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Wir laden schonmal das nächste Girl für Sie!

Der Musikmalocher

Gunter Gabriel ist tot

"In der Anstalt war ich der gesündeste von allen"

Mit Hits wie „Hey Boss, ich brauch mehr Geld“ kam er nach ganz oben. Dann verlor Gunter Gabriel alles. 2011, anlässlich seines 70. Geburtstags, sprachen wir mit Deutschlands Countrykönig über Abstürze, schießende Frauen und Psychiatrie - und seine Rückkehr als Johnny Cash. 

So idyllisch ist es also am Rand des Abgrunds. Auch das hat Gunter Gabriel aus seinen Absturzjahren gelernt: sich komfortabel einzurichten in völliger Freiheit von bürgerlichen Errungenschaften wie Haus, Ehefrau, Luxus. Der Weg zu ihm führt tief ins Hamburg-Harburger Industriegebiet, hinter die alte Fischmehlfabrik und die Raffinerie auf den ausgemusterten Elbkahn „Magdeburg“. Im flatternden Shirt und mit Wind in den Haaren bittet er an Bord seines Hausboots: ein liebenswert-schlampiger Junggesellentraum, Stahlwände voller Erinnerungsbilder aus über 30 Jahren Showbiz. Hierher hat er sich zurückgekämpft, von den trügerischen Wogen des Erfolgs auf die verlässlichen der Elbe. Indem er in einer Talkshow seine Telefonnummer hochhielt - um sich für Privatkonzerte in bürgerlichen Wohnzimmern buchen zu lassen.

Playboy: Schwankt ganz schön hier!

Gabriel: Ja? Merke ich nicht mehr.

Playboy: Vielleicht noch bei Partys?

Gabriel: Ich mache privat keine Partys, hab ich keinen Bock mehr drauf. Ich mache jede Woche drei, vier Jobs, da ist immer Party, das reicht mir vollkommen.

Playboy: Sie meinen Ihre Wohnzimmerauftritte? Kann man Sie immer noch für 1000 Euro buchen?

Gabriel: Ja. Meine Plattenfirma dreht natürlich durch. Die sagen, du hast das gar nicht mehr nötig. Ich sage, darum geht’s doch gar nicht. Finanziell meine ich. Das ist einfach so geil bei den Leuten im Wohnzimmer, darauf will ich nicht verzichten.

Playboy: Wer bucht Sie so?

Gabriel: Meistens Männer. Wenn es Frauen sind, wird es oft kritisch.

Playboy: Wieso?

Gabriel: Ja, was denkst du, warum? Die sagen schon mal: Komm, kann ich dir mein Schlafzimmer zeigen, und solche Sachen. Da habe ich echt schon Schwierigkeiten gehabt. Ich bin Cowboy, kein Callboy.

Playboy: Da bleiben Sie hart?

Gabriel: Natürlich. Eine Frau hatte mich sechsmal gebucht. Es war sofort verdächtig. Nach anderthalb Stunden sagt sie, komm mal mit in die Küche. Dann nimmt sie meine Hand und sagt: Fass da mal rein. Ich sage, bist du verrückt, was soll dein Sohn von mir denken? Der war auch da. Und ihre Mutter, die im Sterben lag. Ich rufe also meine Bookerin an und sage: Alle Termine mit der Frau absagen! Da ist die zu ihrem Anwalt gelaufen und wollte mich verklagen. Und da habe ich ihr einen Vorschlag gemacht: Komm in mein Hausboot. Du kennst doch Paulo Coelho, sein Buch „Elf Minuten“. Ich gebe dir genau zehn . . .

Playboy: Finden Sie für Probleme immer so kreative Lösungen?

Gabriel: Meistens, das klappt aber nicht immer. Neulich hatte ich mich mit meinem Sohn, mit dem ich eine Zeit lang im Clinch lag, in einer Berliner Kneipe ausgesprochen. Als wir uns vertragen, sage ich: „Jetzt keine Fanta mehr, jetzt trinken wir Malteser.“ Danach setze ich Arschloch mich ins Auto - und zehn Meter vorm Hotel hält mich ein Bullenwagen an, weil mein Rücklicht nicht ging. Künstlerpech. Da will der mich zum Blasen aus dem Wagen ziehen, und ich sage: „Pass auf, du Fettsack, wenn du noch mal meinen Edelkörper anfasst, haue ich dir so was von in die Schnauze.“ Ich habe mich am nächsten Tag entschuldigt und vorgeschlagen: Ich putze dir jeden Tag die Schuhe, ein Jahr lang. Hat er sich nicht drauf eingelassen. Jetzt muss ich 4000 Euro zahlen.

