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Vollbart vs. Schnurrbart

Was kommt nach dem Talibart?

Das Schnurrbart-Experiment

Zwei Jahre Vollbart sind genug: Playboy-Autor Sebastian R. Tromm ließ sich beim Barbier den Stil der Stunde verpassen – und testete dessen Wirkung aufs Berliner Frauenvolk. Ergebnis: Schnauzer lösen keine Stil-Probleme

Es ist vorbei. Jetzt auch noch Robert Pattinson. Dieses Twilight-Bübchen. Dieser Kein-Sex-vor-der-Ehe-Typ. Als der neulich auf irgendeinem roten Teppich versuchte, seine nie überwundene Vampirblässe hinter voller Gesichtsbehaarung zu verstecken - vergeblich, versteht sich - wurde mir klar: Der Vollbart hat seine modische Halbwertszeit überschritten. Ich muss mich ganz dringend rasieren.

Ob es allein die Angst war, als Rauschebart tragender Hipster in der Masse Rauschebart tragender Hipster unterzugehen, oder schiere Langeweile am eigenen Spiegelbild - ich kann es nicht sagen. Jedenfalls überlasse ich den wuchernden Naturburschenlook ab jetzt den oben erwähnten Typen, Männermodels und Düsseldorfer Söhnchen, die ihre Getränke bei der Gin-Tonic-Verkostung durch drahtige Haare seihen.


Aber was kommt nach dem Talibart?

Glatt rasieren und die Insignien der Kreativzunft aufgeben? Den Bart auf 3-Tage-Länge trimmen und einen mutlosen Kompromiss eingehen? Dem Prenzlauer Berg'schen Biedermeier Rechnung tragen und einen kaiserlichen Backenbart à la Wilhelm I. stehen lassen? Nette Ideen, die leider etwas gewollt daherkommen.

Wie bei allen Stilfragen besinne ich mich lieber auf einen Klassiker. Ich brauche einen Schnauzbart.

Natürlich, das flammende Interesse an der Oberlippenbürste ist eigentlich von gestern. Seine Renaissance erlebte er in den frühen sogenannten Nullerjahren. Damals, als der Begriff Hipster in der urbanen Mundart gerade erst entstand und noch niemand auf die Idee gekommen wäre, einen türkischen Herrenfriseur in Kreuzberg "Vintage-Barbershop" zu nennen.

Neonfarben, Röhrenjeans - mit all den anderen fragwürdigen Trends der Achtziger wurde auch der Schnurrbart als Modezitat aus der Gerümpelkiste gekramt. Erst im Gesicht, dann als Siebdruck auf Jutebeuteln. Der Schnauzer als ironisches Statement. Als Partygag. Und auch der beste Witz wird schal, wenn man ihn zu oft hört. Spätestens als sich Markus Lanz mit stoppeligem OLiBa an der Movember-Aktion für Prostatakrebsaufklärung beteiligte, ist das Thema Schnauzer in der Mainstream-Popkultur überholt. Völlig zu Unrecht. Es wird Zeit, dem Schnauzbart seine Würde zurückzugeben. Dachte ich.


Barbier-Beratung

„Das wird das nächste große Ding. Damit bist du ein echter Trendsetter“, klärt mich Barbier Rodriguez Exposito, genannt Will, auf, als ich ihm von meinem verwegenen Schnurrbartplan erzähle.

Ich sitze in Berlin-Mitte, im Kellergewölbe des puristisch-schicken Wheadon Barbershops. Schummriges Licht. Schwarz getünchte Wände. Seifenduft. „Aber eines solltest du wissen: Ein großer Schnurrbart bringt große Verantwortung mit sich“, mahnt Will lächelnd, während er den Frisiersessel in Liegeposition bringt.

Der ausgebildete Herrenfriseur bringt seit 22 Jahren Kopf- und Gesichtsbehaarung in Form. Erst in seiner Heimat New York, nun in Berlin. Als erfahrener Barbier ist er hierzulande momentan heiß begehrt. Denn der Ausbildungsberuf ist in Deutschland ausgestorben. In Sachen Bart-Fachkräfte ist Zuwanderung dringend geboten. Türken, Italiener, her mit euch! Wie richtig Will mit seinem Spiderman-Zitat liegt, erfahre ich übrigens später.

