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Wir laden schonmal das nächste Girl für Sie!

LIEBESERKLÄRUNG

...an die Engländerin

Von einer EU-Krise wollen wir nichts wissen

Brexit oder nicht? Heute stimmt Großbritannien über den Austritt oder Verbleib in der EU ab. Wir lieben unsere Nachbarn. Vor allem die weiblichen. Eine Liebeserklärung.

Es war 1988, „the summer of love“, wie es später in den britischen Lifestyle-Magazinen hieß, der Sommer des Acid House, der weiten Hosen, der Hinten-kurz-vorne-lang-Popper-Frisuren. Sie hieß Michelle. Sie trug ein Moonwashed-Jeans-Hemd über der sorgfältig zerschlissenen Moonwashed-Jeans, sie war 16 und sah (zumindest in meiner Erinnerung) ein bisschen wie Sam Fox aus, nur in Dunkel. „Spielst du mit?“

Ich, 15, hatte keine Ahnung, was dieses wunderbare Wesen von mir wollte. Meine Eltern hatten mich - danke Mama, danke Papa - für zwei Wochen in das „Rainbow Camp“ (Littlehampton bei Brighton) geschickt, zum Englischlernen. Auf rätselhafte Angebote dieser Art war ich nicht vorbereitet. Michelle erklärte mir, dass die Rainbow-Mädchen immer samstags einen Wettbewerb veranstalteten, der den typisch englischen, zutiefst selbstironischen Namen „slag night“ (Schlampenabend) trug. Ziel desselbigen war, so viele Jungs wie möglich zu küssen. Mit Zunge.

„So. Are you doing it?“

In dem Moment wusste ich: England ist das Land für mich. Fünf Jahre später zog ich zum Studieren nach London. Ganz so einfach wie in Littlehampton war es in der Hauptstadt zwar nicht mehr, Engländerinnen näher kennen zu lernen, aber auch nicht viel schwerer. Ich entdeckte bald das geheimnisvolle Paradox, das sie umtreibt. Ein nicht zu beseitigender Rest von puritanischer Lustfeindlichkeit sorgt für eine gewisse Verklemmtheit im Umgang mit Sex und Liebe. Umso größer wirkt zugleich der Reiz, die Sehnsucht, sich im Exzess zu verlieren. Von Sonntag bis Donnerstag sind die Inselbewohnerinnen kühl und distanziert. Nie würden sie auf die Idee kommen, in der U-Bahn den Blick eines Fremden zu erwidern. Sie wollen allein gelassen werden - diese Unerreichbarkeit allein ist natürlich schon unerhört sexy. Freitag und Samstag, wenn sie sich mit geradezu sportlichem Ehrgeiz in eskapistische, feuchtfröhliche Abenteuer stürzen, geht dann einiges, gern auch alles. Als Mann muss man in diesen Augenblicken einfach nur da - und verfügbar - sein. „Wie war dein Wochenende?“, fragte ich neulich eine Mittdreißiger-Bekannte. „Oh, großartig“, sagte sie, „ich kann mich an nichts erinnern.“

Am Morgen danach, das macht sie so besonders liebenswert, fühlen sich die Engländerinnen oft ein bisschen schuldig. Das selbstbewusst Spaß und anspruchsvolle Unterhaltung fordernde, nicht selten auch verbal erstaunlich direkt vorgehende Biest („Can we go to your place? It’s quite late.“) verwandelt sich bei Tageslicht wieder in die höfliche, zurückhaltende Lady. Anstrengende Gespräche über große Themen (Liebe, Beziehung) braucht man von ihr nicht zu befürchten. Den anderen so zu bedrängen gehört sich nämlich nicht.

Klar, manche übertreiben es auch. Nördlich von London gehen die Mädchen bei Wind und Wetter im Minirock und mit zu Oberteilen entfremdeten Plastikschläuchen auf die Straße, das muss nicht sein. Die Engländerinnen, die ich kennen und lieben lernte, waren dagegen vom ungleich begehrenswerteren Phänotyp „English Rose“. Ihre Schönheit ist leise, regelrecht klandestin, ihrem Gesicht ist die Banalität der Perfektion, der vollkommenen Symmetrie fremd. Engländerinnen sind sexy, weil sie „anders“ aussehen und sich ihrer immensen Wirkung oft gar nicht bewusst sind. Sie haben, wie nirgends sonst, den Mut zur modischen Extravaganz. Alles Tussihafte, Hysterische, Überdrehte geht ihnen völlig ab.

Ich behaupte sogar: Engländerinnen sind die einzigen Frauen auf der Welt, die über sich selbst lachen können. Kann man mehr verlangen? I don’t think so.

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