Direkt zum Inhalt
Wir laden schonmal das nächste Girl für Sie!

Husmann und das Benehmen

Unser Autor bedauert das Aussterben der Höflichkeit im Alltag

Habt ihr alle 'n Problem?

Unser Kolumnist bedauert das Aussterben der Höflichkeit im Alltag. Nicht mal mehr duellieren kann man sich mit diesen Hackfressen da draußen

Ich bin eine Arschgeburt. Wahlweise auch ein Sackeimer oder eine Pissflitsche. Das wurde mir jedenfalls innerhalb von drei Minuten von verschiedenen Leuten lautstark bescheinigt, als ich mit dem Fahrrad auf dem Radweg gegen die Richtung der Einbahnstraße fuhr. Ich verhielt mich in der Tat verkehrswidrig, aber es war ein breiter Radweg neben einem breiten Bürgersteig. Die Belegschaft von „The Biggest Loser“ hätte noch bequem neben mir herwalzen können. Trotzdem wurde ich von anderen Radfahrern und Fußgängern bepöbelt, als wäre ich der radelnde Varoufakis oder eine Frau mit Burka.

 

Woher kommt dieser ungebremste Hass in alltäglichen Situationen? Ich vermute aus Internet und Fernsehen. Die Leute benehmen sich mittlerweile auch offline so wie in den Kommentarspalten zu einem Spiegel-Online-Artikel über Schwule, Frauen oder Juden. Durchgehend. Auch beim Eisessen oder eben auf dem Radweg. Und wer mal gesehen hat, wie Jürgen Klopp auf eine vermeintlich falsche Abseitsentscheidung reagiert, wundert sich auch nicht mehr, dass es in der Welt draußen zugeht wie beim Klassentreffen von Rumpelstilzchen.

 

Die Geduldsfäden der Leute sind heute dünner als die Haare von Tom Buhrow 


Ich war neulich bei einem Fußballspiel der D-Jugend, um den Sohn eines Kumpels anzufeuern. Die anwesenden Eltern der Elfjährigen bepesteten ab der zweiten Spielminute den Schiedsrichter, die Trainer, die anderen Eltern und die anderen Elfjährigen. Es war eine Stimmungslage wie bei den Lannisters von „Game of Thrones“ an einem schlechten Abend. Blut und Krieg lagen in der Luft. In der D-Jugend! Höfliche Menschen trifft man mittlerweile ähnlich häufig wie Menschen, die fließend Latein sprechen. Die Geduldsfäden der Leute sind heute dünner als die Haare von Tom Buhrow. Jeder ist permanent kurz vorm Durchdrehen. Unter Jugendlichen ist „Hure“ Neudeutsch für „Fräulein“ und „Bastard“ ein Kosewort für Kumpel. Unser Wappentier ist King Kong mit Bluthochdruck.

 

War man früher mit dem Verhalten anderer Leute nicht einverstanden, zog man sich ordentlich an, schickte einen Sekundanten mit einem handschriftlichen Brief, der eine Aufforderung enthielt, sich in Bälde frühmorgens auf einer Lichtung einzufinden und sich in einem Duell gegenseitig mit Pistolen oder Säbeln förmlich die Meinung zu sagen. Hin und wieder wurde jemand dabei tödlich verwundet, starb dann aber still und ging den anderen nicht auf den Sack. Das ist - auch in Deutschland - gerade mal gut 100 Jahre her. Heute ist es unvorstellbar. Ich müsste Möhre als meinem Sekundanten auf Facebook bitten, dem älteren Herrn, der mich Pissflitsche genannt hat, per „WhatsApp“ eine Aufforderung zu einem Duell zu schicken. Dann müssten wir in angemessener Entfernung eine Lichtung finden, auf der frühmorgens keine Nordic Walker, Hundebesitzer oder Jogger herumgeistern, wir bräuchten Waffen, Zulassungen für die Waffen und eine Freistellungserklärung der Krankenkasse für den Fall, dass was passiert, außerdem ein Formular für den Arbeitgeber, die Sozialversicherung und so weiter. Natürlich bräuchten wir auch ein gemeinsames Zeitfenster, in dem wir uns potenziell die Hirse wegschießen könnten. Aussichtslos. Mein Kalender ist einfach schon zu voll. Selbst wenn ich wollte, könnte ich mich beim besten Willen nicht noch um meine Ehre kümmern; ich muss die Steuer machen.

 

Das mit den Duellen war sicher auch früher nicht so einfach, aber gerade der Aufwand sorgte vermutlich dafür, dass man es sich gut überlegte, wann man eine Beleidigung raushaute. Die Aussicht, erschossen zu werden, lädt doch zur Zurückhaltung ein. Wenn es die Möglichkeit eines Duells noch geben würde, könnte ich sicher heute noch ungestört falsch rum durch die Einbahnstraße fahren. So was wäre nicht wichtig genug für ein Duell. Aber Duelle fand man irgendwann unzivilisiert. Stattdessen kann sich jetzt jede mutterfickende Bumsnuss und jede vollgewichste Hackfresse ungefährdet öffentlich äußern. Das ist der Fortschritt.

Autor: Ralf Husmann
Newsletter

Jede Woche neu:
die spannendsten Themen,
die schönsten Frauen

Jede Woche neu: die spannendsten Themen, die schönsten Frauen

The was an error. Please try again later.