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Wir laden schonmal das nächste Girl für Sie!

Vollgas am Col de Petry

Ein Höllenritt mit Rallye-Weltmeister Sébastien Ogier

Nahcrash-Erfahrung mit dem Champion

Wir donnerten mit dem dreifachen Rallye-Weltmeister Sébastien Ogier über eine steile Kurvenstrecke in Südfrankreich. Eine Testfahrt zum Saisonstart 2016 für den weltbesten Fahrer, seine Höllenmaschine – und die Stahlnerven unseres Autors

Natürlich ist es keine gute Idee, vorher mit den Mechanikern zu plaudern. Logisch, dass einem von deren Geschichten schlecht wird, bevor man das Auto überhaupt zu Gesicht bekommt. Der eine, ein 2-Meter-Mann, der einst für die Bundeswehr im Kosovo-Einsatz war, sagt: „Da musst du schon ’nen Nagel im Kopf haben, wenn du da mitfährst. Ich hab Leute gesehen, die waren danach nicht mehr ansprechbar.“ Und sein Kollege, ein kleiner drahtiger Belgier, stellt klar: „Wer was im Auto lässt, räumt’s auch wieder raus!“ Und er meint damit kein Bonbonpapier.

Als einige Wochen zuvor die Ansage kam, „Du kannst mal ’ne Runde mit dem Rallye-Weltmeister drehen“, fand ich das cool. Doch als schon auf der kurvigen Fahrt zur Trainingsstrecke am nebelverhangenen Col de Perty in den provenzalischen Alpen das morgendliche Rührei mit mir spricht und ich aus der Nähe sehe, wie so ein Rallye-Weltmeister trainiert, wird aus meiner „Na ja, wird schon“-Haltung eher ein „Holy shit!“. So viel vorweg: Von dem, was man gemeinhin unter Autofahren versteht, ist das hier ungefähr so weit weg wie Lothar Matthäus von einem Job beim FC Bayern.

Dabei ist SØbastien Ogier, 32, ein netter Kerl. Sagen alle. Fokussiert, freundlich, kein Stück abgehoben. Allerdings sieht man ihm an, wenn ihm etwas nicht passt, und heute ist so ein Tag. Jan de Jong, sein holländischer Chef-Techniker, sagt: „Der kam heute morgen schon total geladen rein.“ Wieso das denn? „Weil die Bedingungen so gut sind. Er hatte sich Schnee, Eis oder wenigstens Regen gewünscht.“ Während sich unsereins über trockene Straßen freut, hat ein dreifacher Rallye-Weltmeister in der Saisonvorbereitung andere Prioritäten. Wenn er schon im Kerngebiet der Rallye Monte Carlo trainiert, dann bitte auch wie unter Wettkampfbedingungen: mit Dreck und Schotter auf der Straße. Aber nein: alles trocken heute, wenig Challenge. Ein mäßig brauchbarer Test. Dennoch wird Ogier das Auftakt-Rennen der Saison 2016 Ende Januar hier gewinnen.

"Rallye-Fahrer sind es gewohnt, sich ständig neuen Situationen anzupassen, mehr als Formel-1-Piloten"

Er kennt die Gegend wie kaum ein anderer. Nicht weit von hier ist er aufgewachsen, in Forest-Saint-Julien, einem 220-Seelen-Dorf in der Gegend, wo im März 2015 die Germanwings-Maschine zerschellte. Ogier stammt aus bescheidenen Verhältnissen, er spielte Fußball, wollte Skirennläufer werden. Bis sein Vater, ein Tanklastfahrer, in einer Scheune einen selbst gebauten Cross-Kart fand und seinem achtjährigen Sohn mitbrachte. Der ließ den Fußball liegen und kachelte fortan mit dem Kart durchs Dorf. Mit 13 bekam er einen richtigen Kart, konnte es sich aber nicht leisten, Rennen zu fahren. Der Vater, selbst großer Motorsport-Fan, nahm den Junior mit zur Rallye Monte Carlo, und prompt war der Kleine angefixt. Doch erst nach der Ausbildung zum Automechaniker und einer Zeit als Skilehrer nahm Ogier an einer Nachwuchssichtung teil - die kostete nur 20 Euro. Die beiden Erstplatzierten bekamen eine Rallye-Saison finanziert. So fing alles an, mit 22. In dem Alter war Sebastian Vettel fast schon Formel-1-Weltmeister.

