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Wir laden schonmal das nächste Girl für Sie!

Fußballgott Hermann Gerland

Ein Porträt über den Vater des deutschen Spitzenfußballs

DER SPIELERMACHER

Er ist der Vater des deutschen Spitzenfußballs: Hermann Gerland, genannt der „Tiger“, hat Weltstars wie Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Thomas Müller entdeckt und groß gemacht. Das Auge des „Tigers“ sieht Karrieren, wo andere nicht mal Talent erkennen. Wie zur Hölle macht er das?

Mittlerweile haben sie bei den Bayern einen Drink nach ihm benannt. Whisky-Cola, das ist der Gerland-Drink. Einen davon hält er in der Hand, als er Ende Dezember 2013 im Trainingsanzug und mit einer Zigarre zwischen den Lippen durch den Bankettsaal des „Four Seasons“ in Marrakesch tigert und mal hier anstößt, mal dort einen Spruch raushaut. Vor ein paar Stunden hat der FC Bayern durch ein 2 : 0 gegen Raja Casablanca die Club-Weltmeisterschaft gewonnen. Jetzt wird getanzt. Thomas Müller hat sich gerade schon am Bauchtanz versucht, Philipp Lahm einen Moonwalk angedeutet. Als Gerland mit ein paar Sponsoren kurz für ein Foto posiert - die Zigarre behält er dabei im Mund -, kommt Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge vorbei. „Schau an, der ,Tiger’ aus Bochum! Hat 178 Jahre gebraucht, um Weltmeister zu werden!“ Gerland zuckt mit den Achseln. „Der Kalle ist 1982 und 1986 nur Vizeweltmeister geworden“, sagt er, „ich bin jetzt Weltmeister.“

Nicht nur Weltmeister - Weltmeistermacher

Es klingt, als würde Bayerns Co-Trainer da ein bisschen übertreiben. Aber die Wahrheit ist: Er untertreibt. Denn Hermann Gerland, 59 Jahre alt, Spitzname „Tiger“, ist mehr als nur Weltmeister. Er ist Weltmeistermacher. Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Thomas Müller, das ist die Speerspitze der Armada an großen Spielern, die Gerland in seiner Karriere entdeckt und gefördert hat. Aus dem aktuellen Bayern-Team gingen auch noch Toni Kroos, David Alaba und Holger Badstuber bei ihm in die Lehre, die halbe Stamm-Mannschaft also. Gerland ist in München Ziehvater der Stars, gute Seele und Publikumsliebling in einem. Trotz aller Siegesserien und Rekorde der laufenden Saison wurde Pep Guardiola nie von den Fans gefeiert. Aber bei jedem Spiel singen sie: „Hermann Gerland, du bist der beste Mann!“

Es gibt zwei Gründe dafür: Zum einen wissen sie eben, dass Gerland unverzichtbar ist für den FC Bayern. Als ewiger Quell frischer Talente, als gute Seele, als Heimat- und Sachkundelehrer für Pep Guardiola: Kaum einer kennt die Tücken der Bundesliga besser als Gerland, da nimmt selbst der weltbeste Coach gern Nachhilfe. Zum anderen ist Gerland einer dieser Typen, die Fußballfans besonders gern ins Herz schließen: authentisch, knorrig, fleißig. Die Abteilung Maloche beim FC Hollywood. Eine echte, urige Type im glamourösen Kosmos des Global Players Bayern München.

Einer, der aus der alten Zeit übrig geblieben zu sein scheint   

Noch heute sitzt Gerland einmal im Jahr in seiner Heimatstadt Bochum mit den alten Kumpels aus seiner Profi-Zeit beim VfL zusammen. „Da kommen der Michael ,Ata’ Lameck, der Willi Drees und viele andere Recken aus den 70er- und 80er-Jahren. Wir sprechen über unsere Zeit als Spieler, es gibt ein paar Getränke, und im Lauf des Abends werden wir immer besser. Damals haben wir oft gegen den Abstieg gespielt, aber am Ende dieser Abende haben wir das Gefühl, wir hätten die Champions League gewonnen.“ Gerland ist einer, der aus der guten alten Zeit übrig geblieben zu sein scheint. Ein Traditionalist, der sich über bunte Fußballschuhe lustig macht. Einer, der lieber eine einfache Reisetasche schultert, als den vom Verein gestellten schicken Rollkoffer zu benutzen.

"Irgendwann kommt der Sensenmann, und dann kommst du in den Himmel und ich in die Hölle."

