„Guter Stil hat nichts mit dem Alter zu tun“

Schwarz-weißes Studio-Porträt eines glatzköpfigen Mannes, der auf einem Stuhl sitzt, die Beine überschlägt und die Hände locker auf dem Knie verschränkt. Er trägt einen dunklen Rollkragenpullover, helle Hose und eine Armbanduhr, blickt ruhig in die Kamera vor schlichtem, hellem Hintergrund.
Stilsicher: Thorsten Stiebing leitet seit 2013 die Modemarke Joop!, die zur Schweizer Holy Fashion Group (Strellson AG) gehört. Der 60-Jährige war zuvor für Karl Lagerfeld, Baldessarini und Porsche Design tätig
Credit: PR
Schwarz-weißes Studio-Porträt eines glatzköpfigen Mannes, der auf einem Stuhl sitzt, die Beine überschlägt und die Hände locker auf dem Knie verschränkt. Er trägt einen dunklen Rollkragenpullover, helle Hose und eine Armbanduhr, blickt ruhig in die Kamera vor schlichtem, hellem Hintergrund.
Stilsicher: Thorsten Stiebing leitet seit 2013 die Modemarke Joop!, die zur Schweizer Holy Fashion Group (Strellson AG) gehört. Der 60-Jährige war zuvor für Karl Lagerfeld, Baldessarini und Porsche Design tätig
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Joop!-Chef Thorsten Stiebing verrät im Playboy-Interview, welche Fashion-No-Gos man vermeiden sollte, wie viel Wolfgang noch in Joop! steckt, ob man Stil lernen kann und warum jeder Mann im passenden Anzug gut aussieht.

Florian Boitin
Von: Florian Boitin
03.12.25
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Ich möchte mich mit Ihnen über die Stilsicherheit der Männer unterhalten. Wie fällt da Ihr aktuelles Fazit aus? 

Die 20- und 30-Jährigen sind mit Sicherheit stilsicherer und mutiger als die älteren Generationen. Ein Beispiel bei mir aus dem Team: Einer unserer Mitarbeiter, ein junger Praktikant, zieht sich ziemlich weird an, sieht aber dabei immer gut aus. Und das ist etwas, was viele Männer nicht schaffen. Es mag sich insgesamt zwar einiges geändert haben, aber Frauen sind grundsätzlich noch immer viel stilsicherer und machen das intuitiv einfach besser. 

Provokativ gefragt: Hat das Besser-Aussehen nicht auch was mit der grundsätzlichen Erscheinung zu tun? Sprich, wenn man aussieht wie Quasimodo, kann die Mode auch nichts mehr retten? 

Klar, eine Cindy Crawford sieht auch in einem Kartoffelsack gut aus (lacht). Viele Männer glauben ja, dass es bei ihnen vor allem auf den Charakter und die Personality ankommt. Aber ich finde schon, dass auch das Aussehen und der Style eine große Rolle spielen. Gut angezogene Männer sieht man hierzulande vor allem in größeren Städten wie München oder Hamburg. 

Die individuellen Jungs, die alles aus dem Bauch heraus machen, das sind die Besten

Joop!-Chef Thorsten Stiebing

Joop!-Chef Thorsten Stiebing

Schön, aber wenn ich nicht aussehe wie ein italienisches Model, sondern zum Beispiel einen deutlich sichtbaren Bauchansatz habe? 

Es geht trotzdem, gut auszusehen. Man sollte nur gucken, dass einem alles auch gut passt. Das Schlimmste an der Mode ist ja gar nicht, dass ich etwas falsch zusammenstelle, sondern dass man nicht die passenden Größen trägt. In einem passenden Anzug sieht eigentlich jeder Mann gut aus.

Dennoch: Ist guter Stil erlernbar oder einfach eine Frage des Instinkts? 

