile, Hausnummer 7, erster Stock, wohnte Zinédine Zidane, den sie alle im Viertel nur Yazid nannten, mit seinen Eltern, seinen drei Brüdern und seiner Schwester. Zidanes Eltern waren aus Algerien eingewandert wie viele, die sich in der Siedlung niederließen.

La Castellane galt schon in den späten 70er- und frühen 80er-Jahren als schwierigstes Viertel von Marseille. Aber es gab dort noch keine Drogenbanden, keine Kalaschnikows, keine 13-Jährigen, die als Wachposten rekrutiert wurden.

Zidanes Vater Smaïl arbeitete als Lagerist, später als Wachmann, meist sechs Tage die Woche, und der kleine Yazid – schmal gebaut, schlau, eher ruhig, aber kein Engel – spielte Fußball, meist sieben Tage die Woche. „Alles, was ich über Fußball gelernt habe, stammt aus dieser Zeit von der Straße“, hat Zidane einmal gesagt.

Menschen, die ihn von damals kennen, erzählen das, was man oft hört, wenn sich einstige Weggefährten an Kinder erinnern, die zu Fußball-Stars wurden: Er war schon damals überragend, entschied Spiele allein, konnte jeden Trick nachmachen, sofort und oft noch besser.

Sie erzählen aber auch zwei überraschende Geschichten: dass Zidanes älterer Bruder Nordine eigentlich noch talentierter gewesen sei als Zinédine, sich aber weniger gut unter Kontrolle hatte. Und dass Zinédine mit Farid einen weiteren Bruder hatte, der sich immer – als Zinédine ein junges Talent im Nachbarschaftsclub Saint-Henri war, als er mit 14 in die Jugendakademie des AS Cannes wechselte, als er in Bordeaux zum Star wurde – darum kümmerte, dass Zinédine diszipliniert blieb, sich auf den Fußball konzentrierte und nicht abhob.

Einmal, so heißt es, sei Zinédine, ausgestattet mit seinem ersten Juventus-Gehalt, in einer Protzkarre in La Castellane vorgefahren und habe luxuriöse Geschenke für seine ganze Familie gebracht. Was soll das, habe Farid gefragt, wir sind deine Familie, nicht deine Fans!

Das stets so demütige Auftreten des Fußballers Zinédine Zidane: Viele, die ihn gut kennen, führen es auf seinen Bruder Farid zurück. Zidane hatte mehr als nur Talent. Er hatte die nötige Einstellung, um daraus etwas zu machen. Und Leute, die dafür sorgten, dass er diese Einstellung behielt.

Zidane als Kapitän in der Jugendmannschaft von Saint-Henri

Etwa fünf Minuten lang sehen wir uns auf der Place Tartane um, dann drängt Sozialarbeiter Youssef darauf  weiterzugehen. Er wirkt angespannt. Wir passieren das geschlossene Centre Social, einen Flachbau aus Beton. Ein paar Meter weiter steht ein weißer Renault Clio mit eingeschlagener Frontscheibe, an eine Häuserwand hat jemand eine Pistole und den Namen „Dadinio“ gesprüht. Ein Mann sitzt vor einem kleinen Laden, über dem in großen Buchstaben „Taxi Phone“ steht. Als er uns sieht, greift er zum Handy. „Jetzt wissen sie, dass wir hier sind“, sagt Youssef.

Schon bevor wir ankamen, hat er uns von einem französischen Fernsehteam erzählt, das ein paar Wochen zuvor in einem der Büros in der Ladenpassage an der Place Tartane ein Interview mit Weggefährten Zidanes führen wollte. Plötzlich tauchten mehrere junge Männer in Sturmmasken auf und verlangten zu erfahren, was da los sei. Youssef hat keine Lust, so etwas heute ebenfalls zu erleben.

Wir auch nicht. Also sitzen wir zehn Minuten später wieder in unserem Auto und verlassen La Castellane. Als wir an den Blöcken vorbeifahren, haben einige Wachen bereits ihre Posten bezogen: Teenager in Kapuzenpullis sitzen auf Plastikstühlen oder stehen auf Balkonen und drehen ihre Köpfe nach uns, als wir die Siedlung verlassen.

Vom Fußball-Talent zum Gangsterboss

Während Zinédine Zidane die französische Nationalmannschaft 1998 zum WM-Sieg im eigenen Land führte, träumte ein anderer junger Mann davon, eines Tages ebenfalls zum Fußball-Star zu werden. Nordine Achouri, im Viertel bekannt als Nono. Auch er stammt aus La Castellane, auch er spielte als Kind auf der Place Tartane, auch er hatte großes Talent. Aber aus ihm wurde keine Lichtgestalt der Grande Nation – aus ihm wurde eine der finsteren Figuren ihrer Unterwelt. 

