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„Man muss Löw viel kritischer bewerten, als es die meisten tun“

Interview mit Philosoph und Fußballkenner Wolfram Eilenberger

Wolfram Eilenberger: „Man muss Löw viel kritischer bewerten, als es die meisten tun“

Der Philosoph und Schriftsteller Wolfram Eilenberger über die Schwächen von Bundestrainer Joachim Löw, den Charakter von Superstar Ronaldo und das Formel-1-Problem der Nationalelf. (Anm. d. Red.: Das Gespräch fand bereits vor der Auftaktniederlage der BFB-Elf gegen Mexiko statt)

Playboy: Herr Eilenberger, wie verfolgen Sie die WM?

Eilenberger: Die entscheidende Phase werde ich in meiner Hütte in Finnland verbringen. Diese Riesen-WM-Stimmung samt Public Viewing ist mir immer sehr unheimlich. In meiner Hütte kann ich die Spiele dagegen ganz für mich gucken.

Playboy: Sie sind einer der wenigen Philosophen mit Trainerschein. Wie passt das zusammen?

Eilenberger: Fußball hat nichts mit Philosophie zu tun – es sei denn, man versteht etwas davon. Im Fußball kann man den Menschen als geworfenes, unfähiges, überfordertes Individuum wahrnehmen. Die Metapher „Fußball ist unser Leben“ ist sehr richtig. Deshalb kann man vieles am Fußball entwickeln, was für unsere gesamte Existenz wichtig ist – und das ist ja das, was ich beruflich tue. Natürlich nutze ich den Fußball erst mal als eigene Leidenschaft, aber auch als Trojaner, um Dinge, die mir in der Philosophie wichtig sind, sichtbar werden zu lassen.

Playboy: Zum Beispiel?

Eilenberger: Im Fußball zeigen sich früh zukünftige Entwicklungen der Gesellschaft. Zum Beispiel die Tendenz, Momente der Unverfügbarkeit und des Zufälligen ausschalten zu wollen. Das fängt mit den überdachten Arenen an, dem Trend zum Kunstrasen, dem Videobeweis. Alles Bestrebungen, mit technischen Mitteln die Unverfügbarkeit und Unmittelbarkeit aus dem Spiel zu nehmen, um es angeblich besser zu machen. Dabei nimmt es uns viel von dem, was das Spiel interessant macht. Und das sind Tendenzen, die man in der ganzen Gesellschaft sieht, Beispiel Pränatal-Screening.

Fußballkenner: Der Philosoph Wolfram Eilenberger

Playboy: Sie sind gegen den Videobeweis?

Eilenberger: Ich finde die Diskussion darüber wichtig, weil sie ins Zentrum dessen geht, was das Spiel sein soll – und man kann sie sofort auf das Leben übertragen. Dass die Akteure nur noch mit vorgehaltener Hand sprechen, werden wir in großen Firmen demnächst auch sehen, weil da auch Kameras sind. Der Fußball ist sozusagen das Labor unserer zukünftigen Existenz. Ich bin gespannt, ob der Videobeweis bei der WM endgültig zum Kippen kommt. Die Idee, dass dadurch mehr Transparenz und Fairness geschaffen wird, hat sich schon in der Bundesliga als falsch erwiesen. Das Chaos, das bei der WM droht, kann das, was die Bundesliga erlitten hat, um Weites übersteigen. Offenbar plant die Fifa sogar, die Szenen auf den Leinwänden zu zeigen! Ich möchte mal sehen, wie das ist, wenn in Moskau ein russisches Vorrundenspiel per Videobeweis bewertet wird ...

Playboy: Die WM im Land des wenig zimperlichen Sportskameraden Putin – kann man sich als Fan darauf überhaupt freuen?

Eilenberger: Wenn man weiß, wie das in Brasilien gelaufen ist, hätte man da auch schon keinen Spaß dran haben dürfen, vermutlich selbst 2006 in Deutschland nicht angesichts dessen, was heute über die Vergabe bekannt ist. Ich habe eine besondere Beziehung zu Russland, über einen russischen Philosophen promoviert, die Sprache mal ansatzweise gesprochen, von den Menschen und der Kultur ein sehr positives Bild, spüre also dieses große Gestell der Russland-Feindschaft und Verdachtsmomente überhaupt nicht.

Playboy: Das klingt sehr wohlwollend.

Eilenberger: Das Land hat eine fest verankerte Sport- und Fußballkultur, die schon 100 Jahre trägt. Es war auch Zeit, in diesen Kulturkreis zu gehen. Insofern fällt es mir schwer, die politisch korrekte Stimme in mir zu mobilisieren. Politisch spricht gegen die WM in Russland so viel wie gegen die Länder, in denen die letzten WMs stattfanden. Und was Kriminalität und Eskalation auf der Straße angeht, wird es weit sicherer sein als in Brasilien.

Löw hat schwere Fehler begangen

Playboy: Einer, den solche Diskussionen kein Stück aus der Kurve tragen, ist Jogi Löw. Bleibt der eigentlich für immer Bundestrainer?

Eilenberger: In der bundesrepublikanischen Geschichte wurden schon oft Kanzler- mit Bundestrainer-Gestalten parallelisiert. Und natürlich kann man sagen, dass es zwischen Merkel und Löw relevante Ähnlichkeiten gibt, sowohl habitueller Art als auch in der Form der Steuerung. Löw steht in gewisser Weise unter einem merkelartigen Verdacht, der darin besteht, dass er vielleicht gar kein so guter Trainer ist, aber eine Situation verwaltet, die einen solchen Überfluss aufweist, dass man wenig wirklich falsch machen kann. Das ist auch das Beste, was man über Löw sagen kann. Denn er hat auch schwere Fehler begangen.

