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Wir laden schonmal das nächste Girl für Sie!

Husmann und der Smartphone-Autismus

Unser Autor stellt fest: früher war alles besser

Jung, doof und digital

Unser Kolumnist war im Urlaub. Hatte also Zeit, den Smartphone-Autismus jugendlicher Verliebter zu beobachten. Die schweigen sich an wie alte Paare. Aber die Alten gehen sich wenigstens vorher auf den Sack

Zu meiner Zeit war früher noch alles besser. Die Alten hielten die Jungen für dämlich, und weil ich selbst noch jung war, wusste ich nicht, dass die Alten Recht hatten. Wenn man jung ist, hat man einfach keine Ahnung von nix. Man weiß nicht, dass das Leben irgendwann mal rum ist, man denkt, man hat Zeit satt, und glaubt den Älteren nicht, die sagen, die Jugend sei an junge Leute verschwendet. Man hält die Neue Deutsche Welle für Musik, Schulterpolster für Mode und glaubt, man blickt durch, weil man mal ein Buch gelesen hat.

 

Aber gemessen an heute, war früher ja wirklich alles besser. Gemessen an der heutigen Jugend, waren wir damals ganz weit vorn. So dachte ich im Urlaub, als ich heutige junge Leute in freier Wildbahn beobachten konnte. Die essen nur noch mit der Gabel, weil in der anderen Hand das Smartphone klebt, mit dem das Essen erst geknipst und dann gepostet wird. Es ist kein Witz: Junge Paare sitzen sich ein komplettes Abendessen lang schweigend gegenüber, weil jeder in sein Telefon guckt. Die gehen auch so ins Meer. Halten den Telefonarm hoch, knipsen sich ein paar Mal, wie sie im Wasser stehen, und gehen dann wieder raus, damit das iPhone nicht nass wird. Und zwar alle, völlig wurscht, ob die ein Kopftuch aufhaben, aus Mumbai stammen oder schwul sind. Selbst die Kleinsten werden beim Essen elektronisch ruhiggestellt. Wahrscheinlich ist das erste Wort heute nicht mehr Mama, sondern iPad. Wir dagegen mussten uns damals unsere Bauklötze noch selber staunen. Unser einziges Spiel mit Strom hieß Klingelmännchen: Man drückte an irgendeinem Haus auf alle Klingeln gleichzeitig und rannte dann weg. So war das. Und hat es uns geschadet? Eben.

 

Auf diesem Level regten Ramona und ich uns allabendlich auf. Dann waren die jungen Leute plötzlich abgereist, und an ihrer Stelle saßen gediegene Pärchen in den mittleren Jahren. Und auch die saßen schweigend beim Essen, aber eben analog, einfach weil sie sich nach zehn Jahren Ehe nichts mehr zu sagen hatten. Dafür aßen sie mit Messer und Gabel und tranken Weißwein. Ramona und ich hatten nichts mehr, worüber wir uns aufregen konnten, denn nichts zu sagen haben wir uns ja nach all den Jahren selbst. Kein Wunder, nach zwei Wochen Zweisamkeit auf einer Insel sind sich auch Robinson Crusoe und Freitag auf den Sack gegangen.

 

Man muss ja nicht den ganzen modernen Stuss mitmachen und sein Essen fotografieren. Man kann sich auch über das Weltgeschehen informieren, Mails checken oder „Fruit Ninja“ spielen


Es kam dann auch noch eine Familie aus Thüringen mit kleinen Kindern, aber ohne iPads, vermutlich weil die allem, was Strom hat, immer noch skeptisch gegenüberstehen. Da merkte man erst mal, was für Krachquellen Kinder sind, wenn sie nicht elektronisch ruhiggestellt werden. Dauernd wurde rumgerannt, hingefallen und losgeplärrt. Im Grunde waren die wie wir damals, und ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie unsere Eltern das ausgehalten haben.

 

Am zweiten Abend ohne Jugend hab ich mein Smartphone mitgenommen. Man muss ja nicht zwingend den ganzen modernen Stuss mitmachen und sein Essen fotografieren. Man kann sich auch über das Weltgeschehen informieren, seine Mails checken oder „Fruit Ninja“ spielen. Da muss man Wassermelonen, Kokosnüsse und Sternfrüchte zerteilen und Bomben ausweichen und kriegt dafür Punkte. Das ist super, denn in meinem Alter weiß man, dass das Leben zwar endlich ist, sich an manchen Abenden aber nicht so anfühlt.

Autor: Ralf Husmann
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