Wer Nonos Geschichte hören möchte, trifft sich am besten mit Philippe Puyol. Der 40-jährige Journalist sitzt auf einer Café-Terrasse mit Meerblick im Zentrum von Marseille, hat eine Lederjacke an und ein Handy in der Hosentasche, das dauernd klingelt. Gestern gegen 22.30 Uhr, am Abend nach unserem Besuch in La Castellane, wurden in Bassens, einer Sozialbausiedlung vier Kilometer südlich von La Castellane, drei Männer erschossen. Vermutlich Bandenmorde im Drogenmilieu. Und nun möchte die halbe Welt von Puyol wissen, wie er die Sache einschätzt.

Zehn Jahre lang hat er als Reporter in den Quartiers Nord, der nördlichen Banlieue von Marseille, recherchiert und ein Buch darüber geschrieben. Es trägt den Titel „La Fabrique du Monstre“, die Monsterfabrik. Puyol hat dafür Frankreichs wichtigsten Journalistenpreis erhalten, weil er Einblick gibt in eine Welt, die fast alle Franzosen aus den Schreckensmeldungen in den Nachrichten kennen, in die aber fast keiner freiwillig einen Fuß setzen würde.

2012 sorgte die Bürgermeisterin der Quartiers Nord, Samia Ghali, mit ihrer Forderung für Aufsehen, die Armee einzusetzen, um den eskalierenden Drogenkrieg unter Kontrolle zu bringen. Mehr als ein Dutzend junger Männer waren in den Monaten zuvor bei Schießereien zwischen verfeindeten Gangs ums Leben gekommen. Die Armee kam nicht. Und die Morde gingen weiter. Bis heute. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt im Norden von Marseille bei über 50 Prozent, jeder zweite Bewohner lebt unter der Armutsgrenze. Illegale Geschäfte bieten den Jungen eine Perspektive, die sie sonst nicht haben.

Und so finden viele von ihnen Beschäftigung in den – so sagen sie in Marseille – „Supermärkten für Drogen“, in die sich einige der Siedlungen in den Quartiers Nord verwandelt haben. Großhändler und Gelegenheitskonsumenten, Fabrikarbeiter und Ärzte, Junkies und Partygänger: Sie alle kaufen dort ein. Cannabis vor allem, aber auch Kokain. Und Filialleiter im Drogensupermarkt La Castellane war: Nono. 

Dessen kriminelle Karriere begann, so erzählt es Puyol, mit einer Kränkung. Als 17-Jähriger durfte Nono, fußballerisch hoch talentiert, in der Jugendakademie eines Profi-Vereins vorspielen. Alles schien möglich, die Fußballkarriere ganz nah – doch die Trainer entschieden sich gegen ihn.

Bald darauf wurde Nono als Beifahrer in einem geklauten Auto erwischt. Wie fast jeder junge Mann in den Quartiers Nord hatte er schon ein paar kleinere Einträge in seiner Polizeiakte, und weil er sich jetzt auch etwas Größeres zuschulden hatte kommen lassen, steckte ihn der Richter für ein paar Monate ins Gefängnis. Eine Art Warnschuss sollte es sein. Doch der ging nach hinten los.

Als Nono das Gefängnis wieder verließ, war er ein anderer Mann. Ein gefährlicher Mann. Das Thema Fußball war für ihn erledigt. Er hatte nun ein anderes Ziel. 

Das Gericht, das Nono 2015 zu acht Jahren Haft verurteilte, sah es als erwiesen an, dass er der Chef eines ausgeklügelten Drogenhandels-Netzwerks war, das sich aus Spähern, Dealern, Sicherheitskräften und sogenannten „Hebammen“ zusammensetzte, die gegen Bezahlung Geld, Waffen und Drogen in ihren Wohnungen aufbewahren. Als die Polizei 2013 zu einer Razzia gegen das Netzwerk in La Castellane einrückte, fanden die Beamten mehr als 1,3 Millionen Euro Bargeld. Der Tagesumsatz der Bande wurde später auf 50.000 bis 80.000 Euro geschätzt.

Nono selbst soll ein Rennpferd, einen Sportwagen und mehrere Luxusuhren besessen haben. Er machte teure Urlaube, verzockte im Casino von Monaco Zigtausende Euro. Er führte ein ausschweifendes Leben. Ein Leben fast wie das eines Fußball-Profis. Jetzt sitzt er im Gefängnis. 

Hätten die Trainer damals an ihn geglaubt, hätte er nicht zur falschen Zeit im falschen Auto gesessen, wer weiß, was aus Nono geworden wäre. Vielleicht wäre er trotzdem abgerutscht. Vielleicht blickte er aber auch heute, mit 33 Jahren, auf eine erfolgreiche Fußballkarriere zurück.

Nur gehört dazu neben Talent, der richtigen Einstellung und dem richtigen Umfeld eben auch etwas anderes, dessen Bedeutung oft unterschätzt wird: eine ordentliche Portion Glück. Und davon, was möglich ist, wenn ein junger Mann dieses Glück hat, handelt die Geschichte von Mehdi Nagui.

