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Wir laden schonmal das nächste Girl für Sie!

Udo Lindenberg

Weggefährte Klaus Doldinger gratuliert zum 70.

"Klaus, ich muss mein Ding machen"

Kein Grund zur Panik, Leute, aber: Udo Lindenberg wird 70. Im neuen Playboy gratuliert unserem größten Rockstar ein langjähriger Freund – der Jazzer und Filmkomponist („Das Boot“) Klaus Doldinger, in dessen Band Passport Udos einzig-artige Mission begann. Ewig her? Nicht für Doldinger, der jetzt 80 wird

Udo hatte einen harten Schlag. Bei unserer ersten Begegnung in meinem Heimstudio am Starnberger See setzte er sich an die Trommeln und legte sofort ungestüm los: Der schlaksige Typ mit seinen langen, glatten Haaren war im Herzen ein Rocker. Sein Beat: vorwärtstreibend. Präzise auf den Punkt. Aber er konnte auch sofort umschalten, dann streichelten seine Stöcke swingend und sehr relaxt das Schlagzeug.

Diese Vielseitigkeit hat mir auf Anhieb imponiert. Und ich war sicher: Dieser Udo Lindenberg, 23 Jahre jung, war mein Mann. Es war das Jahr 1969. Der Jazz und der Rock hatten sich aufeinander zubewegt. Beim Woodstock-Festival verwandelte Jimi Hendrix die US-Nationalhyme „Star Spangled Banner“ in ein Gitarren-Donnerwetter - Rock mit wütender Free-Jazz-Ekstase. Und fast zur gleichen Zeit ging der Trompeter Miles Davis ins Studio, um seinen bisherigen Sound radikal zu elektrifizieren und mit dem Album „Britches Brew“ die Ära der Fusion Music einzuleiten.

1969. Ein Jahr voller Umwälzungen, gesellschaftlich wie musikalisch. Und in Deutschland?

Als Musiker, der zunächst vom New-Orleans-Sound und Bebop infiziert war und damit erste Erfolge feiern durfte, reizte mich dieser neue, fiebrige Sound. Und so gründete ich Anfang 1969 die Fusion-Band Motherhood. Da mir mein Drummer kurzfristig abhandengekommen war, musste ich schnell Ersatz finden. Sehr viele Musiker kamen damals für unsere Mischung aus Rock, Psychedelic und jazziger Improvisation noch nicht in Frage. Udo jedoch überzeugte, nicht nur wegen seines ungewöhnlichen Rhythmusgefühls. Er war ein neugieriger Grenzgänger, der schon vieles ausprobiert hatte. Und man spürte bei ihm, wie sehr er diese Zeit des Aufbruchs genoss.

Udo kam in einem klapprigen alten Renault 4 bei mir in Bayern an, den ganzen langen Weg von Hamburg, um bei mir vorzuspielen. Michael Naura, der damalige Leiter der Jazz-Abteilung beim NDR in Hamburg und selbst Pianist, hatte mit Udo schon gespielt und ihn mir wärmstens empfohlen. In Hamburg lebte Udo erst seit einigen Monaten ohne feste, regelmäßige Einkünfte. Er war aber offenbar wild entschlossen, sich als Jazz-Drummer einen Namen zu machen. Das war auch mein erster Eindruck von ihm: aufgedreht, unruhig, voller Energie. Gleichzeitig wirkte er klug und aufgeschlossen, es gab sehr schnell eine gewisse Nähe zwischen uns.

Zum Beispiel, wie wir so beim ersten Geplänkel feststellten, verbanden uns ganz ähnliche Erinnerungen an Düsseldorf. Für mich war es die Stadt, wo ich als gebürtiger Berliner zur Schule gegangen und nach meinem Musikstudium in den Altstadtkneipen erstmals vor Publikum aufgetreten war. Udo, der in seiner westfälischen Heimatstadt Gronau schon mit 13 Jahren seine erste Band, die Dixie Devils, gegründet hatte, machte zur selben Zeit eine Ausbildung zum Kellner im Düsseldorfer Hotel „Breitenbacher Hof“. Und spielte oft die ganze Nacht durch Dixieland. In der „Kulisse“ oder in der „Klamotte“ - Läden, in denen ich auch auftrat, ohne dass wir uns begegnet wären. Doch dann ankerte Udo in Hamburg - auf der Suche nach neuen musikalischen Abenteuern. Und nach einem eigenen Ausdruck.

