Rechter Kulturkampf: Männer, euer Gejammer nervt!

Lady Gaga in hellblauem Kleid tanzt mit Bad Bunny im weissen Anzug vor Blaskapelle in einem Stadion, mehrere Musiker mit Trompeten, Publikum im Hintergrund.
Sorgten mit ihrer Halbzeitshow beim Superbowl 2026 weltweit für Begeisterung – und in Teilen Amerikas für Empörung: Bad Bunny und Lady Gaga
Credit: Kevin C. Cox/Getty Images
Lady Gaga in hellblauem Kleid tanzt mit Bad Bunny im weissen Anzug vor Blaskapelle in einem Stadion, mehrere Musiker mit Trompeten, Publikum im Hintergrund.
Sorgten mit ihrer Halbzeitshow beim Superbowl 2026 weltweit für Begeisterung – und in Teilen Amerikas für Empörung: Bad Bunny und Lady Gaga
Credit: Kevin C. Cox/Getty Images

Mit aller Gewalt bekämpfen rechte Kräfte alles, was auch nur im Verdacht steht, links, progressiv oder gemeinschaftsstiftend zu sein. Nervtötend, erwartbar – und vor allem ohne jeden kulturellen Anspruch, findet unser Autor. 

David Goller
Von: David Goller
11.02.26
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Der Kulturkampf nervt. Und er hat inzwischen sogar die Halbzeitpause des Super Bowl erobert – diesen heiligen Ort, an dem Amerika sonst für eine viertel Stunde so tut, als wäre es ein einigermaßen entspanntes und cooles Land. Dieses Jahr war der Tiefpunkt erreicht: Bad Bunny lieferte eine Halftime Show, die Vielfalt feiert – und die rechte Gegenbewegung antwortete mit einem „All-American”-Ersatzprogramm rund um Kid Rock. Wenn das die kulturelle Speerspitze der Rechten sein soll, dann gute Nacht

Als ich vor knapp sechs Jahren zum ersten Mal „Bad Bunny” googelte, fühlte ich mich ertappt. Da war offensichtlich ein Künstler an mir vorbeigerauscht, den man kennen sollte: Streaming-Rekorde, Popkultur-Phänomen, Superstar. Und dann auch noch ein Playboy-Novum: 2020 war der Puertoricaner der erste Mann, der (abgesehen von Hugh Hefner) allein auf einem digitalen Playboy-Cover zu sehen war – ohne weibliche Begleitung.

Ich gebe zu: In den vergangenen sechs Jahren bin ich trotzdem kein Bad-Bunny-Fan geworden. Aber beim Super Bowl hat die NFL trotzdem einen Volltreffer gelandet. Zum ersten Mal war eine Halftime Show fast komplett auf Spanisch – und das allein war schon ein Statement in einem Land, das sich gern als Schmelztiegel feiert, aber bei fremden Sprachen plötzlich so tut, als hätte jemand den Stecker der Zivilisation gezogen. Dabei sprechen mehr als 40 Millionen Menschen in den USA Spanisch.

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Bad Bunnys Auftritt war nicht der übliche Bombast aus Pyro und Pathos. Stattdessen: lateinamerikanische Kultur, ein Gemeinschaftsgefühl, überraschend viel Wärme. Flankiert von Stars wie Lady Gaga und Ricky Martin — und am Ende eine Botschaft, die so simpel ist, dass sie nur deshalb provoziert, weil sie stimmt: Bad Bunny ließ Fahnen aus Ländern des gesamten amerikanischen Kontinents aufziehen, zählte die Staaten auf und hielt ein Football hoch, auf dem stand: „Together, we are America.” Dazu der simple Satz: Das Einzige, was stärker ist als Hass, ist Liebe.

Superbowl 2026: Typisch amerikanisch, sollte man meinen

Typisch amerikanisch, sollte man meinen. Nicht für die MAGA-Parallelgesellschaft um Donald Trump. Trump reagierte auf Truth Social wie ein Mann, der in einem Restaurant ausrastet, weil auf der Karte plötzlich auch vegetarische Gerichte stehen: Bad Bunny sei „absolut grauenhaft”, die Show „eine der schlechtesten jemals”, niemand verstehe ein Wort, die Tanznummern seien „widerlich”, „besonders für die kleinen Kinder” – und das Ganze sei ein „Schlag ins Gesicht” des Landes. Das ist nicht einfach nur Kritik. Das ist das ewig rechte Kulturkampf-Rezept: nicht verstehen wollen, beleidigt sein, Abwertung als Haltung verkaufen.

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Kid Rock als Gegenentwurf: Kultur oder Krampf?

Als Gegenentwurf ließ die Trump-nahe Organisation Turning Point USA – inzwischen geführt von Erika Kirk, der Witwe ihres Gründers Charlie Kirk – eine eigene Show produzieren: „All-American”, familienfreundlich, wertebasiert, versteht sich. Im Mittelpunkt: Kid Rock, in Deutschland vielen eher bekannt wegen seiner Kurzzeit-Ehe mit Pamela Anderson und dem Song „All Summer Long”.

