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Die Walmänner von Lamalera

Das Walfleisch sichert ihr Überleben - bei der Jagd danach riskieren sie es

Die Walmänner von Lamalera

Mit Holzkanus und Bambusspeeren machen die Bewohner einer indonesischen Insel Jagd auf die größten Tiere der Welt. Das Walfleisch sichert ihr Überleben - bei der Jagd danach riskieren sie es. Unser Autor Thomas O'Malley wagte sich mit aufs Boot.

Es ist sieben Uhr morgens, und die Wellen branden noch immer mit Wucht gegen die Felsen, als Hieronymus mir einen düsteren Blick zuwirft und brummt: "Wieder keine Jagd heute." Tief und stürmisch hängt der Himmel über dem kleinen Fischerdorf, und so, wie es aussieht, muss ich mich noch einen weiteren Tag gedulden.

Unten am Strand sitzen träge die Späher vor einer Reihe palmgedeckter Hütten, rauchen und starren aufs Meer, als warteten sie auf den Bus. Oder zumindest auf etwas in der Größe eines Busses.

In Lamalera dreht sich alles um das Meer. Sämtliche Wege des Dorfes führen zum schwarzen Sandstrand, auf dem verstreut Felsbrocken und Knochen liegen. Auch die schmalen Bootshütten aus Bambus zeigen zum Meer, und aus jedem von ihnen ragt der spitze Bug eines Kanus, als hätte sich eine Schar Meeresschildkröten nebeneinander aufgereiht.

Lamalera in Indonesien ist einer der letzten Orte der Welt, in denen noch auf traditionelle Weise Wale gejagt werden.

"Schon komisch", sagt Hieronymus nachdenklich, während wir aufs Wasser hinausblicken.

"Was ist komisch?"

"Walblut riecht wie Menschenblut. Darum hab ich auch noch nie Walfleisch gegessen. Wegen diesem Geruch."

Das abgelegene Reich der Walfänger

Ich hatte Hieronymus - Spitzname Hiero - vier Tage zuvor in Maumere kennen gelernt, der einzigen größeren Siedlung im östlichen Teil der Vulkaninsel Flores, weit draußen im Osten des indonesischen Archipels.

Ich war mit dem Flugzeug gekommen und stand am Gepäckband, als er neben mir auftauchte und mir mit heiserer Stimme und in passablem Englisch sein Angebot unterbreitete: Er könne mich zu einer Insel bringen, wo Männer mit kleinen Holzbooten und Bambusspeeren auf Waljagd gingen.

Über Land- und Seewege würde er mich in dieses abgelegene Reich führen, mir helfen, Interviews mit den Walfängern zu führen, und - das Beste von allem - dafür sorgen, dass ich die Männer bei der Waljagd begleiten könne.

Ich musterte ihn knapp: einen kleinen, etwas düster blickenden Mann um die 40 mit getrimmtem Oberlippenbart und den für die Bewohner der Insel typischen kantigen Gesichtszügen. An einer Hand trug er ein Muschelarmband, mit der anderen holte er einen Walzahn aus der Hosentasche und spielte damit herum.

Lamalera-Experte Hiero

Ich kam mir vor, als hätte mir dieser Kerl gerade eine Fahrt zu King Kong auf die Totenkopfinsel angeboten. Aber die Männer, von denen er sprach, gab es offenbar wirklich. Wie hätte ich dieses Angebot ablehnen können?

"Wenn auf See was passiert, hast du ein Problem"

Die Reise nach Lamalera dauerte zwei lange Tage. Wir durchquerten dicht bewachsene Palmwälder und fuhren auf kleinen Fähren von Insel zu Insel.

"Nur dass du's weißt: Sobald ein Wal auftaucht, werden die Männer ihn jagen", warnte mich Hiero, während wir auf einem überladenen Kahn zwischen jadegrünen Vulkaneilanden hindurchtuckerten. "Es ist ihnen egal, dass du an Bord bist, auch wenn es viele Stunden dauert. Oder Tage."