„Im Zweifel ist ihm der Text eines Songs wichtiger als ein kurzfristiger Chart-Erfolg“

Klaus Doldinger über Udo Lindenberg

In Udos Reisegepäck befand sich ein ungeordneter Stapel mit selbst geschriebenen Songtexten, den er mir zeigte. Einige waren auf Deutsch verfasst und durchzogen von einer eigenwilligen Schnodderigkeit. Ich fand das bemerkenswert. Denn die Sprache des Pop war damals Englisch. She loves you. Yeah. Yeah. Yeah. Das Deutsche hatte sich noch nicht von der Schlagerseligkeit der Wirtschaftswunderjahre emanzipiert. Udo reizte es, daran zu rütteln. Ihn zog es auch unbedingt ans Mikro. Eines der Stücke von Motherhood hieß „Song of Dying“. Udo sang sich die Seele aus dem Leib und trommelte dazu. Wenn man sich das Stück heute wieder anhört, staunt man: Schon damals traf er mit der Art seines gedehnten Sprechgesangs nicht sauber jeden Ton. Dafür hatte er eine eigene, unverwechselbare Stimme. Und die ließ aufhorchen. Er habe zwar das Singen nie richtig gelernt, hat Udo einmal gesagt, aber er habe an seine Texte geglaubt. Das trifft es.

Motherhood war vor allem ein Studioprojekt zum Experimentieren. Die Band Passport war dann eine nahtlose Fortsetzung, nur zielte das Ganze nun noch mehr auf Bauch und Tanzbein. Wir wollten mit unserem Sound die Menschen bewegen, keinen Jazz für ein akademisch geschultes Publikum zelebrieren. Raus aus der Nische. Und die gerade in Deutschland streng gezogenen Linien zwischen „E“ - ernster Musik - und „U“ - wie Unterhaltung - durchlässiger machen. Passport groovte und rockte, wir gingen auf Tour, und Udo schwang live die Stöcke.

Die Konzerte haben uns noch mehr zusammengeschweißt. Es entstand damals eine Freundschaft fürs Leben, als wir im alten Ford-Bus zu den Auftrittsorten fuhren. Wir konnten uns noch keine Roadies leisten, Udos Trommelgeräte schleppten wir gemeinsam zur Bühne. Mittlerweile besteht Passport in veränderten Besetzungen seit 45 Jahren. Udo blieb leider nur ein Jahr. Er sagte mir: „Klaus, ich muss mein Ding machen“ - so wie 40 Jahre später in seinem Song „Mein Ding“.

Bevor Udo Passport verließ, konnte ich ihn noch für eine Studio-Session verpflichten. „Taxi nach Leipzig“ hieß ein vom NDR produzierter Sonntagskrimi, der als Auftakt einer zehnteiligen TV-Reihe unter dem Titel „Tatort“ konzipiert war. Ich hatte gerade damit begonnen, auch Soundtracks zu produzieren, und schrieb die Titelmelodie für den ersten „Tatort“, der am 29. November 1970 ausgestrahlt wurde. Es war damals nicht absehbar, dass sich daraus dieser Fernseh-klassiker entwickeln würde. Für mich war es der Durchbruch zu meiner zweiten Karriere als Komponist von mittlerweile mehr als 100 Soundtracks für Kino und TV. Und es ist für mich eine schöne Randnote im großen Album der Panikgeschichte, wie Udo sagen würde, dass auch er zum „Tatort“-Kult beigetragen hat.