Playboy: Tut das weh?

Gabriel: Nein, natürlich nicht.

Playboy: Sie sind schuldenfrei, oder?

Gabriel: Ja, ich bin frei von der Sache. Steuerschulden. Aber darum geht es mir gar nicht. Es geht mir nicht ums Geld. Damit kann mich kein Mensch mehr locken. Es geht darum, dass viele Leute das super fanden, dass ich keine Insolvenz angemeldet habe, sondern andere Wege gefunden habe, mich aus der Scheiße zu holen. Dass ich mich privat buchen lasse, sollte auch zeigen: Man muss sich dem Schicksal nicht ergeben! So habe ich auch wieder einen Plattenvertrag gekriegt. Und letzten Endes auch die Rolle am Renaissance-Theater.

Playboy: Die Titelrolle im Musical „Hello I’m Johnny Cash“. Fühlen Sie sich auf der Bühne mehr als Gunter Gabriel oder mehr als Johnny Cash?

Gabriel: Als Gunter natürlich. Ich bin ja kein Schauspieler. Ich versuche, das Erbe von Johnny Cash so würdig wie möglich zu vertreten. Volker Kühn, der Autor und Regisseur der Show, hat mich eigentlich dahin getrieben, die Rolle zu spielen. Hätte ich mir erst nicht zugetraut. Ich kann ja nichts im Kopf behalten. Gerade, dass ich mir meine eigenen Songs merken kann.

Playboy: Dabei kennt wohl kein zweiter Deutscher Johnny Cash so gut wie Sie.

Gabriel: Ich war mit ihm 25 Jahre befreundet. Mein erster Song in der Hitparade hieß: „Ich werd gesucht in Bremerhaven“. Der ging zurück auf „Wanted Man In California“ von Bob Dylan. Cash hatte den auf dem Album „At San Quentin“ gespielt. Als der 1972 auf Deutsch mein Hit wurde, wollte Cash mich kennen lernen.

Playboy: Wie war das dann bei Cash?

Gabriel: Immer wenn ich da war, hat seine Frau June stundenlange Gebete gesprochen. Und immer wenn die in Deutschland auf Tour waren, haben die mich angerufen, über 25 Jahre. Ganz zum Schluss hat Johnny Cash 2003 auf meinen Anrufbeantworter gesprochen: „Komm bitte zu mir rüber und sing meine Lieder auf Deutsch.“ Da gab es für mich kein Halten mehr.

Playboy: Was verband Sie beide?

Gabriel: Ich singe für Unterprivilegierte. Für Leute, die in den Arsch getreten worden sind. Das ist bei Cash genauso. Ich kam ja von der Maloche, war Schlosser. Dann der zweite Bildungsweg, Maschinenbau, wollte Ingenieur werden. Ich hatte zwischendurch in Studentenkneipen immer ein bisschen gespielt. So fing es an. Aber im Grunde bin ich Malocher geblieben. Ich kann heute noch gut schweißen.

Playboy: Ist ein Malocher männlicher als ein Banker oder ein Informatiker?

Gabriel: Möchte ich wohl meinen.

Playboy: Wieso?

Gabriel: Es geht um der Hände Arbeit. Und die das draufhaben, sind letzten Endes diejenigen, die am meisten beschissen werden auf der ganzen Welt. Wenn diese Menschen abends nach Hause kommen, sind sie fertig. Dann kriegen sie vielleicht noch ein kleines Nümmerchen hin, dann wird geschnorchelt. Und morgens wieder aufgestanden. Ich hatte immer große Ehrfurcht vor solchen Leuten.

Playboy: Ihr bekanntestes Lied ist „Hey Boss, ich brauch mehr Geld“. Haben Sie mal von jemandem gehört, der dadurch eine Gehaltserhöhung bekommen hat?

Gabriel: Klar. Es haben sich auch Bosse bei mir gemeldet und gemeint: „Was ist das denn für eine Scheiße, die du da geschrieben hast?“ Helmut Kohl sagte mir mal bei einem Presseempfang: „Du bist schuld an der Misere der deutschen Wirtschaft. Du und dein Song.“ Ich sag: „Halleluja!“

Playboy: Hat die neue Arbeitswelt Ihr Publikum verändert?