Hiero hegt eine Vorliebe für Schwarzmalerei, die er gern in vollen Zügen auslebt. An meinem dritten Tag in Lamalera frage ich ihn, ob wir seiner Meinung nach je bei einer Jagd dabei sein werden.

"Was weiß ich? Kommt drauf an."

"Aufs Wetter?", schlage ich vor.

"Oder auf dich."

"Wie bitte?"

"Vielleicht bringst du Unglück. Hast ein unreines Herz. Pass lieber auf: Wenn dir die Dorfbewohner misstrauen und auf See passiert was, hast du ein Problem."

Während ich tagelang auf den Beginn der Jagd warte, erkunde ich jeden Winkel von Lamalera. Das Dorf liegt an der Südküste der Insel Lembata, dicht umgeben von steilen Bergen, die jede Bewirtschaftung unmöglich machen. Doch es ist mit einer einzigartigen Nahrungsquelle gesegnet: der Sawusee.

Segel aus Palmblätter, Harpunen aus Bambus

Zwischen dem Pazifischen und dem Indischen Ozean gelegen, erstrecken sich vor Lamalera mehrere fast zwei Kilometer tiefe Gräben, in denen sich gigantische Meerestiere tummeln. Vierzehn verschiedene Walarten wandern an der Insel vorbei, darunter auch der mächtigste von ihnen, der Blauwal. Haie, Rochen und Delfine kommen zum Fressen hierher. In den tieferen Wasserströmungen lassen sich Meeresschildkröten treiben.

Auch bei rauer See fahren die Fischer hinaus aufs Meer.

Seit Generationen gehen hier die Männer in Holzkanus mit Segeln aus Palmblättern auf die Jagd, ausgerüstet nur mit Bambusharpunen. Was sie erbeuten, wird gegessen oder gegen Früchte, Getreide und andere Waren getauscht. Wenn die Leute aus Lamalera Geld brauchen, wird das Walfleisch bis nach Lewoleba im Landesinneren gebracht, der einzigen Stadt auf der Insel, und dort verkauft.

Das Fleisch wird gegessen oder verkauft, die Knochen zu Möbeln oder Schmuck verarbeitet.

Seit einigen Jahren dient der Tourismus als zusätzliche Einnahmequelle. Wer auf einem Walfangboot mitfahren möchte - und bereit ist, lange genug auf diese Möglichkeit zu warten -, kann das tun. Aber er muss dafür bezahlen. Umgerechnet etwa zehn Dollar.

"Ich musste springen, also sprang ich."

An unserem dritten Abend in Lamalera macht das Wetter noch immer keine Anzeichen, dass es jagdfreundlicher werden könnte, und Hiero stellt mich zum Trost dem alten Ignaceus vor, einem erfahrenen Walfänger, der sich zur Ruhe gesetzt hat. Ein zähes Männlein mit großen Augen und struppigen grauen Haaren.

Ignaceus erzählt mir von seiner ersten Jagd vor über 40 Jahren. "Ich hatte Angst", sagt er. "Ich musste ins Wasser springen, bevor der Wal tauchte. Ich musste springen. Alle im Boot drängten mich. Also sprang ich."

Erst denke ich, Hiero hätte das mit dem Springen falsch übersetzt, aber er klärt mich auf: Anstatt die Harpune zu werfen, stürzt sich der Jäger vom Boot aus in die Fluten und rammt die Waffe mit aller Kraft in sein Opfer, beim Pottwal in die Stelle unter der Flosse. Ein riskantes Unterfangen: Der Jäger muss der schlagenden Schwanzflosse, dem Bootskiel und den Rotorblättern des Außenborders ausweichen, ohne sich in der Leine zu verfangen.

"Einmal hab ich mich verletzt", sagt Ignaceus und bläst den Rauch seiner Zigarette durch die Nase. "Das Seil hat sich um mein Bein geschlungen. Zum Glück hatte ich meine Harpune nur in einen Mantarochen geschlagen. Bei einem Wal hätte ich keine Chance gehabt. Gott wollte nicht, dass ich an jenem Tag sterbe."