Hermann Gerland

Einer, der sich keine übergroßen Kopfhörer aufsetzt, sondern lieber den „Kicker“ unter die Achsel klemmt, wenn es auf Reisen mit der Mannschaft geht. Die Spieler lieben ihn für seine Art, seine Sprüche. Besonders Thomas Müller ist ein veritabler Gerland-Imitator, inklusive des Lispelns. Dann macht er den „Tiger“. Gerland selbst steht nicht gern im Mittelpunkt. Nur auf Partys lässt er sich mal gehen. Legendär, wie er bei der Siegesfeier nach dem Champions-League-Sieg in London seinen Chef und Kumpel Jupp Heynckes aufforderte, man müsse diesmal „so richtig die Sau rauslassen“.  Denn „irgendwann kommt der Sensenmann, und dann kommst du in den Himmel und ich in die Hölle“.

Normalerweise scheut der „Tiger“ allerdings die große Bühne - nicht seine Welt. Er redet auch nicht gern über sich. Auf Lob reagiert er, als wäre es ein unnützes Medikament: „Brauch ich nicht, will ich nicht.“ Erhält er eine Auszeichnung, sagt er, als müsse er sich entschuldigen: „Hab ich nicht verdient.“ Dabei ist der Mann mit dem Talente-Näschen wohl der inoffizielle Welt-Co-Trainer.

Der Goldgräber

Seit 2001 arbeitet er wieder beim FC Bayern. Acht Jahre lang coachte er die Amateurmannschaft, seit 2009 ist er Co-Trainer, immer an der Seite der ganz großen Namen: Louis van Gaal, Jupp Heynckes, Pep Guardiola. Und wie schon Anfang der 90er-Jahre, als er schon einmal fünf Jahre lang die Bayern-Amateure trainierte, bildet Gerland das Bindeglied zum Nachwuchsbereich. Weil er eine Karriere sieht, wo andere noch nicht mal ein Talent ausmachen können. Weil er ein Goldgräber ist.

Vor Lahm, Müller, Schweinsteiger hatte er in den 90er-Jahren Kuffour, Nerlinger, Babbel, Hamann und Hargreaves entdeckt. Bei diesem Thema wird er plötzlich unbescheiden: „Ich kann Spieler sehr gut einschätzen. Der liebe Gott hat mir ein Auge für Talente gegeben, damit ich erkenne: Aha, der kann was, der nicht.“ Worauf er genau achtet? Wie wenige Fehler macht ein junger Spieler? Wie befreit er sich aus Notsituationen? Wird er hektisch, oder behält er den Überblick? Als er vor Jahren den jungen Philipp Lahm trainiert, sagt er eines Abends zu seiner Frau: „Dem Philipp beim Training zuzusehen ist wie Bratwurst essen. Ein richtiger Genuss.“ Er sah, was in Lahm steckte. Auf das Auge des „Tigers“ ist Verlass.

Talent erkennt Gerland aber nicht nur bei Zwei-, sondern auch bei Vierbeinern. Pferde sind „nach dem Fußball und meiner Frau Gudrun“ seine dritte große Leidenschaft. Mitte der 80er-Jahre fing er an, sich für sie zu interessieren. Er hatte seiner ältesten Tochter Nadine ein Pferd versprochen - und hielt Wort. Ab 1999 betrieb er eine eigene Zucht mit 20 Tieren in Marienfeld bei Gütersloh. Dort kaufte er sich ein Gehöft, gewann regelmäßig Preise bei Pferdeschauen. Heute besitzt er noch zwei Stuten auf einem Hof in Passau. „Wunderschöne Tiere sind das, mit herrlichen Bewegungsabläufen.“ Wenn er Urlaub hat, ist er zu Hause auf der Koppel des Bauernhofs unterwegs, mit Schubkarren und Mistforke. Vor vier Jahren kaufte ihm Thomas Müller ein Dressurpferd ab, die Westfalen-Stute „Rimini“. „Ich hab ihm einen fairen Preis gemacht. Weil ich ehrlich bin. Ich kann keinen betrügen.“ Kürzlich schlug Müller noch einmal zu: „Conado“, ein Springpferd. Er weiß ja: Wer aus dem „Tiger“-Stall kommt, kann ein ganz Großer werden.