Gabriel: Hundertprozentig. Viele sind ratlos, depressiv, trinken. Haben sich zum Teil darauf eingestellt, dass sie von Hartz IV leben müssen. Dadurch werden sie krank. Erfolg macht dich stark. Wenn du nicht mehr gebraucht wirst, fehlt dir schnell die Kreativität, was anderes zu machen.

Playboy: Was muss ein echter Kerl drauf haben?

Gabriel: Jonglieren. Wenn nicht dies, dann jenes. Wenn nicht oben, dann unten; wenn nichts rechts, dann links. Ich würde zur Not an die Tankstelle gehen im Sommer und die Mücken von der Scheibe kratzen, um ein paar Mark in die Tasche zu kriegen. Hab ich gemacht während meiner zehn Jahre im Wohnwagen auf der Autobahn.

Playboy: Wie waren diese Jahre?

Gabriel: Hart. Viele Tränen, viel Alkohol, viel auf die Fresse gekriegt. Einmal haben sie mir den Wohnwagen sogar auf den Kopf gestellt und all solche Sachen.

Playboy: Sie sind 22-mal vorbestraft, weswegen?

Gabriel: Mittelfinger, Beamtenbeleidigung, nur das. Ich habe nie eine Bank überfallen, keine Frau vergewaltigt, keiner Oma die Tasche weggenommen - ich habe immer nur „Arschloch“ zu Obrigkeiten gesagt. Ich war dreimal im DDR-Knast, weil ich die Vopos Mörder nannte.

Playboy: Muss ein Mann sich auch mal kloppen können?

Gabriel: Ich hab natürlich auch schon richtig auf die Schnauze gekriegt. Auf dem Ku’damm etwa, in „Joe’s Bierhaus“, hat mich mal ein Kellner beleidigt. Und ich schmeiße mein volles Bierglas gegen den Zapfhahn: Das springt kaputt - und ihm die Soße ins Gesicht. Da kam er vor und hat mich rausgekloppt wie im Western. Da bin ich liegen geblieben auf dem Ku’damm. Und die Leute gingen über mich rüber und sagten: Guck diesen beschissenen Gabriel an, dieses Arschloch. Das war bitter. Das war Anfang 1980, als ich mein ganzes Geld verloren hatte und nur noch besoffen war vor Frust, Enttäuschung und Angst.

Playboy: Dürfen Männer weinen?

Gabriel: Natürlich. Aber nicht wegen jedem Scheiß.

Playboy: Muss ein Mann leiden, um seinen Weg zu finden?

Gabriel: Ich zumindest musste das.

Playboy: Und dann? Hatten Sie plötzlich wieder einen Plan?

Gabriel: Nee, da war kein Plan. Aber ich wusste immer, dass es irgendwie weiterlaufen würde. Meine damalige Frau sagte: Deine Karriere ist zu Ende. Du kannst bei mir auf Fahrer und Gärtner machen. Ich hätte ihr jeden Tag eine reinhauen können wegen dieser Einstellung. Dann gab es einen einzigen Satz, bei dem ich gewalttätig wurde: Ich wache morgens auf. Sie am Zähneputzen, ich sage: „Hör mal, ich habe heute Nacht gedacht, ich liege im Sterben.“ Da antwortet sie: „Hoffentlich hast du deine Lebensversicherung bezahlt.“ Man bedenke: Ich hatte alles verloren, keine Krankenkasse mehr, keinen Sprit im Tank, pleite.

Playboy: Wieso hat Sie das so aufgeregt?

Gabriel: Weil das doch echt ne Sauerei war! Dieses Miststück. Ich habe einen 7,5-Tonner geholt, meine Klamotten und Platten durchs Fenster geschmissen, und bin abgehauen. Bin nie wieder zurückgekommen. Hab dann auf der Autobahn gelebt. Das war natürlich nicht so geil.

Playboy: Könnten Sie jetzt nicht wieder in ein normales Haus ziehen?

Gabriel: Nein, will ich nicht mehr. Mit dem Boot kann ich jederzeit abhauen. Ich hab keine feste Beziehung, fühle mich frei von bürgerlichen Zwängen. Auf meine Art bin ich reich. Ich habe einige Ladys an meiner Seite, das reicht. Ich gehe hier im Bademantel zum Bäcker. Und wenn ich über die Reling pinkle, wen kümmert’s?

Playboy: Macht Frauen das an, dieses Cowboy-Zigeunerleben?

Gabriel: Das hat natürlich was, klar. Es gab jede Menge Mädels, die mich betüddelt haben damals im Wohnwagen: He komm, ich mach dir das Abendbrot. Das war natürlich das Größte.