"Gefühle sind bei der Waljagd extrem wichtig."

Während die Sonne hinter den Palmen Lamaleras versinkt, wird der beißende Gestank verderbenden Fleisches von den milderen Düften eines tropischen Abends überdeckt. Wir schlendern durchs Dorf zu dem Haus, in dem Ignaceus' Sohn Joseph lebt.

Harpunist Joseph

Joseph ist um die 40, hat dunkle Augen und einen Gang wie Clint Eastwood. Sein sehniger, durchtrainierter Körper steckt nur in einer kurzen Hose. Er lädt Hiero und mich ein, auf Hockern aus Walwirbeln Platz zu nehmen. Seine Frau bringt uns sirupartigen Palmwein in Plastikflaschen. Joseph hat mit 16 seinen ersten Wal erlegt und ist mittlerweile bei über 100 angelangt. Die meisten von ihnen waren Pottwale.

"Hast du keine Angst, dich zu verletzen oder zu sterben?", frage ich ihn. "Gefühle sind bei der Waljagd extrem wichtig. Wenn du Angst hast, erwischst du den Wal nicht", antwortet er. "Wenn ich draußen bin, denke ich nur daran, was ich für meine Familie und das Dorf fangen kann. Ich konzentriere mich nur aufs Meer. Ob Wal, Manta oder Delfin, ist mir egal - ich muss etwas heimbringen!"

Der Wal gehört dem ganzen Dorf

In Lamalera läuft es so: Kehrt ein Boot mit einem Delfin, einem Hai, einer Schildkröte oder etwas Ähnlichem zurück, gehört das Fleisch der Mannschaft. Haben die Männer aber einen Wal gefangen, wird er unter den Dorfbewohnern aufgeteilt. Walfleisch ist bei den Leuten am beliebtesten. Es wird in Salz eingelegt und getrocknet, dazu gibt es Reis oder Mais.

Erlegen die Fischer einen Wal, wird er unter den Dorfbewohnern aufgeteilt.

"Und was ist mit Blauwalen?", will ich wissen. Joseph erklärt, es sei tabu, sie zu töten - ein Gesetz, das noch aus Zeiten stammt, bevor sein Großvater geboren war. Sie sind zu groß und tauchen ab, wenn man sie harpuniert, sodass sie das Kanu mitsamt der Mannschaft in die Tiefe ziehen. "Außerdem", fügt Hiero leise hinzu, "kann man das Fleisch nicht essen. Selbst nach stundenlangem Kochen ist es so rot wie frisches Blut."

Auf einem Schrein in Josephs Haus stehen gerahmte Fotos. Auf einem von ihnen sieht man Joseph in blutrotes Wasser springen. Daneben ist ein verblasstes Marienbild aufgestellt. "Wenn ich gut träume", sagt Joseph, "bedeutet das Glück bei der Jagd. Wenn ich schlecht träume, fahre ich nicht raus. Wenn ich mich krank fühle, fahre ich auch nicht raus. Und wenn meine Frau schwanger ist, ebenfalls nicht - schlechtes Omen."

Die Jagd beginnt

Am nächsten Morgen am Strand kommt Hiero aufgeregt auf mich zu: Eines der Boote hat es vor dem Morgengrauen rausgeschafft. Endlich ist es so weit, die Jagd kann beginnen. Die Gruppe in unserem Boot besteht aus vier Jägern, Hiero, mir und den einzigen anderen Fremden im Dorf, zwei Italienern, die am Tag zuvor eingetroffen sind.

Zusammen mit den Spähern helfen wir der Mannschaft, ihr bemaltes Kanu über den Strand ins Wasser zu bugsieren. Die Männer paddeln wild, um den ersten Wellenberg zu überwinden, dann werfen sie den Außenborder an. Endlich sind wir im offenen Wasser und kreuzen über die Sawusee.

