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Wir laden schonmal das nächste Girl für Sie!

Husmann und der Schrebergarten

Warum unser Autor am liebsten nach Nordkorea auswandern würde

Eingemachtes Elend

Unser Kolumnist will keinen Schrebergarten haben und keine Marmelade aus Schrebergarten-Obst essen. Auch strickende Frauen sind nicht so sein Ding. Im Grunde braucht er einen komplett neuen Freundeskreis

Das Elend am Älterwerden ist, dass man immer weniger wird, wie man werden wollte, als man jünger war. Stattdessen wird man seine eigenen Eltern. Als würde man zu einem Marsch aufbrechen, verdammt lange latschen, nur um am Ende da rauszukommen, wo man losgelaufen ist. Bei Adam und Eva, beziehungsweise eben Mama und Papa.

 

Das Wort „Einmachgläser“ habe ich zuletzt von Menschen gehört, die alle Russen „Iwan“ nannten


Ramona will nämlich einen Schrebergarten. Das ist jetzt der neue, heiße Scheiß. Angeblich bei allen. Ein Schrebergarten. Eine Art 3-D-Instagram von der Natur. Stundenlang wurde mir erzählt, wie super das wäre mit dem Schrebergarten. Alle kämen vorbei, man säße im Sommer nächtelang draußen, man würde grillen, man würde quasi Werbespots für französischen Weichkäse nachspielen, wo fröhliche junge Menschen unter geduldigen alten Bäumen sitzen, und Kinder munter rumtollen, ohne sich Popel in die Haare zu schmieren oder den Erwachsenen auf den Sack zu gehen. Außerdem hätte man eigenes Gemüse und Obst in Hülle und Fülle. Sagte Ramona. Ramona, die keinen braunen Daumen hat, sondern eine braune Hand. Mindestens. Eher sogar zwei, und beide links. Ich wette, sie würde hundertjährige Eichen in kürzester Zeit kaputtpflegen. Frisches Gemüse gammelt ihr im Kühlschrank unter den Händen weg. Schnittblumen lassen binnen Stunden bei ihr die Köpfe hängen wie englische Fußballer nach einem verschossenen Elfmeter. Diese Frau will einen Schrebergarten.

 

Marmelade könne man machen, hieß es, aus all dem Obst. Und das Gemüse ließe sich einkochen. In Einmachgläsern. Ringsum nickten die anderen Frauen verständig und verträumt. Das Wort „Einmachgläser“ habe ich zuletzt von Menschen gehört, die alle Russen „Iwan“ nannten. Wenn „der Iwan“ kam, hatte man Gott sei Dank im Keller immer noch „Einmachgläser“. Kurz darauf, ich schwöre, es ist wahr, kramte eine Frau Strickzeug aus ihrer Tasche. Die anderen Frauen waren neidisch. Der Altersdurchschnitt der Anwesenden lag bei Mitte dreißig.

 

Mich erinnerte die Runde an meine Kindertage, als ich mir im Schrebergarten von Onkel Günter vorkam wie ein Tiger im Freigehege. Die Frauen fanden, ich sei ungemütlich. Die Männer sagten, klar, brauche so ein Schrebergarten immer auch eine gewisse Vereinsstruktur, aber das sei heute alles längst nicht mehr so schlimm wie früher. Heute sei das oft locker. Ich fand die Begriffe „locker“ und „Verein“ gingen in etwa so gut zusammen wie die Begriffe „Erotik“ und „Merkel“, oder „Würde“ und „Boris Becker“. Die Jungs redeten da aber schon über Sitzrasenmäher. Weite Teile meiner Jungend hab ich damit verbracht, den kleinkarierten Mief loszuwerden. Nie wollte ich samstags das Auto waschen. Nie wollte ich in Italien deutschen Filterkaffee bestellen. Das Leben konnte alles werden, außer gemütlich. Jetzt redeten die Frauen darüber, dass sie neulich Schwarzwurzeln für sich entdeckt haben. Rezepte wurden ausgetauscht. Natürlich digital, per Facebook und so. Sonst wär’s ja am Ende voll spießig. Sie benutzen auch komplizierte Gewürze aus Asien. Ganz anders als die kleinbürgerlichen Eltern. Die Jungs fanden die beiden Alten super, die ihre Schrebergartenparzelle seit 40 Jahren haben und an Feiertagen die Deutschlandfahne aufziehen. Und für die Kinder, hieß es, sei so ein Schrebergarten ja auch spitze. Ich suche auf diesem Weg neue Freunde, die noch alle Tassen im Schrank haben. Wahlweise auch ein Gastland, das mich aufnimmt. Nordkorea klingt zum Beispiel nicht schlecht ...

Autor: Ralf Husmann
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