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Wir laden schonmal das nächste Girl für Sie!

Husmann und der Mittelweg

Unser Autor hat es satt, überall bespaßt zu werden

Eine Frage der Überdosis

Unser Kolumnist möchte nicht überall dauernd bespaßt und mit Musik berieselt werden. Plädoyer für einen gesunden Mittelweg zwischen Bielefeld und Disneyland

Bisher dachte ich, der blödeste Job in Deutschland wäre Friseur von Inka Bause oder Reimfinder für Xavier Naidoo („liebevoll“ auf „mit Liebe voll“, Glückwunsch!). Dann gingen Ramona und ich neulich zum Bowling. Wir hatten kaum unsere Bahn gefunden, da grölte jemand aus den Lautsprechern und machte „Musik“. Mit der sinnlosen Fröhlichkeit von Frühstücksradiomoderatoren wurde ein Spieler aus dem Off aufgefordert, sich mit dem Finger auf der Bowlingkugel im Kreis zu drehen und dann zu werfen, dafür bekam er einen Schnaps. Der Nächste, der einen Strike warf, bekam auch einen Schnaps. Dann bekamen praktisch alle einen Schnaps, und ich stellte fest, dass die Stimme aus dem Off zu einem Animateur gehörte.

 

Ja, die Bowlingbahn leistete sich einen eigenen Stimmungsmacher. Animateur auf einer Bowlingbahn ist vom Grad der Beschissenheit verdammt nah dran an Xavier-Naidoo-Texten, dachte ich. Alle anderen fanden es aber ganz normal, bei einer an sich ja schon spaßig gedachten Freizeitgestaltung noch zusätzlich bespaßt zu werden. Ich finde aber, ähnlich wie bei Muskeln, Geld oder Alkohol gibt es auch beim Spaß eine Grenze, ab der es einfach zu viel ist. In Bielefeld ist ein Zirkus in Ordnung, die haben ja sonst nichts, in Disneyland ist ein Zirkus einfach zu viel des Guten.

 

Die größte Panik haben die Leute heute nicht mehr vor Krieg, Krankheit oder Euro-Krise, sondern davor, dass irgendwo mal fünf Minuten nix los ist


Ramona fand, mit mir könne man mal wieder überhaupt keinen Spaß haben. Ich fand, Animation auf einer Bowlingbahn sei so, als würde man zum Vögeln noch eine Xbox mitnehmen, nur für den Fall, dass Leerlauf entsteht. Aber damit bin ich hoffnungslos altmodisch. Heute tut jede Wanderdüne an der Nordsee so, als wäre sie Ibiza, stellt alles mit Sitzsäcken voll, und jemand hängt seinen iPod an zwei Boxen, um mit der Dubstep-Version von „Ein Bett im Kornfeld“ das Meeresrauschen zu übertönen.

 

Im Tennis, bei den US-Open, wird laut Musik bei den Seitenwechsel eingespielt, und irgendwer hält es für eine gute Idee, in jedem der 69 Rewe-Supermärkte in meiner Umgebung die Kühlregale mit dufter Musik zu berieseln, die zweimal pro Minute vom ewig gleichen Rewe-Werbejingle unterbrochen wird. Anschließend liegen alle zu Hause, haben Burn-out und hören Wellness-Walgesänge, um endlich mal zu entspannen.

 

Die größte Panik haben die Leute heute nicht mehr vor Krieg, Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Euro-Krise, sondern davor, dass irgendwo mal fünf Minuten nix los ist. Und das womöglich sogar noch ohne WLAN. Die Amis folterten verdächtige Araber in Abu Ghraib noch mit dauernder Musikbeschallung. Was daran Folter sein soll, muss man westlichen jungen Menschen erst mal erklären. Gibt es eigentlich schon Grabsteine mit Boxen, Internet und „Angry Birds?“ Ansonsten ist das endlich die Geschäftsidee, mit der ich steinreich werde.

 

Von dem Geld kaufe ich mir eine altmodische Kegelbahn, wo es nur Pils gibt und mürbes Licht. Außerdem eröffne ich mein privates Abu Ghraib an der Nordsee, wo Bowling-Animateure und alle, die bei Rewe was zu sagen haben, von meinem privaten Sicherheitsdienst hingeschleift werden. Da werden sie dann rund um die Uhr mit Xavier Naidoo beschallt. Immer mal wieder unterbrochen vom einem Werbejingle und den Knaller-Angeboten der Woche. Ein bisschen Spaß muss schließlich sein ...

Autor: Ralf Husmann
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