Er legt ein Messer bereit, schäumt Rasierseife in einer stählernen Schale auf und greift schließlich zu einer Dose Pomade, mit der er die Haare unter meiner Nase gen Decke zwirbelt. Ich höre das Surren eines Elektrorasierers - und plötzlich weht mir eine kalte Brise ums Kinn. Mit routinierten Bewegungen verteilt Will den Seifenschaum auf der Haut, schabt die verbliebenen Stoppeln von Wangen, Hals und Kinn, desinfiziert die Schnitte mit einem Alaunstift - nach diesem Schmerz darf man sich wirklich als Mann fühlen - und beruhigt die gereizte Haut mit Pflegeöl.

Irgendwie war es weniger anstrengend, den Bart wild wuchern zu lassen. Von dem Ergebnis der Prozedur sehe ich noch nichts. Allein das Kichern unseres Fotografen Malte bereitet mich auf Schlimmes vor. Erst nach einer weiteren Gesichtsbehandlung mit einem eiskalten Druckluftstrahl, richtet Will meine Stuhllehne auf.

„Fertig. Jetzt bist du wirklich ein interessanter Typ!“

Aus dem Spiegel blinzelt mir ein Fremder entgegen. Pablo Escobars hagerer, verschreckter Bruder. Interessanter Typ, trifft es ganz gut. Jonathan Meese und Klaus Kinski sind auch interessante Typen.

Ich muss lachen. Will schüttelt den Kopf und sagt, dieses Mal ohne sein ironisches Lächeln: „Glaub mir, mein Lieber: Das ist das neue große Ding. Die Frauen werden es lieben!“


Die nasen-hantel

Gewagte Behauptung. Das probiere ich mal aus.

Der Schnurrbart ist die Hantel für ein schwaches Selbstbewusstsein. Eigentlich habe ich mich in der „Melody Nelson Bar“ immer zu Hause gefühlt. Jetzt eher fehl am Platz. Denn die Rotzbremse unter meiner Nase scheint wahnsinnig attraktiv zu wirken - auf Männer, die dumme Sprüche abladen wollen.

„Wow, was hast du da für'n Marsriegel im Gesicht?“

Neben mir steht ein schwankender Kerl mit Wollmütze und Vollbart. Ist schon der dritte heute Abend. Er kommt in Fahrt:

„Alter, ist das ein Pornobalken! Heiner-Brand-Style! Dafür brauchst du eine Masse Wichse, oder?“

Ich nicke müde.

„Den Bart brauche ich für meinen Job.“

„Ach, echt? Bist du Barkeeper oder Privatdetektiv?“, prustet der Vollbart.

„Ich bin Portier“, antworte ich. „Im Grand Budapest Hotel“.

Nachdem der Vollbart sein Pulver verschossen hat, verzieht er sich zu seinen Kumpels, die mir belustigte Blicke zuwerfen. Eines steht fest: Schnurrbärte wirken auf Männer magnetisch. Auch auf mich: Immer wieder fahre ich mit meinen Fingern hindurch. Forscher stellten fest, dass Moustache-Träger ihr bestes Stück durchschnittlich 760 Mal am Tag berühren. Ziemlich armselig. Eigentlich suche ich doch jemanden, der das für mich erledigt.

Plötzlich ein Lichtblick: Zwei Damen kommen zur Tür herein.

„Was ist das eigentlich für ein Marsriegel unter deiner Nase?“, fragt Charlotte nach 20 Minuten Smalltalk. Es wird ernst. Ihre Freundin Johanna lacht. Das tut sie schon die ganze Zeit. Auch wenn ich keinen Witz mache. Und sie hält stetigen Blickkontakt - mit dem Ding über meiner Oberlippe.

„Das ist mein Schnauzer. Gefällt er euch?“

Charlotte kneift die Augen zusammen.

„Gewöhnungsbedürftig . . .“

Hanna findet ihn großartig.

„Der ist richtig cool. Jeder Trottel lässt sich jetzt einen Holzfällerbart wachsen. So ein Schnurres ist mal was anderes.“

Burt Reynolds' Moustache hat rund 3500 Fans auf Facebook. Ich habe zumindest einen, hier in der Bar. Dass der Schnurrbart wirklich das nächste große Ding wird, wie es mir Will prophezeite, glaube ich weniger. Aber jeder Mann sollte zumindest für einen Abend einen Schnauzer getragen haben. Es ist die Feuerprobe für das eigene Selbstwertgefühl. Meines schäumt über, als sich Charlotte verabschiedet, Hanna ein bisschen näher rückt und fragt:

„Kitzelt der beim Küssen?“

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Autor: Sebastian R. Tromm
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