Unser Harpunier heißt Ondu. Er ist etwa 30, trägt eine gelbe Baseballkappe und steht ganz vorn am Bug auf einer Planke. Hinter ihm sitzt Opu, der Ondu assistiert und für seine Sicherheit verantwortlich ist. Er verwahrt die Taue und gibt Nyamin, unserem Mann hinten am Steuer, Anweisungen. Das jüngste Mannschaftsmitglied heißt Yan. Sein Job ist es, falls nötig, mit einer hölzernen Schüssel Wasser aus dem Boot zu schöpfen.

Während wir aufs Meer hinaustuckern, verwischt Lamalera langsam zu einem undeutlichen Punkt. Vor uns kreisen träge ein paar Möwen über dem Wasser, und unter ihnen erkennen wir die sichelförmigen Schwanzflossen von Thunfischen, die durch die Wellen pflügen.

Ondu zurrt die Spitze seiner Bambusharpune fest, und wir nehmen gerade Fahrt auf, als plötzlich einige Delfine aus dem Meer schießen. Es müssen mindestens 20 Tiere sein, ihre Körper glitzern in der Sonne, während sie in Zweier- oder Dreierformation elegante Sprünge vollführen.

Ondu deutet aufgeregt ins Wasser und brüllt Nyamin etwas zu. Der reißt das Steuer herum, aber es wimmeln zu viele Tiere gleichzeitig um uns herum - und im nächsten Augenblick sind alle verschwunden. Enttäuscht lässt Ondu seine Harpune sinken.

Ondu greift an

Doch schon bald soll die Jagd weitergehen: Wir entdecken eine kleine Delfinschule und verfolgen sie. Die Tiere sind unserem schwerfälligen Kanu mit seinem 25-PS-Motor hoffnungslos überlegen, doch sie scheinen Spaß daran zu finden, neben dem Boot herzuschwimmen und Sprünge zu vollführen.

Ondu wittert seine Chance. Er kauert sich auf der Planke zusammen und richtet die Waffe wie eine Lanze nach vorn. Alle außer Ondu schreien aufgeregt, während wir backbord, steuerbord und wieder backbord drehen und die Delfine unter dem Boot hindurchtauchen, an die Oberfläche kommen und wieder verschwinden.

Plötzlich greift Ondu an: Er taucht ins Wasser - und erscheint kurz darauf wieder am Heck. Er hat seine Beute verfehlt. Während er sich an Bord hievt, schimpft er auf Nyamin, unseren Steuermann.

Der Verbotene taucht auf

Wir sind inzwischen mehrere Kilometer von der Insel entfernt. Es ist weder Möwengeschrei noch verheißungsvolles Plätschern zu hören. Kein Lufthauch regt sich, die Sonne brennt gnadenlos vom Himmel. Wir nehmen Kurs nach Süden, und die schweigende Mannschaft hängt in Gedanken der verpassten Chance nach.

Das wichtigste Wort in Lamalera, der Ausdruck, der das ganze Dorf in Aufruhr versetzt, lautet: "Baleo!" Wal! Das ist der Ruf, dem ich gefolgt bin und den ich zugleich fürchte, wenn ich mir seiner tödlichen Bedeutung bewusst werde. Als ich ihn nun höre, dauert es einige Sekunden, bis ich begreife, was los ist. Hiero packt mich an der Schulter und deutet in die Ferne.

Der Rest der Mannschaft greift den Ruf auf: "Baleo!" Mit der Hand schirme ich die Sonne ab und spähe in die angegebene Richtung. Da sehe ich es: Etwa 500 Meter von uns entfernt spritzt ein schäumender Wasserstrahl empor. Ein Wal hat die Wasseroberfläche durchbrochen.

An Bord herrscht wilde Aufregung, und ich bedränge Hiero, das Geschrei zu übersetzen. "Nicht Baleo", sagt er immer wieder. "Kararu!" Baleo ist die Lieblingsbeute der Leute von Lamalera, der Pottwal. Kararu aber ist der Große. Der Verbotene. Der Blauwal.