Playboy: Zum Beispiel?

Eilenberger: Die letzten beiden EMs gehen auf ihn. Klar, es gibt die Schutzklammer des Weltmeisters, der alles richtig gemacht hat – mit einem Kader allerdings, über den man lange diskutiert hätte, wäre er nicht Weltmeister geworden.

Playboy: Inwiefern?

Eilenberger: Der Kader war an Absurdität nicht zu überbieten. Durm mitzunehmen ist im Rückblick nicht zu rechtfertigen, Großkreutz hat auch keinen positiven Weg genommen. Und dass Podolski und Schweinsteiger sogar bei der EM 2016 dabei waren, erodiert jeden Leistungsgedanken, den Löw sonst hochhält. In der Kaderbildung und der Turniersteuerung muss man Löw viel kritischer bewerten, als es die meisten tun. Der deutsche Spielerpool ist der beste seiner Geschichte, und dafür kam in den letzten zwölf Jahren eher wenig raus.

Klopp wäre wohl ein erfolgreicherer Bundestrainer gewesen

Playboy: Wer würde es besser machen?

Eilenberger: Klopp wäre wohl ein erfolgreicherer Bundestrainer gewesen. Auch Heynckes, wenn er gewollt hätte. Sogar Tuchel wäre ein guter Bundestrainer, vielleicht sogar ein besserer als ein Vereinstrainer. In Deutschland gibt es ja keinen Mangel an kompetenten Trainern. Ich hoffe nicht, dass Löw noch ein Turnier auf sein Gewissen nehmen muss. Es ist ja auch bezeichnend, dass niemand ernsthaft daran gedacht hat, dass er mal Bayern-Trainer werden könnte – weil er feldintern gar nicht als guter Trainer wahrgenommen wird.

Playboy: Sie lassen kein gutes Haar an ihm!

Eilenberger: Er ist ein sehr guter Bundespräsident, aber kein so guter Bundeskanzler. Die repräsentativen Aufgaben, die Außenkommunikation, die Anmutung, das Bild von Deutschland, das er in die Welt sendet, ist ein ungemein positives und entspanntes. Wenn er nicht gerade anfängt zu popeln, ist da alles tipptopp! Aber es gibt sicher 15 andere, die mit Herrn Bierhoff und seiner Agentur im Rücken das ähnlich gut machen würden.

Playboy: Jetzt aber aufs Feld! In Ihrer Kolumne in der „Zeit“ haben Sie Toni Kroos mal in den Fußballhimmel gelobt. Ist er da immer noch?

Eilenberger: Er ist für mich ein faszinierendes Beispiel für ein vollkommenes Aufgehen des eigenen Bewusstseins im Spiel, sodass er fast keine Fehler mehr macht. Die Buddhisten suchen über Meditation diese Zustände der absoluten Wachheit und Klarheit. Kroos meditiert sozusagen spielend. Er hat Formen der Selbstkontrolle kultiviert, die sehr wenige Spieler je erreichen. Mich interessiert, welche Bewusstseinszustände das sind, in die man sich so konstant bringen kann. Wenn man seine Hirnströme während des Spiels messen würde, käme das einem meditativen Glückszustand bestimmt nah.

Messi, Ronaldo und Neymar wirken als wären sie nie erwachsen geworden

Playboy: Er wirkt sehr geerdet, gerade im Vergleich zu seinem Real-Kollegen Ronaldo. Tun Über-Superstars wie er, Messi und Neymar dem Fußball überhaupt noch gut?

Eilenberger: Große Spieler tun dem Fußball unbedingt gut. Die Tragik der letzten zehn Jahre ist aber, dass die größten Fußballer als Charaktere keine Leitfähigkeit haben. Messi, Ronaldo und Neymar nimmt man außerhalb des Platzes wahr, als wären sie nie erwachsen geworden, als wären sie gar keine richtigen Personen, denen man Verantwortung übergeben würde. Das ist bedauerlich, weil sie eine große Strahlkraft haben und als Idole Entwicklungsziele für junge Menschen abgeben. Es gab Phasen im Weltfußball, da hatte man Stars, die auch als Personen eine gewisse Wertigkeit hatten. Klar, auch Maradona war in vieler Hinsicht ein Quatschkopf, aber er wusste immer, wie es um ihn und die Welt steht, verfügte über eine eigene Stimme. Das sehe ich bei den anderen nicht, und das ist tragisch. Man wünscht sich ja immer so ein Renaissance-Ideal eines Menschen, der körperlich und geistig exzellent ist.

Playboy: Ist wenigstens einer in Sicht?

Eilenberger: Thomas Müller ist jemand mit außergewöhnlichen Qualitäten, die nicht nur fußballerischer Art sind, und er bringt beides zusammen. Die Stimmigkeit seiner Schlagfertigkeit hat etwas mit seinem Spiel zu tun. Da gibt es einen Stil, der sich durch sein gesamtes Dasein zieht. Er ist bewundernswert.

Deutschlands Problem: Viel Ballbesitz aber kein Punch

Playboy: Wie groß und kräftig schätzen Sie den amtierenden Weltmeister ein?

Eilenberger: Ich sehe für die deutsche Mannschaft ein Formel-1-Problem: Wir sind ein sehr guter Wagen, der nicht überholen kann. Wir haben keine Geschwindigkeit auf den Außenbahnen. Wenn Timo Werner verletzt ist, haben wir keinen Qualitätsspieler, der jemanden einfach mal überläuft, und dann droht uns eine EM-Situation mit sehr viel Ballbesitz ohne jeden Punch.

Autor: Thomas Becker
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