600 Euro Profigehalt? Das verdient ein Späher in vier Tagen

So wie Zinédine Zidane und Nordine Achouri wuchs auch Mehdi in La Castellane auf. Heute 19 Jahre alt, kennt er die Welt der Drogensupermärkte wie die des Profi-Fußballs. Beide aus der Innenansicht. Und ob er es schafft, die eine dauerhaft hinter sich zu lassen und in der anderen sesshaft zu werden, das entscheidet sich gerade.

Das Stade Saint-Louis Rive Verte, ein Fußballplatz im Norden von Marseille, etwa 30 Zuschauer sitzen auf der kleinen Steintribüne, in der Ferne glitzert das Mittelmeer. Mehdi, Stürmer – er wird Moskito genannt, weil er so dürr wie treffsicher ist –, steht unten auf dem Platz und trägt das Trikot von Consolat Marseille, einem der derzeit wohl spannendsten Fußballclubs in Europa. 

Seit Mitte der 80er-Jahre hat sich der Verein vom Nachbarschaftsteam ohne Geld für Trikots zum Drittligisten mit Chancen auf den Aufstieg entwickelt. Nach Olympique Marseille ist Consolat heute der zweite große Verein der Stadt und zu einer Art Aushängeschild der Quartiers Nord geworden.

Der Verein gibt den Menschen in den Vierteln einen Grund, stolz zu sein, er sorgt für gute Nachrichten aus einer Gegend, aus der sonst nur schlechte kommen. Und er gibt den talentierten Fußballern dort eine Chance. Etwa 80 Prozent der Spieler in Consolats erster Mannschaft stammen aus dem Norden Marseilles. Das vielleicht größte Versprechen unter ihnen ist Mehdi. 

Auf der Place Tartane, dort, wo schon der Fußballdiamant Zidane seinen Grobschliff erhielt, spielte auch Mehdi täglich. Er trickste, er dribbelte, und die Jungs im Viertel staunten. Bis sie irgendwann anfingen, über andere Dinge zu staunen: Sneakers, Trainingsanzüge, Prada-Caps. 

Bald arbeiteten die ersten von ihnen für die Drogengangs. Als sogenannte Choufs. Das Wort kommt aus dem Marokkanischen, und jeder in den Quartiers Nord weiß, wer damit gemeint ist: die jungen Aufpasser, die an den Zugängen zur Siedlung Wache stehen. Es dauerte nicht lange, bis auch Mehdi einer von ihnen war. 150 Euro am Tag bekam er, manchmal auch mehr. Mit 14 schmiss er die Schule, immerhin spielte er noch in einem Verein Fußball. Aber nach einem Knöchelbruch war auch damit Schluss. 

Als er 17 Jahre alt war, hatte er zwei Jahre nicht mehr Fußball gespielt. Es sah nicht gut aus. Dann kam das Glück ins Spiel: Auf der Beerdigung seiner Großmutter traf Mehdi einen entfernten Cousin, den er nicht einmal kannte. Der hatte eine Autowerkstatt und einen Freund in der Chefetage eines Fußball-Sechstligisten. Bald darauf arbeitete Mehdi in der Werkstatt und spielte in der sechsten Liga. Es dauerte nicht lange, bis man bei Consolat auf ihn aufmerksam wurde. Seit Januar steht er nun bei dem Drittligisten unter Vertrag.

Als Jugendlicher arbeitete Mehdi Nagui (ganz rechts) als Späher für die Drogenhändler - heute ist er Fußball-Profi

„Er bringt große Qualitäten mit, aber taktisch muss er noch viel lernen“, sagt sein Trainer auf der Tribüne des kleinen Stadions in Consolat, während Mehdi, der heute in der Reserve-Elf spielt, auf dem Platz zeigt, warum er normalerweise in Consolats erster Mannschaft aufläuft: Das erste Tor schießt er selbst, vor dem zweiten holt er einen Elfmeter raus, das dritte bereitet er vor. Es heißt, einige Scouts des Erstligisten Anciennes beobachteten ihn bereits. 

„Mein Ziel ist natürlich, es nach ganz oben zu schaffen“, sagt Mehdi. „Aber ich muss jetzt erst mal einen Schritt nach dem anderen machen.“ Mit seiner Mutter und zwei jüngeren Brüdern wohnt er mittlerweile im Zentrum von Marseille. Er sagt, ihm sei alles fremd vorgekommen, als sie dort hinzogen, so selten sei er vorher dort gewesen.

Es ist für Mehdi eine neue Welt, in der er jetzt lebt. Er ist nun Fußball-Profi, trainiert jeden Tag. Die 600 Euro monatlich, die er dafür bekommt, hat er als Chouf in vier Tagen verdient. Aber sein neues Leben bietet ihm etwas, das in seinem alten nicht vorgesehen war: eine Zukunft. 

„La Castellane ist wie ein Gefängnis“, sagt er. „Wenn du uns Jungs von dort die Chance gibst, daraus auszubrechen, dann tun wir alles dafür.“ Mehdi hat das Talent, und er hatte das Glück. Klingt, als hätte er auch den Willen.

Autor: Alexander Neumann-Delbarre
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