Udo gründete schließlich die Jazzrock-Bands Free Orbit und Emergency und sang seine eigenen Texte. Noch immer auf Englisch, genauso wie auf seinem ersten Solo-Album mit dem selbstbewussten Titel „Lindenberg“ von 1971. Die deutschen Texte, die er mir schon gezeigt hatte, hielt er immer noch zurück, auch auf Rat seiner Plattenfirma. Nachdem das Album floppte, sagte sich Udo: Jetzt habe ich nichts mehr zu verlieren. Und sein nächstes Werk „Daumen im Wind“ war kompromisslos deutsch. Hier sang niemand von Schubidubidu und ewiger Liebe, sondern vom Alltag, vom Aufbegehren gegen Spießertum und überholte Moralvorstellungen. Der Durchbruch für Udo war es noch nicht. Mit „Hoch im Norden“ gab es aber schon eine rockige Hymne, die den Kurs anzeigte.

„Hamburg wurde mit Udo zum Nabel der deutschen Rockkultur“

Klaus Doldinger über Udo Lindenberg

Hamburg wurde mit Udo zum Nabel der deutschen Rockkultur. Seine Musik war ein Vergnügungsdampfer, der alle mitriss. Die deutsche Sprache klang bei ihm weder sperrig noch schmalzig. Sondern: „Alles klar auf der ,Andrea Doria’.“ Das war die Geburt von Udo und seinem Panikrocker mit ihrer lässigen Selbstironie: „Bei Onkel Pö spielt ’ne Rentnerband seit 20 Jahren Dixieland.“ Es lag da noch gar nicht so lange zurück, dass Udo mit seinen Dixie Devils durch die Kneipen getingelt war - für ein paar Bier als Gage.

Udo wollte immer ein möglichst großes Publikum erreichen. Dennoch hat er sich nie aus kommerziellen Gründen verbogen. Er hat tatsächlich sein Ding durchgezogen, auf seinen vielen Alben immer wieder Experimente gewagt - und seine Haltung bewahrt. Er versteht es bis heute, seine politischen Anliegen in knackige Musik zu packen. Doch im Zweifel ist ihm der Text eines Songs immer wichtiger als ein kurzfristiger Chart-Erfolg gewesen. So musste er auch Misserfolge verkraften und hat harte Zeiten durchgemacht. Ich habe in meiner Karriere viele Abstürze bei Musikerkollegen erlebt. Doch in all den Jahren unserer Freundschaft bin ich mir stets sicher geblieben: Udo ist keiner, der sich unterkriegen lässt. Mit seinem Humor und seiner Wachheit inspiriert er auch mich in vielen persönlichen Gesprächen immer wieder. Es tut einfach gut, diese schon seit vielen Jahren so vertraute Stimme am Telefon zu hören: „Hier ist Udo . . .“

Er ist mindestens so stark wie zwei. So hieß sein Album aus dem Jahr 2008. Und ich habe mich unglaublich darüber gefreut, dass er im zarten Alter von 62 Jahren sein erstes Nummer-eins-Album landete und in den vergangenen Jahren regelmäßig die großen Arenen des Landes füllte. Nicht mit Rock-Nostalgie, sondern mit energiegeladenen Shows. Die Mitwirkung von Max Herre, Clueso oder Adel Tawil hat gezeigt: Ohne die Pionierarbeit von Udo würden all diese Musiker - wie vor ihnen schon Marius Müller-Westernhagen oder die Fanta 4 - nicht auf der Bühne stehen und Erfolg mit deutschsprachigen Texten haben.

„Udo hat mit seinem Panikdampfer das Eis gebrochen“

Klaus Doldinger über Udo Lindenberg

Udo hat mit seinem Panikdampfer das Eis gebrochen. Und die Reise geht weiter: Kurz nach meinem 80. Geburtstag am 12. Mai wird Udo am 17. Mai 70. Wie soll man diese “150 Jahre Doldinger/Lindenberg“ gebührend feiern? Am 20. Mai werde ich zu den Gästen bei Udos großem Geburtstagskonzert in der Arena Auf Schalke gehören. Dort werden wir Udos Song „Der Greis ist heiß“ performen - eine Nummer, die wir auch für mein aktuelles Jubiläumsalbum eingespielt haben. Wir fanden beide: Das spiegelt unser entspanntes Verhältnis ganz gut wider. „Alte Männer sind gefährlich, denn die Zukunft ist egal“, lautet eine Textzeile. Vielleicht setzt sich Udo ja sogar noch mal ans Schlagzeug. Ich weiß: Er hat den harten Schlag noch drauf.

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