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Wir laden schonmal das nächste Girl für Sie!

Husmann und der Trojaner

Unser Autor steht kurz davor, Amok zu laufen

Herr H. dreht durch

Unser Kolumnist wollte nur einen Mülleimer kaufen. Am Ende stand er kurz davor, Amok zu laufen. Protokoll einer verständlichen Verwandlung

"Hobelschlunze" ist kein sicheres Wort. Der IT-Experte im Computer-Shop krümelt ein Käsebrötchen in die Tastatur von meinem Laptop und vermutet einen Trojaner, weil ein Passwort wie „Hobelschlunze“ leicht zu knacken ist. Er vertippt sich dreimal beim Eingeben, deswegen wäre man bei ihm mit „Hobelschlunze“ ziemlich safe, aber die Internet-Kriminellen sind deutlich mehr auf Zack. Die knacken so ein Passwort mit links. Sagt er kauend. Ob’s wirklich ein Trojaner ist, weiß er nicht, denn er ist bloß der Hardware-Profi. Der eigentliche Trojaner-Experte ist auf Fortbildung. Im Trojaner-Sektor passiert ja ständig was, sagt er. Ja, vor allem mir, sage ich.

 

Jeder sechste Deutsche ist depressiv. Die anderen sind bei Pegida oder hören Helene Fischer


Es fing damit an, dass ich im Netz einen Mülleimer bestellte (eine längere Geschichte, die hier zu weit führt). Der Eimer kam nicht, weswegen ich bei der Mülleimer-Manufaktur anrief, wo die zuständige Mitarbeiterin gerade ein Elternjahr machte. Deswegen wurde ich an das Call-Center des Online-Händlers verwiesen. Da ging eine Grippewelle um, daher sprach ich mit einer Aushilfe. Die vermutete, dass das Geld nicht eingegangen sei. Mein Kontoauszug sagte, das Geld sei rausgegangen. Ich solle trotzdem mal die Bank anrufen, hieß es. Ich rief bei der Bank an und erwischte nach vier Versuchen die Urlaubsvertretung meines Kundenberaters, die telefonisch aber leider nichts machen konnte, sorry. Ob ich nicht mal kurz vorbeischauen könnte. Ich schaute kurz vorbei. Da hatte die Bank zu. Mittagspause. Von eins bis drei. Beim nächsten Mal war zu wegen Mitarbeiterversammlung. Dann war überraschend auf, aber es war nur der Stellvertreter der Urlaubsvertretung da. Ich müsse ein Formular unterschreiben, sagte er. Da stand, dass die Bank keine Haftung übernimmt, falls beim Online-Banking was doof läuft, solange mein Laptop nicht professionell überprüft wurde. Von einem IT-Experten. Der kommt - wie erwähnt - zu dem Schluss, dass „Hobelschlunze“ kein sicheres Wort ist, weswegen ich keinen Mülleimer kriege.

 

Im Grunde ganz einfach. Die Arschkarte ist durch mehrere Hände gelaufen und wieder bei mir gelandet. Ich bin eh schon angespannt. Wir sind alle angespannt. Jeder sechste Deutsche ist depressiv. Die anderen sind bei Pegida, hören Helene Fischer oder drehen sonstwie durch. Ramona wollte den Mülleimer, ich sollte mich kümmern. Jetzt ist in der Küche seit Wochen eine anklagende Lücke. Wie Ground Zero in New York, wo vorher die Türme standen. Jedes Mal sehen die Lücke und Ramona mich an und sagen: Nicht mal das kriegst du hin, du alte Hobelschlunze!

 

Der IT-Hardware-Profi greift zu einem weiteren Käsebrötchen und will 72 Euro für seine Expertise. Hui, was ist er überrascht, als ich meinen Laptop auf ihm zerschlage! Die Return-Taste bleibt in seinem Auge hängen, sein Hilfeschrei wird vom DVD-Laufwerk in seinem Gebiss erstickt. Er läuft weinend aus dem Laden. Aus einer alten Folge „MacGyver“ weiß ich, wie man aus einem Käsebrötchen und einem Trojaner eine provisorische Handgranate baut. Die werfe ich in die Bank. Menschen kommen dort nicht zu Schaden. Die machen nämlich alle gerade eine Burnout-Präventionspolonaise in einem Freizeitpark, wo auch Online-Händler eine Inkompetenz-Fortbildung absolvieren. Ich laufe ungestört Amok, denn die Polizei feiert gerade ihre Überstunden ab. Klar, in Wahrheit tue ich nichts dergleichen. In Wahrheit sage ich nur: „Tja, da kann man wohl nichts machen“, zahle 72 Euro und gehe wieder, aber ich habe jetzt ein gewisses Verständnis für Leute, die aus Berlin oder Paderborn plötzlich nach Syrien ziehen, um beim IS mitzumachen.

Autor: Ralf Husmann
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