Ich bin schon der Meinung, dass man Mode lernen kann und auch sollte. Es gibt nur sehr wenige, die sich hier auf ihren Instinkt verlassen können. Die Italiener zum Beispiel sind im Schnitt allesamt besser angezogen als wir Deutschen. Warum ist das so? Denn eigentlich haben die meisten italienischen Männer ja fast immer das Gleiche an. Zur weiten Hose mit Bundfalte tragen sie meist ein T-Shirt oder ein Hemd, das in die Hose gesteckt ist. Aber es sieht immer gut aus. 

Anziehend Perfekt geschnittene Anzüge: Joop!-Outfits aus der aktuellen Herbst-Winter-Kollektion
Credit: PR

Das hat dann aber eher wenig mit Intuition zu tun?

Richtig. In Italien kauft sich jemand eine „Wayfarer“-Sonnenbrille von Ray-Ban, und dann ziehen die alle an. Das hat dann schon ein bisschen was von Dogma. Oder wenn ich mir die Influencer auf Social Media ansehe, dann hat das natürlich Wirkung auf andere. Aber diese richtig guten, individuellen Jungs, die alles aus dem Bauch heraus machen, das sind die Besten. Es ist doch so wie beim Fußball: So ein Lamine Yamal (spanischer Fußballer, d. Red.), der weiß ja vielleicht gar nicht so richtig, welches Spielsystem der Trainer spielen lässt, aber der spielt aus dem Bauch heraus und ist dabei Weltklasse. Und dann hast du auch Leute, die spielen perfekt im System. Mir haben aber immer die individuellen Fußballer gefallen. Auch wenn sie dann langfristig vielleicht nicht so erfolgreich waren.

Flipflops sind ein No-Go

Joop!-Chef Thorsten Stiebing

Joop!-Chef Thorsten Stiebing

Welche Modefehler sollten Männer unbedingt vermeiden?

Flipflops sind ein No-Go und sollten, wenn überhaupt, nur am Strand getragen werden. Schade ist auch, wenn erkennbar viel Mühe investiert wurde, die Zusammenstellung des Outfits jedoch nicht gelungen ist.

Auch wenn aufgrund der Jahreszeit aktuell eher dicke Pullis und Jacken angesagt sind – der nächste Sommer kommt bestimmt. Kurze Hose im Büro, ja? Oder ist das ein absolutes No-Go? 

Ich finde kurze Hosen ganz lustig, und man kann sie auch gut kombinieren, etwa mit einem Retro-Shirt. Aber meiner Meinung nach sollte man kurze Hosen in der Freizeit tragen und nicht im Büro.  

Sie sind als Marken-Chef für Joop! verantwortlich. Was macht Ihre Männermode im Kern aus? 

Ich würde behaupten, dass unsere Kollektionen sehr vielseitig sind und eine gewisse Sexyness ausstrahlen. Aber natürlich setzen wir auch auf eine herausragende Qualität. Die DNA von Joop! vereint Quality und Sexyness.

Sie haben die Siegerin der letzten „Germany’s Next Topmodel“-Staffel, Daniela Djokic, für Ihre kommende „Jeans Women“-Frühlings-/Sommer-Kollektion verpflichtet. Was macht denn Daniela zum perfekten Joop!-Testimonial? 

Dani hatten wir schon letztes Jahr für unsere Fashion-Show in Düsseldorf zur Einführung der Joop!-Jeans-Damenlinie engagiert. Sie sieht toll aus, ist sehr sympathisch, hat eine unheimlich positive Ausstrahlung. Ein Mädchen, das in die Zeit passt. Und, wie ich finde, auch perfekt zu einer deutschen Marke. 

Joops Next Topmodel: Die aktuelle „Germany’s Next Topmodel“-Gewinnerin Daniela Djokic ist – zur großen Freude von Joop!-Chef Thorsten Stiebing – das Gesicht der kommenden Frühjahrs-/Sommer-Kollektion „Jeans Women“
Credit: PR

Die Marke Joop! trägt noch immer den Namen ihres Gründers. Wie viel Wolfgang steckt denn heute noch in Joop!? 

