Schmuck-Unternehmer Thomas Sabo mit seiner Frau Rita Sabo
Mi., 05.06.2024
Interviews

„Man muss dranbleiben“

Vor 40 Jahren gründete Thomas Sabo in seiner fränkischen Heimat eine Schmuckhandlung – und machte das Unternehmen in vier Jahrzehnten zu einer Weltmarke. Ein offenes Gespräch über die beste Zeit seines Lebens, schlechte Regierungspolitik und warum es so schwer ist loszulassen 

In München soll in Kürze das neueste Kapitel der Thomas-Sabo-Erfolgsgeschichte geschrieben werden: Dann eröffnet der fränkische Schmuck-Pionier mit österreichischen Wurzeln in der bayerischen Metropole einen weiteren Store. Allerdings unter einem anderen Namen. Zusammen mit seiner Frau Rita und seinem Sohn Santiago (aus erster Ehe) will der 63-Jährige mit seiner Jewelry- und Piercing-Brand Saboteur an den Erfolg der Muttermarke anschließen, die seit 40 Jahren seinen Namen trägt. Sein Lebenswerk, die Thomas-Sabo-Gruppe, gehört heute mit Läden in mehr als 70 Ländern, rund 1200 Mitarbeitern und 200 Millionen Euro Jahresumsatz zu den weltweit führenden Schmuck- und Uhren-Unternehmen. 

Herr Sabo, Sie feiern gerade Ihr 40. Firmenjubiläum. Lassen Sie uns mal ins Geburtsjahr der Marke Thomas Sabo zurückschauen, ins Jahr 1984: Richard von Weizsäcker wird zum Bundespräsidenten gewählt, Deutschland ist noch immer ein geteiltes Land, in der DDR ist Erich Honecker an der Macht. Und in den USA wird Ronald Reagan wieder zum Präsidenten gewählt. RTL geht erstmals auf Sendung, Apple führt den Macintosh ein. Und Sie grün­den mit 22 Jahren Ihr eigenes Unternehmen. 

Ja, die Welt hat uns dann ja offenbar auch gebraucht (lacht).  

Vierzig Jahre später ist Thomas Sabo ein Weltunternehmen … 

Ich hatte das damals natürlich nicht geplant, dass wir mal so international agieren werden. Wenn man dann auf eine solch lange Zeit zurückblicken kann, dann ist das schon bewegend.   

Wie hat sich das Unternehmen in den letzten vier Jahrzehnten gewandelt? Und: Wie hat sich die Person Thomas Sabo verändert?

Die Person Thomas Sabo hat sich stetig verändert. Ich glaube schon, dass ich durch viele Phasen gegangen bin. Die ersten zehn Jahre waren ein wirkliches Abenteuer. Wir waren damals sicher noch viel spontaner, noch viel mehr hands-on. Und ja, das war für mich persönlich die schönste Zeit, das muss ich mal ganz klar sagen.   

Was haben Sie damals anders gemacht?

Man hat damals sicherlich viel aus dem Bauch heraus entschieden. Es ging einfach darum, etwas zu erfinden, zu designen und auf den Markt zu bringen. Heute gibt es eine aufwendige Market-Research, und alles wird durch den Computer gejagt.   

Thomas Sabo im Playboy-Interview: „Ich bin ein sehr detailverliebter Mensch“

Welchen Ratschlag würde der Thomas Sabo von heute seinem 40 Jahre jüngeren Alter Ego geben? 

Ich kann nur wiederholen, was ich auch schon bei unserem letzten Gespräch (Playboy-Ausgabe 01/2018, d. Red.) gesagt habe: Disziplin ist das Wichtigste. Und man sollte nicht nur auf seine eigene Meinung vertrauen, sondern den Leuten um einen herum zuhören. Man sollte aber auch nicht unbedingt loslassen. Wenn man ein solches Unternehmen hat, muss man dranbleiben. Das ist meine ganz persönliche Erfahrung. 

War es vor 40 Jahren leichter, ein Unternehmen zu gründen, als heute?

Diese Frage ist schwierig zu beantworten. Die Konkurrenz ist heute sicher größer. Die Gegenwart ist aber auch aufgrund der geopolitischen Realität deutlich herausfordernder geworden.   

Was macht die Marke Thomas Sabo unverwechselbar?