Der schwarze Truck, mit dem Gabriel heute tourt, ist innen mit weinrotem Plüsch ausgekleidet - anscheinend wird auch er nicht nur zum Fahren genutzt. Seit der Sache mit dem Führerschein sitzt meist Gabriels „Hauptfrau“ am Steuer. Als er von seinen „elf, zwölf Haremsdamen“ spricht, dementiert sie nicht. Vielleicht muss sie sich aber nur auf den Verkehr konzentrieren. Gabriel macht jedenfalls kein Geheimnis um seine Einstellung. Sein rollendes Liebesnest fällt auf - schon allein durch den „Goldenen Bären“, den er als Galionsfigur vorn aufs Dach geschraubt hat.

Playboy: Funktioniert sexuelle Treue?

Gabriel: Ich glaube nicht. Es gibt natürlich solche Jungs. Die sind aber auch nicht so freibeutermäßig unterwegs.

Playboy: Woran sind denn Ihre vier Ehen gescheitert?

Gabriel: Das lag immer an mir. Das erste Mal habe ich geheiratet Anfang 1960. Da war ich Maschinenbaustudent, meine Freundin Gabriele kriegte ein Kind. Ihr Vater wollte eine Abtreibung. Ich sagte: „Meine Mutter ist an einer Abtreibung gestorben, als ich vier war. Es gibt keine Abtreibung.“ So kam meine älteste Tochter Yvonne zur Welt. Und ich habe Gaby geheiratet. Sie in dem Glauben, einen zukünftigen Ingenieur zu kriegen - da fing die Scheiße an zu dampfen. Hey, ich war 23, 24! Da kommen Mädels, die setzen sich auf dein Dingeling. Irgendwann hat meine Frau das mitgekriegt und die Reißleine gezogen. Ich war damals DJ in einer Diskothek in Berlin, komme um halb zwei nach Hause. Alle Ampeln rot, ich dreh mich um, steht da so ein Porsche Targa. Am Steuerrad ein Typ wie Günther Netzer. Tja, und daneben saß meine Gaby-Frau.

Playboy: Was haben Sie gemacht?

Gabriel: Ich war geschockt. Ich bin nach Hause und hab gewartet, dass sie kommt. Aber sie kam nicht. Dann stand ich immer unter dem Schlafzimmerfenster von dem Typen. Sah besser aus als ich, hatte Geld. Irgendwann bin ich die Treppe hoch, hab geklingelt. Da sagte der: „Pass auf, wenn du schon den Mut hast, hierherzukommen, trinken wir um sie. Wer zuerst umfällt, hat verloren.“ Der hatte eine Fünfliterflasche Jim Beam, wir gossen uns ein. Der Typ, Dieter hieß der, fiel mit einem Mal um. Ich sagte: „Los, weg hier!“ Meine Frau steht auf, will den Mantel anziehen, da geht die Tür auf und Dieter-Mann sagt: „Haha, hast du dir wohl so gedacht! Gaby bleibt hier.“

Playboy: Aber manchmal muss man um eine Frau kämpfen. Wo ist die Grenze?

Gabriel: Ich habe die Grenze immer übertreten. Auch bei meiner letzten Freundin. Eine super Frau, aber ich bin ewig fremdgegangen, bis sie sich eines Tages einen Typen auf den Zahn legte. Da stand ich tagelang unter ihrem Fenster.

Playboy: Gibt es etwas, das Sie bereuen?

Gabriel: Ist doch klar. Ich bin fast 70 Jahre alt. Ich habe viel Scheiße gebaut. Meinen Kindern, meinen Frauen, meinen Produzenten gegenüber. Oft aus Angst. Ich war hilflos und deshalb ungerecht. Ich bin froh, dass ich das nicht mehr bin. Trotzdem habe ich meinen Mittelfinger stets steif. Ich würde niemanden in den Arsch kriechen.

Playboy: Sind Sie ein Punk?

Gabriel: Ein verluderter Punk natürlich nicht. Aber sicher, Punks sind auch Revolutionäre. Farin Urlaub von den “Ärzten“ ruft mich eines Tages an und sagt: „Du bist der älteste Punk Deutschlands.“ Ich sage: „Seid ihr bekloppt? Ich bin doch kein Punk!“ Doch, sagen die. Da habe ich mit denen eine Aufnahme gemacht: „Besserwisserboy“.

Playboy: Gibt es im Moment eine Zeile, an der Sie arbeiten?

