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Wir laden schonmal das nächste Girl für Sie!

Wir Meeresnomaden

Mit wasserdichten schwimmenden Rucksäcken schnorcheln Seatrekker die schönsten Küsten der Welt entlang. Auf Tour mit dem Erfinder einer neuen Art des Reisens

Bernhard hat mich vor vielem gewarnt, vor Strömungen, Krämpfen, sogar vor Kraken, die einen unter Wasser festhalten, bis man, blub, blub, aufgibt und für immer unten bleibt. Aber mit dem Todesstreifen, der sich nach zwei Minuten im Wasser vor uns auftut, hat auch er nicht gerechnet: ein Teppich aus Quallen. Hunderte rosa leuchtende, tennisballgroße Wesen, die durchs Meer schweben und sich nach Körperkontakt sehnen.

Ich strample wie ein ertrinkender Hund, Wasser läuft in meine Taucherbrille, und mein eigenes Schorchelröcheln versetzt mich zusätzlich in Panik. Dann aber tut mein Gehirn etwas Wunderbares: Es denkt nicht mehr. Jedenfalls an nichts anderes mehr als an die nächste Qualle. Ich beginne einfach, einer nach der anderen auszuweichen, mal links vorbei, mal unten durch. Als der Quallensturm nach 20 Minuten vorbei ist, habe ich Verbrennungen an den Händen. Der Rest meines Körpers ist dank des Neoprenanzugs heil geblieben. Ein verdammt klaustrophobischer Start für unseren Trip in die große Freiheit.

Pioniere eines neuen Sports

Ich bin mit Bernhard Wache, einem 42-jährigen Münchner, der aussieht wie der verschollene Zwillingsbruder von James Franco, unterwegs vor der Küste Elbas. Wir werden an den schönsten Stränden der Insel übernachten, traumhafte Buchten bewohnen und gegen Ende der Reise aus unserem privaten Süßwasserpool übers Meer blicken. Kosten wird uns das Ganze: nichts. Abgesehen von ein paar Moskitostichen, etwa 5000 Kalorien am Tag und in meinem Fall einen Lebensmonat mit Wasser im Ohr. Wir sind als Seatrekker unterwegs: Mit einem wasserdichten, schwimmenden Rucksack als Gepäck schnorcheln wir die Küste entlang. Moderne Seenomaden, Pioniere eines neuen Sports, der erfunden, entwickelt und getauft wurde von: Bernhard höchstpersönlich.

„Hier, das hilft gegen die Verbrennungen“, sagt er und reicht mir eine Plastikflasche mit Essig. Ich träufle ein wenig davon auf meine Wunden und gebe die Flasche weiter an Björn, einen deutschen Tauchlehrer, der auf Elba lebt und uns auf unserem dreitägigen Trip begleitet. Gemeinsam sind wir heute mittag mit etwa zehn Kilo Gepäck auf dem Rücken von einem Parkplatz im Süden der Insel aus losmarschiert, haben ein paar Kilometer zwischen Weinbergen und duftenden Pinien zurückgelegt, uns dann durch den Quallenschwarm gekämpft und nach etwa einer Stunde im Wasser eine menschenleere Bucht mit rötlichem Kiesstrand erreicht. Hier werden wir die Nacht verbringen. Die Ruinen einer verlassenen Eisenerzmine ziehen sich hinter uns den Hang hinauf. Würde der Wind noch ein paar verdorrte Grasballen vorüberwehen, käme man sich vor wie in einer ausgestorbenen Westernstadt. Er weht aber nur den Duft von Tüten-Tomatenreis herüber, den Bernhard auf dem Gaskocher anrührt. Wir blasen unsere Luftmatratzen auf, rollen die Schlafsäcke aus und genehmigen uns einen Schluck Rum aus Plastiktassen, während am Horizont die Sonne untergeht.

Natürlich ist die Idee, von Bucht zu Bucht zu schnorcheln und so Inseln zu erkunden, nicht neu. Jeder Fünfjährige mit einem Quäntchen Abenteuerlust hat sie schon gehabt. Was aber Bernhard, der eigentlich als Ausstellungsarchitekt arbeitet, zum Vater der Sportart macht, ist: dass er in jahrelanger Tüftelarbeit einen schwimmenden Rucksack entwickelt hat, der sich an Land gut tragen lässt und im Wasser wirklich dicht hält.

