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Wir laden schonmal das nächste Girl für Sie!

Rasieren oder Tätowieren?

Ein Besuch im Shorem Barbershop

Schorem ist der verrückteste Barbershop der Welt

Keine Strähnchen, keine Termine, kein Bullshit. Ein Besuch bei Schorem, dem angesagtesten und wildesten Barbershop der Welt

Elvis, James Dean und Cary Grant sitzen in dicken Ledersesseln, trinken Bier und erzählen sich dreckige Witze. Das ist in etwa das Bild, das sich mir bietet, als ich den Rotterdamer Barbershop Schorem betrete. Am Boden alte Fliesen, an den Wänden dunkles Holz, Rock ’n’ Roll 
im Radio – nicht nur die Frisuren der 
Kunden erinnern an irgendwas zwischen Western und Mafia-Film. Im Föhn-Rauschen und dem dumpfen Klirren aneinanderstoßender Bierflaschen steht ein Mann mit gezwirbeltem Schnauzbart, Schiebermütze und Tätowierungen bis unters Kinn. Bertus hat den Laden mit seinem Kumpel Leen vor vier Jahren gegründet, Haare schneidet er schon, seit er 14 ist. Schorem, zu Deutsch „Drecksack“, war einer der ersten Barbershops weltweit, die in jüngster Zeit die Tradition des reinen Männer-Salons wieder aufleben lassen. Und einer, der zum internationalen Wallfahrtsort für Jünger der Bewegung wurde. Kunden und Barbiere aus aller Welt: Bis zu sechs Stunden Wartezeit nehmen sie in Kauf, Reservierungen gibt es keine.

Der 40-jährige Oberdrecksack Bertus, der eigentlich Robert Rietveld heißt, würde an jedem anderen Ort auffallen wie ein Einhorn. Hier nicht. „Alle Barbiere sind tätowiert“, behauptet er und erzählt wie ein Geschichtsbuch: von den Ahnen seiner Branche, die früher bei Entdeckern wie Captain Cook an Bord Bärte stutzten, Zähne zogen und von den Südseeinseln das Tätowieren mitbrachten. Eine Kultur, die er zurückbringen will: „Wenn du früher auf deinem Pferd in die Stadt geritten bist, dreckig, unrasiert, mit langen Haaren, bist du zum Barbier gegangen. Der konnte dir erzählen, in welche Bar oder welchen Puff du gehen musst, und kannte alle Neuigkeiten.“

"Ein Junge lernt beim Barbier, wie sich ein Mann verhält"

Bertus

Ein Ort zu sein, an dem man sich mal eben für den Alltag rüstet, sei auch heute noch die wichtigste Funktion eines Barbershops. Dazu zählt, sich von jemandem die Haare schneiden zu lassen, der sich mit Männerhaarschnitten auskennt: einem Mann. „Du willst doch nicht, dass deine Freundin dir sagt, wie du deine Haare tragen sollst. Wenn hier einer reinkommt und sagt, meine Frau findet, ich muss mir den Bart abrasieren lassen, frage ich: Warum? Hast du deine Mutter geheiratet?“ Auch darum müssen Frauen hier leider draußen bleiben, doch dazu später mehr. Jetzt erst mal die Kurzform, die These: „Ein Junge lernt beim Barbier, wie sich ein Mann verhält.“ Auch deshalb, wie Bertus meint, weil ein guter Barbier einem sagen kann, was man tun muss, um bei den Frauen zu landen, denn darum gehe es ja am Ende: „Geld verdienen, den Speck nach Hause bringen und Sex haben.“

Als ich in einem der verchromten Stühle Platz nehme, um mit der Eloquenz eines Zwiebacks meine Wunschfrisur zu beschreiben, unterbricht mich Bertus: „Wir machen hier nur Haarschnitte, die sich über mehrere Jahrzehnte hinweg bewiesen haben. Zeitlos wie ein guter Anzug.“ Nur in Friseursalons müsse man Modemagazine lesen und neue Trends lernen. „Das ist Bullshit“, sagt Bertus, immer mit der nötigen Dosis an „fucks“ und „goddamns“ in seinen Sätzen. Hier lesen sie Playboy. Plötzlich legen sie ihn weg und stürmen nach draußen, weil dort zwei Typen eine angeregte Diskussion mit den Fäusten führen. „Ach, Rotterdam, man muss es einfach lieben“, brummt Bertus nur versonnen, während er mit Kamm und Zerstäuber, der mal eine Whisky-Flasche war, Ordnung in mein Unkraut bringt. Nach 45 Minuten kämmen, schneiden, rasieren, föhnen und reichlich Pomade ist das Werk vollbracht. Morgens könne man das in zwei Minuten hinfrisieren, verspricht er mir und gibt auch gleich eine erste Einschätzung seiner Arbeit: „Du siehst wirklich gut aus und riechst wie eine spanische Hafennutte.“ Der ganze Laden lacht. Danke schön, mir gefällt es auch.

Lehnen Sie sich zurück, wir schreiten zur Rasur – oder wie Bertus sagt: „Wenn du rasiert wirst, solltest du das Maul halten. Entspann dich und denk an nichts.“ Nachdem er ein heißes, duftendes Handtuch um mein Gesicht gewickelt hat und mir eine Rasierklinge an die eingeschäumte Halsschlagader setzt, erfahre ich, dass ein heterosexueller Mann in seinem Leben nur von drei Männern berührt wird, ohne sich Sorgen machen zu müssen: von seinem Arzt, seinem Schneider und seinem Barbier. Beruhigend. Einschäumen, rasieren, massieren: Die ganze Prozedur umfasst 14 Schritte und wird danach entgegen der Wuchsrichtung wiederholt. Kostenpunkt mit Haarschnitt: 55 Euro. Anschließend holt mich Bertus mit einem kalten Handtuch, Duftnote frische Minze, aus meinem wohligen Delirium und massiert mir das Aftershave in die Visage. Den Schnurrbart lässt er stehen, „sonst siehst du aus wie ein Schuljunge“. Danke.

Ich ahne es bereits, frage aber doch noch mal nach, warum hier keine Frauen reindürfen. „Nun, in Griechenland oder der Türkei kämen Frauen gar nicht auf die Idee, in einen Barbershop zu gehen“, antwortet Bertus. Warum auch? Es ist ein Ort, an dem die Witze dreckiger und die Themen schlüpfriger sind, weil man sich mal keine Gedanken machen will, was Frauen darüber denken. In Holland wisse das zwar noch nicht jede, und ein bisschen kontrovers sei sein Laden schon, funktioniere aber gut, sagt er, während er mich mit Talkumpuder abstaubt wie ein griechisches Ausgrabungsstück.

Als ich den Laden verlasse, verstehe ich, was Bertus damit meinte: dass jeder Tag hier für ihn wie die Party vor der Party sei. Ich sehe gut aus, rieche gut, hatte einen tollen Tag mit den Jungs. Das macht selbstbewusst und ja, man fühlt sich wie ein verdammter Mann. Man will gute Musik und Mädels. Gegenüber fällt mir ein Nagelstudio auf, die Leopard Lounge. Im Schaufenster steht: Ladies Only. Wir sehen uns später, Mädels!

Folge Tim bei Twitter: @tim_geyer

Autor: Tim Geyer, Redakteur
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