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12 Stunden von Sebring

Playboy beim Woodstock des Motorsports

Das 12 Stunden-Rennen Sebring

Für die Fans ist es eine zwölfstündige Party. Für die Rennfahrer ein zwölfstündiger Kampf mit einer Rennstrecke, wie es sie in Europa nicht mehr gibt. Wer das 12 Stunden Rennen von Sebring in Florida erlebt, begibt sich auf eine Reise in die Vergangenheit …

10.40 Uhr. Über dem Sebring International Raceway hängen grauen Wolken. Entlang der Zielgeraden stehen die Fans auf Wohnmobil-Dächern. Nur zwei niedrige Zäune trennen sie von ihren Vollgas-Helden.  Aus den Lautsprechern dröhnt die Stimme des Streckensprechers. Seine Worte überschlagen sich. Dann ein lautes, grelles Donnern. Als hebe auf dem Flughafen nebenan ein Düsenjet ab. Die Meute rast vorbei. Sie werden es in den nächsten zwölf Stunden immer und immer wieder tun – sollten sie überhaupt bis zum Ende durchhalten. Denn die 12 Stunden von Sebring gelten als härtestes Sportwagenrennen der USA.

Seit 1952 verwandelt sich die amerikanische Kleinstadt einmal im Jahr zum "Woodstock des Motorsports". Ein Ort, den Orangenbaum-Plantagen, Wohnwagensiedlungen und Fastfood-Ketten charakterisieren. Schon zwei Wochen vor dem Rennen stehen 400 Camper vor den Toren des ehemaligen Militärflughafens Schlange. Kein Sportwagen-Rennen in Amerika zieht die Fans so in den Bann wie dieses. Der Rekord für die früheste Anreise liegt bei 85 Tagen. Man erzählt sich, der Mann habe sein Auto voller Bierdosen gehabt. Selbst als das Rennen wegen der Energiekrise 1974 ausfiel, pilgerten über 100.000 Fans zur Rennstrecke und feierten ihre eigene Party.

Die 12 Stunden von Sebring sind ein Mix aus Wahnsinn, Mythos und Risiko. Die Rennfahrer kämpfen nicht nur um den Sieg, sondern mit jedem Meter Asphalt. Die tiefen Furchen auf der Zielgeraden, die noch den ursprünglichen Belag von 1942 trägt, erzählen von den Hochgeschwindigkeits-Duellen der vergangenen Jahrzehnte. Die 6,019 Kilometer lange Buckelpiste ist ein Dinosaurier unter den Rennstrecken.


Rad an Rad brettern die Autos über die Kerbs. Wippen auf dem welligen Belag auf und ab. Für die Fahrer ist jede Runde ein Erdbeben. Trotz der harten Schläge müssen sie exakt lenken. Jede Unaufmerksamkeit wird hart bestraft. Auslaufzonen oder Kiesbetten so groß wie Supermarktparkplätze wie man sie von modernen Formel-1-Strecken kennt, gibt es nicht. Hier ist die Zeit vor 30 Jahren stehen geblieben.

"Die 12 Stunden von Sebring sind so anstrengend wie zwei 24-Stunden-Rennen", meint Porsche-Rennlegende Hurley Haywood. Er muss es wissen. 28 Mal war er dabei - so oft sie sonst niemand. Zwei Siege gehen auf sein Konto. Sein ehemaliger Arbeitgeber Porsche ist mit 18 Siegen erfolgreichster Hersteller bei diesem Rennen. Der Faszination Sebring kann kaum ein Rennfahrer widerstehen: Schon Juan Manuel Fangio, Jacky Ickx, Mario Andretti oder Steve McQueen suchten dort den ganz besonderen Nervenkitzel.

Auch Porsche-Werksfahrer Earl Bamber hat den direkten Vergleich zum berühmtesten Rennen der Welt. "Das Rennen gehört zu den ganz Großen, die du als Rennfahrer gewinnen willst", sagt der Le Mans-Sieger von 2015. "Die Bodenwellen, der Verkehr und die Hitze sind eine echte Herausforderung. Es gibt mehr Unfälle während eines Rennens als sonst." BMW-Werkspilot Lucas Luhr, fünfmaliger Sebring-Klassensieger, meint: "In Kurve 17 fährt du voll auf die Mauer zu, bremst daran entlang und schaltest vom sechsten in den dritten Gang. Du musst in Millisekunden Entscheidungen treffen, den Verkehr lesen können."

