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Zlatan der Weise

Schwedens Superstar im Portrait

Eine Zeitbombe in Turnschuhen

Aggressiv, anmaßend, arrogant? Was für ein veraltetes Bild von Schwedens Top-Torjäger Zlatan Ibrahimovic. Der EM-Star glänzt heute mit dem sichersten Gefühl für alles, was wirklich zählt - auf dem Platz und im Leben

Ein Problem haben alle Fußballreporter. Es heißt Spielerinterview. Das Problem besteht aus zwei Teilen. Erstens: Man kriegt sie kaum. Wenn doch, sitzt meist der Erziehungsberechtigte der Spieler, sprich: der Berater, der Vereinspressesprecher, bei Brasilianern gern auch mal der Vater, Bruder und Schwippschwager dabei, um aufzupassen, was gesagt wird. Zweitens: Die Interviews taugen meist nichts. Man muss sie sich vorstellen wie Gespräche zwischen einem pädagogisch ambitionierten Elternpaar aus Hamburg-Blankenese und ihrem verzogenen 13-jährigen Montessori-getunten Teenager in monströser Null-Bock-Phase. Interesse meets totale Maulfaulheit. Die meisten Spieler hassen Interviews. Vermutlich weil sie ahnen, dass sie sich keinen Gefallen tun, wenn sie zu lange reden. Man darf das niemandem übel nehmen. Ihre Jugend haben diese jungen Männer mit einem Ball am Fuß verbracht, und es heißt zwar, dass die Wahrheit auf dem Platz liegt, die Weisheit aber sicher nicht. Mit anderen Worten: Auf die meisten guten Fragen haben Fußballer keine Antwort, sie haben Floskeln. Eingeübt mit den Erziehungsberechtigten.

Wenn es etwas gibt, was Schwedens Superstar Zlatan Ibrahimovic nicht braucht, dann einen Aufpasser. Es ist das Erste, was er macht, wenn er zu einem Interview kommt. Er schmeißt den Pressesprecher raus. Mit Ibrahimovic führt man kein Interview, man redet. Er schaut einem in die Augen, und wenn man Quatsch fragt, fragt er: „Was soll der Scheiß?“

Man kann alles Mögliche über Ibrahimovic sagen. Dass er ein dampfender, ungehobelter Hitzkopf ist, latent aggressiv, extrem reizbar. Dass er im Grunde vor dem Anpfiff schon rot-gefährdet ist. Dass er eine Mischung aus Wikinger und balkanischem Heckenschützen ist. Dass seine Arroganz, seine Selbstherrlichkeit auf und neben dem Platz zum Kotzen sind. Das meiste davon ist zwar schon lange nicht mehr wahr, aber man kann es zumindest behaupten, weil es irgendwann mal stimmte.

Eines kann man aber nicht sagen: dass ein Treffen mit Zlatan Ibrahimovic sich nicht lohnt. Es ist das exakte Gegenteil, ein Gespräch mit ihm hat nichts mit dem zu tun, was man normalerweise mit einem Fußballer erlebt, den man um ein Interview bittet. Ein Interview mit Ibrahimovic ist ein Geschenk. Er ist einer der klügsten, scharfsinnigsten und mutigsten Gesprächspartner, die es im modernen Fußball gibt. Und einer der lustigsten.

Wie viele Spieler gibt es, die auf diesem Niveau spielen und offen über die eigene missratene Kindheit sprechen? Über die eigenen Fehler? Darüber, wie es war, als Scheidungskind eines serbischen Quartalstrinkers und einer überforderten kroatischen Putzfrau in einer der schlechtesten Wohngegenden Schwedens aufzuwachsen, in der bis heute 60 Prozent der Einwohner ohne Job sind? Wie viele Spieler reden offen darüber, dass sie als Kind praktisch jedes Fahrrad geknackt haben, einfach weil sie die ganze Welt gehasst haben? Und wie viele Spieler erzählen, dass sie als Profi von Ajax Amsterdam mit ein paar Kumpels zu Ikea gefahren sind, um dort Matratzen zu klauen? Und wie viele geben zu, dass man ein Riesenidiot sein muss, um das zu tun?

