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„Ein nur auf Leistung getrimmtes Leben wünsche ich keinem"

Felix Neureuther über Jugendsünden & sein Karriereende

Felix Neureuther: „Ein nur auf Leistung getrimmtes Leben wünsche ich keinem"

Deutschlands Ski-Ass Felix Neureuther hat sein Karriereende bekanntgegeben. Bereits in unserer Februar-Ausgabe sprach er mit uns über seine Gedanken ans Karriereende

Ein Café gegenüber der Schön Klinik in München-Harlaching. Es erzählt einiges über das zurückliegende Jahr von Felix Neureuther, dass wir ihn ausgerechnet hier zum Interview treffen. Kreuzbandriss, Reha, Muskelaufbau, dann auch noch ein Daumenbruch im November. Im OP-Saal gegenüber haben sie ihm mit zwei Minischrauben den gebrochenen Daumen wieder ans Grundgelenk montiert. Und da der skiverrückte 34-Jährige auf sechs Wochen Pause wenig Lust hatte und schon wieder Rennen fährt, muss er ab  und an zur Nachkontrolle. Eigentlich müsste er schon längst drüben beim Doc sein, aber für den Playboy nimmt er sich immer Zeit – auch  wenn’s diesmal nicht zum Lesen, sondern zum Reden ist.

Herr Neureuther, in zwei Monaten werden Sie 35, fahren seit 16 Jahren Weltcup-Rennen und ziehen in letzter Zeit Verletzungen an wie ein Magnet. Wie gut kommen Sie morgens aus dem Bett?

Schwierig. Es gab Phasen, wo ich erst mal meine Rückenübungen machen musste, damit ich überhaupt rauskomme. Die sind zum Glück konstant vorbei, und es geht eigentlich ganz gut. Aber ich bin schon einer, der in der Früh auch gern mal länger schläft.

Was Ihnen im Wettkampfwinter nicht oft vergönnt ist.

Lang schlafen ist unmöglich. Wir stehen im Training und bei den Rennen oft schon um sechs Uhr auf, und mit unserer Tochter zu Hause klappt das erst recht nicht, die kommt noch früher und will unterhalten werden. Ich brauche morgens schon eine Weile, bis ich mal funktioniere.

Mehr zum Thema: Neureuther: "Als Profi lebt man oft in seiner eigenen Welt"

Im Februar steht die Ski-WM im schwedischen Are an. Rein von den Medaillen her können Sie WM besser als Olympia: Gold, Silber und dreimal Bronze bei Weltmeisterschaften, null Podiumsplätze bei Olympischen Spielen. Wie wichtig sind Ihnen diese Großwettkämpfe? Treibt Sie das an, oder ist es eher das Racing allgemein?

Ganz klar: die Rennen allgemein. Allein im Januar sind so viele tolle Rennen für uns Slalomfahrer: Zagreb, Adelboden, Wengen, Kitzbühel, Schladming, und dann kommt noch Garmisch – alles geniale Rennen. Klar, Weltmeisterschaft ist Weltmeisterschaft, aber was mich immer wieder motiviert, ist das Racing. Vor Tausenden von Menschen da runterzufahren. Dieses Adrenalin, das du am Start spürst. Nicht zu wissen, ob du funktionierst oder wie du funktionierst. Das ist wirklich das Spezielle, was diesen Sport für mich ausmacht, Großereignis hin oder her. Jedes Rennen hat seine eigene Herausforderung, und jedes Mal aufs Neue ist es ein genialer Moment.

Wahrscheinlich auch deswegen tun Sie sich mit dem Aufhören so schwer. Zuletzt haben Sie von ei - ner schweren Krise im Sommer erzählt, als Sie während der Reha arg ins Zweifeln gerieten, ob das alles noch Sinn macht: Knie ka - putt, der nervige Rücken und eine Frau samt kleiner Tochter daheim. Warum machen Sie doch weiter?

Eine schwere Krise war das nicht. Es gibt andere Krisen, die das Leben bringen kann. Es ist, glaube ich, ganz normal, dass man sich in dieser Situation, mit 34 und nach einer sehr schweren Verletzung, Gedanken macht: Wie geht’s weiter? Macht es noch Sinn? Kann ich mich immer noch überwinden und neu motivieren? Warum ich dennoch weitermache? Es ist der Reiz, die Herausforderung, aus einer Phase, in der alles demotivierend ist und dich runterzieht, wieder herauszukommen und zu sehen, ob du es wieder schaffst, ob du dich wieder selbst aus dem Tief herausziehen kannst. Wenn also alles gegen mich spricht, dann erwache ich wieder zum Leben. Diese Drucksituationen erfahren zu dürfen, ist etwas ganz Spezielles. Andere hassen das, mir taugt so was.

