Jetzt beginnt die Zeit der Klassentreffen: Sollte man hingehen?
David Goller, Plaboy Senior Editor, findet: Klassentreffen sind das charmante Chaos der Vergangenheit
Meine erste Erinnerung ans Thema: Mein Vater steht im Bad und tönt sich die ergrauten Stellen seiner Haare. Meine Mutter steht mit Tränen in den Augen daneben und krümmt sich vor Lachen. Einige Tage später berichtet mein Vater halb belustigt, halb enttäuscht: „Da waren fast nur alte Weiber!“
Klassentreffen haben das Potenzial, geniale Abende zu werden, können allerdings auch so erfreulich sein wie ein Besuch beim Finanzamt. Aber natürlich gehe ich hin, schließlich gibt es wichtige Dinge zu klären! Wer ist verheiratet? Wer geschieden? Ist Natalie immer noch so süß wie früher? Hat jetzt wirklich mal wer den Satz des Pythagoras gebraucht? Und kann Tobi Meyer mittlerweile das englische „th“ aussprechen, oder nehme ich doch besser ’nen Regenschirm mit?
Zwei Dinge sind entscheidend für ein gelungene Treffen. Erstens: die Erwartungshaltung. Behalten Sie im Hinterkopf, dass Ihre Klassenkameraden – genau wie Sie – nicht mehr 15 sind und der Alterungsprozess nach der Zeugnisübergabe weiterging. Zweitens: die Perspektive. Wenn Sie die Karriereleiter im Sprint erklommen und nebenbei noch ein Top-Model geschwängert und geehelicht haben, fällt es Ihnen vermutlich leichter, auf die Frage „Und was machst du so?“ zu antworten.
Aber spätestens nach dem zweiten Bier sind diese Dinge vollkommen wurscht. Denn das Klassentreffen ist eine Reise in die Vergangenheit. Pausenhof light. Abi-Schnitt? Anwaltskanzlei? Alles scheißegal! Im alten Klassengemenge herrschen sofort wieder die Strukturen und Regeln von damals. Ob Sie mittlerweile graue Haare, Kinder, die zweite Frau oder einen Porsche haben, ist für ein paar Stunden egal. Alle sind 20 Jahre älter – und trotzdem noch die Alten.
Maximilian Reich, Playboy-Autor, findet: Klassentreffen sind eher Frust als Freude
Ich war nur einmal auf einem Klassentreffen: dem 20. Jubiläum meiner Abschlussklasse. In der Schule war ich ziemlich schüchtern. Außerdem hatte ich Pickel. Mein sozialer Status rangierte irgendwo zwischen Pausenaufsicht und Tafeldienst. Heute sind die Pickel weg, und ich habe drei Romane veröffentlicht. Das wollte ich meinen alten Klassenkameraden unter die Nase reiben. Außerdem freute ich mich darauf, Lukas wiederzusehen, meinen damals besten Freund. Und wer weiß, vielleicht würde ich ja eine zweite Chance bei Katharina bekommen, dem einstigen Schulschwarm. Nun ist aber das Problem mit Klassentreffen: Man ist nicht der Einzige, der sich verändert hat. Der Klassenrowdy von damals ist heute Veganer und Familienvater. Katharina wiegt jetzt 20 Kilo mehr, und Lukas hat sich in einen Naturburschen verwandelt, der im Campingwagen schläft und barfuß kam. Ich hingegen trage Schuhe.
Das waren im Grunde alles völlig Fremde. Ich hätte mich genauso gut an jeden anderen Tisch im Biergarten setzen können. Und Small Talk ist echt nicht mein Ding. Alle paar Minuten steht man auf und setzt sich neben jemand anderen, um zu fragen: „Und was machst du jetzt?“ Auf meine Antwort, dass ich drei Bücher geschrieben habe, erntete ich von Katharina einen mitleidigen Blick und die Frage: „Und davon kannst du leben?“ Was ich doch etwas überheblich fand von einer Person, die in einer Tankstelle arbeitet und nebenberuflich Katzen hütet. Wir haben dann festgestellt, dass ein Katzensitter pro Stunde mehr verdient als ein Buchautor, woraufhin ich mein Bier ausgetrunken habe und nach Hause gegangen bin. Ich denke, wenn man keinen Kontakt mehr hat zu alten Klassenkameraden, dann gibt es dafür gute Gründe.