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Wir laden schonmal das nächste Girl für Sie!

Husmann und das Warten

Unser Autor fragt sich, wo die Zeit hin gekommen ist

Design oder nicht sein

Unser Kolumnist hat eine stylische Lampe in einem Design-Laden bestellt. Nun wartet er. Und wartet. Und ist auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Ich bin auf der Suche nach sechs bis acht Wochen. Können auch zwölf werden. So lange dauert es, bis was geliefert wird, was man nicht bei Amazon bestellt oder bei Ikea selbst abholt. Eine Ehefrau aus Thailand oder der Ukraine kriegen Sie innerhalb von zwei Wochen. Wenn Sie Putin sind, kriegen Sie sogar die halbe Ukraine in vier Wochen. Aber auf eine Designer-Lampe, eine Designer-Küche oder einen Handwerker warten Sie sechs bis acht Wochen. Können auch zwölf werden. Da kann selbst Putin nichts machen.

 

Irgendwo müssen diese sechs bis zwölf Wochen verloren gegangen sein. Ich habe Gott im Verdacht. Nachdem er Adam und Eva das Paradies wegen Eigenbedarfs gekündigt hatte, standen die beiden dumm da und brauchten schlagartig alles neu. Wie die Messis bei RTL2. Das gab’s damals aber noch nicht. Damals gab’s bloß Gott. Entsprechend haben Adam und Eva gebetet: „Lieber Gott, wir brauchen was, was hell macht, wenn die Sonne weg ist, was, wo man Essen machen kann, und jemanden, der uns das alles anschließt.“ Beten ist ja wie bei einer Hotline anrufen: Man quatscht sich die Probleme vom Hals und hofft, dass irgendwer zuhört und sich kümmert.

 

Wir essen viel Auswärts und haben einen Kerzenverbrauch wie der Vatikan


Damals wie heute passierte also lange nichts, denn Gott war ja nicht Tchibo, die jede Woche eine neue Welt raushauen. Gott hatte schon nach einer Welt keine Lust mehr. Er sagte sinngemäß: „Tja, das kann sechs bis acht Wochen dauern. Können auch zwölf werden.“

 

Diese Verzögerung Gottes haben wir bis heute nicht aufgeholt. Für Gott muss man aber Verständnis haben, Gott war damals schließlich Designer und Handwerker in einer Person. Er hat entworfen und hergestellt. So was gibt’s heute gar nicht mehr. Heute gibt es entweder Leute, die „kreativ“ sind, „Fantasie“ haben, „Materialien entdecken“ und eine „Philosophie des Leuchtens oder Kochens“ entwickeln, oder Leute, die wissen, welche Wand tragend ist. Von der ersten Sorte gibt’s jede Menge, die zweite ist selten wie Seeadler. Handwerk hat zwar goldenen Boden, aber einen goldenen Boden wollen heute höchstens noch Donald Trump oder die Geissens. Alle anderen legen da einen cremefarbenen kreativen Designer-Teppich drauf. Nach sechs bis acht Wochen. Können auch zwölf werden.

 

Um mich herum sind jedenfalls alle nur noch kreativ. Selbst Joop kann was designen. Jeder, der auf der Schule in Kunst eine Vier hatte, denkt sich heute „individuelle“ Umhängetaschen aus, gefertigt aus Leichensäcken, Sportmatten oder alten Umhängetaschen, die noch unindividuell waren. Gefertigt werden die dann natürlich in Polen, Tschechien oder der Slowakei, denn hier kann das keiner mehr. Auch mit dem Winkelschleifer mal ordentlich was wegflexen oder was sauber unter Putz legen können nur noch Osteuropäer oder Hauptschüler. Anders formuliert: Das Abnehmen von handwerklichen Fähigkeiten ist reziprok zum Ansteigen von Laktose-Intoleranz, Veganertum und Burn-out.

 

Falls das verbittert klingt, liegt das daran, dass Ramona und ich eine Küche bestellt haben und eine Lampe. In einem Designer-Laden. Kann sechs bis acht Wochen dauern. Können auch zwölf werden. So hieß es vor vier Monaten. Seitdem essen wir viel auswärts und haben einen Kerzenverbrauch wie der Vatikan. Ich glaube, dass das Abendland nicht durch islamische Einwanderer untergeht, durch kulturelle Überfremdung oder wovor auch immer die Pegida-Irren uns warnen wollen. Es geht unter, weil wir für teuer Geld freiwillig sechs bis acht Wochen auf eine Scheißlampe warten. Können auch zwölf werden.

Autor: Ralf Husmann
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