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Wir laden schonmal das nächste Girl für Sie!

McLaren 570S Coupé

Ein Einstiegsmodell – mit 570 PS

Die spinnen, die Briten

Soll das ein Witz sein? Der McLaren 570S ist das neue Einstiegsmodell der britischen Sportwagenschmiede. Richtig gelesen: Einstiegsmodell – mit 570 PS bei 1446 Kilo Leergewicht. Ob er damit die Konkurrenz aus Deutschland ins Kiesbett drängen kann? Wir baten den „Baby-McLaren“ zum Tanz auf dem Asphalt

Es gibt so etwas wie den britischen Standard: Er fängt dort an, wo das Gewöhnliche aufhört. Der Einstieg in den Aufstieg. Bei Burberry ist das der Karoschal, Tanqueray hat den London Dry Gin – und McLaren jetzt den 570S. Die Briten wollen damit ihre Hypercars P1, 675LT und 650S nach unten hin um einen luxuriösen Supersportwagen ergänzen. Für 180.000 Euro quasi das hausinterne Schnäppchen. Im Visier: Porsche 911 Turbo S und Audi R8 V10 plus. Zur Erinnerung: McLaren war mal eine kleine Formel-1-Bude, die heute radikal auf Fahrdynamik getrimmte Traumautos baut. Und jetzt einen Luxussportler mit Schminkspiegel in der Sonnenblende? Wenn das mal gutgeht, denke ich, als ich an einem sonnigen Herbsttag an einer menschenleeren portugiesischen Landstraße in der Nähe von Faro vor dem McLaren 570S stehe. 

Schon durch sein Erscheinungsbild dürfte dieser Baby-Mac, der etwas länger als der 650S ist, mehr Blicke auf sich ziehen als die Konkurrenz. Von den scharf geschnittenen Frontblades über die seitlichen Lufteinlässe bis zu den Luftauslässen am Heck ist dieses Auto ein Musterbeispiel dafür, wie knackig man Beatmungstechnik und Aerodynamik verpacken kann. Die farblich abgesetzten Carbonteile erinnern an die großen Brüder, genau wie die Scheinwerfer im typischen Tropfendesign des Speedmark-Logos. Okay, für einen Kampfjet fehlen die Flügel, aber trotzdem: Das soll ein Alltagsauto sein?

Um diese Frage zu beantworten, gibt es nur eine Möglichkeit: einsteigen und fahren – einer muss es ja machen. Schon beim Einsteigen merken schlaksige Eleganz-Legastheniker wie ich direkt, was McLaren-Sprecher Wayne Bruce meint, wenn er vom „alltagstauglichsten McLaren aller Zeiten“ spricht. Die Einstiegsleiste liegt gut acht Zentimeter tiefer als beim 650S. Die Türen schwingen noch weiter nach vorn, und die Sitze fahren nach hinten. Für McLaren-Verhältnisse hat man beim Einsteigen mehr Platz als bei einem Spaziergang durchs Brandenburger Tor. Drinnen besteht die Mittelkonsole wie bei Tesla aus einem senkrecht montierten Touchscreen, über den sich Klima, Navi und Radio steuern lassen. Das Lenkrad dagegen ist vollkommen tastenfrei – ein seltener Anblick in dieser Liga. Also doch eher Spa-Francorchamps als Spa im „Vier Jahreszeiten“? 

Jaaah! Brüllt der Motor beim Druck auf den Startknopf. Oder vielmehr: WRAOOMMM! Der Twin-Turbo-V8 rasselt im Leerlauf noch eine halbe Oktave tiefer als ein NASCAR-V8. Das klingt: geil. Auch wenn nach innen zu wenig davon durchdringt. Wahrscheinlich ein Zugeständnis an die Langstreckentauglichkeit.

Er rennt los wie ein gedopter Usain Bolt

Launch Control an, Blick geradeaus, Gaspedal küsst Bodenblech, und mein linker Fuß geht von der Bremse. Aus dem Rasseln wird ein Brummen, dann ein Brüllen. Der 570S rennt los wie ein gedopter Usain Bolt, und das 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe knallt die Gänge in Hochgeschwindigkeit rein. Die Beschleunigung ist gewaltig. Von null auf 200 km/h in 9,5 Sekunden. Der Motor dreht locker bis 5000 Touren, ehe die fröhlich pfeifenden Doppelturbos Druck nachlegen wie blöd und der Maschine erst bei 8300 Touren ein Date mit Dr. Drehzahlbegrenzer verschaffen. So weit muss man aber gar nicht gehen. Der McLaren geht auch im niedrigeren Drehzahlbereich schon so ab, dass man unter sich das Gewicht eines Bobby-Cars vermutet. Hat hier jemand eine Kurve bestellt? Ja, ich, bitte! Denn die Freunde aus Woking haben eine verdammt mitteilungsfreudige Hydrauliklenkung verbaut. Dazu passen die tief nach unten gezogene Frontscheibe und die Kotflügel, die genau über der Radmitte die höchsten Punkte der Frontpartie bilden, wodurch  sich das Auto in Kurven extrem präzise positionieren lässt. Auch sonst ist die Rundumsicht für einen Mittelmotor-Sportler im 570S wirklich gut. Nein, das liegt nicht an der malerischen Berglandschaft, sondern an weiter außen stehenden A-Säulen und engeren B-Säulen. 

