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Markus Lüpertz wird 75

Der Malerfürst über Schönheit & die Abschaffung der Männer

"Ich bin der einzige Künstler meiner Generation, der noch provoziert"

Die Galerie Bernheimer in München ist ein geweihter Ort. An den Wänden die Bilder des neuesten Markus-Lüpertz-Zyklus „Arkadien“ und mittendrin der nicht weniger eindrucksvolle, auch physisch unübersehbar große Maler, dunkel gekleidet, ein Gehstock wie ein Zepter. Kurze zeremonielle Anweisung: „Stecken Sie bitte das Handy weg? Herr Lüpertz hasst Handys!“ Klar, kein Ding.

Playboy: Herr Lüpertz, gestatten Sie uns, mit einer großen Frage einzusteigen: Was ist Schönheit?
Lüpertz: Schönheit ist der Konsens der Zeit, etwas schön zu finden. Eine antike Statue ist schön, und Claudia Schiffer ist schön, wenn sie auch nicht unbedingt miteinander zu tun haben.

Playboy: Demnach wäre Schönheit etwas Demokratisches.
Lüpertz: Schönheit ist was Demokratisches, ja.

Playboy: Für die Fotostrecken in unserem Magazin sollen sich ja ebenfalls möglichst viele Leser entscheiden. Lassen sich unsere Sehnsuchtsorte mit Ihrem neuen Zyklus „Arkadien“ vergleichen?
Lüpertz: Ja, aber den Unterschied macht die Bildung. Sagen wir mal so, ohne Sie jetzt beleidigen zu wollen: Ihre Räume sind etwas leichter zu betreten als die Räume der Bildenden Kunst.

Playboy: Was hat die Malerei, was Fotografie nicht hat?
Lüpertz: Das Foto, egal, wie es sich verstellt, ist immer das, was Sie abfotografiert sehen. Die Malerei ist nie die Realität, aber immer die Geschichte ihrer Gegenstände.

Playboy: Verstehen die Menschen heute genug von Malerei?
Lüpertz: Nein.

Playboy: Verstanden die Menschen früher mehr von Malerei?
Lüpertz: Die, die sich damit beschäftigt haben, ja.

Playboy: Was hindert die Menschen heute, sich damit zu beschäftigen?
Lüpertz: Die Freiheit. Die Leute haben zu viele Freiheiten. Sie müssen sich nicht mehr mit einem Metier auseinandersetzen, um es zu begreifen, weil sie alles auf bequeme Weise serviert bekommen. Es wird nur noch informiert, man ist reiner Konsument. Das ist ein Zeitphänomen: Weder die Gesellschaft noch der Beruf stellen, abgesehen vom Fachwissen, heute intellektuelle Anforderungen an die Menschen. Es gibt für echte Bildung keinen gesellschaftlichen Zwang.

Playboy: Wie meinen Sie das?
Lüpertz: Ein Künstler, ein Unternehmer oder ein Politiker zum Beispiel muss heute nicht mehr gebildet sein - was ein Skandal ist! In der Demokratie darf jeder aufsteigen, jeder darf wählen, ob er dazu intellektuell in der Lage ist, spielt gar keine Rolle. So wird Politik zur Unterhaltung. Wenn Sie sehen, wer gegen oder für Pegida demonstriert: alle gleich, die gleiche Kleidung, die gleichen Gesichter und alle zu alt für die Diskothek. Deswegen gehen sie auf die Straße - da ist auch was los.

Playboy: Ein Politiker, der Ihnen freundschaftlich nahesteht, ist Gerhard Schröder. Wie würden Sie sein Kunstverständnis beschreiben?
Lüpertz: Er ist ein hoch gebildeter Mann, der sich mit einer großen Intensität für Malerei begeistert, und das ernsthaft. Selbst als Kanzler hat er sich immer Zeit für seine Malerfreunde genommen.

Playboy: Ein zweiter Freund von Ihnen ist „Bild“-Chef Kai Diekmann. Steht der nicht für die einfache Form der Meinungsbildung?
Lüpertz: Ich weiß, wie er tickt. Er kann aggressiv neugierig sein, bisweilen unverschämt, provozierend - aber das gehört zu seinem Metier, und er weiß sehr gut, wie man eine Zeitung macht. Meine Freundschaft zu ihm zielt auf den Menschen und nicht auf seinen Beruf.

Playboy: Provozieren Sie selbst gern?
Lüpertz: Ich bin der einzige Bildende Künstler meiner Generation in Deutschland, der noch provoziert. Aber ich weiß nicht, wieso. Ich provoziere nie mit Absicht. Ich versuche nur, etwas zu vollenden, etwas Ungewöhn-liches zu Ende zu führen. Ich gebe mein Bestes. Ich will geliebt werden. Ich will, dass die Leute begeistert sind. Ernte aber oft Hass.

