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Mixed Martial Arts – König der Kampfstile

Stilsicherheit im Oktagon

Mixed Martial Arts – König der Kampfstile

Kein Business ist gnadenloser. Mixed Martial Arts – das ist Wall Street mit Fäusten: fast alles erlaubt, nur Fehler nicht. Champion Andreas Kraniotakes und Schauspieler Raphaël Vogt warfen sich für uns in Schale und auf die Matten – eine Lehrstunde über Stilsicherheit und den härtesten Kampfsport der Welt.

Sonntagmorgen, halb zehn in Kreuzberg. Raphaël Vogt geht vor Andreas Kraniotakes in die Luft. Ein hoher Kick. Abgefangen mit der Armdeckung. Und dann liegt Vogt schon am Boden in Kraniotakes’ Würgegriff. Keine Chance mehr. Er keucht, schlägt auf die Matte, um anzuzeigen: Stopp! Genug! Der Hüne lässt von ihm ab. Vier Hände streichen die Hemden der Kämpfer glatt. Der Fotograf gibt das Kommando. Sieht super aus. 

 Wäre es ein echter Kampf und kein freundschaftliches Kräftemessen vor der Kamera – Vogt wäre jetzt k. o. Das sähe nicht so super aus. Denn Kraniotakes, 33, ist ein Meister der Mixed Martial Arts (MMA), Schwergewichts-Champion der German MMA Championship. 1,91 Meter groß. 109 Kilo, 30 Kämpfe, 18 Siege schwer. Sozialpädagoge. Nom de Guerre: „Big Daddy“. Er schrieb ein Kinderbuch. Der Riese, der im „Oktagon“ genannten Ringkäfig sehr unsanft sein kann. Klar. Doch für Raphaël Vogt macht er heute eine Ausnahme.

Mehr zum Thema: Reportage "Der niemals aufgibt"

Vogt, 39, ist Schauspieler (unter anderem bekannt aus „GZSZ“ und „Alles was zählt“), ein paar Zentimeter kleiner, ein paar Kilo leichter als sein Gegner. Er veranstaltet MMA-Wettkämpfe und trainiert selbst seit Jahren. Die beiden sollen uns die Finessen ihres Sports vorführen, der als eine der härtesten kompetitiven Begegnungen unter Männern gilt und für ungeübte Augen aussehen kann wie eine Schlägerei. Weil er viele Kampfstile vereint. Weshalb gerade bei den MMA höchste Stilsicherheit gefragt ist. Wie in einem Business, das blitzschnelle Entscheidungen verlangt und keine Fehler erlaubt.

Um das begreiflich zu machen, verzichten Kraniotakes und Vogt an diesem Morgen auf den üblichen Kampfdress und gehen in eleganten Business-Anzügen aufeinander los. Aus Sicht des Fotografen ein schöner Kontrast. Doch ihre Botschaft geht darüber hinaus. Sie wollen zeigen: MMA-Fighter sind keine Schläger. Sondern elegante, kunstfertige Kerle.

SumoRinger gegen Karate-zwerge

Eine gute Idee, nachdem vor einigen Jahren die Kämpfe des größten MMA-Verbands „Ultimate Fighting Championship“ (UFC) in deutschen Medien verpönt waren. Bis 2010 liefen die Übertragungen auf DSF. Dann entzog die Bayerische Landeszentrale für neue Medien dem Sender die Lizenz. Weil am Boden Liegende geschlagen würden. Und gilt nicht ein von den Beinen geholter Kämpfer als wehrlos? Im Boxen: sicher. Doch das MMA-Kräftemessen geht auf der Matte meist erst richtig los.

Dafür ist das Verständnis mittlerweile gewachsen. Die Lizenzen sind neu vergeben. Und seit einige deutsche Kämpfer in Las Vegas, Abu Dhabi und Tokio siegten und zu Stars wurden, wächst hierzulande auch die Fan-Base. Kraniotakes kann man längst auf der PlayStation spielen.

