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Was ich gelernt habe

Ungelöste Männer-Rätsel - Teil 9

Grabredner müssen flunkern

Auf Beerdigungen über Verstorbene zu sprechen verlangt zweierlei: die Wahrheit zu sagen und den Hinterbliebenen Trost zu spenden. Warum geht das eigentlich so schwer gleichzeitig? Ungelöste Männer-Rätsel - Teil 9

Trost und Wahrheit wohnen in verschiedenen Häusern. Denken wir nur mal fünf Milliarden Jahre voraus an die Zeit, in der die Sonne sich aufblähen und die Erde grillen wird. Das findet ja wohl jeder traurig. Allerdings sind wir bis dahin eh alle hin. So lautet die Wahrheit. Aber jetzt versuchen Sie damit mal jemanden zu trösten! In diesem Dilemma landet man, wenn man auf einer Beerdigung sprechen soll. Der Tote hat Wahrheit verdient. Die Hinterbliebenen wollen Trost. Ich schäme mich noch heute dafür, dass ich mich als Trauerredner für den Trost entschieden habe - obwohl das bislang alle taten, denen ich an Gräbern zuhörte.

 

Ich warte seither sehnsüchtig darauf, von der mir allerliebsten Verstorbenen durch irgendein himmlisches Zeichen Absolution zu erhalten. Und zwar dafür, dass ich den Satz, frei nach Woody Allen, er wolle nicht in den Herzen seiner Freunde, sondern in seinem Apartment weiterleben, zu ihrem Lieblings-Bonmot erklärt habe. Ihr war der Spruch zeitlebens zu antireligiös. Nur ich fand ihn treffend, weil sie doch bis zuletzt an sehr konkreten Lebensplänen festgehalten hatte - und weil ich wusste: Ihren Freunden würden solche Worte helfen. Einige konnten sogar lachen. Haha, wir waren ihr gar nicht so wichtig?! Das waren sie sehr wohl. Aber ich bekomme kein Feedback aus dem Jenseits. Es gibt wohl kein Leben nach dem Tod. Sonst hieße es ja auch nicht Tod, sondern irgendwie anders.

 

Irgendwie anders war auch die Variante, die mich später auf der Beerdigung eines Freundes überraschte. Der war, wie man so sagt, ein schwerer Junge gewesen. Nur seine Familie, seine Freunde und sein Rockertum waren ihm heilig. Kriminalität, Knast, Drogen, Spaß und Schufterei bis zum Umfallen - das war seine Wahrheit. „Er hatte zu Jesus gefunden“, behauptete die Grabrednerin. Ich hätte beinahe losgeprustet. War das vielleicht mein Freispruch? Dass wir, religiös oder nicht, an Gräbern alle Unsinn reden?

Autor: Philip Wolff
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