Heißt: Nicht im falschen Moment zucken. Sonst droht ein Crash mit einem der anderen 48 vorbeiknallenden Prototypen oder GT-Rennern. Die deutschen Hersteller tummeln sich vor allem in den GT-Klassen. In der GTLM, der 1. Bundesliga für die Werksteams, battlen sich Porsche, BMW, Ferrari, Corvette und neuerdings Ford. In der kleinsten Klasse für die Privat-Teams, der GTD, sind es Porsche, Audi, Lamborghini, Dodge, Ferrari, BMW und Aston Martin.


12 Uhr, an den mächtigen Heckflügeln ziehen die Autos hohe Gischt-Fontänen hinter sich her. In der 64-jährigen Geschichte des Rennens regnet es erst zum siebten Mal. Der Lamborghini mit der Startnummer 11 knallt frontal in die Reifenstapel. Das Fahren auf der nassen Piste: Ein Ritt auf der Rasierklinge. 13.30 Uhr, Rennabbruch. Auf der Strecke haben sich kleine Bäche gebildet. Zu riskant, um weiter mit über 250 km/h zu rasen. Stattdessen: Stillstand. Eine lange Schlange in der Boxengasse, die Fahrer plaudern unter Regenschirmen.

Die Fans amüsieren sich auch ohne Motorengebrüll. Zwischen abgewetzten Ledersofas, selbstgebauten Gerüst-Tribünen und Gummipuppen trinken sie Bier. Manche haben sich als Kühe verkleidet, andere als Wikinger. Man nennt den Campingplatz auch "Zoo". Beim Grand Prix in Monaco prahlt man mit der Yacht in der ersten Reihe, in Sebring mit dem amerikanischen XXXL-Wohnmobil. Von der Strecke trennen die  Zuschauer nur wenige Meter – auf einer europäischen Rennstrecke undenkbar.

John, 60, hat all seine Kumpels dabei – und einen Hahn. Das Federvieh namens Chuck sitzt in einem kleinen Käfig vor dem aus Holzbrettern gezimmerten Saloon "Dodge City". "Ich komme seit 1982 hierher und habe erst vier Rennen verpasst", erzählt John, der ein ausgeleiertes Shirt und Shorts trägt. Der Altersdurchschnitt: 50 plus. Auch wenn hier und da junge Leute mit voll aufgedrehtem Bass und amerikanischer Flagge in Monster-Trucks umher cruisen.


"Letztes Jahr ist uns der Hahn ausgebüchst", meint John und grinst. Weil der Hahn über die Strecke rannte, musste eines der Rennen im Rahmenprogramm abgebrochen werden. Vor einigen Jahren steckten die Fans sogar ein Golf Cart eines Rennfahrers in Brand, weil sie ihn nach seinem Besuch nicht mehr gehen lassen wollten.

"Früher ging es noch barbarischer zu", erinnert sich Hurley Haywood. 1994 teilte sich der heute 67-Jährige mit Rallye-Ass Walter Röhrl und Hans-Joachim Stuck ein Auto. Drei hübsche Mädchen, die auf dem Dach eines Bus standen, entblößten in jeder Runde ihre Brüste. "Einmal wäre Stuck fast von der Strecke abgekommen", lacht Haywood. Der beängstigendste Moment: Als er auf der Gegengeraden angebrettert kam und vier Nackte über die Strecke flitzten.

Heutzutage unterbricht man das Rennen wegen Regen. Trotzdem hat es nichts von seinem Zauber verloren. Seit vier Stunden zieht die Meute wieder ihre Kreise. Es ist dunkel geworden. Zwischen den Wohnmobilen leuchten die roten Lichter des Pizza-Imbiss, daneben blinkt die Reklame des Würstchen-Stands. Die Autos selbst sehen mit ihren farbigen LED-Lichtern aus wie rasende Weihnachtsbäume.  

Mit Showelementen kennen sich die Amis aus. Typisch amerikanisch: Die Dramatik wird bis zur letzten Minute aufrechterhalten. Weil sich immer wieder Autos von der Strecke kreiseln, drosselt man das Feld mithilfe gelber Flaggen. Das bedeutet: Langsam machen. Die Meute rückt zusammen. Bei jeder Aufhebung des Tempo-Limits entbrennt ein neuer Kampf um die Spitze. Erst in den letzten zwölf Minuten entscheidet sich, wer siegt und verliert.

22.40 Uhr, schwarz-weiß-karierte Flagge.

Der Himmel über Sebring leuchtet in bunten Farben. Über das Feuerwerk freuen sich dieses Mal vor allem amerikanische Teams. In der GTLM-Klasse landen BMW und Porsche hinter Chevrolet auf dem Podium, in der GTD-Klasse fährt  Ferrari vor BMW und Audi über die Ziellinie. Sie werden alle wiederkommen. Denn zwölf Stunden durchhalten ist eines. Ein Sieg in Sebring aber etwas ganz anderes.

Autor: Bianca Leppert
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