Playboy: Wer hasst Sie außer den FAZ-Kritikern?
Lüpertz: Ich glaube, Hass geht zu weit. Das deutsche Feuilleton ist grundsätzlich ignorant. Und schafft sich damit selber ab. Man muss nur warten.

Playboy: Sie leiden nicht daran, missverstanden zu werden?
Lüpertz: Nein, denn in der Zeit, in der große Kunst passiert, wird sie nie verstanden. Sie wird geliebt oder abgelehnt. Fragen Sie mich in 200 Jahren noch mal. Dann kann ich sagen, ob ich verstanden worden bin.

Playboy: Was, hoffen Sie, wird die Nachwelt über Sie sagen?
Lüpertz: Ich lebe in dieser Zeit, und es wird mir ziemlich egal sein, was man mir später nachsagt. Ich hoffe nur, dass es keine ehrenrührigen Dinge sind.

Playboy: Wollen Sie gefürchtet werden?
Lüpertz: Gefürchtet, um Gottes willen. Von wem? Aber ich bin als Person schwer zu übersehen.

Playboy: Von Ihren Studenten an der Kunstakademie Düsseldorf verlangten Sie eine gewisse Ehrfurcht.
Lüpertz: Die Schüler, die ich hatte, mussten mich lieben, bewundern und verehren, mir in den Mantel helfen, die Tür aufhalten, mein Bier holen. Weil: Ohne Bewunderung nimmst du in der Bildenden Kunst nichts an. Die Kunst musst du dir selbst erobern. Aber für das Bewusstsein, Künstler zu sein, war ich Vorbild und zuständig.

Playboy: Man kann Bewunderung ja nicht einfordern . . .
Lüpertz: Oh doch, selbstverständlich!

Playboy: Wie macht man das?
Lüpertz: Indem man sie fordert. Das ist völlig simpel.

Playboy: Ist die Malerei eine Männerdomäne?
Lüpertz: Nein, sie ist etwas Männliches, das auch von Frauen gemacht werden kann.

Playboy: Die meisten großen Maler sind aber Männer.
Lüpertz: Wir leben in einer Zeit, in der sich das ganze Frau-Mann-Bild aus 2000 Jahren christlicher Kultur umkehrt. Mit dem Nachlassen der Religiosität hat sich die Emanzipation durchgesetzt. In den Kunstakademien sind heute 80 Prozent Schülerinnen und 20 Prozent Schüler. Die Zukunft weist in eine Frauenwelt. Männer wie ich sind dann nur noch rudimentäre Randerscheinungen.

Playboy: Hören wir da Bedauern heraus?
Lüpertz: Überhaupt nicht. Ich war nie ein Macho. Ich habe immer die Frauen verehrt. Aber natürlich immer von der Position des Mannes aus. Ich war nie etwas anderes als ein Mann - mit allen Fehlern und Vorteilen.

Playboy: Haben Sie Verständnis dafür, dass heute Verunsicherung in der Männerwelt herrscht über die neuen Rollen?
Lüpertz: Ich möchte heute kein junger Mann sein.

Playboy: Warum?
Lüpertz: Weil du kein junger Mann mehr sein kannst. Das kommt in der Welt heute nicht mehr vor. Wenn ich überlege, wie frei wir als junge Männer waren. Allein unsere Straßenschlachten, Prügeleien - wir waren Anarchisten. Heute verkriechen sich die jungen Leute hinter Computerspielen und versuchen dort, die Welt zu retten, wir hingegen haben es auf der Straße getan.

Playboy: Sie waren kurzzeitig auch in der Fremdenlegion. Woher haben Sie so ein entspanntes Verhältnis zur Gewalt?
Lüpertz: Ich komme aus der Gewalt. Meine Generation kommt aus der Gewalt. Ich war immer gewalttätig und brauchte meinen Intellekt, um das zu beherrschen. Ich koche vor Wut, mein Leben lang.

Playboy: Noch heute?
Lüpertz: Ja. Das aber mit aller Heiterkeit und immer relativ freundlich. Ich pflege einen großen Freundeskreis, bin nie allein. Infolgedessen bin ich darauf angewiesen, dass man mich mag. Darum muss ich meine Wut zügeln.

Playboy: Spielt Erotik eine Rolle in Ihren Bildern?
Lüpertz: Seltsamerweise gibt es ein paar Dinge im Leben - und Erotik gehört dazu -, über die ich mir wenig Gedanken gemacht habe. Ich kann da nur auf Sigmund Freud hoffen und davon ausgehen, dass vielleicht bestimmte Farbgebungen und Formfindungen in meiner Arbeit erotisch zu interpretieren sind.