Zeit, die Büchse der Pandora zu öffnen,   auch bekannt als Active Dynamics Panel. Fahrwerk sowie Antriebsstrang lassen sich damit jeweils in die Modi Normal, Sport und Track versetzen. In Track mutiert der Silberrücken ziemlich schnell zum hyperaktiven King Kong. Notiz an mich: Für die Landstraße reicht Sport. In diesem Modus spuckt und blubbert der Auspuff beim Runterschalten und Beschleunigen deutlich mehr als in Track – wie man anscheinend schon von Weitem hört: Bei der nächsten Ortsdurchfahrt hat sich eine Männergruppe vor einer Taberna versammelt. Ausgestreckte Daumen, hochgerissene Bierflaschen. Ein 5-Sekunden-Woodstock im portugiesischen Hinterland. 

Überholprestige Plus brachiale Leistung

Zurück auf der Landstraße, fahren manche Autos vor mir rechts ran, als säße ich im Batmobil. Und wenn sie es mal nicht tun, habe ich selten so problemlos in so unverantwortlichen Situationen überholt wie mit diesem Auto – sorry, Mutti. Anders gesagt: Ein noch schnelleres Auto braucht auf öffentlichen Straßen kein Mensch. 

Auf der Rennstrecke hingegen schon, und da fahre ich jetzt mal hin. Der Autódromo Internacional do Algarve in Portimão liegt mal wieder in seiner ganzen Schönheit vor mir: trockener Asphalt und schnelle Kurven, die überraschend auf unübersichtliche Steigungen folgen. Ein herrlich halsbrecherischer Blindflug ins Rennsport-Nirwana. Ich stelle das ESP in den Dynamic-Modus, woraufhin die Elektronik die Stützräder der Stabilitätskontrolle halb einfährt wie ein antiautoritärer Prenzlberg-Papa. Der Junge soll ja Spaß haben. Anfahrt auf die zweite Rechtskurve, klick, dritter Gang, klick, zweiter Gang, über den Scheitelpunkt, wieder aufs Gas – und der McLaren lässt die Hinterbacken tanzen. Wo die Elektronik den 570S eine Runde vorher noch wie auf Schienen durch die Kurve geschoben hat, darf jetzt gedriftet werden. Mann, macht das Laune! Rundenzeit? Mir doch egal. Dieses Auto soll vor allem Spaß machen, und das tut es auch dann, wenn man keine Rennlizenz hat. Wird man doch mal durchgerüttelt, halten einen die vollverstellbaren Sportsitze gut in Position – oder soll ich doch die Vollschalen bestellen? 

Rennmaschine oder Alltagsauto?

Die Einfahrt zur Start/Ziel-Geraden holt mich aus meinem ganz persönlichen Utopia zurück. 270 km/h sind hier im McLaren drin, und ich merke noch mal, wie verdammt sicher dieses Ding auf der Straße liegt. Kein Wackeln, kein seit-liches Versetzen – die Federung darf sich  dank Mittelmotor ganz aufs Wesentliche konzentrieren. Nur beim harten Bremsen danach – die insgesamt 20 Kolben packen brutal zu – könnte der 570S etwas feinfühliger sein. Klar, das kann der 911 Turbo S besser, aber ein Carbon-Monocoque bietet trotz höherem Einstiegspreis weder der Porsche noch der Audi R8 V10 plus, und auch beim Leistungsgewicht fährt ihnen der Brite davon. Zudem kommt im Frühjahr 2016 noch der 20.000 Euro günstigere McLaren 540C. Spätestens dann werden die Deuschen reagieren müssen. 

Langsam beschleicht mich der Verdacht, dass mich die Presseleute belogen haben. Dieses Auto soll für den Alltag sein? Ich glaube nicht. Denn insgesamt liegt beim Baby-Mac, verglichen mit der Konkurrenz aus Ingolstadt und Zuffenhausen, der Fokus doch etwas mehr auf Handling und Performance als auf Alltagstauglichkeit. Und darin ist der McLaren 570S sehr britisch – aber ganz sicher kein Standard. 

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Autor: Tim Geyer, Redakteur
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