Wir haben von Anfang an nach einer eigenen DNA gesucht. Ich habe immer drauf geschaut, dass der Schmuck eine gewisse Sprachform hat. Wir haben den Fokus von Anfang an auf die Qualität gelegt. Und das zeichnet uns bis heute aus.     

Armband aus der „Rebel at Heart“-Kollektion von Thomas Sabo
Für ewige Rebellen: Thomas-Sabo-Armbänder aus der aktuellen „Rebel at Heart"-Kollektion
Credit: Thomas Sabo

Auch die Markenkommunikation hat sich in den letzten 40 Jahren fundamental geändert. Ist Social Media für Sie Segen oder Fluch?

Da fragen Sie genau den Richtigen (lacht). Die neuen Medien sind Segen und Fluch zugleich, ganz sicher. Und nein, ich persönlich bin kein Fan davon.   

Nutzen Sie denn selbst Social Media persönlich? Instagram zum Beispiel?

(Lacht) Nächste Frage, Herr Boitin.   

Auf Ihrer Website steht: „Der emotionale Wert eines Schmuckstücks bemisst sich nach den Erinnerungen, die es festhält.“ An welches Schmuckstück haben Sie persönlich die schönsten Erinnerungen?

Die schönsten Erinnerungen habe ich natürlich an meinen Ehering, mit dem ich auch gerade rumspiele. Das ist für mich der schönste Schmuck. Aber dann gibt es bei uns natürlich unzähli­ge Sachen, bei denen mir die Wahl ehrlicherweise sehr, sehr schwerfällt.   

Welche Trends erwarten Sie für 2024 im Männerschmuck? Wird der Totenkopf niemals aus der Mode kommen?

(Lacht) Haha, die Totenkopf-Frage, die wird mir wahrscheinlich auch beim 50., 60. gestellt.   

Das ist wohl wie bei den Rolling Stones … 

Ja, der Totenkopf wird immer wieder aufleben.   

Harry Styles ist aktuell der größte männliche Popstar. Der britische Sänger bricht zumindest optisch mit der traditionellen Männerrolle. Hat sich grundsätzlich das Männerbild gewandelt durch Figuren wie ihn? 

Ja, ich denke schon. Das sieht man heute deutlich bei den Männern. Natürlich mehr in den Metropolen. Da sieht man, dass sich Männer auch mit weiblichem Schmuck stylen. Mit Perlenketten. Das ist sicher aktuell ein großer Trend.   

Thomas Sabo im Playboy-Interview: „Wir machen Schmuck für Menschen"

Sie sprechen auch bei Männern sehr unterschiedliche Zielgruppen an. Der Mann in Lauf in Franken unterscheidet sich natürlich vom Hipster auf Ibiza …

Auf jeden Fall, ja klar. Aber das ist genau unser Grundkonzept, immer schon. Wir machen Schmuck für Menschen. Und ich habe ehrlicherweise immer noch Riesenspaß daran, Schmuck in allen Bereichen mitzuentwerfen und mitzudesignen. Ich habe immer noch Lust, einen Charm zu machen oder einen Ohrring für die Frau. 

Sie haben vor zweieinhalb Jahren gemeinsam mit Ihrem Sohn Santi­ago und Ihrer Frau Rita die Marke Saboteur gegründet. Wie glücklich sind Sie darüber, dass Thomas Sabo damit jetzt auch ein echtes Familienprojekt ist?

Wie glücklich ich darüber bin (lacht)? Das Projekt Saboteur, also eine neue Marke zu gründen, war verschiedenen Überlegungen geschuldet. Zum einen wollten wir damit ganz klar unsere Kompetenz, die wir zweifellos haben, in eine wirklich hochwertige Marke einbringen. Uns war dabei wichtig, dass diese Marke immer auch in unseren eigenen Vertriebskanälen bleibt. Die Initialzündung kam von meinem Sohn Santi, kurz darauf ist dann auch Rita zu dem Projekt dazugestoßen. Und es hat sich schnell gezeigt, dass jeder seinen Bereich hat. Santi macht das Piercing, und ich unterstütze ihn bei den Elemental-Stücken. Und Rita macht die Sacra-Kollektion. Das sind natürlich drei etwas verschiedene Welten mit drei unterschiedlichen Charakteren, die man dann manchmal auch moderieren muss.   