Lahm, Müller, Schweinsteiger - das ist wie Maier, Müller, Beckenbauer. Nur ein großer Titel mit dem DFB-Team fehlt der aktuellen Sieger-Generation. 2010 in Südafrika wurden die Gerland-Sprösslinge Dritter. In Brasilien zählen sie zu den Favoriten. Während sie sich in der Tropenhitze abmühen, wird Gerland auf einem Kreuzfahrtdampfer übers Meer schippern. Er ist als Experte gefragt. “14 Tage, von Lissabon bis Hamburg, meine Frau ist dabei. Und wenn die Spiele übertragen werden, gebe ich in einer Talk-Runde meinen Senf dazu. Hab ich auch noch nie gemacht.“ Gut möglich, dass er sich dann eine Träne aus den Augen wischt. „Ich freue mich sehr, wenn meine Jungs gut spielen und gewinnen. Mit Lahm und Schweinsteiger habe ich ja den aktuellen Kapitän und Vizekapitän des FC Bayern und der Nationalelf mit ausgebildet“, sagt er und betont bescheiden das „mit“. Die Talente und die späteren Nationalhelden - sie alle sind im Grunde seine Söhne. Gerland hat drei Töchter. Nadine, Nina, Lisa. „Ich habe mir immer einen Sohn gewünscht. Aber das wird nichts mehr.“ Er grinst, weil er weiß, dass er damit für Rückfragen einen Spruch vorbereitet hat, den er gern mal bringt: „Ganz einfach: weil ich die Produktion eingestellt habe.“

Ohne Fleiß kein Preis

Die laufende Saison ist Gerlands 42. im Profi-Fußball. Das Motto seiner gesamten Karriere: „Ohne Fleiß kein Preis.“ Er sieht sich als Diener des FC Bayern. „Dafür werde ich auch vernünftig bezahlt“, sagt er. Gerlands Vater schuftete unter Tage. Er starb, als der kleine Hermann neun Jahre alt war. Seine Mutter ging putzen. Noch als Profi fuhr Gerland mit dem Fahrrad zum Training und machte nebenbei eine Lehre zum Bankkaufmann. „Ich war zwölf Jahre Profi und zehn Jahre Trainer, bis ich mir 2000 einen Porsche geleistet habe - einen gebrauchten. Ein schöner Wagen. Im Sommer fahre ich ihn ab und zu in München aus.“ Unerkannt.

"Fohlen dürfen schon mal aus der Reihe tanzen, nur wenn die übermütig werden, müssen sie auch einen mitkriegen."

Hermann Gerland

Über die Autos, die seine ehemaligen Jungs fahren, kann er nur staunen. Aber wenn die Leistung stimmt, dürfen sich auch Jungstars was leisten, findet er. Wenn sie nicht mitziehen, gibt es allerdings Ärger. „Wer Scheiße baut, kriegt von mir eine verbraten.“ Sein Lieblingsschimpfwort: „Osterhase!“ Dem zieht er dann „die Löffel lang“. Gerade wenn es darum geht, für junge Talente ein zweiter Erziehungsberechtigter zu sein, sieht er eine Parallele zu seinem großen Hobby: „Fohlen dürfen schon mal aus der Reihe tanzen, nur wenn die übermütig werden, müssen sie auch einen mitkriegen.“ Wenn es läuft, verzichtet er auf Lobeshymnen. Er sagt: „Fürs Streicheln sind die Freundinnen zuständig.“

Traumjob in der zweiten Reihe

Ob er noch einmal Cheftrainer werden wolle? Nein, das war einmal. Die zweite Reihe, da fühlt er sich wohl, „ein absoluter Traumjob“. Nur spielen war schöner. Früher, als „Tiger“: In zwölf Jahren VfL Bochum erlief er sich diesen Spitznamen. „Ich war ganz gut zu Fuß, an mir kam kaum einer vorbei.“ Die andere Wahrheit: Gerland war zum Fürchten, verbreitete als Verteidiger Angst und Schrecken. „Ich war ein Klopper, knallhart, kopfballstark, schnell.“ Im Führungszeugnis steht aber auch: null rote Karten.

Skandalfrei ist er sowieso. Und loyal bis zum Gehtnichtmehr. Mit dem FC Bayern hat er ein einzigartiges Vertrauensverhältnis. Bis Anfang des Jahres hatte er nicht mal einen Vertrag. Der Handschlag mit Uli Hoeneß zählte. Im Januar bestand Bayerns neuer Finanzvorstand Jan-Christian Dreesen darauf, dass Gerland, als Letzter im Verein, etwas Schriftliches brauche. „Nicht wegen mir“, sagt Gerland. Der Vertrag ist unbefristet. Er kann nicht ohne Fußball. Und der FC Bayern kann nicht ohne ihn. Nicht weil Gerland das Maskottchen des Clubs ist, zu dem ihn manche gern machen. Weil er harter Arbeiter und guter Geist zugleich ist, die Ruhrpott-Seele des FC Bayern. Einer Seele kann man nicht kündigen.

Autor: Patrick Strasser
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