Sei so nah an der Natur wie möglich. Fühl, wie klein du bist.

Getestet hat Bernhard all die Prototypen, die er über die Jahre gebaut hat, bei Trips in Thailand, Malaysia, Indonesien, aber auch in Kroatien, auf Sardinien oder eben Elba. Und er hat dabei eine Art Seatrekking-Verhaltenskodex für sich entwickelt: Reise so leicht wie möglich. Verlass Strand und Meer so, wie du sie vorgefunden hast. Sei so nah an der Natur wie möglich. Fühl, wie klein du bist.

"Du fühlst dich als Teil vom Ganzen"

„Am liebsten bin ich allein unterwegs“, sagt Bernhard, während wir unseren Tomatenreis löffeln und feiner Sand zwischen unseren Zähnen knirscht. „Nach ein paar Tagen im Meer fühlst du dich als Teil von dem Ganzen. Das Ego verschwindet langsam. Was ich dann spüre, kann ich nur als Glück beschreiben.“ Am nächsten Tag - die Nacht war geprägt von kantigen Steinen im Rücken und hungrigen Moskitos am Ohr - liegen vier Kilometer Strecke im Meer vor uns. Wir zwängen uns in die Neoprenanzüge, blasen durch Ventile etwas Luft in die Rucksäcke, sodass sie schwimmen, und steigen ins Wasser. Immer an der Küste entlang schnorcheln wir über Seegraswiesen und zerklüftete Unterwasserlandschaften voller Felsen und Höhlen hinweg. Während ich fast ausschließlich an der Oberfläche bleibe und einige Konzentration darauf verwenden muss, mich nicht mit der Leine zu verheddern, die meinen schwimmenden Rucksack mit meinem linken Fußknöchel verbindet, taucht Bernhard immer wieder ab und gleitet am Meeresboden oder an Felswänden entlang. Bis zu zwei Minuten bleibt er unten, Sand in seiner Tarierweste mindert den Auftrieb. Wenn er auftaucht erzählt er von Wolfsbarschen oder Tintenfischen, die er gesehen hat. „Viele denken, Fische seien so blöde Blub-blub-Tiere. Aber Brassen zum Beispiel sind sehr intelligent, die sehen dir zu,

"Mit einem Tintenfisch kannst du dich anfreunden."

Bernhard Wache

lernen dich kennen. Mit einem Tintenfisch kannst du dich sogar anfreunden, dazu musst du ihm aber erst mal eine Krabbe geben.“

Während Bernhard unter Wasser Freunde macht, wird mir das Meer zum Feind. Die Wellen schwappen immer wieder Wasser in meinen Schnorchel, meine Maske ist undicht und meine Flossenschlagtechnik noch immer so unausgereift, dass sich Krämpfe im rechten Fuß ankündigen. Mein Interesse an der Unterwasserwelt lässt minütlich nach. Stattdessen versuche ich, möglichst schnell vorwärtszukommen. Als ich schließlich als Erster den einsamen Sandstrand erreiche, der das Ziel unserer heutigen Etappe ist, bin ich völlig erschöpft. Der Sand ist so heiß, dass er an den Füßen brennt, ich finde etwas Schatten an einer Felswand, trinke nach Plastik schmeckendes Wasser aus der 5-Liter-Blase, die ich seit zwei Tagen mitschleppe und träume von einem kalten Bier.

Etwa zwei Stunden später steht Tauchlehrer Björn plötzlich vor mir wie eine Fata Morgana: breites Grinsen, eine Tüte voll kaltem Bier in der Hand. Wie sich herausstellt, befindet sich auf der anderen Seite des Hügels, unter dem ich sitze, eine Strandbar. Während Bernhard noch unterwegs ist, beginnt Björn aus Ästen und Treibgut einen Robinson-artigen Verschlag als Sonnenschutz zu errichten. Und ich beginne, Björn für den großartigsten Typen unter Italiens Sonne zu halten. Das endet allerdings abrupt, als er sagt: „Heute abend gehst du mit uns nachttauchen!“

Im vergangenen Jahr wurden vor Elba drei weiße Haie gesichtet. Haie jagen nachts. Sehr viele andere Raubfische auch. Nicht nur deshalb ist mir etwas unwohl, als ich spät an diesem Abend im Dunklen in meinen noch immer feuchten Neoprenanzug steige und den Taschenlampen von Bernhard und Björn folgend zum Ufer schlurfe. Schwarz und bedrohlich liegt das Meer vor mir. Doch was folgt, ist eine der magischsten Erfahrungen meines Lebens.