Thomas Sabo und Frau Rita Sabo führen mit Sohn Santiago die Brand Saboteur
Family Business: Mit Ehefrau Rita und Sohn Santiago führt Thomas Sabo die Jewelry- und Piercing-Brand Saboteur
Credit: Thomas Sabo

Sie sagen „moderieren“. In welcher Rolle sehen Sie sich da bei dem Unternehmen Saboteur?

Ich kann in erster Linie meine Erfahrung einbringen. Im Grunde ist das das Ding von Santi, das hat er wirklich par excellence gemacht. Und natürlich wollen wir stetig wachsen. Wir haben ja bereits den Laden in der Wiener Spiegelgasse. Und planen jetzt, auch einen in München aufzumachen.   

Und dann gibt es ja noch die Sacra-Kollektion Ihrer Frau … 

Rita Sabo: Genau. Sacra ist von der sakralen Geometrie inspiriert. Sakrale, auch hermetische Geometrie genannt, ist ja die Lehre vom Aufbau der Welt. Und sakrale Geometrie gibt es überall. Es gibt sie beim Menschen, in Pflanzen, im Universum, auf unserem Planeten Erde, überall. Und hier sprechen wir vom sogenannten Goldenen Schnitt …  

Einem Begriff aus der Architektur und der Kunst … 

Genau. Ein Begriff, der in der klassischen Musik, in der Kunst, in der Architektur, in der Physik, in der Chemie seinen Platz hat. Und das war eigentlich der Grundbaustein für Sacra.

Okay, die Rollenverteilung bei Ihnen dreien habe ich verstanden. Aber wer hat schlussendlich das letzte Wort?

Wir versuchen, uns schlussendlich immer zu einigen. Das letzte Wort habe ich heute sicher nicht mehr. Auch im Unternehmen nicht. Wenn es hart auf hart kommt, dann bist du mit deiner Erfahrung natürlich immer noch gefragt. Wir haben aber unseren früheren, sehr erfolgreichen CEO (Bernd Stadlwieser, d. Red.) zurückgeholt. Und deshalb bin ich im operativen Bereich heute nicht mehr so präsent. Wenn es nötig ist, dann bin ich natürlich auf der Matte, das ist klar. Im Moment sehe ich meine Aufgabe aber eher im Produktentwicklungsbereich, dort, wo es auch die Marken-DNA betrifft. Und das mache ich eher im Hintergrund. Ich bin nicht mehr im Tagesgeschäft.   

Fällt Ihnen das leicht, oder ist das ein schmerzhafter Prozess? Immerhin trägt dieses Unternehmen Ihren Namen …

Das ist tatsächlich ein neuer Prozess, den ich, ehrlich gesagt, selbst erst mal verarbeiten muss. Ich war ja immer in allen Details drin. Und ich bin ein sehr detailverliebter Mensch. Und sehe natürlich manche Dinge anders. So greife ich auch heute noch manchmal zum Telefon … (lacht)  

Sind Sie ein impulsiver Mensch?

Oh ja! Und ich weiß, dass das manchmal auch eine Gratwanderung ist. Ich habe gute Freunde, die in einer ähnlichen Situation sind. Dann erzählt mir jeder von denen: „Ja, ich bin jetzt retired und befasse mich jetzt mit ganz anderen Dingen.“ Und im dritten Satz gestehen sie plötzlich: „Ah, ich muss jetzt doch mal schnell im Unternehmen anrufen“ (lacht). Ich glaube, wenn man Vollblutunternehmer ist, und als das würde ich mich mal bezeichnen, kannst du nie wirklich loslassen.   

Thomas Sabos Ehefrau Rita Sabo verantwortet die Sacra-Kollektion der Marke Saboteur
Die Sacra-Kollektion der Marke Saboteur wird von Thomas Sabos Ehefrau Rita, einer international erfolgreichen Künstlerin russischer Abstammung, verantwortet
Credit: Thomas Sabo

Noch mal zu Sacra: Da spielt Spiritualität eine große Rolle. Wie spirituell sind Sie selbst?

Ehrlich gesagt, bin ich gar nicht spirituell. Ich bin eher ein nachdenklicher Mensch. Aber diese ganze spirituelle Welt wird mir jetzt von meiner Frau nähergebracht. Wir werden jetzt bald eine Reise machen, spiritueller geht es fast nicht mehr. Es geht für zwei Wochen nach Bhutan.   

In ein Kloster? 

Ja, aber das Kloster heißt Six Senses (lacht). Natürlich werden wir auch wirkliche Klöster erkunden. Und Rita wird sicher sehr viel meditieren und ihre Spiritualität ausleben.   

