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Wir laden schonmal das nächste Girl für Sie!

Husmann und der Bewertungs-Wahn

Unser Autor vermutet: bald gibt es einen Online-Shop für Menschen

3-Sterne-Frauen

Unser Kolumnist befürchtet, dass wir alle bald in einer Art Online-Shop für Menschen leben. Jeder kriegt Bewertungen - für seinen Sex, seine Kochkunst, seine Klamotten. Bei einigen hat’s schon angefangen . . .

Es ist ein Samstagabend im Winter. Ich sitze in einer Kneipe mit Blick auf den Marktplatz und stelle fest, dass alle jungen Mädchen sich outfitmäßig bei der Wahl zwischen geil oder warm immer für geil entschieden haben. Vermutlich, weil sie noch nie eine Blasenentzündung hatten. Zu meiner Zeit war das noch anders. Da wohnten die jungen Dinger in schlabbrigen Pullis und hielten mit beiden Händen eine Teetasse fest. Derartige Wollburkas können sich junge Frauen heute nicht mehr leisten. Die haben heute alle den Casting-Gedanken verinnerlicht. Die Möglichkeit, dass ein lokaler Bachelor oder Bohlen sie irgendwie ungeil findet. „Die Mandy hat gedacht, sie kommt hier mit inneren Werten weiter und hat ihre Jeggings gegen eine warme Hose getauscht, dafür gebe ich ihr nur vier von zehn Punkten.“ Heute wird alles sofort bewertet. Jeder Imbiss hat mittlerweile einen Aufkleber an der Tür, der zeigt, dass der Schuppen von örtlichen Usern neun von zehn Pommesgabeln bekommen hat. Meine Zahnpasta hat mehr Auszeichnungen als Stephen Hawking, und im Fernsehen senden sie olle Kamellen, nennen es aber die 25 besten, peinlichsten, lustigsten Momente von irgendwas. Ohne Ranking geht heute nix mehr.

 

Vielleicht, schlug ich vor, sollten Ramona und ich uns beim Sex, Scrabble oder Frühstücken filmen und dann abwarten, was die anderen sagen, damit wir wissen, wie’s bei uns so läuft


Ich zauberte neulich mal ein Gulasch, mit Liebe, Zwiebeln und einigem Aufwand. Ramona fotografierte das Ergebnis, postete es auf Facebook und prahlte am Ende damit, dass ihr Vitello tonnato von vor zwei Wochen aber mehr Likes hatte. Offenbar ist das einfacher, als einfach zu sagen: „Lecker!“ Vielleicht, schlug ich vor, sollten wir uns beim Sex, Scrabble oder Frühstücken filmen und dann abwarten, was die anderen sagen, damit wir wissen, wie’s bei uns so läuft. Ramona könnte auch ihren Ex und mich posten und dann anhand der Likes entscheiden, mit wem sie zusammen weiterleben will. So wird es in Zukunft eh. Da sind wir alle in einer Art Amazon für Menschen. Da steht dann „Männer, die Ramona vögelten, vögelten auch . . .“, und man kann für sie Wertungen hinterlassen. “,Fleischpeitsche 78’ schreibt: ’Ich hatte mir mehr versprochen. Im Bett war es durchschnittlich, und ihr Vitello tonnato sah auf dem Foto besser aus als in echt. Von mir dafür nur drei von fünf Sternen.“ Wer dauerhaft bei ein bis zwei Sternen herumkrebst, kriegt automatisch Werbung für Penispumpen, Haartransplantationen oder Brustvergrößerungen, wer danach immer noch nicht beliebter wird, kann vielleicht noch über die Wahl zum „Loser des Jahres“ was reißen. Ansonsten ist die Alternative dann offline weiterleben oder eben gar nicht mehr, wobei das ja im Prinzip eh dasselbe ist. Die Leute gucken ja auch in Hotelbewertungsportalen, damit sie schon vor der Reise wissen, wie sie nach der Reise den Urlaub finden. Einfach mal hinfahren und gucken ist voll old school und Zeitverschwendung. Wir wollen alle nicht mehr überrascht werden, wir wollen alle prima leben und sparen, wir wollen alle das Maximum. Klar, wer will schon ein Zweieinhalb-Sterne-Leben mit einer 3-Sterne-Frau? Ramona findet, dass ich übertreibe. Ich habe aber sicherheitshalber schon mal geguckt, wie viele Treffer ihre Ex-Typen und ich bei Google haben. Im internen Ex-Ranking liege ich ziemlich vorn. Einem gefällt das.

Autor: Ralf Husmann
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