Ehrlich? Kid Rock? Das ist der große kulturelle Gegenentwurf? In der alten Volksweisheit von Johann Gottfried Seume heißt es: „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder“. Doch das stimmt leider nicht. Sie haben Lieder – und die sind in der Regel sehr, sehr schlecht.

Andrew Tate: „Ich bin zu schlau für Bücher“

Natürlich darf man Kid Rock mögen. Natürlich muss niemand Bad Bunny feiern. Aber diese Ersatzshow war vor allem eins: ein Symbol. Nicht für Tradition, nicht für Werte, sondern für den Trotz derer, die Vielfalt als Angriff auf ihre Identität missverstehen. Hauptsache, es passt in die Agenda. Spalten statt verbinden. Wir gegen die. Rechter Kulturkampf ist nichts als politscher Aktionismus und gekränkte Männlichkeit plus Anti-Bildung — und das wird gerade als Identität verkauft.

Und damit sind wir bei einem zweiten Gesicht dieses Kampfs, das gerade wieder durch Social Media geistert: Andrew Tate. Da macht erneut ein Clip die Runde, in dem Tate erklärt, warum er nicht liest — und warum Bücher angeblich Zeitverschwendung seien. Sinngemäß: Sein Gehirn sei „zu fortgeschritten” für so etwas, er brauche Action, Chaos, Supersportwagen, Champagner und den ganzen restlichen Macho-Zirkus, der in seiner Welt offenbar als Persönlichkeit durchgeht. Lesen sei was für „langsame Köpfe”.

Junge Männer in der Krise: Wo sind die Vorbilder?

Man könnte Tränen vergießen über diese infantile Lächerlichkeit, wenn es nicht so viele junge Männer gäbe, die diesen Quatsch für eine Art Lebensschule halten.

Über genau dieses Problem haben wir in der aktuellen Ausgabe auch mit dem Grünen-Politiker Felix Banaszak gesprochen. Es gab vieles zu diskutieren, aber bei einem Punkt waren wir schnell beieinander: Jungen Männern fehlen Orientierung – und vor allem vernünftige Vorbilder.

„Rechtsautoritäre machen gezielt jungen Männern ein Angebot, das auf den ersten Blick attraktiv klingt: ‘Hier kannst du Mann sein, hier kannst du sein, wie du bist, dann kriegst du auch eine Freundin.’ Dahinter steckt am Ende ein Frauenbild, das auf Unterwerfung beruht – und im Zweifel in Gewalt endet. (…) Welches Identitätsangebot können wir dagegensetzen?”, fragte Banaszak.

Im Interview spricht der Politiker über moderne Männlichkeit, Söders Bratwurst-Politik und wie er seiner Partei neue Lässigkeit verpassen will

Erschreckend waren die Reaktionen auf Social Media auf unser Interview, das wir mit der Headline „Sei kein Arschloch!” versehen hatten. Ein Meer an grünen Kotz-Smileys – vermutlich aus jener Tate-Ecke, in der Lesen als „Zeitverschwendung” gilt. Andere schworen, nie wieder einen Playboy zu kaufen, weil wir „grüner Politik eine Plattform” böten.

Dass in den vergangenen Jahren Politikerinnen und Politiker von Linkspartei, CDU und AfD im Playboy zu Wort kamen: geschenkt. Nein, das erste Grünen-Interview seit 13 Jahren war plötzlich der Zivilisationsbruch. Streitkultur? Fehlanzeige. Die gleichen Leute, die ständig „Meinungsfreiheit!“ brüllen, kippen aus den Latschen, sobald man eine Meinung abdruckt, die ihnen nicht passt.

Streitkultur statt Stammesdenken: Ohne Diskussion geht auch der Spaß flöten

Und genau da wird’s unerquicklich: Wenn selbst eine Halftime-Show, ein Interview, ein Buch nur noch als Zeichen der Zugehörigkeit gelesen wird, bleibt am Ende nur noch Stammesdenken. Das macht doch keinen Spaß. Eine offene Gesellschaft lebt davon, dass man sich gegenseitig Ideen zumutet — und ja, auch mal was aushält, das nicht für einen selbst gemacht wurde.

Ich habe nach dem Super Bowl nicht plötzlich Bad Bunny auf meine Spotify-Playlist gepackt. Aber ich habe seine Message verstanden.

Und gerade an uns Männer gerichtet: Lest Bücher! Hört euch Meinungen an, die nicht eure sind. Hört Musik, die ihr „eigentlich” nicht euer Ding ist. Nicht, weil man muss — sondern weil es einen größer macht. Das Gehirn wächst an Aufgaben, nicht am Dauerempörtsein oder am Altbekannten.

Und der schöne Nebeneffekt: Wer offen ist, wirkt attraktiver als jemand, der bei jeder fremden Sprache Schnappatmung bekommt. Offenheit ist sexy. Gejammer nicht. Toleranz der bessere Testosteron-Booster im Vergleich zur Dauerwut.

Also Männer: Was genau gibt es zu verlieren?

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