Planet der Spieler: Auf Mission bei einem Live-Action-Rollenspiel
Mein Schrei verhallt im Dickicht dieses fremden Planeten, 14 Lichtjahre von der Erde entfernt. Festgezurrt an einen andersweltlichen Baum, stehe ich da – verraten von meinen Freunden. Mehr noch: Sie waren es, die mich nach meinem Gewaltausbruch an diesen Stamm gefesselt haben, um mich ruhigzustellen.
Den Erkundungstrip wollten sie ohne mich und meine Aussetzer fortsetzen. Jetzt aber krümmen sie sich vor mir auf dem Moos, jagen sich Spritzen in die Venen. Nur so kann man die giftigen Ausdünstungen überleben, die uns plötzlich umgeben. Jeder rettet sich selbst – nur ich bin gefesselt. Mein Herz ballert. Und nun?
Plötzlich taucht Doc Lumen vor mir auf. Hechelnd, schwitzend, knallrot im Gesicht, krallt er sich meinen grünen Raumanzug, tastet hektisch meine Taschen ab. So viele Taschen, so viele Reißverschlüsse – wo zur Hölle ist meine rettende Spritze? Endlich findet er sie und rammt sie mir in den Arm. Gerettet in letzter Sekunde. Er löst meine Fesseln. Wir müssen zurück zur Basis. Sofort!
Willkommen auf Gliese 628A, einem fiktionalen Planeten, auf dem alles gespielt ist – sich aber verdammt echt anfühlt. Willkommen beim ersten Höhepunkt meines Aktivurlaubs in einer Welt, die nicht existiert und doch real erscheint. Willkommen beim ersten LARP meines Lebens: einem „Live Action Role Play“.
Lange schon habe ich mich gefragt, wie es wäre, an einem LARP teilzunehmen. An einem perfekt designten Rollenspiel, in dem man für ein paar Tage das Leben einer Fantasiefigur führt. Würde es mir Spaß machen, so lange jemand anders zu sein? Würde ich es schaffen, unter 150 Fremden durchgehend in meiner Rolle zu bleiben? Und würde mich das Spiel so packen, dass ich mich selbst vergesse?
Nun streife ich durch einen Wald nahe Krakau, um es herauszufinden.
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