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Haben Sie Angst davor, das irgendwann nicht mehr zu spüren?

Ich hatte diese Momente nach dem Kreuzbandriss: Es war ein Leben ohne den Reiz des Rennsports! Aber die Hoffnung auf eine Rückkehr war eine entscheidende Motivation und ein Beschleuniger für den Heilungsprozess. Ich weiß ja selbst: Irgendwann und in nicht allzu ferner Zukunft ist es auf jeden Fall vorbei. Aber ist das jetzt schon der Zeitpunkt? Ich will es unbedingt schaffen, aber kann ich es noch? Ich habe in den 16 Jahren im Weltcup nur einen Slalom wegen einer Ausrenkung des Schultergelenks ausgelassen, ein Leben ohne Rennen kannte ich also nicht. Und ich wollte unbedingt zurück, denn was auch immer passiert, Rennen zu fahren und mich mit meinen Freunden draußen am Hang zu messen, das werde ich extrem vermissen, keine Frage! Aber dann musst du dir halt neue Herausforderungen suchen. Wenn du älter wirst, verschieben sich die Prioritäten. Dann wird es andere Dinge geben, die mich glücklich machen, das spüre ich schon jetzt.

Wie ziehen Sie sich aus so einem Motivationsloch wieder heraus, mitten im Sommer, wenn der Schnee und der Rausch auf den Skiern noch weit weg sind? Hilft da ein Mentaltrainer?

Den brauche ich nicht. Du musst halt anfangen, wieder kleinere Brötchen zu backen, deine Erwartungshaltung runterschrauben, akzeptieren, dass es ist, wie es ist. Es bringt nichts, wenn ich versuche, die gleichen Gewichte auf die Hanteln zu legen wie die anderen – das macht dich nur kaputt. Man muss, wie immer in speziellen Situationen, versuchen, das Beste daraus zu machen – das ist bei mir so eine Grundeinstellung. Ich war schon oft verletzt und bin nie den Weg gegangen, den die anderen gegangen sind, sondern immer meinen eigenen. Immer den Weg, von dem ich gedacht habe, dass es für mich der richtige ist. Klar, du siehst: Fuck, mein Oberschenkel ist viel zu dünn! Neben dir trainieren die Kollegen Maximalkraft, springen um dich herum, und du stehst da und kannst dein Bein nur mühsam beugen und strecken. Ich denke mir dann immer: „Wie cool wäre das, wenn du es trotzdem wieder schaffst, besser als die anderen zu werden.“ Und das geht! Man muss nur kämpfen und seinen eigenen Weg finden.

Gibt es jemanden, von dem Sie sich etwas sagen lassen? Oder verhindert das der berühmte Werdenfelser Dickschädel?

Ich sammle die Meinungen vieler Menschen ein und entwickle daraus meine eigene, von der ich dann auch völlig überzeugt bin. Das ist entscheidend: Du musst von dem, was du tust, überzeugt sein. Es bringt nichts, wenn du ständig unsicher bist und heute dies und morgen das probierst, nur weil jemand mal wieder einen genialen Vorschlag macht. Ich bekomme fast täglich neue medizinische Produkte oder Heilmethoden angeboten, die mich in wenigen Tagen wieder fit machen sollen. Wunder gibt es aber keine! Ich habe sehr gute Lebensbegleiter um mich herum. Der Rieder Max zum Beispiel am Garmischer Olympiastützpunkt kennt mich, seit ich 15 war. Wenn der was sagt, höre ich auf ihn. Er kennt mich in- und auswendig. Mein Servicemann, der Rolli Schneeberger ebenso. Es prasselt schon viel auf einen ein, letztlich musst du aber deinen eigenen Weg gehen und wissen, was für dich richtig ist.

Nach Ihrem Daumenbruch vergangenen November war auf Facebook zu lesen: „Felix, dein Körper will dir was sagen! Hör doch mal hin!“ So etwas will man in einem solchen Moment nicht hören, oder?

Das war wirklich Pech: Ich bin in Schräglage mit dem Daumen an einem Loch in der Piste hängen geblieben. Der ersehnte Auftaktslalom in Levi musste ausfallen, und während die anderen das Rennen fuhren, lag ich auf dem OP-Tisch und bekam zwei Schrauben in die Knochen. Es hat mich aber nicht völlig zerlegt, und ich möchte wieder wissen, ob es nicht doch noch mal geht. Ich will selbst entscheiden, ob ich etwas noch kann oder nicht. Und einen Versuch ist es immer wert. Ich muss den Daumen so am Skistock fixieren, dass ich trotzdem schnell fahren kann. Ich suche nach Wegen, und einer wird schon funktionieren. Ich gehe ja nicht unbedarft ans Werk, kenne meinen Körper gut, weiß auch, bis wohin ich gehen darf, und diese Grenze überschreite ich nicht.

