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Gestresst? Glückwunsch!

Warum wir Stress lieben sollten

Wir brauchen Stress! Eine Streitschrift

Alle jammern über Stress – dabei sollten wir ihn lieben. Denn er macht uns stark, gesund und glücklich, sagt unser Autor Urs Willmann.

Wenn nichts mehr geht. Totaler Stillstand einsetzt. Nach einigen Sekunden eine knarzende Deutsche-Bahn-Stimme aus dem Lautsprecher verkündet, dass der Zug leider noch „ein paar Minuten“ stehen bleiben wird. Und Ihr Gehirn realisiert, dass Sie den Anschluss verpassen und den Termin versäumen werden. Wenn Sie dann merken, wie Ihr Blutdruck steigt, der Puls von innen an Ihre Schläfen klopft, Ihre Nervosität wächst und Sie zu schwitzen anfangen ...

Dann dürfen Sie sich glücklich schätzen. Sie sind im Vollstress – und tun damit Gutes für Ihre Gesundheit. Sie aktivieren und trainieren Ihr Immunsystem. Sollten Sie zufälligerweise einen chirurgischen Eingriff hinter sich haben, dann beschleunigen Sie die Heilung. Außerdem verlängern Sie gerade Ihr Leben, denn Sie verzögern die Alterungsprozesse in Ihren Zellen. Sie beugen Alzheimer vor. Sie schützen sich vor Hautkrebs. Im Prinzip absolvieren Sie spontan eine Art Wellness-Programm.

Fragt man allerdings die Menschen, was sie aus ihrem Leben verbannen möchten, ist die häufigste Antwort: Stress. Er gilt als „Kollateralschaden“ des modernen Alltags, als unvermeidlicher Begleiter eines zeitgemäßen Lebens – und als Ursache zahlreicher Krankheiten. Stress wird dafür verantwortlich gemacht, dass wir nicht mehr schlafen können, obwohl wir todmüde sind. Stress ist schuld, wenn Muskeln verspannt, das Gemüt gereizt und die Libido erschlafft sind. Stress macht depressiv, er führt in den Burnout – so lautet die häufige Diagnose. Bluthochdruck, Herzinfarkt, Magengeschwür: Kein Bösewicht wird häufiger als der Stress für die Ursache dieser Leiden gehalten. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat ihn daher zu „einer der größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts“ erklärt.

zahlreiche belege für wohltuende stress-effekte

Sein Image könnte nicht schlechter sein. Dabei gäbe es gute Gründe, den Stress zu lieben. So wie Firdaus Dhabhar. Der Professor für Psychiatrie an der kalifornischen Stanford University ist zugleich Neuroimmunologe und Krebsforscher. Er hat ermittelt, wie Stress uns hilft, gesund zu bleiben oder zu werden. Denn im Rahmen der Stressreaktion bringt der Körper seine Abwehr einerseits akut auf Vordermann und trainiert sie andererseits nachhaltig, indem er Immunzellen produziert und verteilt: „Mehr Verteidiger, mehr Feuerkraft auf allen potenziellen Schlachtfeldern“, erklärt Dhabhar das Prinzip, warum der regelmäßige Kick uns ein langes Leben beschert.

Belege für wohltuende Stresseffekte erbrachten auch US-Wissenschaftler aus Wisconsin. Sie nahmen eine alte Umfrage zur Hand, in deren Rahmen Aussagen zu Stresserfahrungen gesammelt worden waren. Dann durchforsteten sie öffentliche Sterberegister, um zu ermitteln, wer von den damals Interviewten gestorben war. Die Auswertung offenbarte erstaunliche Resultate: Jene Befragten, die viel Stress hatten, wiesen ein um 43 Prozent höheres Sterberisiko auf. Allerdings galt dies nur für einen Teil der Interviewten – nämlich für jene, die angegeben hatten, der Stress gefährde ihre Gesundheit. Die Menschen dagegen, die ihren Stress für unbedenklich hielten, wiesen das niedrigste Sterberisiko auf – niedriger noch als bei den stressfrei Lebenden. Wer seinen Stress also liebt, dem hilft er.