Völlige Finsternis

Das Wasser ist überraschend warm, und obwohl - oder gerade weil? - ich unter Wasser nichts sehe, als den kleinen Bereich, den die Taschenlampen ausleuchten, fühle ich mich seltsam sicher. Alles wirkt stiller als tagsüber, die Sicht ist klar, das Licht farblos. Fast entrückt schwebe ich Bernhard hinterher, atme ruhig und gleichmäßig. Als ich den Kopf aus dem Wasser nehme, liegt das vom Taschenlampenlicht von unten erhellte Meer vor mir wie ein grün leuchtender Swimmingpool. Über uns glitzert die Milchstraße. Es fehlt eigentlich nur noch, dass ein Delfin aus dem Wasser springt und im Mondlicht eine Pirouette dreht. Stattdessen taucht Björn neben mir auf. „Ohne Licht is’ noch geiler. Probier’s mal. Du schwimmst schon keinem Hai ins Maul.“ Wir machen die Taschenlampe aus. Völlige Finsternis. Dann wirbelt Björn mit seinen Händen das Plankton im

Das aufgewirbelte Plankton im Wasser funkelt wie Sternenstaub.

Wasser auf. Es funkelt unwirklich wie Sternenstaub.

Für solche Momente bezahlt man beim Seatrekking mit einer Reihe kleiner Herausforderungen, die es kontinuierlich zu bewältigen gilt. Am Morgen unseres dritten Tages wären da zum Beispiel: Wie schütze ich meinen durch Sonnenbrand, Salz und Neopren blutig aufgeschürften Nacken? Wie zwänge ich mich trotz Muskelkaters in diese engen Flossen? Und wie überstehe ich noch ein Frühstück, das im Wesentlichen aus trockenem Power-Trekker-Brot (Björn: „Bei der Bundeswehr nannten wir sie Panzerkekse.“) besteht?

Es geht dann aber doch alles irgendwie. Vor allem nach einem kühlen Bad in einem natürlichen Süßwasserpool in den Klippen überm Meer. Den hat Bernhard zwischen Felsen entdeckt. Wir liegen in dem whirpool-großen Bassin wie in einer kühlen Wanne und blicken übers Meer. In keinem Luxuspool dieser Welt könnte man sich wohler fühlen - vorausgesetzt, man hat seine kulturellen Ansprüche endlich überwunden und auf ein paar Naturbedürfnisse reduziert.

Nichts mehr müssen - Ein Glücksmoment

Nach Quallen an Tag eins und Qualen an Tag zwei wird Tag drei zu einem Seatrekking-Tag, wie man ihn sich erträumt: Das Wasser ist ruhig, hell und klar. Ich sehe Schwärme glitzernder Fische. Und auch mit dem Tauchen klappt es plötzlich. Immer wieder gehe ich auf sieben, acht Meter runter. Dass ich deshalb später wochenlang Wasser im Ohr haben werde, weiß ich da noch nicht.

Tief unter mir sehe ich immer wieder Bernhard, der mit ausgebreiteten Armen schwerelos im Wasser steht wie entrückt aus Raum und Zeit. Und dann taucht Björn vor mir auf, in seinen Händen einen kleinen Tintenfisch, der mich mit einem halb geöffneten Auge ansieht. Als Björn ihn loslässt, bleibt von dem lustigen Kerl nur eine Farbwolke zurück, die in Schlieren durchs Wasser schwebt. Ich denke nicht mehr an das Brennen im Nacken, das Salzwasser in der Nase, die Krämpfe im Fuß. Als ich dem Tintenfisch folge, muss ich nicht mal mehr atmen. Lang, sehr lang. Ein Glücksmoment, einfach zur Amphibie werden zu dürfen. Nichts mehr zu müssen. Das Leben, wie man es kennt: Für eine kleine Ewigkeit ist es einfach weg.

Autor: Alexander Neumann-Delbarre
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