Zlatan Ibrahimovic, ein Riesenkerl mit muskelbepacktem Oberkörper, schämt sich nicht für seine Kindheit. Sie hat ihn zu dem gemacht, was er ist, sagt er. Man kann ihn nicht ohne seine Herkunft verstehen.

Wenn das Leben ein Wettlauf ist, bei dem sich alle zu Beginn an einer Linie aufstellen, dann startete Ibrahimovic von der Umkleide. Die ersten Jahre fiel er auf den Bolzplätzen vor allem dadurch auf, dass er sich regelmäßig mit den Gegenspielern prügelte und anschließend ihre Räder klaute. Er war genau dieser Spieler, den man nicht in seinem Team haben möchte. Erstens, weil er nicht der Beste war, es gab viele Jungs, die trickreicher, schneller, teamfähiger spielten. Zlatan war gut, aber eine Zeitbombe in Turnschuhen. Bei jedem Foul beleidigt, bei jedem unpräzisen Pass empört, nie, nie, nie legte er vor dem Tor quer, sondern zimmerte immer selbst das Ding Richtung Keeper. Manchmal mit Erfolg, manchmal nicht. Ibrahimovic war ein Junge, dem es das Leben nicht leicht machte und der darum stets bemüht schien, es zu ruinieren. Wenn er nicht Fußball spielte, schaute er Bruce-Lee- und Jackie-Chan-Filme, und wenn er das nicht tat, ging er zur Schule. Seine frühere Lehrerin sagt heute, dass er eigentlich nur wegen des warmen Mittagessens kam. Ein guter Junge, nicht doof, aber im falschen Umfeld. Zu Hause, wenn er beim Vater war, lagen im Küchenschrank Bierdosen. Die Mutter, die einen Wohnblock weiter lebte, war praktisch nie da. Die arme Frau putzte sich die Seele aus dem Leib, um ihre Kinder durchzubringen.

Es ist nicht leicht zu sagen, wann dieser Junge beschloss, das alles zu ändern. Es muss irgendwann mit 19 gewesen ein, beim Malmöer FC, seiner ersten Profi-Station. Es war das Jahr 1999, Ibrahimovic war technisch für seine Körpergröße von 1,95 Meter ein guter Spieler, aber dünn, fast schmächtig, und ganz sicher nicht der gesetzte Stürmer. Er war jemand mit Potenzial. Eine vage Hoffnung.

Vielleicht war es nicht mal ein fester Entschluss, vielleicht hatte Ibrahimovic auch nur zum ersten Mal das Gefühl, wirklich eine faire Chance zu bekommen. Man sollte nicht unterschätzen, was es mit Menschen macht, wenn es plötzlich keine Rolle spielt, wer die Eltern sind, sondern einfach nur, was man kann und wie sehr man bereit ist, für seine Ziele zu kämpfen. Sein damaliger Mannschaftskapitän Hasse Mattisson, heute Autoverkäufer, fasst Ibrahimovics Wesen so zusammen: „Erst war da Wut, dann Wille.“

Zlatan Ibrahimovic ist die klassische Aufsteigergeschichte gelungen. Ohne Hilfe, er ganz allein. Von unten nach ganz oben. Wie weit oben, zeigt ein Blick auf seine Karriere. Nach zwei Jahren in Schweden, ging er erst zu Ajax Amsterdam, von wo er 2004 nach Italien wechselte. Seit diesem Jahr, seit 2004, ist Ibrahimovic mit nur zwei Ausnahmen immer Meister geworden. Mit Juventus (auch wenn die Titel wegen des Liga-Skandals später aberkannt wurden), mit Inter Mailand, mit dem AC Mailand, mit dem FC Barcelona. Es heißt, dass Geld Tore garantiert. Bei Ibrahimovic ist das anders, er garantiert Meisterschaften.

Heute, mit 34 Jahren, ist Zlatan ein Athlet, der auf dem Platz nur noch in Ansätzen an den wütenden Jungen von früher erinnert. Er gilt zwar noch heute als Hitzkopf, aber das entspricht nur halb der Wahrheit. Das raue Image hat sich nämlich auch bei den gegnerischen Verteidigern herumgesprochen, die kaum eine Gelegenheit auslassen, ihn zu provozieren. Allerdings mit immer weniger Erfolg. In der laufenden Saison hat Ibrahimovic - Stand Mitte April - 26 Liga-Spiele gemacht, 30 Tore geschossen und eine gelbe Karte kassiert.

