Direkt zum Inhalt
Wir laden schonmal das nächste Girl für Sie!

Husmann und das Älterwerden

Unser Autor entdeckt die Vorteile daran, nicht mehr jung sein zu müssen

Plötzlich Onkel Heinz

Unser Kolumnist merkt, dass er alt wird. Gut daran: Er muss keine doofen Jugendtrends mehr mitmachen - Filterkaffee-Cafés, Helmkameras, Terror usw.

Ich glaube, ich werde alt. Neulich saß ich vor einem Amateurporno und fand die Möbel gut. Um ein Haar wäre ich mit meinem Laptop zu Ramona gegangen und hätte gesagt: „Guck mal, wie findest du das Sideboard, auf dem die drei Tschechinnen da liegen?“ Hab ich natürlich nicht gemacht. Ich hatte ja noch die Hose an den Knien, und irgendwann setzte auch der Verstand wieder ein, aber trotzdem. So fängt’s doch an. Das ist doch kein gutes Zeichen.

 

In einer Quizshow stand neulich eins dieser neuen Top-Models, die ich nicht mehr auseinanderhalten kann. Eine von diesen Instagram-Giraffen, die alle nebenbei noch Kekse designen, was mit Leonardo DiCaprio hatten, aber auch studieren. Es ging um Musik, und die Kleiderständerin sollte Songs erkennen. Eingespielt wurde „Holiday“ von Madonna. Sie rätselte herum, fragte eine Freundin, war sich unsicher und hatte keine Ahnung. Als schließlich aufgelöst wurde, sagte sie: „Madonna war vor meiner Zeit.“

 

Durch das Brew-Café ist meine Oma nun praktisch postumer Hipster 


Ich fühlte mich schlagartig wie damals, als Onkel Heinz von Caterina Valente schwärmte und ich dachte: „Scheiße, das ist doch keine Musik, das sind bloß Geräusche von alten Leuten. Bald werde ich so viel gespart haben, dass ich mir einen Kassettenrekorder kaufen kann, dann nehme ich Uriah Heep auf und höre es ganz laut unter der Bettdecke!“ Plötzlich bin ich ohne Vorwarnung selbst Onkel Heinz, und Onkel Heinz zu sein war auch noch nie ein gutes Zeichen.

 

Andererseits ist mein Stammcafé jetzt weg. Stattdessen hat da ein Bums aufgemacht, wo eine aufgescheuchte Mediendesignstudentin Filterkaffee aufbrüht. Von Hand. Mit einem Keramikfilter, wie ich ihn aus meiner Jugend kenne. Von Oma. Zu Wohngemeinschaftszeiten stopfte man da auch mal Klo-papier rein, weil Piet natürlich wieder vergessen hatte, Filtertüten zu kaufen. Jetzt stehen junge Leute in dem Laden und müssen sich wichtig entscheiden, aus welchem Dritte-Welt-Land sie gern ihre Plempe hätten. Bis der Kaffee fertig ist, ist der laufende Monat um.

 

Um zu zeigen, wie hoffnungslos rückständig der Omafilter war, tranken wir damals jahrelang nur Instantkaffee. Instantkaffee war cool. Jetzt hat sich der Kreis wieder geschlossen. Durch das Brew-Café ist meine Oma nun praktisch postumer Hipster. Das wiederum zeigt, dass das Alter auch Vorteile hat. Man lässt sich von Trends nicht mehr so verarschen.

 

Möhre und ich überholen bei einer Radtour drei wesentlich jüngere Leute auf wesentlich teureren Rädern. Wir tragen Jeans und Turnschuhe, sie tragen sehr bunte Funktionsklamotten und haben Vitaminwasser an den Rahmen geklemmt. Einer hat eine Kamera am Helm, ein anderer eine GoPro an einer Stange. Wir Alten wissen, dass sich niemand, keiner, nobody jemals angucken wird, wie die drei Spacken durch die Eifel ötteln. Der ganze High-Tech-Wahnsinn ist völlig für die Katz. Wir wissen das von Onkel Heinz, der jahrelang sämtliche Familienfeiern auf Video festgehalten hat. Wahrscheinlich fahren die drei noch ein bisschen offroad und gehen anschließend in ein Brew-Café.

 

Das Durchschnittsalter von Selbstmordattentätern ist übrigens 22 Jahre. Mit Anfang 50 ist einem das schon zu laut, zu anstrengend, und man weiß ja, dass es nichts bringt. Das ist noch ein Vorteil des Alters: Den ganz großen Stuss macht man nur, wenn man noch jung ist.

Autor: Ralf Husmann
Newsletter

Jede Woche neu:
die spannendsten Themen,
die schönsten Frauen

Jede Woche neu: die spannendsten Themen, die schönsten Frauen

The was an error. Please try again later.