Sie sind ja meist schlicht gekleidet, meist in Schwarz. Sie sollen aber eine extravagant große Vielfalt an Schuhen haben. Wissen Sie, wie viele Paare genau?

Wenn ich das auf die vielen Häuser verteilt sehe, dann müssen das einige sein. Wie viele Schuhpaare habe ich? 

Rita Sabo: Schatzi, ich weiß es nicht … 

 

 

Haben Sie denn mehr Schuhe als Ihre Frau?

Das könnte schwierig werden… (lacht)  

Rita Sabo: So viele Schuhe habe ich gar nicht. Thomas mag übrigens besondere Schuhe.   

Was sind das für besondere Schuhe?

Ich lasse mir des Öfteren spezielle Sneakers anfertigen. Vor allem in Los Angeles. Und ja, ich habe wirklich ein Riesensortiment von getragenen und immer noch ungetragenen Stiefeln von meiner amerikanischen Lieblingsmarke Stallion.   

Playboy-Chefredakteur Florian Boitin mit Thomas und Rita Sabo
Münchner Geschichten:Kurz vor ihrer Reise nach Bhutan stand für Thomas und Rita Sabo ein wichtiger Messebesuch in München an. Die beiden hatten aber noch Zeit für ein gemein­sames Frühstück mit Playboy- Chef Florian Boitin (l.) im „Louis Hotel“
Credit: PR

Sie leben inzwischen mit der Familie in Wien und auf Ibiza. Haben Sie einen persönlichen Sehnsuchtsort?

Ja, das ist inzwischen Ibiza.   

Was schätzen Sie an der Insel?

Es ist ein Ort, wo ich wirklich sehr, sehr gut runterkomme.  

Stimmt es, dass Ihre Frau Sie dazu gedrängt hat, Ihren langjährigen Zufluchtsort Mallorca aufzugeben und nach Ibiza zu ziehen?

Richtig.   

Thomas Sabo über die aktuellen politischen Entwicklungen in Deutschland: „Ich bin wirklich entsetzt"

Sie selbst waren immer eine europäische Familie. Wie erleben Sie die aktuellen politischen Entwicklungen? 

In Deutschland? Ich bin wirklich entsetzt. Ich muss wirklich sagen, dass ich eine solche Inkompetenz, gepaart mit dieser unglaublichen Arroganz, unerträglich finde. Und von den Politikern, die die Karre hier so in den Sand gesetzt haben, erwarte ich eigentlich, dass sie dann zumindest die Eier haben zurückzutreten.   

Wirtschaftsminister Robert Habeck hält die deutsche Wirtschaft für nicht mehr wettbewerbsfähig. Sehen Sie das als Unternehmer ebenso? 

Ich sage es mal so: Der Herr Habeck ist nicht fähig.   

Nicht wettbewerbsfähig zu sein heißt ja im Klartext, dass man den Laden dann eigentlich zusperren sollte. Haben Sie Angst um Deutschland?

Ich glaube schon, dass wir in extremen Schwierigkeiten stecken. Man sieht ja, wie viele Insolvenzen wir mittlerweile in diesem Land haben, wie viele sehr anerkannte Firmen zumachen. Es ist in Deutschland nicht mehr fünf vor zwölf, es ist fünf nach zwölf. 

Das hört sich alles sehr desillusioniert an. Haben Sie denn persönliche Ambitionen, politisch aktiv zu werden? 

Nein. Ich bin einfach ein besorgter und verantwortungsbewusster Unternehmer. Aber ich nehme es mir he­raus, meine Meinung zu äußern. Und ich finde, dass noch einige Leute mehr Klartext sprechen müssten.   

Thomas Sabo im Playboy-Interview: „Ich wünsche mir Frieden und eine wirtschaftliche Wende“

Sehen Sie dennoch positiv in die Zukunft? Was wünschen Sie sich persönlich?

Ich freue mich darauf, mit meiner Familie zu sein, meine Tochter aufwachsen zu sehen. Die Entwicklung meiner Söhne weiterzuverfolgen, auch die im Unternehmen, für das ich ja immer noch die Verantwortung trage. Und darum bin ich der Meinung, es sollte bald ein Wandel stattfinden.   

Sie wünschen sich Veränderung? 

Ja, ich wünsche mir Frieden und eine wirtschaftliche Wende. 


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Titelbild: Thomas Sabo