Gabriel: Klar, die lautet: „Kennst du den Ton der Telekom?“ Das hat mal eine Frau zu mir gesagt. Und dann aufgelegt. Damit war die Liebe zu Ende. Was für eine geile Zeile! Das ist ne ganz spezielle, beknackte Art von Abschied. Aber passt mal auf:

Gabriel greift zur schwarzen Westerngitarre, legt los und redet dabei: „Am wichtigsten für mich ist der Song von Cash: ’A Boy Named Sue’, kennt ihr.“ Er singt: „Mein Vater brannte durch / da war ich gerade vier / und er ließ nicht viel / meiner Mutter und mir / nur diese Gitarre / und eine leere Flasche Rum / Ich war ziemlich froh / dass er endlich verschwand / doch zum Abschied tat er noch was in seinen Brand. / Er taufte mich auf den Mädchennamen Susi . . .“ Gabriel sagt: „Das ist genau mein Song!“ Dann spielt er den Schluss: „Doch du solltest mir danken / bevor ich sterbe / für den Mut und die Kraft / die ich dir vererbe / Denn ich bin das Arschloch / ich gab dir den Mädchennamen Susi . . .“ Die Geschichte vom Arschloch-Vater also, der den Sohn hart machen wollte für die fiese Welt.

Playboy: Hat Ihr Vater Sie auch hart gemacht fürs Leben?

Gabriel: Wahrscheinlich, aber nicht absichtlich. Der kam aus Stalingrad, war völlig fertig. Ich hatte eine Kindheit, die keine war. Mein Vater verprügelte mich und meine Schwestern bei jeder Gelegenheit. Er war ein Schwächling. Aber auch ich war ein Schwächling: Ich hab nämlich seine Attitüde übernommen. Meine Frauen verprügelt. Bis ich zum Psychiater ging und sagte: „Wie kommt das? Ich hasse doch Gewalt. Ich bin genauso ein Arschloch wie mein Vater geworden!“ Die haben mir geholfen, das zu überwinden. Ich fasse niemanden mehr an.

Playboy: Was haben Sie gelernt über Frauen?

Gabriel: Frauen sind das Wichtigste, was wir Männer haben. Es gibt nichts Schöneres als eine Frau, die dich liebt, dich versteht. Aber das bezieht sich nicht darauf, ob ich eine Nacht mit ihr verbringe. Es ist das Gesamtkunstwerk Frau, das ich verehre.

Playboy: Auch gegen Bezahlung?

Gabriel: Ich würde nie als Freier in den Puff gehen. Ich bin früher hin nach Auftritten, um noch ein Bier zu kriegen, weil die die ganze Nacht aufhaben. Meine letzte Frau war übrigens aus dem Gewerbe.

Playboy: Wie lernten Sie sie kennen?

Gabriel: Sie war verlobt mit meinem Bassisten. In Münster spielten wir auf so einer Kegelparty. Mit einem Mal stöckelte so ein Kakaduweib rein: die Brüste zu groß, die High Heels zu hoch, die Lippen zu rot, die Haare zu schwarz, die Fingernägel zu lang. Ich sagte: Was ist das denn für eine Rakete? Die kam nach der Party in meinen Wohntruck. Sie trug keinen Slip, nur einen Bullterrier unterm Arm. Ich hatte echt Angst, dass mir der Hund die Balls wegbiss, und sagte: No, no, no - nicht mit mir. Darauf sie: Ich werde dich so süchtig bumsen, dass du nie wieder von mir loskommst. Hat sie hingekriegt. Heute ist sie eine Prinzessin. Hat einen Adeligen geheiratet.

Playboy: Wie war sie als Frau?

Gabriel: Sie hatte was Mütterliches. Das, was ich insgeheim wohl immer gesucht habe. Sie hat mich in gewisser Weise aus meiner Finanz-Scheiße rausgeholt. Ich wollte ja keinen Offenbarungseid leisten, weil dann meine ganzen Gema-Einnahmen weg gewesen wären. Und sie hatte diesen Freier, einen Steuerberater, der mochte mich irgendwie und hat meinen Fall ohne Vorkasse bearbeitet. Das werde ich ihr nie vergessen.

Playboy: Das große Herz einer Hure.

Gabriel: Ja, sie hatte was Soziales. Ich habe sie anfangs immer zum Puff gefahren. Da war sie spezialisiert auf ältere Männer und Leute, die einen Schlaganfall hatten. Einmal in der Woche machte sie es umsonst für Contergan-Jungs: Männer ohne Hände, um sich einen runterzuholen. Das fand ich pervers-genial.