Eine Geschichte, die in Deutschland kaum bekannt ist und die Ibrahimovic heute viel besser erklärt als all die geballten Bad-Boy-Klischees, ist die Rede, die er in Schweden vor gut zwei Jahren hielt. Als er wieder mal zum Fußballer des Jahres gewählt wurde. Er gedachte Pontus Segerströms, eines ehemaligen schwedischen Nationalspielers, der mit 46 an Krebs gestorben war. Und er sprach von seinem Bruder Sapko, auch er kurz vor der Verleihung an Krebs gestorben. Zlatan sagte: „All diese Preise, die ich bekomme, bedeuten, dass ich etwas erreicht habe (...) Aber es gibt ein Leben abseits des Fußballs, das so viel wichtiger ist.“ Vielen im Publikum standen Tränen in den Augen.

Ibrahimovic wurde nie etwas geschenkt. Er hat immer genau das gesagt, was er dachte. Wenn der norwegische Stürmer John Carew ihn für zu eigensinnig hielt, sagte Ibrahimovic: „Was du mit dem Ball machst, mach ich mit einer Orange.“ Wenn er nach dem besten Trainer gefragt wird, sagt er, dass er in drei Monaten unter JosØ Mourinho mehr gelernt habe als in fünf Jahren unter Fabio Capello und Roberto Mancini. Er sagt auch, dass er Pep Guardiola für einen überbewerteten Feigling hält. Die Spieler vom FC Barcelona nennt er „Schulbubis“, die enteiert auf dem Platz stünden und nur das täten, was der Trainer ihnen sage. Mario van Basten, einer der größten Stürmer aller Zeiten, sagte mal zu Ibrahimovic, dass ein Stürmer sich während des Spiels schonen müsse. Wenn er zu viel nach hinten arbeite, fehle ihm später die Kraft, um im entscheidenden Laufduell gegen den Verteidiger zu gewinnen. Ibrahimovic hat diesen Rat nie vergessen. Er ist Stürmer, er wird an Toren gemessen. Nur daran. Und wenn Guardiola, der angeblich beste Trainer der Welt, sagt, dass Ibrahimovic 90 Minuten den Innenverteidiger anlaufen soll, dann sagt Ibrahimovic, dass Guardiola „sich ficken“ solle, denn er wiege 100 Kilo und sei bei dieser Spielweise nach einer halben Stunde tot. „Wenn man mich holt, hat man einen Ferrari. Warum ihn wie einen beschissenen Fiat fahren?“, fragt Ibrahimovic.

Er taugt nicht zum Diplomaten, tat es nie. Ibrahimovic ist heute einer der zielstrebigsten Spieler des Planeten. Keine unnötigen Tricks, keine Finten, pure Dynamik, Kraft und Reduktion auf das Entscheidende, das Tor. Diese Effizienz hat er auf sein Leben übertragen. Sein Berater heißt Mino Raiola, ehemaliger Pizzabäcker. Gerissen, aber ehrlich. Die beiden brauchen keine Anwälte, treffen sich selten, was es zu klären gibt, wird in Minuten aus dem Weg geräumt. Angesichts von 170 Millionen Euro an Transfer-Erlösen, die Raiola mit Ibrahimovic generiert hat, doch etwas ungewöhnlich.

Ibrahimovic hat sich von der Umkleidekabine auf einen Spitzenplatz gekämpft. Mit der Fähigkeit, die Wut des Zukurzgekommenen in das zu verwandeln, was ihn groß macht: purer Wille. Wenn man so ein Leben hatte, wenn man weiß, dass Fußball eine Nebensache ist, die kein Leben komplett ausfüllt, und wenn man für sich schon vor langer Zeit geklärt hat, was richtig und was falsch ist, dann hat man in Interviews etwas zu sagen. Zlatan Ibrahimovic hat viel zu sagen. Man sollte ihm zuhören.A

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