DSV-Alpindirektor Wolfgang Maier hat erzählt, wie groß im Sommer Ihr Trainingsrückstand nach dem Kreuzbandriss war. Aber kaum dass Sie wieder Schnee unter den Füßen hatten, seien Sie leistungsmäßig geradezu explodiert. Was ist das mit Ihnen und dem Schnee? Was passiert da mit Ihnen?

Skifahren war einfach immer mein Leben und meine große Leidenschaft. Ich habe alle Facetten erlebt. Wenn ich auf Schnee bin, legt sich bei mir im Kopf ein Hebel um. Das ist wie ein Instinkt. Ich bin ja kein antrainierter Skifahrer, sondern ein Instinkt-Skifahrer . . .

. . . sozusagen der Straßenkicker unter den Skifahrern.

Einer, der nur von Leidenschaft und Instinkt lebt. Für den Fisch ist das Wasser eine natürliche Umgebung, und für mich ist es der Schnee.

Von dem es ja immer weniger gibt. Sie bekommen die Folgen des Klimawandels seit Jahren aus nächster Nähe mit. So viele Steine und Geröll wie dieses Jahr waren beim Weltcup-Auftakt auf dem Söldener Gletscher noch nie zu sehen. Immer öfter muss auf mit Salz präparierten Pisten trainiert werden. Wie geht es angesichts dieser Entwicklungen weiter mit dem alpinen Rennlauf?

Laut Donald Trump und Peter Schröcksnadel (Präsident des Österreichischen Skiverbands, d. Red.) gibt’s ja keinen Klimawandel. In Wirklichkeit sieht man ihn nirgendwo besser und dramatischer als an den Gletschern der Alpen. Die Entwicklung können wir nur aufhalten, wenn sich die globale Politik endlich einigt. Wir Skifahrer verbrauchen auch viel Energie und nehmen uns etwas von der Natur. Da bin auch ich gefordert, meinen Teil zum Beispiel beim CO2-Ausstoß beizuatragen. Ich baue gerade ein Haus und versuche, das so klimaeffizient wie möglich zu gestalten. Ich fahre gern und ohne schlechtes Gewissen Ski. Den Skisport wird es immer geben. Mitte November war ich im Stubaital: Da waren Menschenmassen! Der Parkplatz gerammelt voll! Irre! Skisport übt eine unglaubliche Faszination auf Menschen aus, der Tourismus ist der wesentliche Wirtschaftsfaktor der Alpen, aus diesem Grund brauchen wir den Skilauf, aber wir müssen ihn eben so umweltfreundlich wie möglich gestalten und der Natur ausreichend Ruheplätze erhalten.

Ihren ersten von bislang 13 Weltcup-Siegen haben Sie erst mit 26 eingefahren. Lange galten Sie als ewiges Talent, das zu ungestüm zu Werke ging und deswegen oft nicht ins Ziel kam. Hätten Sie mit dem Wissen von heute in Ihrer Karriere etwas anders gemacht?

Schon! Viele Dinge, die ich gemacht habe, waren wichtig für mich, sie waren aber nicht unbedingt leistungsfördernd. Ich hätte mit 20 Jahren durchaus professioneller mit dem Sport umgehen müssen. Aber ich war jung, hatte viel Blödsinn im Kopf und habe dadurch auch Dinge erleben dürfen, die ich nie missen möchte. Und das ist doch absolut menschlich und legitim. Ein nur auf Leistung getrimmtes Leben wünsche ich keinem Kind. Ich durfte da Sachen erleben, über die ich heute noch lachen kann.

. . . und die Sie nicht erzählen können?

Korrekt. Damals bin halt auch mal mit Bode Miller bis vier in der Früh ausgegangen – am Abend vor dem Rennen. Heute sagst du dir: Wie bescheuert war das denn? Aber als junger Hupfer musste ich da natürlich unbedingt dabei sein. Insgesamt würde ich aus heutiger Sicht natürlich einiges anders machen. Ich bin doch oft ausgeschieden, war vom Kopf her einfach nicht stabil genug. Es war eben ein Lernprozess. Die Niederlagen haben mich nicht umgehauen, sondern sie waren Lehrmeister und werden mir auch nach dem Rennsport im Leben immer präsent bleiben und helfen, Probleme zu lösen. Solange man den richtigen Schalter findet, ihn umlegt und dadurch weiß, wie es geht, ist alles gut. Schlimmer wär’s, wenn ich ihn mit 34 immer noch nicht gefunden hätte.