Unterhalb des 1302 Meter hohen Col de Perty hat das VW-Team auf einem kleinen Parkplatz sein Lager aufgeschlagen: Reifenstapel, Verpflegungszelt, Ambulanzwagen, eine Daten- und Kommandozentrale - und mittendrin ein kleines Zelt für das Höllengefährt, einen VW Polo R WRC. 318 PS, 1200 Kilo leicht, 235er-Reifen, von null auf 100 in 3,9 Sekunden, Allrad, logisch. Der Motor grollt vor sich hin, macht sich schon mal warm, denn gleich kommt der Meister, um alles aus ihm rauszuholen. Der Plan für heute: Reifen testen, Motor abstimmen, mehr geht bei den Bedingungen nicht. Die Vormittags-Runs wird Ogier allein bestreiten, nachmittags dann ein paar Taxifahrten mit Rühreifrühstückern wie mir.

Als Ogier um halb neun aus einem Kleinwagen steigt - er hat daheim bei der Familie übernachtet -, geht das ohne großes Weltmeister-Hallo ab. Ein paar „Saluts“ und „Bonjours“, dann verschwindet er in der Kommandozentrale. Der ist nicht zum Spaß hier. Der geht zur Arbeit.

Bis zum ersten Lauf bleibt noch Zeit, die Strecke zu erkunden. 4,8 Kilometer der schmalen buckeligen Landstraße D65 sind abgesperrt. Wer über den Pass will, muss den Streckenposten fragen, ob der Weltmeister gerade mal Ruhe gibt. Ein paar Dutzend Fans haben sich an einer der Haarnadelkurven versammelt. Mit der Kamera in der Hand stehen sie im Scheitelpunkt der Kurve, auf die Ogier gleich zurasen wird. Lange bevor man ihn sieht, hört man ihn. Der Polo röhrt und brüllt wie ein komplettes Teilnehmerfeld. Klingt nicht gesund, was da den Berg heraufdröhnt. Dann donnert er über eine kleine Brücke auf die Kurve zu, lässt die Scheibenbremsen glühen, schleudert die Kiste ums Eck und hinterlässt den Gestank von Benzin und verbranntem Gummi. „Oh, lì, lì!“, rufen ein paar Fans - was für ein Move! Im Lager werden derweil Reifen gewechselt. Nach zwei Fahrten sind die teuren Pneus Schrott und dampfen im Stapel vor sich hin. Noch eine Stunde nach der Fahrt kann man sich die Finger daran wärmen.

Mittagessen, Zeit für ein paar Sätze mit dem Weltmeister. Während er eine sehr ordentliche Portion Pasta verdrückt, spricht er über sein Vorbild Senna und die Formel 1. Der war er schon mal sehr nahe: als Streckenposten in Monte Carlo, mit 18 oder 19. Und als Fahrer? „Spannend wäre das schon, aber es ist zu spät“, sagt der 32-Jährige, „und ich glaube, ich würde doch der Rallye den Vorzug geben. Diese Abwechslung, ständig andere Untergründe, immer neue Strecken: Das wird nie langweilig.“ Beim Race of Champions, dem interdisziplinären Kräftemessen der weltbesten Fahrer, ließ er 2011 auf sechs verschiedenen Gefährten Schumacher und Vettel hinter sich: „Rallye-Fahrer sind es gewöhnt, sich ständig neuen Situationen anzupassen, mehr als Formel-1-Piloten.“

Und auch privat mag er es natürlich schnell: In seiner Garage nahe St. Gallen stehen neben dem Touareg ein Ferrari 458 Speciale und ein Porsche GT3 RS 991. „Aber den mag meine Frau nicht: zu ungemütlich, keine Sitzheizung, keine Massage, nix.“ Seine Frau ist seit 2014 die Moderatorin Andrea Kaiser. Bei der Deutschland-Rallye hatten sie sich näher kennen gelernt, bei einer dieser wilden Taxifahrten: „Sie hat die ganze Zeit über geredet, und ich dachte mir: ’Hat die denn gar keine Angst?’ Später erzählte sie, dass sie nur so ihre Angst kompensieren konnte.“