Die Möwen verraten die Beute

Während die Jäger noch diskutieren, ertönt in unserem Rücken ein lautes Geräusch. Nur etwa 60 Meter von unserem zerbrechlichen Kanu entfernt, spritzt eine riesige Fontäne auf, dahinter eine zweite, etwas kleinere. Kararu! Es sind zwei weitere Blauwale, Mutter und Kind. Ihre gigantischen Körper wiegen sich knapp unter der Oberfläche im Wasser. Ehrfürchtig starren wir sie an. Dann schießt ein letzter Wasserstrahl empor - und die Wale verschwinden.

Glatt liegt das Meer nun wieder da, als wären die beiden Giganten nie gewesen. Alle sind begeistert, sogar Hiero strahlt. Die Italiener und ich umarmen uns. Doch die Jäger wollen weiter, schließlich sind wir nicht hier, um Wale zu beobachten. Und das verräterische Zeichen kreisender Möwen zeigt uns den Weg zu einer weiteren Delfinschule, die schon von einem anderen Kanu aus Lamalera verfolgt wird.

Wie zuvor führen die Delfine ihre Kunststücke vor, aber diesmal setzt sich ein Tümmler von der Gruppe ab, und unser Boot nimmt die Verfolgung auf. Wieder zückt Ondu seine Harpune und verschwindet im Wasser. Als er wieder auftaucht ist die Leine gespannt. Unter lauten Beifallrufen klettert er zurück an Bord.

"Das Glück meint es gut mit uns."

Die Männer ziehen das Seil ein, und ein schönes, etwa anderthalb Meter großes Jungtier kommt in Sicht. Die Wunde ist tief. Eine weitere Harpune landet im Rücken des Delfins. Schließlich wird er, Gesicht voraus, am Bootsrumpf hochgezogen, und die Männer schlagen ihm eine Holzbohle auf den Kopf.

Die Mannschaft jubelt. Ondus Helfer Opu schlägt übermütig einen Rückwärtssalto ins Meer. Der Delfin wird zwischen mir und Hiero abgeladen. Ich fühle mich leicht benommen und bin dankbar, als wir endlich weitertuckern und der Motor das rasselnde Röcheln des Tieres übertönt.

Hiero lehnt sich zu mir rüber: "Es passiert nicht oft, dass sie einen Delfin erwischen. Das Glück meint es gut mit uns." Seine - für ihn untypische - gute Laune kommt mir in Anbetracht der Umstände irritierend vor. Und auch jetzt ist die Jagd noch nicht vorbei. Wieder sind es die Möwen, die uns den Weg zeigen.

Wir verfolgen eine Gruppe Delfine und geraten in unsere bisher größte Schule von über 100 Tieren. Diesmal jedoch scheinen sie unsere Absichten zu kennen, als hätten sie inzwischen verstanden, dass wir es ernst meinen. Sie spielen mit uns, halten uns zum Narren, und unser Kanu hat nicht den Hauch einer Chance.

Alles, was die Fischer zum Walfang brauchen: Boote, Speere - und eine Menge Mut.

Nur die Schwanzflosse eines Schwertfischs verführt die Jäger noch zu einer letzten halbherzigen Verfolgungsjagd, aber nach vielen Stunden auf See sind sie müde. Legen die Harpune weg und kramen Zigaretten hervor. Ondu sitzt auf seiner Planke und lässt die Füße ins Wasser hängen, während Nyamin uns zurück an Land bringt. Auch der Delfin ist endlich verstummt.

Was, wenn wir einen Pottwal gesichtet hätten?

An diesem Abend im Dorf stoßen wir mit Palmschnaps auf den erfolgreichen Tag an. Hiero ist in Hochstimmung. "So etwas erlebt man nicht alle Tage!"