Wolfgang Joop ist mit Karl Lagerfeld und Jil Sander einer von drei großen Deutschen in der internationalen Modegeschichte. Mit Lagerfeld habe ich früher eng zusammengearbeitet. Wolfgang Joop steht sicherlich mit seinem Wirken für Vielfalt, Breite und das Streben, immer etwas Neues erschaffen zu wollen. Und darauf referieren wir mit unseren Kollektionen. Das ist schon Teil unserer DNA. Eine Markenseele zu haben, einen Kern, das ist bei Playboy so oder auch bei Porsche. Das ist die Basis, und von diesem Punkt entwickelt sich eine erfolgreiche Marke weiter. Es steckt in Joop! also noch immer viel Wolfgang drin.

Sie haben in einem Interview mal verraten, dass Sie nicht mehr an Zielgruppen glauben. Wer soll denn die Mode von Joop! kaufen? 

Der Satz ist sehr provokativ und klingt in den Ohren eines Marketingmenschen erst mal vollkommen absurd. Was ich damit sagen will: Die alte Zielgruppendenke existiert nicht mehr. Wenn ich beispielsweise nach Ibiza fahre und sehe dort Mütter mit ihren konservativ gekleideten Töchtern rumlaufen, dann denke ich mir: Ich sehe eher die Mütter in unserer Kollektion als deren Töchter. Guter Stil hat eben einfach nichts mit dem Alter zu tun. Nehmen Sie nur den Charles Schumann (berühmter Münchner Barkeeper und lange Zeit Testimonial für Baldessarini, d. Red.), der ist jetzt über 80 und sieht einfach immer lässig gut aus.

Männermode ist für viele schwer messbar

Joop!-Chef Thorsten Stiebing

Joop!-Chef Thorsten Stiebing

Von welchem Kleidungsstück würden Sie sich niemals trennen? 

Ich mochte immer schon Kaschmirpullover. Und ich pflege auch meine alten und trage sie bis heute, vor allem gerne auf Reisen.  

Es heißt immer, Frauen hätten dreimal so viele Schuhe im Schrank wie Männer. Bei mir ist das übrigens nicht so …

Ja, das ist lustig. Aber Fakt ist, Männer lieben Schuhe. Und das ist ganz einfach zu erklären. Männermode ist für viele schwierig wahrnehmbar, schwer messbar. Eine Carbon-Bremse dagegen ist technisch verständlich, finden Männer also super. Und das ist genau der Unterschied zwischen Männern und Frauen. Männer müssen Dinge in ihrer Funktionalität begreifen können. Und Schuhe kann man erklären. Bei der Frage, was macht einen gut genähten Schuh aus, geht es viel um handwerkliche Qualität.  

Ich kenne einen Tretboot-Verleiher, um die 60, immer braun gebrannt, Lederhose, ein cooler Typ. Das hat mich immer fasziniert"

Joop!-Chef Thorsten Stiebing

Joop!-Chef Thorsten Stiebing

Die deutsche Wirtschaft taumelt, die Konsumlaune ist hierzulande im Keller. Und die Krise macht auch vor den großen Warenhäusern nicht halt. Wie gut können Sie bei Joop! Krise? 

Wir können sehr gut Krise. In der Zeit der Pandemie haben wir die Umsätze nahezu verdoppelt. Das Jammern ist typisch deutsch. Vielmehr sollten wir stolz sein – stolz darauf, wie wir die Krisen gemeistert haben. Wir haben hierzulande großartige Warenhäuser wie beispielsweise Lodenfrey, Ludwig Beck und Breuninger, die Herausragendes leisten.  

Sie befassen sich beruflich seit über 30 Jahren mit dem Thema Mode. Was würden Sie machen, wenn für Sie morgen Schluss wäre mit der Fashion-Branche?

Ich kenne jemanden, der in Herrsching am Ammersee einen Tretbootverleih führt. Der Mann ist um die 60, immer braun gebrannt, hat eine Lederhose an, ist ein cooler Typ. Das hat mich immer fasziniert. Jeden Tag kommen Leute zu dir, du sprichst mit jemandem, verdienst ein bisschen Geld. Herrlich.

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