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Wir laden schonmal das nächste Girl für Sie!

Husmann und die Wurst

Warum für unseren Autor jetzt Schluss ist mit lustig

Die lachende Wurst

Unser Kolumnist blockt ab sofort den Dienstag für die Beziehung. Warum? Weil ihm der multimediale Kalauer der Werbe-Fuzzis und Witze-Versender auf den Geist geht und er lieber mal wieder aus vollem Herzen lachen möchte

Meine Leberwurst ist lustig geworden. Und persönlich. Auf der Plastikfolie ihres Döschens grinsen mir zwei Kreissparkassengesichter entgegen, die behaupten, sie wären ein dufter Haufen, und dahinten, in ihrer Mühle im Rügenwald, gäbe es noch mehr von ihnen, und keiner ginge je aus ihrer spitzen Firma weg, höchstens in Rente. Wurst-Toto und -Harry schreiben noch, dass ich bloß was einscannen muss, dann sähe ich die ganze Geschichte meiner Leberwurst. In einem Filmchen. Die Leberwurst macht also auch Filme. Mein Orangensaft hat auf seinem Etikett ein Foto von grasenden Gäulen, und daneben steht, man wolle hier nicht unnötig über Saft herumschwafeln und zeige stattdessen lieber ein Foto von Pferden, die eine Kontaktlinse suchen.

 

Was soll das? Wann hat das angefangen? Früher waren nicht mal deutsche Komiker lustig, jetzt macht schon der Orangensaft Witze. Jetzt erfahre ich die Namen von den Leuten, die meine Leberwurst machen; ich sehe, was sie für Hemden tragen, welche Hobbys sie haben und dass sie in ihrer Freizeit in Birkenstocks schlüpfen und wandern gehen. Mein Rasierschaum ist bei Facebook, und, wenn ich das richtig verstanden habe, ich kann da sein Freund werden. Ich werde bald die ersten Tweets von meinen Socken kriegen. Bestimmt sind sie persönlich, ich werde erfahren, wie die Kinder hießen, von denen sie in Bangladesch zusammengenäht wurden, und bestimmt machen die Socken auch noch einen Gag. Dass der linke Socken seinen rechten Kumpel seit der Waschmaschine nicht mehr gesehen hat, weil’s da so rundging beim Schleudern.

 

Was soll das? Wann hat das angefangen? Früher waren nicht mal deutsche Komiker lustig, jetzt macht schon mein Orangensaft Witze, und meine Leberwurst dreht Filme


So was in der Art krieg ich dauernd. „Verdammt, schon zwölf Uhr, das sind ja umgerechnet 24 Mark.“ Jeder Tag ist ein gottverdammter Schmunzelmarathon. Alle schicken sich und mir Sprüche, lustige Bilder und Kram, damit der Tag schneller rumgeht. Es ist wie in der Schule, wo man, wenn Mathe bei Frau Marquardt zu zäh war, Zettel von Bank zu Bank schob, auf denen „Marquark stinkt“ stand oder „Jenny hat geile Möpse“. Jetzt sind die Zettel digital und deswegen nicht mehr albern, sondern hip. Parallel schickt mir Ramona eine grußlose Mail, sie brauche endlich mal Zugang zu meinem Kalender, sie müsse nämlich das Sommerfest meiner Firma mit dem Geburtstag ihrer Mutter koordinieren. Und ob ich Anchovis esse, falls ja, solle ich noch Parmesan kaufen. Kein Gag, nichts.

 

Das also ist der Fortschritt? Gegenstände, Firmen, Zeug und Leute, die mir seit Jahren am Arsch vorbeigehen, kommen mir persönlich und gehen mir mit guter Laune auf den Sack, während die Frau meines Lebens mir humorlose Formulare schickt, um unser Leben abzuarbeiten. Ich muss nachdenken, wann wir zuletzt wirklich zusammen gelacht haben. Irgendwas läuft schief. Ich will wieder die klassischen unlustigen Deutschen, die einfach Wurst machen, sich nicht im Hausflur grüßen und mich nicht mit unnötigen Infos über ihr Privatleben behelligen. Ganz ehrlich, Rügenwalder, wenn ich wissen will, wie’s bei euch so läuft, dann finde ich Mittel und Wege, das rauszufinden. Im Zweifel rufe ich an. Wenn ihr nichts von mir hört, wär’s dufte, ihr würdet das umgekehrt genauso halten. Bis auf Weiteres kaufe ich jetzt erst mal No-Name-Produkte und habe Ramona Zugang zu meinem Kalender ermöglicht. An Dienstagen steht da ab sofort immer „Du & ich“. Ohne Witz und Emoticons. Irgendwo muss man anfangen, gegen den Trend zu schwimmen. Wurst und Frauen scheinen mir dafür sehr geeignet.

Autor: Ralf Husmann
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