Bedenkt man die Vielzahl an Delfinen, denen wir begegnet sind, und die Mühe, die die Männer aufwenden mussten, um nur einen einzigen von ihnen zu fangen - und das ohne Netze, Radar, Harpunenkanonen, Rettungswesten oder auch nur ein simples Fernglas -, scheint die Sache ein gerechter Handel zu sein. Diesen Männern sichert die Beute, ob Delfin, Hai oder Wal, schlicht das Überleben.

Drei bis maximal 25 Pottwale pro Jahr töten die Waljäger von Lamalera, sagen die Inselbewohner. Die Internationale Walfangkommission (IWC) gestattet Mitgliedern wie etwa den Makah-Indianern im US-Bundesstaat Washington, Wale zum Zweck der Selbstversorgung zu jagen.

Entscheidend ist dabei, dass sie eine "familiäre Gemeinschaft bilden und eine enge soziale und kulturelle Bindung an die Walfangtradition haben". Zudem darf ihr Verhalten die weltweiten Bestände nicht beeinträchtigen. Sieht ganz so aus, als würden die Walfänger von Lamalera diese Kriterien erfüllen. Da Indonesien aber nicht der IWC angehört, bleibt das eine müßige Überlegung.

Problematischer finde ich, dass ich an der Jagd teilgenommen und dafür auch noch bezahlt habe. An diesem Tag ist nur eine Hand voll Boote rausgefahren. Wäre die Mannschaft das Risiko auch ohne unsere Touristen-Dollars eingegangen? Habe ich mein Geld für das Leben des Delfins eingetauscht? Und was, wenn wir einen Pottwal gesichtet hätten? Vielleicht wären wir dann jetzt immer noch auf dem Boot, in einem Meer von Blut.

"Die Welt ist groß, und ich bin klein"

Am nächsten Tag treten Hiero und ich die Reise zurück nach Maumere an. Wir reden wenig. Er ist mit seinen Gedanken schon beim nächsten Flugzeug, den nächsten Touristen, ich will weiter nach Westen.

In Maumere angekommen, lernen wir im Guesthouse einen italienischen Reiseleiter kennen, der einigen wohlhabenden Reisenden die Insel Flores zeigt. Er ist ein großer wettergegerbter Kerl mit langem silbergrauem Haar und Dreitagebart. Morgen will er mit seiner Gruppe ebenfalls nach Lamalera - allerdings mit dem Leichtflugzeug.

Begleitet wird er von zwei örtlichen Mitarbeitern eines internationalen Reisebüros, die mit ihren iPads herumhantieren und Hiero mit einem herablassenden Lächeln bedenken. Umso mehr freut es mich, als er an diesem Abend mit seiner Geschichte von unserem Abenteuer alle Blicke auf sich lenkt.

Um die Ausmaße des Blauwals zu demonstrieren, läuft er mit weit geöffneten Armen von einer Seite der Veranda zur anderen und gestikuliert. Wie gebannt hängen die zwei einheimischen Guides an seinen Lippen. Und nicht nur sie. Es ist Hieros großer Moment.

Gegen Mitternacht sitzen nur noch der Reiseführer und ich am Tisch. Er trinkt sein Bier aus und seufzt, anscheinend hochzufrieden mit den wilden Geschichten des Abends und den Abenteuern, die vor ihm liegen. "Die Welt ist groß, und ich bin klein", sagt er schließlich, "das macht mich glücklich."

Mit diesen Worten hievt er sich aus dem Stuhl und stapft leicht schwankend in sein Zimmer. Ich bleibe noch ein paar Minuten sitzen und denke an Delfine, die in perfekter Harmonie in die Dunkelheit springen - und nun einer weniger sind.

Nach seinem Besuch in Lamelara reiste unser Autor Thomas O'Malley weiter auf die Insel Flores und traf dort einen Mann, der erzählte, er habe nur knapp den Angriff einer der Riesenechsen überlebt, die auf dem Nachbar-Eiland Komodo leben. Aber das, sagt O'Malley, ist eine andere Geschichte...

Autor: Thomas O'Malley
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