Jetzt lässt der Champ sich von Vogt mit den Knien in die Pratzen springen. Sieht martialisch aus, ist aber vor allem artistisch anspruchsvoll. Im Ernstfall eines Wettkampfs würden beide Kämpfer binnen Sekunden die Waffen wechseln: Fäuste, Ellbogen, Scheinbeine, Knie – es ginge ums Boxen, Thai-Boxen, Hebelwürfe, Allkampf. Es gibt viele Möglichkeiten, einen Gegner zum Abklopfen zu zwingen oder ihn in Schmerzschlummer zu versetzen.

In den ersten UFC-Kämpfen 1993 sah das noch extrem heftig aus. Sumo-Ringer gegen Fliegengewichte. Ein blutiger Gladiatorenzirkus, in dem Fighter aller Kampfkunstrichtungen aufeinandertrafen. Kung-Fu- und Karate-Meister, Kickboxer und Taekwondo-Kämpfer, Wing-Chun- oder Capoeira-Könner: Alle beanspruchten, den goldenen Weg des Zweikampfes gefunden zu haben.

Doch wie wehrt sich ein Boxer gegen einen Low Kick? Ein Kickboxer gegen eine Beinschere? Bei den MMA sollte das erste Mal geklärt werden, welche Kampfsportart wirklich die überlegene ist. Und niemand wusste, was passieren würde. Das sei aus heutiger Sicht „das Mittelalter“ gewesen, sagt Kraniotakes. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich unter den damaligen Umständen auch an Wettkämpfen teilgenommen hätte.“

Klitschko im Oktagon? Keine Chance.

Die Zirkuszeiten gingen dem Ende zu, als der erste Champion feststand: Royce Gracie. Ein Judoka und Meister des Brazilian Jiu-Jitsu. Im Vergleich zu seinen Gegnern ein Fliegengewicht. Doch er brachte sie alle zu Fall, bezwang sie mit Würge­griffen am Boden und klärte so die alte Stammtischfrage, ob ein Schwergewichtsboxer jeden anderen Kampfsportler be­siegen könne, mit einem Nein. Ein Klitschko hätte im Oktagon keine Chancen. Nicht gegen ein MMA-Schwer­gewicht wie ­Kraniotakes. Ein Formel-1-Wagen würde bei der Rallye Dakar ja auch liegen bleiben.

Heute ist MMA ein hoch professionalisierter Sport. Nur die besten Athleten steigen ins Oktagon, den achteckigen Käfig. „Wir nennen es nicht Käfig. Das vermittelt den Eindruck, als ob nur einer von uns lebend wieder herauskommen würde“, sagt Kraniotakes, während er sich aus dem Business-Anzug schält.

War gar nicht so einfach, für seine Größe und Statur etwas Elegantes zu finden. Aber es passte zu seinem unprätentiösen Auftreten. Auch das machte ihn – abgesehen von seinen sportlichen Erfolgen – wohl zu einem der MMA-Wegbereiter in Deutschland. Schon als Kind hatte er davon geträumt, Athlet zu werden. Doch im Fußball lief es schlecht. Wie in allen anderen Sportarten auch.

So begann er mit Judo. Packte die Gegner an den Jacken, warf sie und siegte. Kämpfen konnte er wie kaum ein Zweiter. „Doch ich hatte nicht das Gefühl, alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Es gab nur eine logische Konsequenz: MMA“, sagt Kraniotakes.

Später verkaufte er sein Auto. Gab seine Wohnung auf. Bezog ein kleines Zimmer im Gym. Beendete sein Studium. Konzentrierte sich voll aufs Training. Jetzt lebt er ganz für den Sport. Und von dem Sport. „Wenn ich nur ein halb so guter Boxer wäre, würde ich das Fünfzigfache verdienen. Aber ich lebe meinen Traum. Das ist doch auch schon was“, sagt er.

In den USA sind einige MMA-Stars bereits millionenschwer. Die meisten von ihnen: große Selbstinszenierer. Tätowierte Berserker. Großmäuler, Wortfechter. Das gehört dort zur Show. Er halte nichts von solchem Getue, sagt Kraniotakes am Ende unseres gemeinsamen Tages. Und Schauspieler Raphaël Vogt pflichtet ihm bei. Der Fotograf hingegen lobt zum Abschied auch das Showtalent der beiden. Schließlich gab es, trotz aller Action, keine Verletzten.

Das Making-Of im Video

Autor: Sebastian R. Tromm
Autor: Philip Wolff
Hangman - deutscher Trailer
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