In den letzten Jahren haben Studien die Beweisdichte erhöht. Die durch Stress ausgelöste Hormonflut hilft sogar unserem Denkapparat. Manche Inhalte speichern wir dauerhafter ab, wenn wir das Gehirn „unter Strom“ setzen. Verantwortlich dafür ist das Stresshormon Cortisol. Es stimuliert den Hippocampus – jenen Hirnteil, der unter anderem für das Langzeitgedächtnis zuständig ist. Am Ende macht uns der Stress sogar zu sozialeren Wesen. Psychologen der Universität Freiburg setzten Männer akutem Stress aus. Danach prüften sie deren Verhalten in Spielsituationen. Das Resultat verblüffte. Die Männer agierten unter Stress nicht aggressiver, wie man angenommen hatte. Vielmehr erwiesen sie sich als sozialer im Vergleich zu den Männern der Kontrollgruppe. Verantwortlich dafür ist allerdings weniger das Cortisol, sondern sein Gegenspieler Oxytocin. Auch dieser Stoff ist zwar ein Stresshormon – jedoch mit anderen Folgen, was ihm interessante Bezeichnungen beschert hat: Kuschel-, Treue- oder Orgasmushormon. Allgemein gesagt, schärft es die sozialen Instinkte im Gehirn und bewirkt, dass wir in Stresssituationen Unterstützung suchen. Außerdem senkt es den Blutdruck, wir entspannen uns maximal. Oxytocin hemmt Entzündungen, lässt Wunden heilen und hilft den vom hektischen Leben beanspruchten Herzzellen, sich zu regenerieren. Man kann sagen: Unser Freund, der Stress, hat an alles gedacht. Er schützt sogar vor sich selbst. Stress hilft gegen Stress.

Wer aber Ratgeber zum Umgang mit Stress liest, begibt sich auf eine deprimierende Reise. Es geht immer nur um eines: Stressvermeidung! Kein Autor, kein Arzt empfiehlt: mehr Stress! Kein Reisebüro verkauft Urlaub mit täglichen Stresserlebnissen. Kein Test empfiehlt die zehn besten Stressoren. Warum eigentlich nicht? Menschen gieren nach dem angeblichen Krankmacher. Sie geben zwar zu Protokoll, Stress nicht zu mögen, suchen aber nach psychischer und physischer Tortur. Sie setzen sich Höhen- und Todesangst beim Bungeejumpen und Hitzestress in der Sauna aus. Manche sind gar süchtig nach dem ursprünglichsten aller Stressoren, dem körperlichen Schmerz, und lassen sich Tattoos stechen oder auspeitschen. Ein Widerspruch?

Langzeitstress macht krank – Kurzzeitstress macht stark

Stress ist zunächst eine kurzfristige Erregungsreaktion. Hormone werden ausgeschüttet, Energie wird bereitgestellt, das Herz schlägt schneller. Das befähigt uns zu Höchstleistungen – um der Stressquelle zu entfliehen oder den Kampf mit ihr aufzunehmen. Und danach belohnt uns der Körper mit euphorischen Gefühlen, hervorgerufen durch Adrenalin und Endorphin. Doch anders als den frühen Hominiden begegnet uns Stress heute oft als nervtötende Langzeitbelastung, der wir uns weder durch Flucht noch durch Kampf entziehen können. Nicht plötzliche Attacken oder unwägbare Naturgewalten aktivieren unsere Alarmanlagen, vielmehr handelt es sich um diffuse Ereignisse, die Stress auslösen: der Druck der Termine, das Mobbing der Kollegen, der eigene Ehrgeiz, schlechte Planung. Allein diese Form des chronischen Langzeitstresses macht uns krank. Nicht jedoch der Kurzzeitstress. Der beschert uns Euphorie. Und wir mögen ihn, weil er uns stark macht.

Oliver Kahn war ein Meister darin, den Stress positiv zu nutzen. Er wusste, dass Nervosität die Konzentration erhöht und ihn reaktionsschneller macht: Im Stress spannt sich die Muskulatur, so kann der Körper „explodieren“. Der ehemalige Bayern-Torwart verstand es, sogar jenen Stressor als Vorteil zu nutzen, der viele Spieler aus dem Tritt bringt. Zielt ein Pfeifkonzert auf sie persönlich, versuchen die meisten, den Lärm auszublenden. Kahn ließ solche Ereignisse Gewinn bringend auf sich einwirken und verriet einst: „Je schriller das Pfeifkonzert, desto geiler ein Auswärtsspiel.“

Kick und Genuss, hervorgerufen durch Stress, haben uns eine umfassende Freizeitkultur beschert. Sie belegt, dass wir Stress mögen. Fußballstadien sind Stressreaktoren; das sieht man daran, dass die beliebstesten Spiele jene sind, die unsere Nerven zerfetzen. Ins Kino gehen die meisten gern, wenn sie dort Stress erwartet: ein Thriller wie „Shining“ oder „Der weiße Hai“. Die Kirmes besuchen wir nicht wegen der Zuckerwatte, sondern weil wir uns der Angst aussetzen wollen, im Looping oder freien Fall. Die Lust auf Angststress zieht sich durch unsere Kultur. Früher lasen Bücherratten Schauerromane, heute genießen sie Skandinavien-Krimis, in denen auf abscheulichste Art gemordet wird. Sogar Musik nutzen wir als Stressor: Techno-Rhythmen sind so schnell, dass sie uns ausrasten lassen – die Stressreaktion ist physisch messbar. Wir gehen zu allen möglichen Anlässen, die uns fertig­machen. Nicht nur, weil sie uns Freude bereiten, sondern weil wir insgeheim wissen, wie gut uns der Stress tut.

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