Playboy: Ihre Bilder zeigen ja viele Männerkörper, Statuen, Orte der Antike. Was hat die Antike mit heute zu tun?
Lüpertz: Es sind Gegenstände, die ihre Geschichten erzählen und somit in der Gegenwart existieren. Wenn Sie in einem Bild einen Stahlhelm sehen, dann erzählt er seine Geschichte. Und diese Geschichten, die müssen Sie als Kind ihrer Zeit lesen.

Playboy: Schafft die moderne Medienwelt keine Formen, die Sie malerisch reizen?
Lüpertz: Nein, das kommt in meiner Formenwelt nicht vor. Ich habe kein Handy und solche Sachen. Infolgedessen ist mir ein Pferd näher als ein iPhone und ein Auto näher als ein Computer.

Playboy: Aber sehen Sie nicht gerade als Künstler auch in diesen neuen Medien eine riesige Chance?
Lüpertz: Für Künstler, ja. Es gibt zum Beispiel frappierende Installationen. Aber ich bin Bildermaler. Darum habe ich damit wenig zu tun.

Playboy: Provokant gefragt: Machen die Medien, die Sie gerade beschrieben haben, die Malerei im 21. Jahrhundert überflüssig?
Lüpertz: Nein. Das ist der große Irrtum der Feuilletonisten. Sie denken immer, das eine schaffe das andere ab. Aber die Malerei existiert und hängt nicht davon ab, ob sie notwendig ist.

Playboy: Was sieht das Auge des Malers in den neuen Medien?
Lüpertz: Mir tun die Leute leid, wenn ich sehe, wie sie mit ihren Handys an den Straßenecken stehen. Das ist unwürdig, wie sie leicht gebückt und konzentriert auf so ein kleines Ding gucken. Mir kommt das vor, als wäre das eine neue Generation von Sklaven. Das Handy sorgt dafür, dass die Leute permanent parat sind. Es ist eine Art von Abhängigkeit. Das ist keine Haltung, keine Ästhetik. Sie hängen im Netz und verbringen den Tag damit, auf das nächste Klingeln zu warten.

Playboy: Ist Ihr Auge in der Öffentlichkeit oft beleidigt?
Lüpertz: Ja. Aber ich will vor allem kein Menschenverächter werden, denn ich liebe die Menschen, es sind Kinder meiner Zeit, und ich habe keine anderen.

Playboy: Wo fühlen Sie sich am wohlsten?
Lüpertz: In Berlin. Ich bin seit 1960 in Berlin, also ein Ur-Berliner. Ich habe den Bau der Mauer und ihren Fall erlebt.

Playboy: Sie sprechen aber mit Düsseldorfer Melodie.
Lüpertz: Das Rheinische habe ich immer beibehalten. Ich gehöre zu den Menschen, die das Rheinland lieben. Düsseldorf ist, sagen wir mal, neutraler als Berlin. Da hast du eine andere Internationalität. Berlin ist nicht international. Es ist bloß ein Dorf, wo Leute rumlaufen, die denken, sie seien hip. Aber das ist alles Kinderkram. Gott sei Dank ist die Stadt groß, und man hat die Möglichkeit, sich dort eine eigene Welt aufzubauen. Und man hofft auf die Zukunft, das macht Berlin spannend. Hier lebt man in Erwartung.

Playboy: Vermissen Sie es heute, Schüler zu haben wie in Düsseldorf?
Lüpertz: Nein, ich habe mein Leben lang Schüler gehabt. Aber ich war als Akademierektor und als Professor offensichtlich zu gutgläubig, was die intellektuellen Fähigkeiten der jüngeren Generationen betraf. Die haben mich, je länger das dauerte, immer mehr enttäuscht.

Playboy: Wodurch?
Lüpertz: Dass sie ihre Freiheit nicht mehr dazu nutzten, sich zu bilden, und intellektuell immer mehr verarmten. Die letzten Generationen waren Analphabeten, die konnten nicht mehr anständig schreiben und reden.

Playboy: Sehen Sie das als grundsätzliche . . .
Lüpertz: Ich sehe das als grundsätzliches Phänomen und halte es für eine große Gefahr für die Gesellschaft, denn eine Verblödung in breitem Ausmaß kann sie sich nicht leisten. Dabei verbreitet es sich rasend mit der Abhängigkeit von der Technik der Informationsquellen, die das heutige Miteinander bestimmen. Die Leute hängen am Tropf. Wenn du dich mit jemandem unterhältst, holt der spätestens nach drei Minuten sein Handy raus und zeigt dir einen Witzfilm von jemandem, der mit dem Kopf gegen die Wand rennt, und alle lachen. Da fasse ich mich an den Kopf und frage: Sagt mal, seid ihr bescheuert?

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