Die Pasta ist vom Tisch, jetzt wird’s ernst für mich, den heutigen Taxi-Beifahrer. Zeit, die Rennklamotten anzulegen: blaue Race-Schuhe, silberner Overall, darunter feuerfeste Socken und ebensolche langen Unterhosen, Sturmhaube noch, Integralhelm drüber, und da kommt Ogier auch schon angeknattert und winkt mich heran: „Come in!“ Also rein in die Kiste, was gar nicht so einfach ist, als Schwergewichtler passt man nur mit Mühe in die enge Sitzschale. Hosenträgergurte zu, kann losgehen. Das Cockpit ist spartanisch, dafür brodelt der Motor genau unterm Gemächt. Ogier grinst und sagt: „Keine Angst, ich werd nichts Verrücktes machen.“ Ich frage ihn, wie schnell es wird. Auf der schmalen Straße mit den engen Kurven kann man eigentlich nirgendwo schneller als 70 oder 80 km/h fahren. Seine knappe Antwort: “170.“

"Beschleunigen ist cool, aber das Bremsen kann furchtbar sein"

Wir rollen zum Startplatz. „Enjoy it!“, sagt Ogier noch - dann beginnen die heftigsten Minuten meines Lebens. Der Weltmeister schießt auf die erste Kurve zu, bremst so scharf, dass meine Stirn im brutal engen Helm gegen den Rand kracht wie gegen eine Wand. Wie hatte der Mechaniker gesagt: „Beschleunigen ist cool, aber das Bremsen kann furchtbar sein.“ Der Polo schleudert ums Eck, schießt weiter, keine Ahnung, wie oft Ogier geschaltet hat. Bäume, Felsen, Brücken, Menschen und Abgründe fliegen vorbei, als hätte jemand die Fast-forward-Taste eines Films gedrückt. Eine irreale Erfahrung, kurz vor der Panik. Nach der Haarnadelkurve, wo die Fans stehen, meldet sich das Rührei. Bloß nicht! Ich fange an, mit mir zu reden: „Du bist ganz ruhig! Es geht nur ums Überleben, sonst nichts! Atme Mann, atme!“ Ogier fragt bei Tempo hundertirgendwas: „Having fun?“ Na sicher doch!

Nach 2:45 Minuten sind wir oben, runter wird es vier Sekunden schneller gehen, Höchstgeschwindigkeit: 171 km/h. Den Schongang kennt Ogier nicht. Selbst als er im vergangenen Jahr schon vorzeitig als Weltmeister feststand, fuhr er Vollgas, lag bei der Spanien-Rallye kurz vor Schluss haushoch in Führung - und knallte in eine Leitplanke. Ein Moment der Unachtsamkeit. Er sagt: „Ich war so nahe an der Perfektion, dass ich losgelassen, mich entspannt habe.“ Und schon kracht’s. Nicht so am Col de Perty. Ogier tritt die Pedale durch, und nach 41 Kurven hoch und 41 runter habe ich 82 Nahtoderfahrungen gemacht und verstehe, warum sogar Moto-GP-Star Andrea Dovizioso nach einer Taxifahrt mit Ogier meinte: „So was Abgefahrenes hab ich noch nie gemacht!“

Da mein Puls auch nach dem Aussteigen noch im Grenzbereich schlägt und ich bloß immer dasselbe sage („Ich versteh’s einfach nicht!“), hat der Weltmeister das Wort: „Du warst ganz schön ruhig“, meint er grinsend. „Die Leute können sich nicht vorstellen, was so ein Wagen kann.“ Ja, ja, das Auto. Und was ist mit dem Fahrer? Wie kann man diesen Speed, diese Power auf engstem Raum nur so perfekt beherrschen? Vom Beifahrersitz aus erschließt sich das jedenfalls nicht. Da hat man genug damit zu tun zu überleben.

Ein letzter Plausch mit den Mechanikern. „Sei froh, dass wir nicht in Finnland sind“, meint einer, „da gibt’s eine Strecke mit 127 Sprüngen, bis zu 60 Meter weit.“ Und überhaupt werde im kommenden Jahr alles noch extremer, der Polo sei dann sogar 380 PS stark. Probiere ich auch aus, gerne doch, solange SØbastien fährt. Denn eins ist sicher: Auch das wird er im Griff haben.

Autor: Thomas Becker
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