Playboy: Wie ist das: mit einer Frau verheiratet zu sein, die anschaffen geht?

Gabriel: Als wir zusammen waren, hat sie diesen Job aufgegeben und sich ganz um meine Belange gekümmert. Sie war echt talentiert. Es war wohl mehr so eine Zweckbeziehung. Und doch war ich plötzlich in dieser speziellen Clique drin.

Playboy: Das raue Leben im Milieu?

Gabriel: Ja, sie hielt mir sogar irgendwann einen Revolver an den Kopf, damit ich sie heirate. Drückt ab, und die Kugel kommt nicht, obwohl das Magazin voll war.

Playboy: Ernsthaft?

Gabriel: Ich war einigermaßen fassungslos. Dann habe ich ihre Bude zerlegt und in Panik das Weite gesucht. Bin mitten durch ein Kornfeld. Die Polizei hinter mir. Liege da wie ein Käfer aufm Rücken. Grauenvoll! Und der Polizist über mir sagt: „Was machst du hier, Gabriel?“ Ich sage: „Ich bin verrückt.“ Und er: „Mann, wir haben so viele Frauen im Dorf, warum gerade die?“ Ich war völlig fertig. Heute kann ich drüber lachen.

Playboy: Kann man auch darüber lachen, in der Psychiatrie gewesen zu sein?

Gabriel: Das war doch meine Rettung! Die hätten mich sonst in den Knast gebracht. Ich hatte meine Frau mit einem anderen erwischt. In flagranti. Kam zwei Tage eher von einer Tour nach Hause, mache die Tür auf und denke, da hängt so ein Lampion aus Japan überm Bett. Aber das war der nackte Arsch von einem Kerl. Und sie springt aus dem Fenster, im Nachthemd. Ich hatte ihr gerade ein Cabrio gekauft, da springt sie rein. Ich mit meinem Mitsubishi hinterher, durch die Dörfer, auf die A2. Dann habe ich sie überholt, eine Vollbremsung gemacht, und sie ist hinten reingeknallt. Ich habe den Wagen viereckig gefahren. Da rief sie die Polizei, und ich habe mich versteckt, rufe einen Freund an. Sagt der: „Fahr nach Bad Salzuflen in diese Nervenheilanstalt.“ Da bin ich hin. Ich war der Gesündeste von allen.

Playboy: Das dachten die anderen wahrscheinlich auch von sich.

Gabriel: Da waren die Türen ausgehängt und die Steckdosen zugeklebt, dass man sich da nicht irgendwie das Leben nehmen konnte. Und immer kamen mittags zwei Mädels, die riefen: „Bitte fick mich doch.“

Playboy: Aber geheiratet haben Sie die Frau mit der Knarre am Ende doch?

Gabriel: Stimmt. Sie sagte: „Ich habe dich aus der Scheiße rausgeholt, du stehst heute wieder gut da. Entweder heiratest du mich, oder ich zeige dich an.“ Da habe ich gedacht: Na gut, wir heiraten, wir werden sowieso bald wieder geschieden. Und so war es dann auch.A

Gunter Gabriel in Zahlen

Bereits der Start in sein Leben ist schwierig: Er wird 1942 als Günter Caspelherr in Bünde (Westfalen) geboren. Seine Mutter stirbt, als er vier Jahre alt ist. Schulabbruch, Jobs als Schlosser, Schweißer, Lkw-Fahrer. Gabriel macht Fachabitur, studiert. 1973 der erste Hit: „Er ist ein Kerl“. 1974 wird er mit „Hey Boss, ich brauch mehr Geld“ zum Werktätigen-Held. Dann der Absturz: Trotz 100.000 Euro monatlich (geschätzt) steht er nach gefloppten Immobiliengeschäften Anfang der 80er-Jahre mit 9,5 Millionen Mark in der Kreide, seine vier Ehen (vier Kinder) scheitern alle. Gabriel kann die Schulden abstottern, trinkt seit 1995 nicht mehr und zieht bald darauf in sein 30-Meter-Hausboot im Harburger Hafen. 2007 ist er wieder mit 500.000 Euro im Minus: Der Sänger hält in einer NDR-Show seine Telefonnummer hoch und spielt von da an für 1000 Euro pro Auftritt in deutschen Wohnstuben - bisher 450-mal. Seit 2010 steht er als Hauptdarsteller in „Hello I’m Johnny Cash“ auf der Bühne des Berliner Renaissance-Theaters.

Autor: Philip Wolff
Autor: Klaus Mergel
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