Sie sind noch nicht der Senior im Weltcup: Aksel Svindal ist 36, Han - nes Reichelt 38, Julien Lizeroux gar 39. Dennoch bauen Sie schon vor für die Zeit danach: Seit Jahren treiben Sie Ihr Brainfitness-Projekt „Beweg dich schlau“ voran. Seit Anfang Januar sind Sie an ABS, einem Hersteller von Lawinenairbags, beteiligt, und das zweite Kinderbuch „Ixi und die coolen Huskys“ ist auch schon auf dem Markt. Andere Kollegen schreiben sich lieber zum Fernstudium ein.

Ich bewundere zum Beispiel den Fritz Dopfer (Silbermedaillengewinner im Slalom bei der WM 2015; Anm. d. Red.) dafür, dass er seinen Master gemacht hat. Aber ich bin nicht der Typ, der die Schulbank drückt. Das verfolgt mich von früher. Ich lerne aus dem Leben und versuche, darin meine Wege zu finden. Ich bin keiner, der in der Uni sitzt und sich berieseln lässt. Das habe ich damals in der Schule schon fürchterlich gefunden, und das wäre jetzt nicht anders. Die Erfahrungen, die du machst, und das Wissen, das ich aus extremen Situationen mitnehmen durfte, sind das Entscheidende und Wichtige. Ich habe schon viele Erfahrungen gemacht und sage immer: learning by doing. Ich lasse mir ungern einen Weg vorgeben, ich muss meinen eigenen Weg finden. Deswegen passt ein Studium nicht zu mir. Die Zukunft bereitet mir keine Sorgen.

"Ich bin für ein Menschenleben verantwortlich! Das macht mich nachdenklicher"

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Seit anderthalb Jahren sind Sie auch Familienvater. Dass sich dann das Leben komplett ändert, hat sich herumgesprochen. Haben Sie sich auch als Mensch verändert, oder sind Sie immer noch der gleiche?

Nein, nein, das hat mich schon verändert. Vom Kopf her nicht so, aber wenn ich mir zum Beispiel jetzt einen Film anschaue, bin ich viel emotionaler dabei, gerade wenn es um Kinder geht. Ich brauche einen Film mit Happy End, „Ice Age“ oder „Shrek“: Dann ist alles in Ordnung. Horror und Thriller? Bin ich raus. Mir sind Schicksale schon immer sehr nahegegangen, aber jetzt ist das noch extremer geworden. Auch wenn ich von Kinderschicksalen höre: Das war früher alles viel weiter weg. Ich bin einfach erwachsener geworden, muss für meine Familie funktionieren, habe Verantwortung für ein kleines Kind – und das ist eine Riesenverantwortung! Der muss ich gerecht werden. Ich bin für ein Menschenleben verantwortlich! Das macht mich wesentlich nachdenklicher, und die Sinnfragen verändern sich.

Berufsbedingt sind Sie ja oft auch nicht zu Hause. Das macht es nicht gerade einfacher, oder?

Bislang ging es eigentlich. Die längste Zeit weg von daheim war bis jetzt Finnland: knapp zwei Wochen. FaceTime hat da geholfen. Aber kein Smartphone kann den Augenblick ersetzen, wenn ich vom Training nach Hause komme, und die Kleine läuft mit offenen Armen auf mich zu. In der Früh liegt sie bei uns im Bett, brabbelt rum. Das Wegfahren fällt dann schon verdammt schwer, wenn sie dasteht, winkt und „Iati“, also „Pfiati“, sagt. Da schaust du sie an und denkst: „Willst du jetzt tatsächlich wegfahren?“ Das reißt mir jedes Mal fast das Herz raus.

Ihr Konkurrent Marcel Hirscher ist unlängst Vater eines Sohnes geworden, ebenso Ihr Kumpel Bastian Schweinsteiger . . .

Für die Zukunft des Skirennsports ist also gesorgt. Ich finde es ja wunderschön, dass da jetzt im Weltcup ein paar Jungs ebenfalls Väter sind. Es ist so lustig, weil sich die Gespräche völlig verändern. Der Sport ist da so dermaßen weit weg! Es geht nicht mehr um den schnelleren Schwung, sondern darum, wer die Windeln schneller wechseln kann.

Fehlt nur noch ein Neureuther. Familienplanung schon abgeschlossen?

Schauen wir mal. Die Miri (seine Ehefrau Miriam ist erfolgreiche Biathletin und Skilangläuferin; d. Red.) hat immer noch Langlauf im Kopf, will aber auch keine Mama sein, die viel vom Kind weg ist. Langlauftraining ist halt doch sehr zeitintensiv. Mal sehen, was noch passiert.

Autor: Thomas Becker
Ski-Hasen
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