Die Longevity-Kolumne (Teil 4): Warum wir im Januar so müde sind - und wie man klug damit umgeht
Der Januar ist bei mir jedes Jahr gleich. Die Feiertage sind vorbei, der Kalender wieder voller Termine, und trotzdem fühlt sich alles seltsam zäh an. Abends sitze ich auf dem Sofa, checke noch Mails, lese irgendetwas, scrolle Dinge, die ich mir am nächsten Tag nicht mehr merken kann. Eigentlich bin ich müde. So müde, dass ich es kaum noch schaffe, aufzustehen und ins Bett zu gehen. Trägheit ist das richtige Wort. Eine sehr beharrliche Form von Trägheit.
Irgendwann ruft meine Frau aus dem Schlafzimmer: „Komm endlich, ich bin hundemüde.“ Ich antworte nicht sofort, weil ich gerade noch auf mein Handy starre. Als würde dort gleich etwas extrem Wichtiges passieren. Tut es natürlich nicht. Zehn Minuten später gehe ich dann doch ins Bett. Zu spät, wie so oft. Am nächsten Morgen brauche ich deutlich mehr Überzeugungsarbeit, um wieder aufzustehen. Ich nenne das inzwischen mein Januar-Ich.
Früher habe ich dieses Verhalten auf mangelnde Disziplin geschoben. Heute weiß ich: Das ist Biologie. Der Januar ist für unseren Körper ein Sonderfall. Wenig Licht, niedriger Sonnenstand, kurze Tage. Licht ist für unseren Körper keine Nebensache, sondern ein Steuersignal. Es sagt dem Gehirn, wann Tag ist und wie viel Aktivität gerade sinnvoll wäre. Fehlt dieses Signal, fährt das System runter. Energiesparmodus. Leider ohne Anzeige.
Gesteuert wird das System über Hormone. Bei Lichtmangel wird mehr Melatonin ausgeschüttet. Das ist nicht nur das Schlafhormon, es macht uns auch langsamer. Gleichzeitig sinkt der Serotoninspiegel. Das erklärt, warum die Stimmung im Januar oft etwas flacher ist und warum Entscheidungen sich plötzlich anstrengend anfühlen.
Und dann kommt der Hunger ins Spiel: Der Körper interpretiert Dunkelheit evolutionsbiologisch als Energiemangel. Ergebnis: mehr Appetit, bevorzugt auf Zucker, Fett und Alkohol. Der Kühlschrank bekommt eine neue emotionale Bedeutung. Das ist kein Charakterfehler. Das ist ein sehr altes Programm.
Was wirkt: Morgens ans Licht, mittags kurz raus, abends früher ins Bett
Spannend ist, dass Bewegung und Licht auf dieses System ähnlich wirken. Ein kurzer Spaziergang am Vormittag sendet ein deutliches Signal an die innere Uhr. Selbst bei grauem Himmel ist das Licht draußen um ein Vielfaches intensiver als alles, was wir in Innenräumen anschalten können. Das erklärt auch, warum man sich nach zehn Minuten draußen oft wacher fühlt als nach zwei Tassen Kaffee.
Abends passiert dann das Gegenteil. Bildschirme halten uns wach, ohne uns leistungsfähig zu machen. Man sitzt da, müde, aber nicht schlafbereit. Genau dieser Zustand, den ich gut vom Sofa kenne. Der Körper will runterfahren, das Gehirn bekommt aber widersprüchliche Signale. Also bleibt man sitzen. Und wundert sich später.
Seit ich das verstanden habe, gehe ich im Januar etwas freundlicher mit mir um. Ich erwarte weniger Spitzenleistung und sorge eher für klare Abläufe. Morgens Licht, bevor der Tag kompliziert wird. Mittags kurz raus, auch wenn es kalt ist. Abends früher eine Entscheidung treffen. Nicht heldenhaft, aber wirksam.
Genau das sorgt für gesunde Langlebigkeit: Den Körper nicht permanent überstimmen
Der Januar ist kein Monat für Höchstform. Er ist ein Monat für Justierung. Wer das akzeptiert, spart Energie und überlässt weniger Entscheidungen dem Kühlschrank.
Und manchmal reicht schon dieser Gedanke: Wenn man abends zu müde ist, um ins Bett zu gehen, liegt das nicht an fehlender Disziplin. Sondern daran, dass der Körper längst Feierabend gemacht hat. Man sollte ihm gelegentlich glauben.
Denn genau das sorgt für gesunde Langlebigkeit: Den Körper nicht permanent überstimmen, sondern lernen, seine Signale richtig einzuordnen. Gerade dann, wenn sie uns unbequem erscheinen.
Dr. Gerd Wirtz ist promovierter Neurophysiologe, Experte für Präventivmedizin und Keynote-Speaker. In seiner Playboy-Kolumne schreibt er alle zwei Wochen über Longevity und Männergesundheit. Mit seinen Kollegen Prof. Dr. Ingo Froböse und Peter Großmann betreibt er zudem den Podcast "Männer-TÜV".